Verlag toii Üustay Fischer in Jena. ii^k«« Di^^^ino+r-iil/fiiKon und ihre funktionelle Bedeutung. Von Prof. Dr. Ueber Plasmastrukturen ju^us Amoid, HeKkiberl Mit 4 iitho graphischen Tafeln. (XVIIl, 471 tS. gr. 8".) 1914. ^ Preis: IG Mark. Inhalt: Ueber die Formbestandteile des Epithels der Froschzunge und ihre Funktionen. — Ueber die Furinbestandteile des Oberflächen- und Drüsenepilhels des Magens und ihre Funktionen. — Ueber die P'ormbestandteile der Oberflächeu- und Drüsenepithelion des Darmes und ihre Funktionen. — Ueber die Formbestand- teile der Leberzellen und ihre Funktionen. — Ueber die Formbestandteile der Nierenzellen und ihre Funktionen. — Ueber die Formbestandteile der Drüsenzellen der Mamma und ihre Funktionen. — Ueber die Forrabestand teile der Haut und Nickhaut des Frosches, sowie ihrer Drüsen und ihre Funktionen. — Ueber die Formbestaudteile der Knorpclzellen und ihre Funktionen. — Ueber die Form- bestandteile der bkelettmuskulatur und ihre Funktionen. — Ueber die Forml>estan(l- teile der Muskulatur des Froschherzens und ihre P\inktionen. — Ueber die Form- bestandteile der Muskulatur des Warmblüterherzens und ihre Funktionen. — Ueber die Formbestandteile der weißen Blutkörper und verwandter Zellarten, sowie über ihre Funktionen. — Ueber die B'ormbestandteile der histogenen Mastzellen und ihre Funktionen. — Rückblicke und Ausblicke. Methoden. — Formbestandteile des Plasmas. — Alimentäre Veränderungen der üranula, Mitosomen und Mito- chondrien. — Biologische Bedeutung der Formbestandteile des Plasmas. Als Ergebnis langjähriger Untersuchungen über Plasmastrukturen wird das morphologische Wesen der Formbestandteile des Plasmas (der Plasmosoinen und Granula, Mitosomen und Mitochondrien, sowie der sogen. Netzapparate) bei ver- schiedenen Zellfurmen gesc.hildert und ihre funktionelle Bedeutung erörtert. Die Beteiligung dieser Formelemente an den Stoffwechselvorgängen unter normalen und pathologischen Verhältnissen erfährt eine eingehende Besprechung. In diesen Bei- trägen zur Morphologie und Biologie der Zellen sind für Anatomen, Phj'siologen und Pathologen wertvolle Beobachtungen niedergelegt. Tafeln zum Vergleiche der Entstehung der Wirbeltierembryonen. Von Dr. Alfred Greil, a. o. Professor der Anatomie in Innsbruck. Mit If) Doppeltafelii. Mit Unterstützung der kaiserl, Akademie der Wissenschaften in Wien (aus dem Legat Wedl). (XX, 379 S. gr. Fol.) 1914. Preis: 70 Mark. Die Abbildungen in diesem Atlas behandeln in einheitlicher, leicht schema- ti-scher Ausführung die Entwicklungsvorgängo, die sich im Blastulastadium, während der Gastrulatium, bei der Begründung der Hegemonie der Dorsalseite, bei der Längenentwicklung, ferner der Ausbreitung, Bonderung und Differenzierung deb paraxial entstandenen Mesoderms und im Ringen des paraxial und prostomal ent- standenen Mesoderms in der Reihe der Wirbeltiere absi^ielen. Die prinzipielle Uebereinstimmung wird in einem harmonisch gestellten Gesamtbild vor Augen ge- führt. Auf Grund großen Vergleichsmaterials und zum Teil eigener Erhebungen wird hier eine einheitliche Auffassung angebahnt. Zoologen und Anatomen wird diese für die Ent\vicklung.sgoschichte überaus wichtige Erscheinung willkommen sein. Einführung in die höhere Mathematik. Für Naturforscher und Aerzte. Von Dr. J.Salpeter. iMit 117 Figuren im Text. (XIII, :i3ü S. gr. 8".) IbU. Preis: 12 Mark, geb. 13 Mark. Inhalt: Erster Teil. Differentialrechnung. I. Begriff des (irenz- wertes einer unendlichen Zahlenfolge. — II. Begriff der I''unktion und der Ab- leitung einer l''unktion. — Hl, Naturwissenscliattliohe Beispiele für Ableitungen von Funktionen. — IV. Aufgabe der Differentialrechnung. — V. Differentiation der rationalen und trigonometrischen Funktionen. — VI. Inverse Funktionen. Differentiation derselben. — VII. Höhere Ableitungen. — VI II. Maxima und IMininia. — IX. Der natürliche Logarithmus und die Exponentialfunktion. — X. Partielle Ableitungen. — XI. Der Mittel wertsatz und seine Anwendungen. — XII. Einfach unendliciie Kurvenscharen. Gewöhnliche Differentialgleichungen erster Ordnung. — XIII. Mathe- matische Behandlung naturwissensciiaftlicher Probleme. — Zweiter Teil. Integralrechnung. I. Die Grundformeln der Integralrechnung. — 11. Hie Technik des Integrierens. — III. Integration mittels Parliaibruchzcriogung. IV. Trennung der Variablen. — V. Vollständige Differentiale. — VI. Gewöhnliche Differentialgleichungen zweiter Ordnung. — VII. Bestimmte Integrale. - VIII. Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik. —Anhang. Taylorsche Reihenentwicklungen. — Stetige und unstetige Funktionen. Zentralblatt für Biochemie und Bioi)hysik, 1913, Bd. 1,'), Nr. 1_713: Diu vorliegende Einführung in die höhere Mathematik für Naturforscher und Aerzte ist nun nicht nur als ein sehr modernes, wohldurchdachtes Werk zu bezeichnen, sondern der Gegenstand ist auch in einer so anziehonden, lebhaften Form dargestellt, dal! das Interesse sofort gefangen genommen und durch all die manchmal gewiß nicht leichten Entwicklungen hindurch wach gehalten wird. Ein wesentlicher Teil dieses Erfolges beruht auf der geschickten, man möchte fast sagen spannenden Gruppierung der zahlreichen, ausführlichen Uebungsauf- gaben, die der chemischen und biochemischen Dynamik, der Thermodinamik >ind der jüngsten Entwicklung der Physik entnommen sind, somit nicht nur zu einer Gewandtheit in der Anwendung der mathematischen Sätze verhelfen, sondern auch sonst dem Biologen nützliche Kenntnisse vermitteln. Bemerkt sei noch, daß dabei auch weitgehende Rücksicht daraufgenommen wird, daß die Leser, für die das Werk bestimmt ist, das meiste, was sie in der Jugend von der Mathematik wußten, ver- gessen haben. A. Kanitz. I 1 Fritz Müller Werke, Briefe und Leben I LH Gesammelt und herausgegeben von Dr. Alfred Möller CO' l-q Erster Band s Gesammelte Schriften o soweit sie bereits früher im Druck erscliienen sind Mit 303 Abbildungen im Text und einem Atlas mit 85 Tafeln Text Abteilung 2: Arbeiten aus den Jahren 1879 — 1899 (Nr. 125-248) mit einem Nachtrage, enthaltend die deutschen Übersetzungen portugiesischer Arbeiten Seite 801—1510 Mit 146 Abbildungen im Text und Tafel 58—85 im Atlas Jena Verlag von Gustav Fischer 1915 Alle Rechte vorbehalten A metamorphose de um insecto diptero (Paltostoma torrentium)^). Primeira parte. Descripgäo do exterior da larva. Mit Tafel LVIII. No ribeiräo do Garcia, tributario do rio Itajahy (provincia de Santa Catharina) e nos seus affluentes, os ribeiröes do Jordäo e do Caete, vive pegado as pedras das mais rapidas correntezas um animal curiosissimo. E' provavel que se encontre tambem em outras localidades analogas da mesma e de outras provincias do Brazil. Täo estranha e a apparencia do referido animal que naturalistas abalisados, a quem eu remettera exemplares seccos, improprios para exame aprofundado e anatomico, näo ousaram pronunciar-se definitivamente nem mesmo sobre a classe em que devia ser collocado. «Myriapode näo e, e entre os insectos näo se conhece cousa alguma, que Ihe seja semelhante», disse-me o distincto autor da Bibliotheca Ento- mologica. Valera pois a pena descrevel-o circumstanciadamente. A' primeira vista, quando o vi andar lentamente nas pedras, em que habita, o animal fez me lembrar de certos Crustaceos Isopodes do genero Idera, que ha mais de trinta annos estudei na costa do mar Baltico. Com effeito, como nas Ideras, o corpo e dividido profundamente em segmentos (fig. 2, 3), que tem todos a mesma largura, sendo os intermedios iguaes entre si, o primeiro e ultimo arre- dondados nos extremos anterior e posterior. Ha comtudo uma differen9a notavel no numero dos segmentos; as Ideras tem nove (cabega, sete segmentos thoracicos e abdomen), o animal dos nossos ribeiröes so tem seis, tendo cada um dos quatro intermedios so metade ou pouco mais do comprimento do primeiro ou oral, como do ultimo ou anal. O comprimento total, que costuma ser de 8 a 9™'" nos animaes adultos, e igual ao triplo, pouco mais ou menos, da largura, näo comprehendendo nesta os espinhos lateraes, de que säo armados os segmentos. O corpo e muito mais convexo do que nos Crustaceos Isopodes, a que alludi, sendo a altura igual ou pouco inferior a metade da largura (fig. 4-7). Entre os segmentos o corpo e muito constringido, sendo geralmente a largura das junctas inferior ä metade da dos segmentos. Dos lados, cada um dos seis segmentos, e i) Arch. do Mus. Nacional do Rio de Janeiro 1879. Vol. IV. p. 47 — 56. 147. Est. IV. 2) Siehe auch die Erklärung im Zoolog. Anzeiger 1881. Bd. IV. S. 505 ^ Ges. Schriften S. 831. Fritz Müllers gesammelte Schriften. 51 Oq2 A fnetaniorphose de um insecto diplero. armado de um fortissimo espinho bifido, do quäl um ramo e horizontal e o outro virado para cima. O comprimento relativo dos dous ramos e extremamente variavel; em certos animaes (fig. 4) o ramo superior e o maior dos dous e neste caso a sua ponta costuma ser curvada para dentro; em outros e muito menor (fig. 5), sendo as vezes reduzido a um tuberculo insignificante (fig. 5), ou des- apparecendo ate completamente. O ramo superior costuma terminar em ponta aguda, o que raras vezes se da com o inferior, cuja ponta e frequentemente munida de um pincel de pellos, entre os quaes se distinguem dous ou tres mais fortes e compridos (fig. 13); näo e raro, m(Srmente em animaes de menoridade, haver outros pellos espalhados nos espinhos lateraes. Os espinhos lateraes dos quatro segmentos intermedios dirigem-se para fora, achando-se os de cada par no mesmo piano perpendicular do eixo longitudinal do animal ; os de segmento oral säo virados obliquamente para diante, e um pouco para traz os do anal. Muito menos constantes do que os lateraes säo os espinhos dorsaes ; dos quaes um par se acha geralmente em cada segmento, podendo com- tudo faltar em um ou mais dos segmentos extremos ou ate completamente. Tambem nas suas dimensöes elles variam consideravelmente, sendo quasi sempre menores os dos segmentos oral e anal. Examinei estes espinhos em 138 animaes maiores e menores; 92 tinham os seis pares completos; em dous faltavam OS do segmento oral ; em 1 4 os dos segmentos oral e anal ; em 3 os dos primeiro, quinto e sexto segmentos; emfim 27 animaes eram destituidos inteiramente de espinhos dorsaes. Nota-se certa correlacäo entre o desenvolvimento dos espinhos dorsaes e o do ramo superior dos lateraes; quanto maiores e mais numerosos aquelles, tanto maior e tambem em regra geral o ramo superior destes. Em todos OS animaes sem espinhos dorsaes tambem faltava ou era rudi- mentario (fig. 5) o ramo superior dos lateraes, o quäl pelo contrario attinge o seu maior desenvolvimento naquelles animaes que se distinguiam pelo tamanho dos espinhos dorsaes. Examinei, em separado, 24 animaes, que mal tinham chegado a metade do seu comprimento definitive e delles so achei 7 munidos dos seis pares de espinhos dorsaes. Assim, dos animaes pela maior parte adultos 67 7o tinham os espinhos completos e so 20 7o eram sem espinhos, emquanto dos animaes menores so 29% tinham os 6 pares e 54 7o careciam ainda inteiramente de espinhos dorsaes. Parece pois em regra geral augmentar com a idade o numero destes espinhos, bem que em certos individuos elles nunca appare^am e e muito provavel que ao nascerem OS animaes tinham espinhos lateraes simples (isto e, sem ramo superior) e caregam de espinhos dorsaes. Ainda näo tive opportunidade para examinal-os em täo tenra idade. Os espinhos dorsaes (fig. 9) säo conicos rectos, variando muito a razäo entre o diametro da base e altura; a sua cor pardo escura ou quasi preta, 6 mais car- regada na ponta, a base rodeada de uma area lisa, mais pallida, amarellada, cingida de contornos grossos escuros, destacando-se assim do resto da superficie dorsal, cuja cor e ou parda mais ou menos escura, ou cinzenta, e as vezes quasi preta, parecendo-me que, em regra geral, se torna mais desmaiada nos animaes mais velhos. O tegumento da superficie dorsal e bastante duro, como coriaceo e mostra ao tacto certa aspereza devida a linhas salientes ou rugas microscopicas A metamorpliose de um insecto diptero. gQ, muito densas e irreguläres, predominando comtudo a direc^äo transversal. Em certos individuos acham-se espalhados na superficie dorsal raros pellinhos trans- parentes muito tenros (fig, 15), de cerca de 0,04""" de comprimento, geralmente mais ou menos dilatados no extremo, assemelhando-se desta sorte as escamas das borboletas. Säo implantados, como costumam ser os pellos dos insectos em porös do tegumento. Ha outros individuos em que os pellos faltam, persistindo näo obstante os porös; ha outros, emfim, e crelo que e a maioria, em que näo ha nem pellos nem porös. E' o que se ve na superficie dorsal de todos os segmentos; resta dizer al- gumas palavras sobre o que cada um delles tem de particular. O segmento oral (fig. 10) tem os seus espinhos lateraes collocados no ter^o posterior, estreitando-se d'ahi para o extremo anterior, de sorte que o bordo anterior tenha apenas metade ou pouco mais da largura da parte de que nascem os espinhos lateraes. Do bordo anterior nascem dous pellos rectos, tenros, hyalinos, e dirigidos para diante. A pequena distancia do mesmo bordo destacam-se, separadas umas das outras, e circumscriptas por suturas ou linhas transparentes algumas äreas, a que chamarei areas cephalicas, e que occupam cerca de dous quintos do comprimento do segmento oral. A sua superficie e polida, carecendo das rugas microscopicas do resto da superficie dorsal, ellas säo cobertas de verrugas mais escuras, ellipticas, muito baixas, as vezes reduzidas a simples malhas, que näo se elevam sobre o nivel das areas; entre as malhas ha numerosos porös muito distinctos; esses porös nunca faltam, mas säo raros os animaes, em que delles se elevam pellinhos curtos (0,016'"'") e muito tenros (fig. 16). As areas säo cinco, a saber: uma central ou impar, duas lateraes, occupando os bordos lateraes do segmento oral e duas intermedias. A area impar e lanceolada, isto e, mais larga no meio (onde a largura iguala a ter^a parte do comprimento) e adelga^ada para os extremes anterior e posterior, sendo a maior largura mais perto do extremo anterior. As areas intermedias säo con- ti guas a central na sua metade posterior, affastando-se della na parte anterior, onde se acham separadas da mesma por angulos agudos reintrantes. Os limites posteriores dessas tres areas formam uma linha continua transversal; os limites lateraes das areas intermedias säo quasi parallelos na sua metade posterior; ellas conservam pois alli a mesma largura, quasi igual a da area central; mais para diante os limites lateraes convergem, terminando as areas um pouco aquem da central. As areas lateraes estendem-se com largura uniforme ao longo dos bordos lateraes do segmento oral, sendo arredondadas no seu extremo posterior. No extremo anterior das areas lateraes costuma haver ao longo do seu bordo interno um espa^o pallido, transparente, sem porös nem malhas. Na sua parte anterior as areas lateraes säo separadas das intermedias so por um intervallo muito estreito ; mas divergindo aquellas, e convergindo estas para traz, esse intervallo vai se alargando cada vez mais. A sutura que limita o lado interno da area inter- media, prolonga-se anteriormente alem da mesma area, curvando-sc para föra e sendo acompanhada de uma linha escura. Essa linha de um lado, e do outro o bordo anterior da area lateral limitam uma listra estreita, pallida, dirigida obli- quamente para fora e para diante, e dilatando-se junto do bordo anterior do seg- 51* Oq^ A metamorphose de um insecto diptero. mento oral em uma pequena area circular, na quäl se acha inserida uma antenna biarticulada. As duas antennas säo pretas, os seus articulos subcylindricos, sendo o primeiro mais curto e grosso ; no extremo do seguiido articulo ha dous ou tres filetes transparentes, que fazem lembrar os filetes olfactorios das antennas dos crustaceos. No animal de que tirei a fig. lo, os angulos reintrantes que separam as areas cephalicas intermedias da central, eram rnuito pallidos ; escolhi este animal por destacarcm-se melhor as areas; cumpre comtudo notar que, em regra geral, aquelles angulos säo täo escuros como as proprias areas. Entre as areas intermedia e lateral existe em todos os animaes que examinei, uma pequena macula escura, estreita, longitudinal. Da mesma sorte nunca faltava outra macula preta, elliptica (achei os eixos longitudinal e transversal de 0,02 e 0,03°^"* em um, e de 0,025 e 0,03™"' em outro animal), situada um pouco atraz da longitudinal. Pela sua forma e cor, estas duas maculas pretas ellipticas podiam passar por olhos; entretanto, o microscopio näo me mostra mais nada que viesse em apoio dessa opiniäo. Emfim ha, mais para traz ainda, e um pouco diante dos espinhos dorsaes uma fileira transversal de pontos ou malhas miudas escuras ; para vel-as bem convem examinar o tegumento depois de despojado dos musculos e mais partes que a eile adherem. Os quatro scgmentos intermedios säo iguaes entre si. Ao longo do bordo anterior elles tem uma fileira transversal, interrom- pida no meio, de malhas miudas escuras, e mais algumas malhas se acham espa- Ihadas um pouco para traz. Quando o animal se contrahe em sentido longitudinal, o bordo anterior de cada segmento e recolhido embaixo do bordo posterior do segmento que o pre- cede, como e regra geral nos insectos. O segmento anal e fortemente comprimido atraz dos espinhos lateraes, o que parece indicar a sua composi(jäo primitiva de dous segmentos. Em um unico animal (fig. 3), entre centenas, que vi, havia uma segunda constric^äo menos forte e entre as duas constric9öes um segundo par de espinhos lateraes muito pequenos, indicio este de um terceiro segmento, que entra na composi^äo do segmento anal. Viremos agora o animal para examinarmos a sua superficie ventral (fig. i). Prendem a nossa atten^äo em primeiro lugar seis anneis pretos, um no meio de cada segmento. O seu diametro em animaes adultos e de cerca de 0,5™"' e a sua largura igual a terga parte do diametro, de maneira que o diametro do circulo pallido interno, que elles rodeiam, e igual tambem a um tergo do diametro da circumferencia externa do annel. Säo ventosas por meio das quaes o animal adhere firmemente as pedras, como as mäos de quem o apanha e que säo ao mesmo tempo os seus unicos orgäos de locomogäo, pois näo ha nem vestigio de pernas. Teremos depois de cxaminal-os mais detidamente. Nos quatro segmentos intermedios o annel preto e rodeado como de uma coroa mui elegante de filetes brancos, havendo geralmente 8 ou 9 de cada lado nos animaes adultos. Faltam no segmento oral e no anal so existem do lado anterior do annel. A superficie ventral e mais pallida que a dorsal, mcSnncnte ao redor dos anncis ate a insergäo dos filetes brancos; na mesma parte ventral dos segmentos o tegumento perde a sua rigidez, consistindo em uma membrana delicada e flexivel; em virtude desta flexibilidade as ventosas podem, ou sahir muito para fora do nivel da superficie ventral (fig. 6) ou recolher-se ao mesmo nivel (fig. 4). A metamorphose de um insecto diptero. 8os A superficie ventral e mais lisa que a dorsal, excepto, porem, um logar aspero ao pe de cada espinho lateral (fig. 13); as asperezas consistem em arcos salientcs finamcnte denteados (o que näo se ve na figura por näo ser sufficicnte- mente augmentada), tendo a convexidade para fora. Junto deste logar aspero comega uma fileira de escamas rijas do feitio d'um leque, a quäl d'ahi sc estende ao longo do bordo lateral dos segmentos. Estas escamas (fig. 14) variam ao in- finite em dimensöcs, formas e cöres. Em certos casos ellas representam um leque, cuja largura e quasi igual ao comprimento, e cujo bordo terminal e guarnecido de numerosos dentes agudos (lo a 12), dos quaes os dous extremos costumam ser OS maiores ; estes leques bem desenvolvidos e largos säo geralmentc tambem muito escuros; em outros basos as escamas säo mais estrcitas, com os dentes terminaes desbotados e as vezes perfeitamente descorados c transparentes. Deslocando-se um pouco as ventosas, ve-se que dos lados de cada uma dellas existe um pequeno ponto preto que, na posi^äo normal das ventosas, se esconde debaixo da costa dellas; e o orificio de uma glandula (fig. 6; fig. 11, gl). Passemos ao que mostram de particular os diversos segmentos. A parte anterior do segmento oral e occupada pela bocca e os orgäos que servem para reconhecer e ingerir as substancias, de que se nutre o animal; des- crevel-os-hei quando tratar do canal intestinal. A ventosa, cujo centro se acha um pouco adiante da linha transversal, que une as bases dos espinhos lateraes, e fre- quentemente, porem näo sempre, um pouco menor do que as dos outros segmentos. Em um unico animal, infelizmente mal conservado, vi no segmento oral uma segunda ventosa situada mais para traz, cujo diametro era igual a dous tergos do da primeira. De cada lado da ventosa, onde nos outros segmentos se vem os filetes brancos, ha no segmento oral tres pellos fortes; mais para fora costuma haver outros pellos geralmente menores, cujas dimensöes, posigäo e numero variam muito, emquanto aquelles tres pares säo muito constantes e nunca faltam. As escamas do bordo lateral estendem-se muito pouco alem dos espinhos lateraes, faltando na metade anterior do segmento oral. No bordo posterior ha duas grossas protuberancias tuberculadas, apenas separadas por um estreito intervallo, O segundo segmento distingue-se pelo seu bordo anterior privado de um processo triangulär, que existe em todos os segmentos posteriores. O bordo posterior tem duas protuberancias muito menores e mais afastadas uma da outra do que as do segmento oral. Os segmentos terceiro ate quinto säo quasi iguaes ; so as protuberancias do bordo posterior costumam tornar-se cada vez menores e mais distantes, de modo que no segmento quinto se acham muito perto do bordo lateral. No meio do bordo anterior destes tres segmentos, como tambem no anal, ha um processo triangulär, que entra no segmento precedente, por cujo bordo posterior a sua ponta se acha coberta. Na base do processo triangulär ha dous pequenos tuberculos, que, como os dos lados, servem de pontos de inser9äo a musculos. No segmento anal as escamas em forma de leque estendem-se ao longo dos bordos lateraes ate o bordo posterior; o limite deste bordo que alias esta formando com os lateraes uma curva continua, e marcado de um e outro lado por um par de pellos transparentes, nascendo do mesmo ponto e dirigidos obliquamente para traz e para dentro; no mesmo bordo ha outros dous pellos gQ^ A metamorphose de um insecto diptero. semelliantes e um numero variavel de pellos menores. Junto do bordo posterior ä ventosa abre-se o orificio anal, formando uma ellipse transversal. Desse orificio emergem quatro bolsos membranosos, transparentes, de forma oval, sendo dous maiores dirigidos lateralmente, e dous menores virados para traz. Entre o bordo anterior do orificio anal (fig, 8, a) e o posterior da ventosa (fig. 8, v) pelo quäl frequentemente se acha coberta, ha uma lamina (fig. 8) fendida pro- fundamente ou ate separada completamente em duas metades trianguläres, sendo o bordo intcrno de cada triangulo armado de dentes em numero variavel. Em certos individuos essa lamina anal e substituida por dous pequenos tuberculos arredondados aprcsentando somente dous ou tres dentes, ou ate sem dentes. Näo sei se seja isto indicio de differenga sexual. A lamina anal e movel, podendo as pontas dos triangulos ser viradas para diante, o que mais frequentemente se ob- serva, ou para traz. A area central mais pallida e molle, que rodeia a ventosa e OS bolsos annaes e mais distinctamente circumscripta no segmento anal do que em qualquer outro. Resta examinar a estructura das ventosas e das suas coroas de filetes bran- cos, que por serem as singularidades as mais notaveis do animal, merecem um estudo especial. Examinando-se as ventosas, quando se acham elevadas acima do nivel da supcrficie ventral (fig. 6, fig. ii), ve-se, que o seu esqueleto preto de chitina consiste de duas partes completamente separadas, das quaes chamarei a inferior e maior de disco, a superior e menor de annel. O disco circular, ora piano, ora mais ou mcnos concavo, tem no centro um furo circular (e o mesmo dos circulos da fig. 12), ao redor do quäl se distinguem varias zonas concentricas de estructura differente. Em primeiro logar, o furo central e cingido de uma zona membranosa e transparente, cujo diametro e igual ou pouco superior ao do annel, o quäl se pode ver atravez desta mesma zona pellucida (fig, 12); na parte central a mem- branosa parece homogenea; em alguma distancia do furo central apparecem linhas radiaes finissimas, tanto mais distinctas quanto mais se aproximam a circumferencia. Segue em segundo logar uma zona escura, que na parte central mostra distinctamente a sua composi(;äo de fibras radiaes; a parte peripherica e quasi homogenea, descobrindo-se so algumas linhas radiaes transparentes e finissimas. Na circumferencia desta zona ha tres pares de porös circulares ; os do par anterior säo menos distantes um do outro do que os do par posterior; os do segundo par estäo quasi no meio entre os anteriores e os posteriores. Medi em tres animaes, com a possivel exactidäo, as cordas tiradas entre estes porös e calculei as suas distancias angulares, o que deu o seguinte resultado: Designando-se por A, A os pares anteriores, por B, B os intermedios, por C C os posteriores, tinham: no i** animal no 2^ animal no 3" animal no 4° animal o arco AA .... 670,5 .... 72« .... 75° 710,5 o arco AB— BC . . . 45« 48° .... 45" 46" o arco CC ii2°,5 .... 96" .... 105^ .... 1040,5 A metamorphose de um insecto diptero. göy De cada p(Sro nasce um pello, cujo comprimento e quasi igual a largura desta segunda zona. Vem em terceiro logar uma zona estreita, escura tambem, que das mais se distingue por seus elementos constituintes näo serem dispostos radialmente. Em animaes menores, ella se mostra composta de pedacinhos polygonaes ; em animaes adultos despedaga-se, sendo comprimida entre laminas de vidro, em fragmentos maiores irreguläres. A quarta zona forma uma coröa elegantissima de raios soltos de cerca de 0,05""" de comprimento. Esta coröa de raios soltos e interrompida por um intervallo estreito no extremo anterior do diametro longitudinal. Ha emfim ao redor do disco uma lindissima orla membranosa, guarnecida de franjas, a quäl tambem mostra uma incisäo correspondcnte ao intervallo da coröa de raios. O annel preto circular, que pode ou descer ao nivel do disco ou afastar-se delle (como nas figuras 6 e 11) dilata-se um pouco na sua parte superior, sendo, em animaes adultos, o seu diametro inferior de cerca de 0.2™™, o superior de 0,25"™ e a altura de cerca o,o6'""\ O annel e tapado por uma membrana convexa, na quäl distinctamente se vem as impressöes dos musculos, que nella se inserem (fig. 11 e 12). Para se fixar a ventosa, o disco provavelmente sera applicado a pedra com o annel descido ao mesmo nivel, sendo em seguida elevado o annel, que desta Sorte fara as vezes de um embolo; neste caso os pellos nascendo dos porös do disco, provavelmente servem de orgäos de tacto. Os filetes brancos geralmente se acham, como ja disse, em numero de 8 ou 9 de cada lado da ventosa, nos seg- mentos segundo atc quinto, e de 6 no segmento anal. Isso nos animaes adultos; nos mais novos o numero e menor, como os filetes anteriores e posteriores de cada grupo säo sempre muito mais compridos do que os do meio, e de presumir que aquelles sejam os mais velhos e estes desenvolvidos em ultimo logar. Em cada f ilete entra (fig. 1 1 ) uma trachea ou canal aerif ero, que se divide e subdivide em um sem numero de raminhos subtilissimos, E' ao ar contido nessas tracheas que os filetes devem a cor branca, EUes säo pois guelras ou branchias aeriferas. Eis os factos. Vejamos as conclusöes que se podem deduzir delles acerca da posi<;äo systematica do animal. A existencia de branchias aeriferas pöe fora de qualquer duvida o ser eile a larva de algum insecto. Ora, sendo apode, e excluido das ordens dos Orthopteros, Neuropteros, Trichopteros, Lepidoptcros e Hemipteros, cujas larvas possuem todas os trcs pares de pernas thoracicas. Ncm täo pouco podera entrar na ordem dos Hymenopteros, cujas larvas, quando apodes, carecem ao mesmo tempo do orificio anal ; alem disso, näo ha larva de Hymenoptero vivendo n'agua e dotada de branchias. Entre os Coleopteros ha larvas aquaticas, cujo abdomen e guarnccido de um e outro lado da face ventral de bellissimas branchias aeriferas (na familia das Parnideas); porem essas larvas näo säo apodes; ha outras larvas de Coleopteros privadas de pernas, mas estas todas vivem fora da agua. Restam pois unicamente os Dipteros ; nesta ordem todas as larvas säo apodes, muitas säo aquaticas e entre estas näo escasseiam as dotadas de branchias aeriferas. Assim, ja pelo exame do extcrior, fica summamente provavel o ser o animal a larva de algum Diptero. Q~Q A metamorphose de um insecto diptero. As ventosas e a disposigäo das guelras ao longo de quasi toda a face ventral, säo factos inteiramente novos entre as larvas dos Dipteros. Muito mais cxtra- ordinario ainda e, para uma larva de insecto, o numero dos segmentos. Por mais profundamente modificadas que sejam as larvas dos differentes insectos, por mais que ellas se tenham afastado da sua forma primitiva. todas ellas conservam bem distinctos os seus 14 ou ao menos 13 segmentos (cabega, 3 segmentos thoracicos e IG ou 9 abdominaes). Näo ha larva em que o numero dos segmentos bem separados fosse menor, do que no insecto perfeito em que ella se vai transformar. Uma larva de insecto com seis segmentos somente e um verdadeiro paradoxo; falta mais da metade para completar o numero normal. Surge pois ahi o problema de determinar a que segmentos do insecto per- feito corrcspondam os seis da larva e de quantos segmentos primitivamente distinctos se componham os seus segmentos oral e anal. Para resolvel-o, ha dous caminhos: cstudar a anatomia e seguir a metamorphose da larva. Irei pois expor na segunda parte do presente trabalho a estructura anatomica da larva, dedicando a terceira as suas transformagöes ulteriores. Explicac^äo das figuras da estampa LVIII. Fig. 1 . — Larva adulta, face ventral, augmentada 1 5 vezes. Fig. 2. — Outra larva adulta, face dorsal, augm. 8 vezes. Fig. 3. — Contornos de uma larva menor, tendo dous pares de espinhos lateraes no segmento anal; face dorsal, augm. 15 vezes. Ve-se o canal intestinal estendendo-se por todos os segmentos. Fig. 4-7. — Sec^öes transversaes de differentes larvas, augm. 15 vezes. Fig. 8. — Lamina anal situada entre os bordos posterior da ventosa (v) e anterior do orificio annal [a), augm. 90 vezes. Fig. 9. — Espinho dorsal, augm. 45 vezes. Fig. 10. — Segmento oral de larva adulta, face dorsal, augm. 45 vezes. Fig. II. — Ventosa de larva adulta, vista do lado posterior; augm. 90 vezes. *6/- bran- chia aerifera. g/ canaes excretorios de glandulas. il/pontos de inser9äo dos musculos la- teraes da ventosa. m musculos do annel da ventosa. Fig. 12. — Ventosa de larva menor, face ventral, augm. 90 vezes. Ve-se atravez da zona transparente do disco o annel preto situado em outro piano. Fig. 13. — Escamas que guarnecem o bordo lateral dos segmentos, sendo A, B, C de tres differentes animaes, augm. 180 vezes, Fig. 14. — Escamas da superficie dorsal dos segmentos, augm. 180 vezes. Fig. 15. — Pellos das äreas cephalicas, augm. 180 vezes. A metamorphose de um insecto diptero (Paltostoma torrentium)^). Secunda parte. Anatomia da larva. Mit Tafel LIX. Encetei o exame anatomico da larva, que descrevi na primeira parte do presente trabalho, com o fim principal de determinar a que segmentos de outras larvas de insectos correspondam os seis segmentos de que ella se compöe, esperando ao mesmo tempo achar um ou outro facto, que indicasse inequivocamente a ordern e familia de insectos, em que devia ser collocado animal täo extraordinario. Deixei de indagar a estructura dos orgäos de circulagäo (vaso dorsal), e os primeiros vestigios, que de certo ja existem, dos orgäos sexuaes; teria sido uma tarefa bas- tante difficil, e superior talvez a minha pouca habilidade, näo promettendo alias resultados aproveitaveis para o fim que almejava. § I. Canal intestinal e partes annexas. A bocca e os orgäos annexos occupam a parte anterior da face ventral do primeiro segmento. Esta regiäo boccal e limitada posteriormente por um sulco transversal (fig. 9, st.), percorrido por numerosas linhas finissimas transversaes (fig. I, St.). De cada lado da mesma regiäo boccal ha uma pe^a chitinosa larga, dura e escura (fig. i, pc.) formando as duas pegas um verdadeiro quadro boccal («cadre buccal») como Milne Edwards o chamava nos crustaceos Decapodes, Anterior- mente essas pegas coincidem com o bordo lateral do segmento oral, do quäl se afastam um pouco para traz. Os seus extremos anterior e posterior säo arredon- dados; dos bordos lateraes e concavo o interno, o externe convexo e guarnecido de pellos fortes, curtos, curvados. Junto do bordo interno nasce um pello muito mais comprido, recto e semelhante aos tres que se vem de cada lado da primeira ventosa. Das duas pegas chitinosas parte um complicado esqueleto de processos e prolongamentos chitinosos, que atravessam o interior do segmento oral, servindo a articulagäo das partes boccaes e a inser^äo dos seus musculos. As partes boccaes säo em numero de oito, a saber: o labio anterior ou superior, tres pares i) Arch. do Mus. Nacional do Rio de Janeiro 1879. Vol. IV. p. 57—63. 147. Est. V. Q.Q A metamorphose de um insecto diptero. de orgäos lateraes e a lingua. O labio anterior ou superior [l a fig. i, 2. 3) tem uma forma pouco commum nos insectos, bem que frcquente nas larvas de crusta- ceos, de uma carapuQa membranosa; e coberto de curta pennugem, e munido de dous pellos rectos, tenros, hyalines, dirigidos para diantc, e scmelhantes em tudo aos dous que nascem junto do bordo anterior do segmento oral, na face dorsal. Seräo pellos sensitivos? As mandibidas ou primeiro par das partes boccaes lateraes, articulam {fig. 4) em dous proccssos chitinosos, partindo de perto do extreme anterior do quadro boccal. Ellas säo duras, pretas, de largura quasi igual ao comprimento. O seu bordo terminal e dividido mais ou menos profundamente (fig. 4, 5) em tres porgöes separadas por estreitos intervallos menos escuros c um pouco transparentes ; a porgäo anterior ou interior excede äs outras duas em comprimento e termina por um forte dente triangulär; a porgäo intermedia e a mais larga das tres, tendo o seu bordo terminal as vezes canaliculado e o bordo externe armado de numeroses dentinhos agudos. As mandibulas dos insectos, como tambcm dos crustaceos, costumam ser articuladas de modo a poderem afastar-se uma da outra, ou apro- ximar-se, movendo-se para fora ou para dentro; servem para apanhar, segurar, cortar ou mastigar as substancias elementares. Dessa regra geral fazem uma excepQäo muito notavel as mandibulas da nossa larva por näo se moverem lateral- mente, e sim de diante para traz. Quando viradas para diante {md. fig. 2, 3, 5) o seu bordo terminal ultrapassa um pouco o bordo anterior do segmento oral, emquante o mesmo bordo terminal quasi tocara a lingua, quando estiverem viradas para traz {md. fig. i, 4). Por este movimento de diante para traz as mandibulas poderäo raspar a superficie das pedras e introduzir na bocca as algas micrescopicas e outras sub- stancias de que se nutre a larva. As maxillas, ou segunde par das partes boccaes lateraes {mx. fig. i, 2, 3, 6, 7, 8, 9) säo inseridas um pouco para traz e para fora das mandibulas; grossas e como inchadas na sua parte basal, ellas na parte terminal se adelgagam em um ganche virado geralmente para cima ou para fora; junto de bordo convexo desse gancho nasce da face dorsal das maxillas uma crina de pellos bastos e rijos. Na face \entral da base das maxillas apparece uma figura circular, trans- parente, com contornes mais ou menos escuros, e dentro desta figura se destacam dous pequenos circulos com contornes grosses e escuros e um ponto central tam- bem escuro, exhibindo tudo isso ä primeira vista uma semelhanga serprendente com orgäes auditives, com es seus etelithos, dos mollusces c de certes crustaceos. Essa semelhanga, cemtudo, desfaz-se cempletamente a um exame menos superficial ; ve-se que aquelle curiose orgäo consiste em uma bcxiga membranosa quasi hemispherica, rodeada frequentemente de um annel escuro, a quäl se eleva na parte basal da maxilla, e cuja superficie e munida de dous mamillos ou tuberculos salientes (fig. 7, m) cempestos de um annel C3dindrice escuro basal, e de uma calote transparente terminal. Entre esses dous mamillos maiores ha um grupo de quatro ou cinco muito menores. Junto ä base da bexiga hemispherica ainda ha uma fileira curvada de cerca de dez pentes mamillares (fig. j, p) ou antes circulos muito miudos, pretos, elevande-se do centro de cada um delies uma pontinha, preta tambem. A metamorphose de um insecto diptero. gj j Parece-me provavel qiie tanto estes pontos mamillares como aquelles mamillos maiores e menores da bexiga sejam mamillos gustativos. (Comparem-se os mamillos gustativos «papilles gustatives» figurados pelo Dr. Augusto Forel nas maxillas e lingua das formigas na sua interessantissima obra: «Les fourmis de la Suisse».) O terceiro par de partes boccaes säo duas almofadas {alm. fig, i, 2, 3, g), que dos lados da lingua se estendem obliquamente para fora e para diante; quando bem expandidas a sua face externa lisa (visivel na fig. g), e applicada a face ventral do segmento oral; a sua face interna (ou inferior nas almofadas expandidas) e convexa e armada de cerca de uma duzia de fileiras de pontinhas e ganchinhos microscopicos, paralleles ao eixo maior da almofada e dando-lhe a apparencia da lingua de certos molluscos gasteropodes ; ao longo do bordo da almofada, entre as faces externa e interna estende-se uma listra densamente coberta de pellos. Si essas almofadas corresponderem, como e de presumir, ao terceiro par de partes oraes de outros insectos, isto e, as maxillas posteriores, seria notavel o serem ellas perfeitamente separadas; porque em regra geral essas maxillas posteriores säo unidas, nos insectos, em um orgäo impar o que os entomologistas chamam labio inferior. Emfim a ///7^«rt ou hypopharynx {li. fig. i, 2, 3, 13) e uma eminencia conica ou arredondada, no bordo posterior da bocca. No interior da cavidade boccal nota-se, alem de outros pellos menores, uma guedelha ou feixe de pellos tenros e compridos, nascendo junto da base de cada mandibula {p fig. 5). Quanto ä funcgäo das differentes partes, que rodeiam a bocca, tocara aos pellos sensitivos do bordo frontal e do labio superior, como aos mamillos gustativos das maxillas o papel de examinarem as substancias que tenham de servir de alimento. As almofadas applicando-se as pedras, para o que säo excellentemente apro- priadas pelas suas fileiras de pontas e ganchos, formaräo, com as maxillas guarne- cidas de uma crina basta de pellos rijos, uma camara bem fechada, dentro do quäl poderäo jogar as mandibulas raspando o que houver nas pedras e puxando-o para o interior da bocca, sem risco de Ihes ser levado pelo impeto das ondas, que levam as mesmas pedras. Na base da lingua acha-se uma lamina chitinosa (Ic. fig. 11, 13), prolongada para traz em dous filetes (ß. fig. 3, 13) que se estendem ate o limite posterior da regiäo boccal. Essa lamina chitinosa curva-se para cima ate quasi se tocarem os seus bordos lateraes, constituindo assim um annel ou collar quasi com- pleto, so interrompido em cima por um pequeno intervallo, ao redor da entrada do esophago (fig. 13). De um e outro lado desse annel partem laminas chitinosas estreitas e com- pridas, um pouco curvadas, do feitio de alfanges (fig. 11, 12, 13), que se estendem ao longo da parede dorsal do esophago e cujas pontas säo encerradas em um pequeno appendice cego {ac. fig. 11) partindo da mesma parede dorsal do esophago. Desses alfanges ha tres de cada lado (fig. 12) e alem disso dous filetes {f.p. fig. 12) muito mais estreitos, mui tenros, applicados ao longo do seu bordo ventral, do mesmo comprimento dos alfanges, entre os quaes se acham escondidos. O canal intestinal compöe-se de tres partes ou sec^öes distinctas que differem tanto pela sua structura como pelas suas funcgöes, a saber: a parte oral («Mund- darm» dosautores allemäes) ou esopJiago, a parte media («Mitteldarm ->) ou estornago, e a parte terminal (< Enddarm >) ou intestina. Achei sempre vasio o esophago e g j 2 -A. metamorphose de um insecto diptero. SO raras vezes encontrei materias fecaes no intestino, emquanto o estomago esta quasi sempre recheado de substancias alimenticias de um ate outro extremo; aquellas duas secQöes, pois, so servem para a entrada dos alimentos e sahida dos escrementos, que nellas näo se demor^im, e o estomago accumula as funcQöes näo so que Ihe säo proprias como de grandc parte dos intestinos dos animaes verte- brados. No tocantc a estructura, o esophago e intestino mostram uma membrana intima ou cuticula chitinosa, circumdada de fortes musculos, tanto longitudinaes como circulares, formando estes a camada exterior, como e regra geral nos crusta- ceos e insectos. Tanto a membrana intima chitinosa como as duas especies de musculos existem tambem no estomago; porem ahi estes säo muito menos fortes, näo constituindo camadas continuas e sim limitando-se a fitas estreitas separadas por largos intervallos. Mas o que caracterisa principalmente o estomago, e a existencia de uma grossa camada intermedia entre a membrana intima e os mus- culos, composta de grandes cellulas (fig. i8, ig) com conteiido granuloso, opaco, que facilmente se separam umas das outras, e que faltam ao esophago e intestinos. A parede dessas cellulas e consideravelmente engrossada na parte contigua ä cuticula, formando ali um limbo transparente (fig. i8). Varios autores affirmam que o estomago dos insectos se distingue do esophago 6 intestino, pela falta de membrana intima, de que säo estes dotados, ou pelo menos se esta membrana existia, näo e chitinosa. Na nossa larva a membrana intima e a parte mais resistente do estomago e pode ser isolada com a maior facilidade, e resistindo ella a acgäo prolongada da solugäo de potassa caustica fervendo, näo pode haver duvida, de que consista de chitina. Näo seria aquella opiniäo erronea ao menos neste caso especial, devida sim- plesmente a preconceitos theoricos, negando-se a cuticula chitinosa ao estomago, so para derivar este do endoderma, concedendo-a ao esophago e intestino por derivarem do ectoderma, que fornece o esqueleto chitinoso dos insectos? O esophago vae ate pouco alem da primeira ventosa, principiando ainda no segmento oral o estomago, que d'ahi estende-se em linha recta ate ao ultimo seg- mento, acabando acima da ultima ventosa ou pouco antes (fig. 14-15). O limite entre o estomago e o intestino e marcado näo so pela mudan(;a repentina do diametro. o intestino sendo muito mais estreito, pelo desapparecimento da camada cellular e pelos musculos fracos no estomago, fortes no intestino, como tambem pela insergäo dos vasos urinarios (fig. 14-16). O intestino dirige-se pri- meiro para diante, geralmente situado no lado direito da superficie dorsal do esto- mago, sendo, porem, raro encontral-o no lado esquerdo. Esta parte ascendente do intestino tem apenas o comprimento de um unico segmento ; perto da quinta ventosa volta para traz, indo em direitura ao orificio anal, que se acha na face ventral do ultimo segmento ä pouca distancia da ultima ventosa. A forma do orificio anal e variavel, podendo ser elliptica ou a de um trapezio com vertices arredon- dados e com a base menor virada para traz, variando muito as dimensöes relativas das duas bases e da altura do trapezio; a base maior ou anterior costuma ser recta ou ate convexa, quando a lamina anal for bem desenvolvida, curvada para dentro ou concava, quando a dita lamina for substituida por dous pequenos tuber- culos (fig. 10). A melamorphose de um insecto diptero. 3 1 'l Annexe ao canal intestinal acha-se um par (talvcz mais) de glandulas sali- vares e os vasos urinarios ou malpighianos. As glandulas salivares {gs. fig. 13) säo tubos simples cylindricos, situados na altura da primeira ventosa, dobrados de maneira que ambos os seus extremes estejam virados para diante. As cellulas glanduläres cingem um estreito^canal excretorio. Sahidos da glandula os dous canaes excretorios dirigem-se obliquamente para diante, convergindo e encontrando- se na linha mediana um pouco adiante do limite posterior da regiäo boccal, em- baixo do ganglio nervoso infraesophageano ; ahi elles reunem-se em um unico canal impar, o quäl segue para diante na linha mediana, abrindo-se provavelmente na base da lingua. Vi uma pequena glandula perto da base da mandibula que provavelmente tambem e salivar, e tambem vi junto da margem frontal do segmento oral nume- rosas cellulas transparentes muito grandes, semelhantes as que constituem a glan- dula salivar superior das abelhas, situada no mesmo logar ^). No limite entre o estomago e o intestino, nasce de um e outro lado um estreito vaso urinario (fig. 16, vii), que acompanhando o estomago se dirige para diante. No penultimo segmento um desses vasos se divide em dois e o outro em tres. Parece que e mais frequente haver tres vasos urinarios no lado direito e dous no esquerdo (fig. 14, 16, 17); mas da-se tambem em certos individuos o caso contrario (fig. 15). Um dos vasos de cada lado (fig. 17, I) acompanha o estomago ate o seu extremo anterior; entra pois no primeiro segmento, donde volta outra vez para traz ate o lado ou alem da ultima ventosa. O segundo vaso de cada lado (fig. 17, II) vai geralmente so ate a quarta ventosa ou pouco alem, donde volta para traz, e o terceiro (fig. 17, III), que so de um lado existe, costuma voltar para traz logo depois de ter entrado no quarto segmento. Todos elles termimam aos lados da ultima ventosa, ou um pouco alem, ou aquem. Os vasos urinarios säo mais ou menos tortuosus (geralmente muito mais do que os do animal da fig. 17) e por isso nem sempre e facil acompanhal-os em todas as suas voltas. Quasi sem cor da insergäo ate a sua divisäo em dous ou tres ramos, os vasos urinarios tomam depois uma cor pardacenta ou arruivada, a principio desmaiada, mas tornando-se depois tanto mais carregada e escura quanto mais se afastam da insergäo; ao mesmo tempo augmonta tambem, ainda que muito pouco, o diametro dos vasos. As cellulas glanduläres dos vasos urinarios säo täo grandes que uma so occupa toda a largura do vaso (fig. 20). E' muito raro existirem os vasos urinarios dos insectos em numero de cinco; segundo Siebold -) este numero so teria sido observado nos grupos dos Culicinos c dos Tipulinos noctuiformes (ou Psychoiinos) , ambos pertencentes as Tipularias ou Dipteros Nemoceros. O facto de haver, na nossa larva, cinco vasos urinarios, vem pois näo so confirmar o resultado dcduzido do exame do exterior, de ser ella a larva de algum Diptero, como tambem indicar a sec^äo dessa ordcm de insectos, a quo provavelmente deve ser referida, a saber, as Tipularias. Nas larvas dos insectos o Ösophago costuma percorrer todo o thorax, prin- cipiando so no abdomen o estomago; pelo contrario os vasos urinarios costumam limitar as suas voltas ao abdomen, sem entrarem no thorax. i) Leydig, Lehrbuch der Histologie, 1857, p. 349, fig. 186, B. 2) Siebold, Lehrbuch der vergleichenden Anatomie der wirbellosen Thiere, 1848, p. 626. gj^ A metamorphose de um insecto diptero. Si essa regra valer tambem para a nossa larva, o primeiro dos seus seis segmentos comprehenderia näo so a cabcQa e todo o thorax, como tambem parte do abdomen. Explica^ao das figuras da estampa LIX. Fig. I. — Regiao bocal da larva, com as mandibulas viradas para traz (45:1). Fig. 2. — A mesma de outra larva, com as mandibulas viradas para diante (45:1). Fig. 3. — Bocca e partes boccaes, as mandibulas \oltadas para diante (go:i). N'estas tres figuras significa: a antenna; alm almofadas, constituindo o terceiro par das partes boccaes ; fi filetes chitinosos partindo da lingua ; la labio anterior ou superior, do feitio de uma carapuga, munido de dous pellos sensitivos ; // lingua ou hypopharyx ; md mandibula ; mx maxilla (na fig. 3 nao se ve o gancho terminal da maxilla por achar-se virado para cima); pc pe^as chitinosas, limitando lateralmente a regiao boccal ; j/ sulco transversal limitando posteriormente a mesma regiao; v primeira ventosa; vc varas chiti- nosas, que do limite posterior da regiao boccal se estendem aos lados da primeira ventosa. Fig. 4. — Mandibula esquerda, virada para traz, com os processos chitinosos, nos quaes articula (90:1). Fig. 5. — Mandibula direita, virada para diante (90:1), p pellos que nascem junto da base da mandibula ; / tendao de um de seus musculos. Fig. 6. — Maxilla esquerda, comprimida entre laminas de vidro, face dorsal (90: i). Fig. 7. — A mesma, face ventral (90:1), m maxillas gustativas na superficie de uma bexiga membranosa; p pontos mamillares, cercando parte da base da mesma bexiga. Fig. 8. — Maxilla direita nao comprimida, face ventral (90:1). Fig. 9. — Vista lateral das partes boccaes, as mandibulas viradas para baixo (90:1). A significacao das lettras e a mesma das figs. 1-3. Fig. IG. — Orificio anal (a) de um animal, cuja lamina anal e substituida por dous pequenos tuberculos (/). F bordo da ultima ventosa (45:1). Fig. II. — Entrada do esophago da larva da fig. 9, vista do lado esquerdo (90:1), es — esophago. ac — appendice cego do mesmo. alf. — alfanges chitinosos encerrados no mesmo appendice e procedentes de uma lamina chitinosa {la) situada na base da lingua. Fig. 12. — Os alfanges do lado esquerdo de outra larva maior, separadas para mostrar os dous filetes em forma de pente fino (/ p) escondidas entre os alfanges em sua posi9ao natural (90: i). Fig. 13. — Os alfanges e artes visinhas vistas do lado dorsal (90:1). //" — ponta da lingua. Ic — lamina chitinosa da lingua, que curvando-se para cima forma uma especie de collar ao redor da entrada do esophago. fi — filetes procedentes da mesma lamina e estendendo-se na parede ventral do esophago ate o limite da regiao boccal. alf — alfanges, procedentes da parte superior do collar. gs — glandulas salivares. Fig. 14. — Parte posterior do canal intestinal, vista pelo lado direito (15: i): e esto- mago. i intestino. tu vaso urinario. ba bolsa anal. No segmento antepenultimo acha-se removida a camada cellular do estomago. Fig. 15. — Parte posterior do canal intestinal, vista de cima (25:1). vu extremos cegos dos vasos urinarios. Fig. 16. — Insercäo dos vasos urinarios vista de cima (25 : 1). e estomago. / intestino. vu vasos urinarios. Fig. 17. — Larva de 5"'"' de comprimento, mostrando a disposic^ao dos vasos urinarios (25:1)-. Fig. 1 8. — Cellulas do estomago, vistas em sec(;'äo transversal do mesmo estomago (901). pi parede interna das cellulas, contigua a membrana intima do estomago. Fig. 19. — Cellulas do estomago, vistas da superficie externa (90:1). Fig. 20. — Parte de um vaso urinario (45 : i ). I) V. Siebold, Lehrbuch der vergleichenden Anatomie der wirbellosen Xhiere, 1848, p. 626. A metamorphose de um insecto diptero (Paltostoma torrentium)^). Terceira parte. Anatomia da larva. Mit Tafel LX. § 2. Vasos aeriferos. Com excepQäo de certas larvas e chrysalidas oii aquaticas oii parasitas, o apparelho respiratorio de todos os insectos consiste em um systema de tracheas ou vasos aeriferos, que communicam com o ar ambiente por meio de uma serie duplice de Stigmas ou spiraculos dispostos symetricamente por pares occupando os lados do corpo. De cada spiraculo parte um tronco inicial ou primario («trachee d'origine »), cujos ramos ( )dividindo-se e subdividindo-se em raminhos innumeraveis, penetram todos os orgäos, trazendo-lhes o ar vivificador. So cm casos rarissimos essas arvoresinhas aeriferas ficam independentes umas das outras; em regra geral ellas communicam entre si por anastomoses («trachees de communication») tanto longitudinaes («trachees connectives> de Milne Edwards) como transversaes («trachees commissurales» de Minie Edwards), Em diversas larvas parasitas, como sejam as de Anomalon e de Microgaster; e em muitas larvas e chrysalidas aquaticas os vasos aeriferos näo communicam directamente com o ar, sendo fechados de todos os lados; neste caso o ar contido nos ditos vasos näo pode ser renovado directamente, e so atravez das paredes d'aquelles vasos que se ramificarem, seja na superficie do corpo, seja em branchias aeriferas, o acido carbonico resultante do processo da respira^äo podera ser substituido pelo oxygeneo dissolvido no fluide ambiente. Desde que se principiou a applicar as ideas de Darwin aos insectos, surgio necessariamente esta questäo: quäl dessas duas formas do apparelho respiratorio devia ser considerada como primitiva, e como della podia ser derivada a outra. Um dos juizes mais competentes em questöes morphologicas e phylogeneticas, Carl Gegenbaur, pronunciou-se em favor das tracheas fechadas^). Segundo eile os vasos aeriferos teriam tido primitivamente uma func9äo puramente hydrostatica ; distribuindo-se os seus ramos na superficie do corpo ou i) Arch. do Mus. Nacional do Rio de Janeiro 1879. Vol. IV. p. 65 — 74. 149. Est. VI. 2) Carl Gegenbaur, Grundzüge der vergleichenden Anatomie, 1870, p. 440. Oj^ A metamorphose de um insecto diptero. nas branchias teriam passado a ser\irem tambem a respiragäo; emergindo final- mente os insectos da agua para viverem no ar, teriam cahido as branchias e pela ruptura dos seus vasos aeriferos teriam resultado orificios ou spiraculos, ficando desta Sorte abertas as tracheas primitivamente fechadas. Paul Mayer, e outros^) declararam-se contra esta hypothese de Gegenbaur, a quäl comtudo so ha pouco foi victoriosa e definitivamente refutada por Palmen ^). Este observador circum- specto e consciencioso mostrou que em todas as larvas aquaticas ja existem pre- formados, bem que ainda fechados, os spiraculos dos futuros insectos, e que elles nada tem com as branchias aeriferas; mostrou que tambem ja iexistem desde a mais tenra edade, bem que reduzidos a cordinhas impervias os troncos iniciaes dos vasos aeriferos, cabendo-lhes um papel importante no acto de despojarem-se as larvas de seu tegumento e ao mesmo tempo da membrana intima dos vasos aeriferos; mostrou finalmente que estes factos so säo explicaveis admittindo-se que as ditas larvas säo descendentes de avos providos de tracheas abertas. No tocante a esta questäo täo importante para a morphologia e a phylogenia dos insectos a nossa larva e muito interessante, confirmando plenamente os factos estabelecidos por Palmen, como provara a descrip^äo, que passo a dar de seu apparelho respiratorio. Na face ventral de cada um dos segmentos segundo ate sexto, acha-se nos angulos formados pelos bordos lateraes e anterior um jtonto de inser^äo de um tronco inicial dos vasos aeriferos, isto e, um futuro s;Mraculo (fig. \, p 4 ate p 7). No segmento anal esse ponto de inser^äo (fig, \, p 8) costuma ser um pouco mais afastado do bordo anterior do que nos segmentos que precedem. Neste mesmo segmento ha um segundo par dos ditos pontos (fig. i, p g) na altura da constric(;;äo que existe atraz dos espinhos lateraes. Enfim ha dous pares no segmento oral (fig, 1, p 2, p ß), pouco distantes um do outro, immediata- mente atraz da primeira ventosa. Fora dor oito pares de pontos ventraes ha ainda um par situado na face dorsal do segmento oral (fig. 2, p l), quasi opposto ao primeiro par (fig. i, p 2) dos ventraes. Em certos, bem que rarissimos individuos, todos aquelles pontos podem ser vistos com facilidade por se acharem marcados de uma pequana mancha preta; geralmente, porem, para vel-os, e necessario tratar os animaes com solugäo de potassa caustica fervendo ate tornar-se transparente o integumento chitinoso. Nos quatro segmentos intermediarios (segundo ate quinto) a distribui(päo dos vasos aeriferos e identica. O ironco inicial (fig. i, ti) reduzido a cordinha im- pervia, dirige-sc para traz e um pouco para fora e para cima, percorrendo dous quintos ou pouco mais do comprimcnto do segmento, inserindo-sc no lado interior de um grosso vaso aerifero. Esses troncos iniciaes, reduzidos a cordas impervias, säo muito mais compridos no nosso animal do que em qualquer outra larva, em quo ate agora foram obscrvados por Palmen c por mim. O vaso aerifero, em que se inscre o tronco inicial, forma neste logar um arco, cuja convexidade e virada para fora, e que de diante e de cima desce para traz e para baixo. A parte que desce e o ramo hranchial (fig, i, rbr); chegado 1) Fritz Müller, Beiträge zur Kenntnis der Termiten, IV. Jen. Zeitschr. f. Nat. 1875. IX, p. 253. = Ges. Schriften S. 464—480, 2) Palmen, zur Morphologie des Tracheensystems. Helsingfors 1877. A metamorphose de um insecto diptero. g I y a parede ventral do segmento, divide-se em dous ramos principaes, - um anterior, outro posterior, e estes subdividem-sc em tantos ramos secundarios quantas säo as branchias, nas quaes entram e dissolvem-se em raminhos numerosissimos e finissimos. (Para näo complicar demais a figura deixei de representar as rami- fica^öes do ramo branchial.) Antes de se bifurcar o ramo branchial emitte um ramo muito mais delgado (fig. i, r v p) bifurcado a pequena distancia da sua origem c que se ramifica nas partes, que occupam a parede ventral do segmento, mörmente na parte posterior; pode, pois, scr chamado ramo ventral posterior. A parte, que sobe, ou o ramo dorsal do arco (fig. i, rd) vai para dentro e geralmente mais ou menos para diante ate chegar acima do intestino; ahi eile muda de direcgäo indo para diante em linha recta ate encontrar o ramo corre- spondente do segmento, que precede. Assim, estes ramos unidos formam de um e outro lado um tronco longitiidinal (fig. i, tl) situado em cima do intestino (fig. 3, tl). Estes dous troncos longitudinaes, que segundo a opiniäo de Gegenbaur e outros seriam a parte primitiva do systema aerifero, mostram mui distinctamente em a nossa larva a sua origem secundaria pela uniäo de diversas partes consti- tuintes; porque ao entrar de cada novo ramo elles augmentam consideravel e subitamente de grossura. — A pequena distancia do bordo posterior de cada seg- mento nasce do lado interno do tronco longitudinal um pequeno ramo superior (fig. I, r s), que! perto de sua origem se curva para traz, correndo por cima do intestino. Alem do grosso tronco longitudinal ha outro ramo connexivo (fig. i, r c) muito mais delgado, lingando entre si os ramos dorsaes dos differentes segmentos. Nasce do lado convexo do arco, em cujo lado concavo se insere o tronco inicial quasi opposto a este (seria talvez mais acertado dizer, que neste ponto o tronco inicial se divide em tres ramos : o branchial, o dorsal e o connexivo) ; o ramo connexivo corre para diante e abre-se no ramo dorsal do segmento precedente, para dentro do tronco inicial. A alguma distancia da sua origem o ramo connexivo da do seu lado interno, um ramo, que, passando entre o tronco inicial e o ramo dorsal vai para dentro a ramificar-se na parte anterior e ventral do respectivo segmento (ramo ventral anterior fig. i, r v a). E' muito notavel a falta completa, nestes segmentos, de ramos transversaes, que ligassem os vasos aeriferos' de um lado aos do lado opposto («trachees com- missurales» M. Edw.). Apenas existem algumas anastomoses entre ramos finissimos. A distribuigäo dos vasos aeriferos, que nascem do par anterior de troncos iniciaes do segmento anal, e quasi a mesma dos segmentos intermedios; existem os ramos branchial, dorsal e connexivo e o tronco longitudinal; näo vi bem os ramos ventraes. Muito mais interessante e o par posterior do mesmo segmento, o tronco inicial ; em vez de ser uma cordinha impervia, como em todos os pares anteriores, e öco e cheio de ar ate ou seu ponto de insergäo (fig. i, p IX). So em um ou outro individuo eile parecia-me ser parcialmente obliterado. Sem dar ramo maior, eile vai do ponto de inser^äo para dentro e para cima, curvando-se depois para diante a unir-se ao ramo dorsal do par anterior. Os pontos de insergäo tambem deste ultimo par differem notavelmente dos outros, exhibindo ainda o feitio de spiraculos ; ve-se (fig. i, B) uma lamina chitinosa Fritz Müllers gesammelte Schriften. S^ g . o A metamorphose de um insecto diptero. percorrida por um sulco longitudinal, que tem a apparencia de uma fenda, sendo entretanto completamente fechado. Esta differen^a entre o ultimo par de troncos iniciaes e todos os que pre- cedem, e muito interessante. Sendo, como mostra Palmen, a unica funcgäo dos ditos troncos nas larvas destituidas de spiraculos, a de servir no despojar a mem- brana intima dos vasos aeriferos, näo havia necessidade que o ultimo par como todos os mais fossem ocos e aeriferos. Ha ahi uma difficuldade muito seria para os adversarios de Darwin, que näo admittem a transforma<;äo das especies, e sim, com Agassiz, as consideram como pensamentos encarnados do Creador. No entender d'elles, desde o principio o Creador teria concebido um piano t)^ico e inalteravel para cada grupo de seres organicos ; as partes rudimentäres e sem funcgäo so existiriam por assim o exigir o tal piano ou, como tambem disseram, para guardar a symetria do organismo. Pouco ou nada vale esta ex- plica9äo das partes rudimentäres; mas nem mesmo ella e applicavel ao presente caso. Como poderia o piano typico exigir que o ultimo par de troncos iniciaes seja aerifero e todos os mais rudimentäres, se a todos elles cabe a mesma funcgäo, resultando d'ahi uma symetria evidente? Para elles, pois, havera aqui um capricho inexplicavel do Creador. Para os partidarios de Darwin, pelo contrario, o facto e muito significativo e de facil explicacäo, fornecendo ate uma das provas mais frisantes da verdade do transformismo. As especies, cujas larvas tem os vasos aeriferos fechados, säo descendentes de outras, em que os spiraculos eram abertos e os troncos niciaes pervios. Habi- tuando-se a vida aquatica, conservavam fechados os spiraculos, emquanto estavam debaixo d'agua, estabelecendo-se e aperfeigoando-se successivamente a respiragäo cutanea ou em toda a superficie do corpo ou em branchias aeriferas. Seguia-se a obliteragäo successiva dos spiraculos e dos troncos iniciaes, que näo serviam mais para admissäo do ar, progredindo esta obliteragäo dos spiraculos para dentro com o andar do tempo. O facto de serem impervios os troncos iniciaes anteriores emquanto os do ultimo par ainda säo aeriferos, mostrando os seus pontos de insergäo ainda o feitio de spiraculos, explica-se simplesmente pela differenga do tempo, que decorreu, desde que estes e aquelles deixaram de funccionar. Antes de chegar a respiragäo puramente aquatica, que hoje tem, as larvas dos ascendentes da nossa especie devem ter vivido na agua, respirando comtudo o ar por meio de spiraculos collo- cados no extremo posterior do abdomen, tendo ja desapparecido os spiraculos na parte anterior do corpo, que ellas conservavam constantementc submergida. E' bem sabido, que isso se da com as larvas aquaticas de varios Dipteros e outros insectos («larvas metapneusticas» de Schiner c Brauer), v. g. com as do genero Culex, que, apezar da differenga enorme no exterior, concordam tambem com a nossa larva no numero insolito de seus vasos urinarios. Restam os vasos aeriferos do segmento oral. Os troncos longitudinaes con- tinuam ate um pouco aquem do ultimo dos tres pares de pellos (fig. i, pt) in- seridos de um e outro lado da primeira ventosa. Alli terminam abruptamente ; a parte terminal e virada obliquamente para fora e tem as linhas transversaes da membrana intima muito mais grossas e espagadas do que os mais vasos aeriferos ; A metamorphose de um insecto diptero. 8 1 9 essa parte terminal e mais desenvolvida nas larvas adultas, apresentando 110 fim da vida larval uma cor pardacenta. No limite entre o primeiro e segundo, ou um pouco alem ou aquem, nasce do lado exterior do tronco longitudinal um ramo delgado dirigindo-se para diante e para fora, e unindo-se com o ramo connexivo do segundo segmento ; depois de ter dado do seu lado interno um raminho ventral, eile se transforma em cordinha impervia, que, continuando na mesma direcQäo, vai inserir-se na parede ventral. O ponto de insergäo (fig. i, p ß) e situado junto da insergäo de um processo chitinoso, que, partindo da parede ventral, se dirige obliquamente para dentro, para diante e para cima e termina em um pequeno gancho. Um pouco mais para diante, na altura do extremo anterior do tronco longitudinal, ha outro ponto de insergäo (fig. \, p 2) de uma cordinha impervia, a quäl vai a um pequeno vaso aerifero, que, sob um angulo muito agudo, se insere no tronco longitudinal. Emfim ha no mesmo segmento oral uma terceira cordinha (fig. 2) partindo do extremo do tronco longitudinal, dirigindo-se para fora e para cima, e inserindo-se na parede dorsal (fig. 2, p l). Tambem nas larvas das Libellulas o primeiro spiraculo (fechado, ainda que alias bem formado) e situado na face dorsal, entre o prothorax e o mesothorax ^). Perto do extremo anterior do tronco longitudinal nascem varios ramos, que seria longo enumerar, e descrever minuciosamente ; so merece mencäo um ramo superior situado em cima do canal intestinal e unido por um raminho commissaral ao ramo correspondente do lado opposto. Vamos as conclusoes deduziveis dos factos que acabo de expor '^). Nas larvas de Corethra pJuniicornis ^) cuidadosamente exa- minadas por Palmen, ha dez pares de troncos iniciaes transformados em cordinhas impervias, sendo dous thoracicos e oito abdominaes; elles faltam, como sempre, no ultimo segmento abdominal. Na nossa larva ha tres pares de cordinhas no segmento oral, que provavel- mente säo as do mesothorax, do metathorax e do primeiro segmento abdominal. Seria pois este segmento oral um \'erdadeiro cephalothorax, comprehendendo näo so a cabega e os tres scgmentos thoracicos, como ate o primeiro segmento abdominal, o quäl, segundo Palmen, entra na composigäo do thorax tambem na Corethra plumicornis e de outros dipteros, logo que chegam ao estado de insectos perfeitos. No segmento anal ha dous pares de troncos iniciaes, e como o ultimo segmento abdominal carece de spiraculos em todos os insectos, o dito segmento deve comprehender ao menos tres segmentos abdominaes, se forem quatro, seria completo o numero de segmentos, que geralmente se observa nas larvas dos in- sectos dipteros. § 3. Musculos. Os orgäos principaes de locomoQäo säo as ventosas, as quaes säo movidas por numerosos musculos. Ha em primeiro logar um par de musculos fortes Uig. 3, ni'), que nascem juntos no interior do annel, na tampa ou membrana trans- 1) Palmen, Morphologie des Tracheensystems, p. 35. 2) Sinto näo poder examinar, para comparal-os com os da nossa larva, os vasos aeriferos das larvas de Culex, que apezar de quasi sempre abundantissimas näo pude achar agora, devido isso ao tempo in- vernal e uma secca prolongada. 3) Palmen, Morphologie des Tracheensystems, p. 55. 52* 020 A metamorphose de um insecto diptero. Versal, que o tapa, e sobem divergindo aos lados do intestino para sc inserir na parede dorsal do segmento. Dos lados da circumferencia do annel nasce outro par de musculos (fig. 3, m") situado embaixo do primeiro e inserindo-se mais para fora na parede dorsal. Os outros musculos da ventosa nascem entre o annel e o disco ou na face superior desto e estendem-se ao longo da parede ventral do seg- mento (fig. 4). Ha um par de musculos lateraes muito largos^ um outro de mus- culos posteriores, que väo ter nos tuberculos ou protuberancias (fig. 4, t-p) do bordo posterior do mesmo segmento e tres pares de musculos anteriores, dos quaes o extremo se insere nos angulos lateraes do bordo anterior do mesmo segmento, o interne nos tuberculos (fig. 4, t a) situados na base do processo triangulär do bordo anterior do mesmo segmento e o intermedio nos tuberculos do bordo posterior do segmento precedente. Os outros musculos, que servem a locomo^äo, ou säo dorsaes ou ventraes. Os dorsaes formäm uma camada de fitas longitudinaes, que nascendo do bordo anterior de qualquer segmento estendem se ao longo da parede dorsal do seg- mento precedente, perto de cujo bordo anterior se inserem. Os musculos ventraes {fig. 4) säo todos mais ou menos obliquos e situados em cima dos das ventosas. Um par de musculos, que passa por cima de todos os mais musculos ventraes, vai dos lados do processo triangulär (fig. 4, p t) do bordo anterior aos angulos lateraes do bordo anterior do segmento precedente; um segundo par vai dos tuberculos lateraes posteriores aos tuberculos anteriores do mesmo segmento, situados na base do processo triangulär, um terceiro par nasce dos angulos lateraes do bordo posterior c insere-se nos tuberculos lateraes posteriores do segmento precedente; um quarto par estende-se entre os tuberculos posteriores e os angulos lateraes do bordo anterior do mesmo segmento. Ha pois dous pares (primeiro e quarto) que divergem e dous (segundo e terceiro) que convergem para diante; os dous pares, segundo e quarto, näo sahem do seu segmento; os primeiros e terceiros ligam dous segmentos limitrophes. Numerosos e intricados säo os musculos, que servem aos movimentos do esophago e dos orgäos da bocca; a sua descripQäo carece por ora de Interesse, visto que näo podem ser comparados com os de outras especies, em consequencia da pouca attengäo, que ate hoje se tem prestado aos musculos dos insectos. § 4. Systema nervös o. O ganglio supraesophageo ou cerebro (fig. 6, g s), situado acima do esophago, e bilobado e unido por duas commissuras bastantes longas ao ganglio infraeso- phageo (fig, 6, g i), situado abaixo. A este ganglio liga-se por commissuras brevissimas um grande ganglio thoracico (fig. 6, g tJi), havendo apenas entre elles um pequeno buraco circular ou elliptico. Tratando-se o ganglio thoracico com soluQäo de potassa caustica, eile incha e ncste estado apresenta-se composto de tres por9öes separadas por construcQöes bem distinctas. E' pois formado pelo menos de tres ganglios primitivos. Em cada um dos segmentos intermediarios (segundo ate quinto) ha um ganglio fusiforme muito menor do que o thoracico e situado entre a ventosa e o bordo anterior do segmento. O ganglio do segmento anal e um pouco maior do que os precedentes, mostrando-se distinctamente com- posto de dous. Os ganglios ventraes (thoracico o abdominaes) säo unidos por A metamorphose de um insecto diptero. g2 i duas commissuras quasi contiguas. Os nervös partcm, nos segmentos inter- mediarios, perto do extremo posterior do respectivo ganglio, emittindo cada ganglio dous pares de nervös. No ganglio do segmento anal ha dous grupos de nervös, partindo do limite entre os dous ganglios primitivos, de que se compöe o dito ganglio e outro do extremo posterior do ganglio. Um pouco diante de cada ganglio abdominal, no limite entre dous segmentos limitrophes, ach:i-se fixada ao lado; dorsal das commissuras nervosas, uma pequena lamina membranosa quadri- latera (fig. 5, / a), cujos angulos lateraes se prolongam em ligamentos delgados (fig. 5, li) fixados as protuberancias lateraes do bordo posterior do segmento pre- cedente. Na descripgäo do exterior da larva mencionei uma parte lisa, trans- parente, que se observa ao longo do bordo interne do extremo anterior das areas cephalicas lateraes. Essas partes transparentes das ditas areas säo as Corneas da larva; porque em baixo dellas acha-se um corpo oval composto de substancia ner- vosa e coberto de pigmento escuro, atropurpureo (fig. 7). § 5. Resumo. Resumindo o resultado do exame anatomico da larva, vimos: 1) No tocante a sua posigäo systematica, que e a larva de um insecto diptero alliado ao grupo dos Culicinos, com o quäl concorda no numero (5) dos vasos Malpighianos, e descendente de avos, cujas larvas aquaticas, como as de Culex, respiravam o ar por meio de dous spiraculos situados no extremo posterior do abdomen. 2) No tocante a homologia de seus segmentos, que o segmento oral e um cephalothorax correspondente a cabe^a, o thorax e mais o primeiro segmento abdominal de outras larvas; que cada um dos quatro segmentos intermediarios corrcsponde a um unico segmento abdominal, como prova a disposi^äo aos systemas respiratorio e nervoso e que o segmento anal provavelmente corresponde aos quatro segmentos abdominaes, que ainda faltam para completar o numero normal. Veremos adiante que a metamorphose plenamente confirma estas conclusöes. Explicac^äo da figura da estampa LX. Fig. I. — Vasos aeriferos do lado esquerdo e systema nervoso da larva (45 : i). a ano. ga ganglios nervosos abdominaes. g th parte do ganglio thoracico situado no segmento oral. la laminas annaes. p- ate /•' pontos de inser<;äo dos troncos iniciaes dos vasos aeriferos. pl pellos ao lado da primeira ventosa. rbr ramo branchial dos vasos aeriferos (este ramo di- vide-se em dous, anterior e posterior, e estes subdividem-se em tantos ramos secundarios, quantos sao as branchias ; estas ramificacjöes foram omittidas na figura, para nao complical-a). rc ramo connexivo, ligando os ramos dorsaes de dous segmentos limitrophes. rd ramo dorsal, rs ramo superior do tronco longitudinal. r v a ramo ventral anterior, partindo do ramo connexivo. rvp ramo ventral posterior, partindo do ramo branchial. // troncos iniciaes dos vasos aeriferos, sendo todos reduzidos a cordinhas imperceptiveis, com excep^äo do ultimo, que e pervio, aerifero e fechado apenas no ponto de inser^äo. // tronco longi- tudinal, situado em cima do intestino e formado pela uniäo dos ramos dorsaes. Fig. I ^ e I B. — Pontos de inser(;äo dos troncos iniciaes do segmento annal (180:1). A — anterior, B — poste/'or, mostrando ainda a forma de espiraculo. Fig. 2. — Extremo anterior do tronco longitudinal esquerdo com o tronco inicial {ti) em forma de cordinha, que se insere na parede dorsal do segmento oval (45 : i). g 5 , A metamorphose de um insecto diptero. Fig. 3. — Se^äo transversal do quarto segmento (15:1). / intestino. w' musculos inseridos na tampa do annel da ventosa. w" musculos inseridos na circumferencia do dito annel. // troncos longitudinaes dos vasos aeriferos. Fig. 4. — Musculos ventraes dos segmentos quarto e quinto, achando-se representados no quarto segmento os musculos da ventosa e no quinto os outros musculos ventraes, (25 : i). ga ganglios abdominaes. p-t processo triangulär do bordo anterior dos segmentos. ta tuberculos anteriores situados na base do mesmo processo. tp tuberculos ou pro- tuberancias posteriores, situados no bordo posterior dos segmentos. Fig. 5. — Parte posterior do systema nervoso (45: i). ga ganglios nervosos abdo- minaes. In lamina membranosa fixada no lado dorsal das commissuras nervosas. // lica- mentos, que da mesma lamina vao as protuberancias do bordo posterior dos segmentos. Fig. 6.— Parte anterior do systema nervoso (45 : i). ga ganglio abdominal. ^>/ganglio infraesophageano. gs ganglio supraesophageano ou cerebro. g-th ganglio thoracico. Fig. 7. — Parte da area cephalica lateral direita (45 : i). a antenna. c cornea triins- parente. olho. A metamorphose de um insecto diptero (Paltostoma torrentium)^), Quarta parte. Chrysalida e insecto perfeito. Mit Tafel LXI. § I. Chrysalida (fig. 2 — 6). Em companhia das larvas encontram-se pegadas as mesmas pedras, em que estas vivem, certas chrysalidas, frequentes onde as larvas abundam. raras onde escasseam. Muitas vezes essas larvas e chrysalidas säo os unicos habitantes das ditas pedras, pois mui raros säo os animaes que podem resistir a forga das cor- rentezas, que ellas preferem, e entre as poucas larvcis, que as vezes se Ihes associam, como sejam as de certas Perlideas e de Trichopteros {Rhyacophylax, Peltopsyche, etc.), näo ha nenhuma, de que possam ser derivadas as chrysalidas. Assim pois ja esta conveniencia por si so e prova sufficiente das larvas e chrysalidas serem da mesma especie. A chrysalida (fig. 2, 3) tem a forma de um escudo oval, bastante convexo, cuja largura cabe quasi duas e altura cerca de tres vezes no comprimento; a maior largura e altura acham-se pclo fim do tergo anterior. Medindo sessenta chrysalidas, achei, como termo medio de comprimento 6,'"'"6 e da largura 3,'"'"7; a maior, que vi, tinha 7,'"'"8 de comprimento sobre ^mmg ^Q largura, e a menor so 4,"""8 de comprimento sobre 2, '""^6 de largura. Junto do extremo anterior, que e o mais largo dos dous, elevam-se dous chifres verticaes, cada um dos quaes se compöe de quatro laminas trianguläres (fig. 2 ; fig. 6 ch). A superficie dorsal e lustrosa e de cor parda escura; a face ventral e pallida, quasi branca nas chrysalidas novas, tornando-se com o tempo cada vez mais escura e acabando por ser preta, quando o insecto acha-se prompto para Sahir. A superficie dorsal e dividida por suturas transversas em doze segmentos (fig. 4) a saber : a cabe(;a (c), os tres segmentos do thorax : prothorax {p) meso- thorax (ms), e metathorax {mt), e oito segmentos abdominaes (/ ate VIII). A superficie da cabega e do thorax e lisa, a do abdomen mostra sulcos pouco profundos, longitudinaes no meio dos segmentos, obliquos nas suas partes lateraes; alem disto o abdomen e coberto de pontos ou pequenas malhas escuras, i) Arch. do Mus. National do Rio de Janeiro. 1879. Vol. IV. p. 75 — 85. 150. Est. VII. g2_i A metamorphose de um insecto diptero. bastas, geralmente quasi circulares, com excepgäo do primeiro segmento, onde säo ellipticas. Raras vezes estas malhas apparecem tambem no metathorax c ate no meso- thorax, sendo comtudo menos distinctas, menores e muito mais raras. Dos doze segmentos so nove attingem o bordo lateral; o metathorax e os dous primeiros segmentos abdominaes (fig. 4, mt, /, //) achando-se encravados entre o mesothorax e o terceiro segmento abdominal. A parte dorsal da cabega (fig. 4, c; fig. 6, c) occiipa com o seu bordo in- ferior ou frontal metade da largura do corpo ; e de figura triangulär com os lados arqueados, um pouco convexa e sobe quasi verticalmente ; mostra duas suturas, uma transversa c semicircular, que separa o ter^o superior, e outra longitudinal, que do meio da transversa vai ao vertice do triangulo. Os dous primeiros segmentos do thorax, prothorax e mesothorax (fig. 4, p, ms) säo unidos em uma unica pega no meio da face dorsal, sendo so lateralmente separados por uma sutura; no meio, elles säo iguaes em comprimento, mas, para os lados o mesothorax tanto se alarga, que no bordo lateral occupa mais do dobro do prothorax. Ambos estes segmentos säo percorridos no meio da superficie dorsal por uma sutura longitudinal, que continüa o da cabe^a e que provavelmente se abre para dar passagem ao insecto perfeito, quando tem de sahir da chrysalida. O bordo posterior do mesothorax e no meio uma linha recta transversal, em- quanto as partes lateraes do mesmo bordo descem obliquamente para traz. Na parte posterior do prothorax elevam-se os chifres prothoracicos, täo frequentes nas chrysalidas de insectos Dipteros; cada um delies compöe-se de quatro laminas trianguläres, dispostas transversalmente umas atraz das outras; as laminas anterior e posterior (fig. 6, cha. chp) säo rijas, pretas e tem ponta aguda; as duas laminas intermediarias (fig. 6, chi) säo mais tenras e geralmente mais pallidas, tendo as pontas embotadas. A' base de cada chifre applica-se o extremo anterior muito avolumado de um tronco longitudinal dos vasos aeriferos. Nas chrysalidas de Culex e de varios outros Dipteros os chifres prothora- cicos passam por servir a respiragäo ; näo sei si na nossa chrysalida Uies cabe a mesma funcgäo. A parte dorsal do metathorax (fig. 4, mt) tem apenas metade, a do primeiro segmento abdominal (fig. 4, /) cerca de 2/7, e a do segundo segmento abdominal (fig. 4, //), 2/3 da largura do mesothorax ou do terceiro segmento abdominal; assim o primeiro segmento abdominal fica encerrado entre o metathorax e o segundo segmento, e estes dous entre o mesothorax e o terceiro segmento ab- dominal. Deste terceiro segmento para traz a largura do abdomen vai successivamente diminuindo; no setimo segmento ella se acha reduzida a metade e no oitavo a ter^a parte. Este oitavo ou ultimo segmento abdominal da chrysalida (fig. 5, VIII) mostra pela disposi^äo das suas malhas escuras ser composto de dous outros unidos sem vestigio de sutura; no meio do seu bordo posterior, o mesmo seg- mento tem uma pequena incisäo ou chanfradura. A face ventral da chrysalida (fig. 3) e plana e täo firmemente collada as pedras, que so com muito cuidado as chrysalidas podem ser removidas incolumes. Nas chrysalidas cuja face ventral ja assumio cor mais carregada, ve-se iis vezos de cada lado dos segmentos abdominaes: quarto, quinto c sexto, (ou tambem A metamorphose de um insecto diptero. §2 c setimo), no angulo formado pelos bordos anterior e lateral, uma grande macula branca (fig. 3, ^) ; e uma camada tenue da substancia adhesiva por meio da quäl as chrysalidas se collam as paredes; comtudo esta substancia quasi sempre fica nas pedras quando dellas se tiram as chrysalidas. A maior parte da face ventral e occupada pelas azas, antennas, pernas e partes boccaes; todas essas partes säo tenras, membranosas e applicadas a superficie ventral da chrysalida, porem livres, näo adherindo nem a rcferida superficie, nem umas as outras. Säo pois as chrysalidas da nossa especie chrysalidas livres («pupse liberae >) como as dos Neuropteros, Coleopteros e Hymenopteros, e näo chrysalidas cobertas «pupae obtectse») como as dos Lepidopteros, cujos membros todos"adherem ao corpo, sendo cobertos por uma pelle commum, mais ou menos dura. Segundo os auctores que pude consultar, as chrysalidas te todos os Dipteros ou seriam coarctadas* («pupae coarctatse») isto e, encerradas na pelle endurecida da larva, ou cobertas e semelhantes as dos Lepidopteros. Constituiriam pois as chrysalidas livres da nossa especie uma excepgäo notavel na ordem dos Dipteros, como entre OS Lepidopteros as chrysalidas livres dos Cochliopodes. E' provavelmente um caso [de atavismo;" achando-se firmemente unida as pedras a face ventral, as chrysalidas podiam dispensar a protecgäo que aos seus delgados membros dava a pelle dura e continua que os cobria; assim voltavam a forma mais antiga de chrysalidas livres, näo sendo mais contrabalangada pela selecgäo natural a tendencia atavica, que parece existir em todos os seres organicos. As azas (fig. 3. az) nascem de todo o bordo lateral do mesothorax, dirigindo-se obliquamente para traz e para dentro, de modo que se tocam ou so säo separadas por um estreito intervallo pelo fim do terceiro segmento abdominal; estendem-se ate o meio do quarto segmento; por ellas se achäm cobertas as clavinhas (< halteres, Schwing- kölbchen», fig. 3 cl) ou azas rudimentarias do metathorax, como tambem grande porgäo das pernas. Fica assim entre os bordos anteriores das azas e o bordo anterior do corpo uma ärea triangulär, na quäl apparecem a cabega com as partes dependentes e as coxas. A cabe^a occupa cerca de um tergo do comprimento e metade da largura da dita area. Dos seus angulos anteriores partem as antennas (fig. 3, a) que säo uns chifres curvos, acompanhando o bordo lateral do prothorax e depois a base do bordo anterior das azas. No meio do bordo posterior da cabega (e o inferior no insecto perfeito, porem posterior na posigäo que tem na chrysalida) estendem-se para traz as partes boccaes, das quaes bem se distinguem os labios superior e inferior (fig. 3, Is, li) e os papos maxillares (fig. 3, pm) que säo dous chifres curvos semelhantes as antennas e väo da base das partes boccaes a das antennas, ap- plicando-se aos bordos lateraes da cabega. Ao longo do bordo anterior das azas vem-se as coxas das pernas; as das pernas posteriores säo contiguas; as das intermediarias e anteriores säo separadas pelas partes boccaes situadas entre ellas. Emfim, ve-se na mesma area, entre as coxas anteriores, os palpos maxillares e as antennas, o femur das pernas anteriores (fig. 3, /). Sendo as pernas muito compridas, devem dar muitas voltas para poderem caber na face xentral da chrysalida; as posteriores, que säo as mais compridas, säo por isso tambem as QyA A metamorphose de um insecto diptero. mais tortuosas; o seu femur vai primeiro para traz, depois para fora, e chegando ao bordo externo da aza curva-se para diantc, acabando perto do angulo anterior do mesothorax : d'alli a tibia serpenteia para traz e depois para dentro, terminando de traz da parte transversal do femur; dalli enfim o pe («tarsus») entende-se ate quasi o fim do abdomen. As pernas anteriores terminam um pouco diante das posteriores, e as intermedias so chegam ate o fim do sexto segmento abdominal. A transformagäo de uma larva com seis segmentos apenas em chrysalida com doze e cousa täo estranha ^) que julgo adequado dar della prova mais irrefragavel ainda do que a conveniencia constante de que ja fallei. Abrindo qualquer larva adulta encontram-se debaixo do integumento dorsal do segmento oral os chifres prothoracicos da chrysalida; a principio säo muito pallidos e molles e so se vem distinctamente as pontas das laminas anterior e posterior de cada chifre; pouco a pouco väo endurecendo e escurecendo, e final- mente säo ate visiveis de fora, sem se abrir a larva. Tratando uma larva destas com solu^äo de potassa caustica fervendo ate ficar transparente o seu integumento, apparecem alem dos chifres tambem todos os segmentos abdominaes da chrysalida com as suas malhas escuras (fig. i,) tornando-se desta maneira facillimo verificar a rela^äo mutua que ha entre o segmento da larva e os da chrysalida. Apparece no segmento oral da larva, coberto parcialmente pelos chifres pro- thoracicos, o primeiro segmento abdominal da chrysalida; ve-se outro segmento abdominal da chrysalida em cada um dos segmentos segundo ate quinto da larva ; enfim apparecem no segmento anal da larva tres segmentos abdominaes da chrysalida, de que o ultimo se mostra composto de dous. Fica assim plenamente confirmada a conclusäo, a que nos levou a anatomia da larva. § 2. Insecto perfeito (fig. 7 — 25). Removidas do seu logar nativo as larvas e chrysalidas em pouco tempo morrem; das que trouxe para minha casa nem uma larva viveu para se trans- formar em chrysalida, nem chrysalida para soffrer a sua ultima metamorphose em insecto perfeito. Nem täo pouco encontrei ate agora os insectos perfeitos voando na proxi- midade dos logares onde passam pelos primeiros estadios da vida. Para poder, pois, examinal-os foi mister tiral-os eu mesmo das chrysalidas, o que alias se faz com muita facilidade, ainda que as azas costumam sahir täo enrugados c säo täo tenras que apenas rarissimas vezes consegui desdobral-as perfeitamente -). Näo vou descrever minuciosamente o insecto perfeito; apenas tocarei naquelles pontos, que possam elucidar a sua posi^äo systematica ou que offere^am algum i) «Näo conhecjo exemplo de semelhante transforma^äo ; parece-me muito arriscado acceital-a at6 ser directamente provada», escreveu-me um distincto professor de entomologia depois de ter examinado as larvas e chrysalidas. 2) Nos compendios de zoologia se diz, que as azas dos insectos ao sahirem da chrysalida ainda säo muito curtas e so no fim de certo tempo depois de dilatadas pelo sangue, que nellas entra e pelo ar, que enche os seus vasos aeriferos, adquirem as suas dimensöes definitivas. Assim com effeito 6 nas borboletas, porem näo'em todos os mais insectos; vi muitas vezes pequenos Trichopteros irem-se embora voando no mesmo instante, em que sahiram das chrysalidas, que nadavam a tona d'agua. Tambem as azas do nosso Diptero tem as suas dimensöes definitivas ja dentro da chrysalida. A metamorphose de um insecto diptero. 827 interesse biologico. O facto biolog-ico mais notavel, que se observa em o nosso Diptero, e o serem as fcmcas dimorphiciis ; das duas formas ou castas, uma, a julgar pclas partes boccaes, chupa o mel das flores, como os machos ^), e a outra ataca os mammifcros para nutrir-sc de seu sangue, como as femeas dos perni- longos, motucas, borrachudos, etc. Nunca vi formas intermcdias entre estas duas castas differentes de femeas. Os sexos parecem existir em numero quasi igual; de 40 chrysalidas apanhadas no mesmo dia e lugar e cuja cor preta da face ventral indicava esta prestes a se transformar, tirei 20 machos e outras tantas femeas e destas, 13 eram mellisugas e 7 sanguesugas. Os machos säo em geral menores do que as femeas, das quaes as sanguesugas parecem ser um pouco maiores do que as mellisugas. Medi as 40 chrysalidas, que acabo de mencionar e ellas me deram o seguinte resultado. Comprimento e largura em millimetros. Termo medio Maximo Minimo Os 20 machos 6,3 e 3,6 7,1 e 4,4 5,6 e 3,3 As 13 femeas mellisugas 6,7 e 3,9 7,4 e 4,1 5,9 e 3,3 As 7 femeas sanguesugas 7,1 e 4,2 7,4 e 4,8 6,7 e 4,1 A largura estä, termo medio, para o comprimento, assim como 58 para 100, näo havendo differen^a sensivel entre as chrysalidas das tres formas. A differen^a a mais obvia das tres formas, de que se revestem os insectos perfeitos, e pela quäl a primeira vista p6de-se distinguil-as, esta no tamanho dos olhos. Nos machos (figs. 7 e 15), como nos de muitos outros Dipteros, elles oc- cupam quasi toda a superficie da cabega, sendo contiguas em parte mais ou menos extensa do vertice. Nas femeas sanguesugas (fig. 1 4) elles occupam tambem quasi toda a altura da cabega, deixando comtudo entre si um intervallo largo, de quasi um tergo de largura da cabega. Nas femeas meUisugas (fig. 13) elles säo muito menores; o intervallo que medeia entre elles, tem metade pouco mais ou menos da largura da cabega. Os olhos säo cobertos de pellinhos curtos (figs. 16 e 17) inseridos nos vertices dos pequenos hexagonos, em que a superficie dos olhos e dividida; o diametro (do circulo inscripto) desses hexagonos e de cerca de o,°""oi8 nas femeas, como tambem na parte anterior e inferior dos olhos dos machos, emquanto na parte posterior e superior, neste sexo, elles säo maiores na razäo de 3:2, tendo o,'"'"o24 de diametro. O limite que separa os hexagonos maiores dos menores (fig, 15, /) principia perto da inser^äo das antennas. Na parte posterior do vertice ha tres olhinhos («ocelli, stemmata») ou olhos simples, dispostos em triangulo quasi equilatero nas femeas (fig. 13); nos machos OS olhinhos tambem säo maiores do que nas femeas, de modo que mal caberiam entre os olhos; elles säo collocados no extreme de um pequeno processo cylindrico, de que o anterior ou impar, que e maior, occupa a ponta, achando-se os dous lateraes ou posteriores immediatamente por baixo delle (fig. 15, o). i) Os machos dos pernilongos (Culex pipiens) e das motucas (Chrysops coecutiens) foram observados sugando o mel das flores do Rhatnnus Frangula e da Potentilla frtiticosa pelo nieu irmäo Dr. Hermann Müller, Die Befruchtung der Blumen durch Insecten. 1873, p. 153 e 209. OyQ A metamorphose de um insecto diptero. As antennas (fig. 12) tem quatorze articulos, cujos dous primeiros säo mais grosses; o seu comprimento e pouco superior a largura da cabe^a. Duas vezes vi quinze articulos; em um dos casos, o terceiro articulo e no outro o ultimo era dividido em dous. Entre os machos e as duas castas de femeas ha so differen^as levissimas nas antennas e nem mesmo sei si säo con- stantes. As partes boccaes constituem uma especie de tromba composta das mesmas partes, que se observam nos pernilongos (Culex) e motucas (Tabanns), a saber: o labio superior (figs. 14, 18 e 21, Is); um ferräo impar situado por baixo do mesmo labio (fig. 18,/; fig. 19); as duas mandibulas (figs, 14, 21, ind), que entretanto so existem nas femeas sanguesugas, faltando nas mellisugas e, como sempre, nos machos as duas maxillas (fig. 14, 20, mx) com os seus palpos (fig. 14 e 20 pm) e o labio inferior (fig. 14, li; fig. 21, 22). O labio superior, inserido no bordo frontal da bocca e cobrindo por cima as demais partes boccaes, e uma especie de punhal comprido e agudo; a sua ponta ^ pelluda nos machos (fig. 18, Is), nüa nas femeas de ambas as castas (fig. 21, Is); nas femeas sanguesugas este labio e mais largo do que nas mellisugas e nos machos. O ferräo impar, situado embaixo do labio superior, e semelhante a este, porem mais estreito e um pouco mais curto; nas femeas sanguesugas (fig. 19) os seus bordos lateraes säo armados de dentes rurtos, curvados para diantc; nas mellisugas e nos machos (fig. 18,/) os bordos säo inermes. O ferräo e percorrido por um canal longitudinal cylindrico que pelo que sei, ainda näo foi visto em outro Diptero; nos machos e nas femeas mellisugas este ferräo abrc-se na ponta mesma do ferräo (fig. 18); nas femeas sanguesugas a ponta avan^a ainda um pouco alem do orificio do canal. Segundo Westwood, Milne Edwards e outros o ferräo corresponderia a linguinha («languette, ligula») de outros insectos ; Savigny o chama hypophar3mx e Gerstaecker da-lhe o nome de epipharynx. Entretanto, näo ha a menor prova de ser eile homologo a alguma das partes que em outros insectos se designam por aquelles differentes nomes. As mandibulas existem so em poucos Dipteros e unicamente nas femeas que se nutrem do sangue de mammiferos, faltando aos machos das mesmas especies, os quaes vivem do mel das flores. Na nossa especie parte das femeas as tem, parte dellas näo; parece pois fora de duvida que aquellas sejam sanguesugas e estas mellisugas, como os machos. As mandibulas (figs. 14, 21, md) säo duas laminas estrcitas, do comprimento do labio superior; o seu bordo interno e serreado, isto e, armado de dentes agudos, cuja ponta e volvida para traz. As maxillas (figs. 14, 20, mx) säo duas laminas delgadas estreitas, ponte- agudas, tendo so metade pouco mais ou menos do comprimento da tromba. Do lado externo da sua base partem os palpos maxillares (figs. 14, 20, pm) com- postos de cinco articulos, sendo comtudo pouco distincto o limite entre o primeiro e o segundo; o primeiro articulo e curto e mais grosso; os outros quatro estäo na razäo pouco mais ou menos de 3:2:1:3. Perto do cstremo do terceiro articulo nota-se uma pcquena mancha opaca, que tambem vi no mesmo articulo em alguns outros Dipteros, v. g. nos borra(^hudos. Endireitados os palpos, passam um pouco alem da tromba. A nietamorphose de um insecto diptero. 82ü O labio inferior (fig. 14, li) e um semi-canal, que, coberto pelo labio superior, serve de estojo as mais partes boccaes. Termina por diias valvulas ovaes, cor- respondendo provavelmente aos palpos labiaes; na base da face inferior (fig. 22) Gada valvula mostra uma pe^a chitinosa cm que se insere o que parece ser um tendäo de musculo; provavelmente as valvulas podem, como em outros Dipteros, applicar-se uma contra a outra depois de sahir o insecto da chrysalida. Na parte basal do labio inferior p6dem-se distinguir duas partes lateraes unidas pelos seus bordos internos, e em cima dellas uma terceira parte impar; ella acaba na base das valvulas tenninaes, e do seu extremo partem dous filetes (figs. 21, lg, 22) vestidos de pellos curtos e raros, os quaes crelo que correspondem a lingueta de outros insectos; näo os vi nos poucos outros Dipteros, cujas partes oraes examinei. Na configuraQäo do thorax, do abdomen (excepto as partes sexuaes), das azas e suas nervuras, e das pernas (excepto as unhas e o ultimo articulo do pe) näo parece haver differen^a entre as tres formas do insecto perfeito. As tibias posteriores säo armadas de dous esporöes terminaes (fig. 11); as anteriores e inter- medias säo inermes. As unhas e o ultimo articulo do pe säo täo differentes nas tres formas que si isolados fossem apresentados a qualquer classificador moderno, eile provavel- mente as classificaria näo so em generös, mas ate em grupos diverses. Com effeito, Osten-Sacken classificando em 1859 as Tipulideas brevipalpas da America do Norte, empregou como caracter distinctivo dos grupos que estabeleceu, as unhas simples em uns, denteadas em outros. O nosso insecto prova que essas duas formas de unhas podem occorrer näo so no mesmo genero, como ate na mesma especie. Nas femeas mellisugas (fig. 8) as unhas säo simples, do feitio de uma fouce e muito mais curtas do que o quinto articulo do pe, que e recto, de grossura quasi uniforme e uniformemente coberto de pellos pouco densos. Nas femeas sanguesugas (fig. g) as unhas säo muito mais compridas e pelo contrario o quinto articulo do pe muito mais curto do que nas mellisugas, sendo inteira- mente differente tambem o feitio; as unhas säo pouco curvadas, caniculadas pelo meio do bordo inferior, e na base do mesmo bordo franjadas de pellinhos curtos e finos; o bordo inferior do quinto articulo do pe tem na base uma grossa pro- tuberancia, da quäl partem cabellos fortes, compridos e curvados, e mais para diante o mesmo bordo inferior tem, em vez dos pellos que cobrem o resto do articulo, so uma pellugem curta e finissima. Enfim nos machos (fig. 10) o com- primento da unha e do quinto articulo do pe, como tambem o feitio deste mesmo articulo, säo quasi como nas femeas sanguesugas; as unhas pouco curvadas säo armadas embaixo de uma fileira de dentes agudos, cujo numero e variavel. Medi as unhas e Ultimos articulos do pe nos 40 individuos, de que ja fallei e achei-lhes as seguintes dimensöes: Comprimento das unhas em millimetros: Termo medio Maximo Minima Os 20 machos 0,28 0,35 0,25 As 7 femeas sanguesugas 0,28 0,31 0,25 As 13 femeas mellisugas 0,18 0,20 0,16 g^Q A metamorphose de um insecto diptero. Comprimento do ultimo articulo do pe, em millimetros: Termo medio Maximo Minimo Os 20 machos 0,35 0,38 0,31 As 7 femeas sanguesugas 0,34 0,37 0,32 As 13 femeas mellisugas 0,50 0,57 0,45 Comprimento da unha, sendo o do ultimo articulo do pe — 100: Termo medio Maximo Minimo Os 20 machos 82,2 95,7 72,1 As 7 femeas sanguesugas 81,2 88,1 78,9 As 13 femeas mellisugas 35,9 38,2 32,4 Nos machos e femeas sanguesugas tem pois as unhas cerca de 4/5 e nas femeas mellisugas so cerca de 4/1 1 do quinto articulo do pe. Ve-se pois que as femeas mellisugas cujas partes boccaes säo quasi as mesmas dos machos (differindo so pela ponta nüa do labio superior), afastam-se delies muito mais do que as sanguesugas na configuragäo dos pes. O mesmo succede com os olhos. Aos machos servem de certo os seus olhos enormes, as unhas denteadas e o feitio singular do ultimo articulo dos pes para poder melhor descobrir, perseguir, agarrar e segurar as femeas. Ora tambem as femeas sangue- sugas tem de perseguir outros animaes e agarrar-se a elles. D'ahi talvez aquella semelhan^a entre essas duas formas. As flores melliferas näo fogem dos insectos, que vem chupar o seu nectar, antes pelo contrario os attrahem, adornando-se de Gores vistosas; assim as femeas mellisugas podem contentar-se com olhos menores, assim como com pes e unhas simples. Os appendices sexuaes nos Ultimos segmentos do abdomen säo. como sempre, muito differentes nos machos (fig. 24) e nas femeas (fig. 23); porem näo parece haver differenga entre as duas castas de femeas ; nem era de presumir que houvesse semelhante differen^a, visto que ellas tem de se copular com machos identicos. Os ovos (fig. 25), tirados dos ovarios de femeas ainda encerradas na cr}^salida, säo brancos e tem o,™™5 de compriVnento e o,'""^i8 de grossura; um dos lados e mais convexo e um dos extremos um pouco mais obtuso do que e outro; no lado convexo parece em via de formagäo uma casca coberta de pequenas asperezas ou verrugas. Antes de me despedir, do insecto, que com tantos factos novos e insperados, pagou o tempo, que em examinal-o gastei, ainda me resta dar-lhe um nome. Segundo me informa o distincto entomologista da universidade de Vienna d'Austria. Professor Frederico Brauer, pertence a familia do Blepharocerideos e ao genero Paltostoma ; proponho pois o nome de Paltostofua torrentiiim ^). Explica^äo das figuras da estampa LXI. Fig. I. — Larva prestes a se transformar em chrysalida, tratada com solu^ao de potassa caustica, (15: i). Ve-se atravez do tegumento da larva chifres prothoracicos (<://) e OS segmentos abdominaes {J-VIII) da chrysalida. I) Veja-se Zoolog. Anzeiger, n. 51 de 22 de Mar9o de 1880, p. 134. A metamorph ose de um insecto diptero. gil Fig. 2. — Chrysalida vista do lado direito (5: i), Fig. 3. — Face ventral da chrysalida (15:1). a antennas. az azas. cl clavinha coberta pela aza, nascendo do metathorax. / femur das pemas anteriores, g camadas do grude pelo quäl a chrysalida esta fixa as pedras. // labio inferior. Is labio superior. pa pernas anteriores, pi pernas intermedias. pni palpos maxillares. pp pemas posteriores. Fig. 4. — Tegumento dorsal da chrysalida, comprimido entre laminas de vidro (5 : i). c cabe(;:a. p prothorax. vis mesothorax. ?nt metathorax. /- VIII segmentos abdominaes. Fig. 5. — Os Ultimos segmentos do abdomen (15:1), mostrando a composicäo do ultimo segmento de dous unidos. Fig. 6. — Chrysalida vista de frente (15 : i). c cabeca. cha laminas anteriores, r/«' ditas intermedias. chp ditas posteriores dos chifres prothoracicos. p prothorax. Fig. 7. — O insecto perfeito, mache (8: i). Fig. 8. — Articulo quinto do pe e unhas de uma femea mellisuga (90: i). Fig. 9. — As mesmas partes de uma femea sanguesuga (90 : i ). Fig. 10. — As mesmas partes de um macho (90: i). Fig. II. — Extremo da tibia posterior, armada de dous esporues, de uma femea sanguesuga (25 : i). Fig. 12. — Antenna de um macho (45: i). Fig. 13. — Cabe(;a de uma femea mellisuga, vista de cima (15 : i). Fig. 14. — -Dita de uma femea sanguesuga, vista de frente (15 : i). li labio inferior. Is labio superior. nid mandibulas. fnx maxillas. pm palpos maxillares. Fig. 15. — Dita de um macho, vista de frente (25:1). a articulo basal das an- tennas. / limite entre os hexagonos maiores e menores dos olhos. olhinhos. tr base da tromba. Fig. 1 6. — Parte do olho de uma femea mellisuga, vista do lado ( 1 80 : i ). Fig. 17. — Parte do olho de um macho, vista de cima (180: i). Fig. 18. — Extremo do labio superior [Is] e do ferrao impar (/) de um macho (90:1). Fig. 19. — Extremo do ferrao impar de uma femea saiiguesuga (90: i). Fig. 20. — Maxiila (mx) e palpo maxillar {pm) de um macho (90: i). Fig. 21.— Extremo da tromba de uma femea sanguesuga (90: i). lg linguinha (?). H labio inferior, h labio superior. md mandibula. ?' valvulas terminaes do labio inferior. Fig. 2 2.- — Extremo do labio inferior de um macho, face ventral (90: i). Fig. 23. — Os Ultimos segmentos do abdomen de uma femea tratada com solu^ao de potassa caustica, vistos da face ventral (25: i). e ultimo espiraculo. rs os tres recepta- culos espermaticos. Fig, 24. — Os mesmos de um macho (25 : i). Fig. 25.— Ovo (25 : i). Erklärung ^). Die Abbildungen des Elpidium Bromeliarum im „Kosmos" (Bd. VI. S. 387 = Ges. Schriften S. 792) und in den „Archivos do Museu nac. do Rio de Janeiro" (Vol. rV. Taf. II = Ges. Schriften Taf. LVII) sind so verschieden, selbst in den Umrissen des Muschelkrebschens, dass man zwei Arten vor sich zu haben meint und nicht glauben sollte, beide seien nach derselben Vorlage gefertigt. Etwaigen i) Zoolog. Anzeiger 1881. Bd. IV. S. 505, 506. Q,2 -A. metaiiiorjihose de um insecto diptero. Zweifeln zu begegnen erkläre ich daher, dass der Holzschneider des „Kosmos" treu die photographische Nachbildung meiner Zeichnungen wiedergegeben hat, in deren Wiedergabe der Steinzeichner der „Archivos" nicht eben glücklich gewesen ist. Dasselbe gilt für die vier Tafeln in demselben Bande der „Archivos" zu dem Aufsatze über Paltostoma und ich bitte daher, bei Abweichungen zwischen Text und Bild sich an ersteren zu halten. Dass ich unschuldig bin an Schreibweisen, wie „ellyptica", „thoraxica" und ähnlichen in den „Archivos", eben so wie an der neupreussischen Schreibweise „Zekropia" statt „Cecropia" im „Kosmos" (Bd. VIII, S. 1 1 1), bedarf keiner Erklärung. 24. Juni 1881. Die Putzfüsse der Kruster ^). Mit 15 Textfiguren. Wie selbst bei nahe verwandten Tieren die verschiedensten Teile zu dem- selben Dienste herangezogen werden können, dafür giebt die Reinigung der Kiemenhöhle bei Krabben und Krebsen ein hübsches Beispiel. Die Kiemen dieser Tiere sitzen am Grunde der Füsse oder über ihnen an den Seiten des Leibes. Ueber sie her wölbt sich von oben, sie vollständig deckend und jederseits eine geräumige Kiemenhöhle bildend, der Panzer der Kopfbrust. Ein beständiger Wasserstrom durch die Kiemenhöhle wird unterhalten durch das Spiel einer grossen, muskelreichen Platte, die aussen dem hinteren Kiefer ansitzt. Bei den Lang- schwänzen (Garneelen, Flusskrebs, Hummer) bleibt ein langer Spalt offen längs des unteren Randes des Panzers, und durch diesen tritt der Atemstrom ein und zu den Seiten des Mundes wieder aus. Wie mit dem Atemstrome etwa ein- dringende fremde Körper wieder entfernt werden, hat man erst bei wenigen dieser Tiere beobachtet. Fig. I. Vorderfuss eines Palaemon aus dem Itajahy, 5mal vergrössert. Fig. 2. Scheere oder Hand dieses Fusses, stär- ker vergrössert. Fig. 3. Eine der Borsten a ; Fig. 4. Eine der Borsten b, noch stärker vergrössert. Die Süsswassergarneelen der Gattung Palaemon benutzen zur Reinigung des Leibes und namentlich auch der Kiemenhöhle das vorderste Fusspaar, Während das zweite Fusspaar bei manchen Arten kräftige Scheeren trägt, und bei alten Männchen bisweilen den Körper weit an Länge übertrifft, ist das erste zart und schlank und seine kleinen Scheeren kaum als Waffe zu Angriff oder 1) Kosmos 1880. Bd. VTI. S. 148—152. Fritz Müllers gesammelte Schriften. 53 834 Die Putzfüsse der Kruster. Verteidigung zu benutzen; seine Gelenke gestatten meist der Bewegung der ein- zelnen Glieder einen weiten Spielraum und namentlich ist die Hand so frei ein- gelenkt, dass sie sich nach allen Seiten biegen kann. Am Anfang der Hand stehen mehrere Gruppen kurzer, gekrümmter, am inneren Rande kammförmig gezähnter Borsten (Fig. 2 a, Fig. 3). Die Aussenseite beider Finger trägt mehrere Büschel langer, gerader, steifer Borsten, die mit kurzen, spitzen Dörnchen fiedrig besetzt sind (Fig. 2 b, Fig. 4) und der geschlossenen Hand ein bürstenartiges Aus- sehen geben. Endlich sind die einander zugewandten Innenränder der Finger mit je einer Reihe weitläufig stehender, schief nach der Spitze der Finger ge- richteter Zähne besetzt, welche zwei ineinander greifende Kämme bilden. Schon diese Ausrüstung mit Bürsten imd Kämmen würde wie die grosse Beweglichkeit der vorderen Scheerenfüsse schliessen lassen, dass dieselben als Putzfüsse dienen, und die Beobachtung lebender Tiere bestätigt es. Man sieht diese zarten, be- weglichen Gliedmaassen überall am Leibe und namentlich auch in der Kiemen- höhle herumtasten, bürsten oder auch mit der Hand zufassen, um Schmutzteilchen zu entfernen. Uebrigens sind die vorderen Scheerenfüsse nicht ausschliesslich Putzfüsse; schon bei der Arbeit des Putzens bemerkt man nicht selten, dass sie dieses oder jenes, was sie dabei erwischt, zum Munde führen, vmd es sind die Scheeren dieser Füsse, welche von den Leichen grösserer Tiere kleine Fleisch- stückchen abzupfen und in den Mund schieben. Ausserdem haben sie, nach Hensens schöner Beobachtung, noch ein drittes wichtiges Amt zu versehen. Im Grundgliede der vorderen Fühler hat Palaemon, wie viele andere Garneelen, eine nach oben mit einem Schlitz geöffnete Höhle, deren Wand Hörhaare trägt, und in der man als Hörsteine ein Häufchen feinen Sandes findet. Bei jeder Häutung geht mit der inneren Haut der Ohrhöhle auch der Hörsand verloren^ aber sofort lesen die kleinen Scheeren neue Sandkörnchen auf und stecken sie ins Ohr, um den Verlust zu ersetzen. Hensen liess einen Palaemon der Ostsee in einem Glase mit filtriertem Salzwasser sich häuten, dessen Boden mit Kristallen von Harnsäure bedeckt war; schon nach drei Stunden hatte das frischgehäutete Tier eine grosse Menge Harnsäurekristalle in beiden Ohrhöhlen. Es sind diese Garneelen (und einige andere Langschwänze) wohl die einzigen Tiere, die ihre Sinne durch äussere Hilfsmittel schärfen, indem sie, wie wir aus Quarz Brillen schleifen, so aus Quarzkörnchen sich ein Mikrophon konstruieren. Kein Wunder, dass Farres Entdeckung dieser Thatsache anfangs wenig Glauben fand. Doch zurück von dieser Abschweifung. Bei anderen Garneelen, z. B. Alpheus und Hippolyte, haben die beiden Scheerenfusspaare ihre Rolle vertauscht. Das erste ist bei weitem stärker und träg^ oft zu Schutz und Trutz überaus kräftige Scheeren ; das zweite ist dünn, schmächtig, mit nur kleiner Scheere versehen, und seine Beweglichkeit ist da- durch gesteigert, dass der Unterarm in eine Reihe kleinerer Glieder zerfallen ist. Als ich am Meere wohnte, habe ich versäumt, mir die lebenden Tiere darauf an- zusehen, aber ich zweifle nicht, dass bei ihnen das zweite Scheerenfusspaar die Reinigung der Kiemenhöhle besorgt. Statt des ersten oder zweiten ist bei manchen Krebsen das letzte (fünfte) Fußpaar in Putzfüsse verwandelt und scheint dann keine weitern Dienste zu leisten. So bei den Einsiedlerkrebsen, den Porzellankrebsen, den Galatheiden, Die Putzfüsse der Kruster. 835 von denen ich eine im Quellgebiet des Urugiuiy häufige Acglea lebend be- obachtete, bei der Tatuira (Hippa) u. s. w. Wie das erste Fusspaar von Palaemon haben die^e Putzfüsse, welche die Beschreiber in Museen aufgestapelter Leichen als verkümmerte, scheinbar nutzlose Anhänge zu bezeichnen pflegen, dünne, sehr beweglich mit einander verbundene Glieder, tragen gewöhnlich am Ende eine kleine Scheere und sind mit Bürsten, Kämmen und anderen namenlosen Putz- werkzeugen reichlich ausgerüstet. Ich habe sie bei allen genannten Tieren in Thätigkeit gesehen. Sie dienen hauptsächlich zur Reinigung der Kiemenhöhle. Ich wurde zuerst auf ihre Bedeutung aufmerksam bei einer Porcellana, die als Gast bei einem grossen Röhrenwurm (Chaetopterus) lebt, und welcher wegen des reichlichen Schleimes, den ihr Wirt absondert, Reinlichkeit besonders not thut. Ein eiertragendes Weibchen dieser Porcellana hielt ich einige Zeit lebendig, um die junge Brut zu erhalten; dasselbe Hess seine durch Länge und Beweglichkeit Kieferfüsse einer Bach- krabbe (Trichodactylus). 2mal vergrössert. Fig. 5 vorderer, Fig. 6 mittlerer, Fig. 7 hinterer oder äusserer Kieferfuss ; a äusserer, 7 innerer Ast. ^ Flederwisch (appendix flabelliformis) zum Fegen der Kiemenhöhle. ausgezeichneten Putzfüsse fast nie ruhen ; bald senkte es sie tief in seine Kiemen- höhle, bald kehrte es seinen Rücken ab, bald fuhr es damit zwischen den Eiern herum, wie ein Bäcker, der Teig knetet. Beim Flusskrebse, dem Hummer, den Langusten (Palinurus) und manchen anderen Langschvvänzen scheint keins der fünf Fusspaare geeignet, die Reinigung der Kiemenhöhle zu besorgen, und es wäre wohl der Mühe wert, durch Be- obachtung lebender Flusskrebse festzustellen, ob nicht auch sie eine besondere Vorrichtung dazu besitzen. Bei den Krabben legt sich der untere Rand des Panzers eng an den Leib an und es bleibt in der Regel für den Eintritt des Wassers in die Kiemenhöhle nur über dem ersten Fusspaare ein enger Spalt, der den Füssen unzugänglich ist. Hier trägt nun jeder der sechs Kieferfüsse aussen an seinem Grunde einen langen, rückwärtsgerichteten, in die Kiemenhöhle ragenden Anhang, eine Art Fleder- wisch, der die Gestalt eines schmalen Blattes oder eines Säbels hat und mit langen Haaren umsäumt ist. Der Flederwisch der vorderen Kieferfüsse liegt nach aussen, der der mittleren und hinteren nach innen von den Kiemen, zwischen ihnen und der Wand der Kiemenhöhle sich auf und ab bewegend und beide ab- fegend. Ein Teil der Haare am Rande der Flederwische — bisweilen sind es nur wenige, gewöhnlich wohl die Mehrzahl, bisweilen alle — ist nach dem Ende zu mit einer Doppelreihe von Zähnen oder Haken besetzt, deren Zahl und Gestalt 53* 836 Die Putzfüsse der Knister. je nach den Arten so verschieden ist, dass sich aus ihnen eine reiche Muster- karte von Kammformen zusammenstellen lässt. Ich gebe davon eine kleine Probe. Mit dieser Ausrüstung der Haare ist übrigens die Putzvorrichtung noch nicht abgeschlossen; auch diese Haare werden ihrerseits wieder ausgekämmt. In der Mittellinie der Kiemen findet sich an der der Innenwand der Kiemenhöhle zuge- Fig. 8 — 12. Haare von den in der Kiemenhöhle liegenden Anhängen der Kieferfüsse. Fig. 8. Trichodactylus. Fig. 9. Gelasimus. Fig. 10. Sesarma. Fig. 11. Lupea. Fig. 12. Hepatus. Fig. 13. Kieme einer neugeborenen Bachkrabbe (Tri- chodactylus), 45mal vergrössert. Diese Art verlässt das Ei als fertige Krabbe, wie es We s t \v o o d bei einer Land- krabbe (Gecarcinus) gesehen. Fig. 14. Die vogelkopfähnlichen Gebilde, stärker vergr. Fig. 15. Eines der Vogelköpfchen von der Kieme einer erwachsenen Bachkrabbe, 90 mal vergr. wandten Seite eine Reihe vorspringender Knöpfchen, deren jedes einen abwärts gerichteten, geraden oder leicht gebogenen Dorn trägt. Das ganze sieht aus wie ein langschnabliger Vogelkopf. Wenn die Flederwische zwischen Kiemen und innerer Wand der Kiemenhöhle auf und ab fegen, werden die den Haaren etwa anheftenden Schmutzteilchen durch diese Vogelköpfchen abgestreift werden. Bis jetzt kenne ich diese Einrichtung erst von einer einzigen Art, doch ist anzunehmen, dass sie auch bei vielen anderen Krabben sich finde. Itajahy, 29. Dez. 1879. Palaemon Potiuna^). Ein Beispiel abgekürzter Verwandlung. Süsswasser- und Landthiere haben nicht selten die ererbte Verwandkmg ab- gethan, welche ihre Verwandten im Meere noch durchlaufen. So unter den Zehn- füsslern die Flusskrebse und Landkrabben, zu denen ich eine hiesige Bachkrabbe (Trichodactylus) und unseren Gebirgskrebs (Aeglea Odebrechtii) als weitere Bei- spiele fügen kann. Wie mögen sich nun die in den süssen Gewässern wärmerer Länder so häufigen, bisweilen so riesigen Garneelen verhalten? Für die mir be- kannten Süsswassergarneelen kann ich diese Frage dahin beantworten, dass die im schiffbaren Itajahy lebenden Arten als Zoea das Ei verlassen. So eine kleine Atyine, ein Leander und einige Palaemon, Dagegen bietet ein hier in Bächen mit felsigem Bette nicht seltener Palaemon (P. Potiuna F. M.) ein merkwürdiges Beispiel abgekürzter Verwandlung. Statt der gegen 1200 Eier, die ich bei einem etwa gleich grossen Weibchen eines Palaemon aus dem Itajahy (P. Potiporanga F. M.) zählte, trägt das Weibchen der Bachgarneele deren selten mehr als 20, bisweilen nur 6 — 8; dafür sind sie um so grösser, etwa 2 mm lang, 1,5 mm dick. Die Jungen sind beim Auskriechen etwa 5 mm lang, während schon bei 25 mm Länge die Geschlechtsreife beginnt. Die Mutter rüstet ihre Brut aus mit Nahrung, welche ausreicht, bis sie sich zu vollständigen Garneelen entwickelt haben, ob- wohl dies erst auf der vierten Entwickelungsstufe nach dem Verlassen des Eies stattfindet. Das Junge häutet sich dreimal, ehe seine Mundtheile es zum Fressen befähigen. Die erste Häutung findet kurz, höchstens einige Stunden, die zweite etwa zwei, die dritte etwa vier Tage nach dem Auskriechen statt. Die Jungen haben von Anfang an vollständig das Gebahren von Garneelen, laufen am Boden umher, strudeln mit den Füssen des Hinterleibes, schnellen beim Erschrecken in mächtigem Satze empor oder zurück, ganz wie die Alten, während z. B. die Jungen von Leander Potitinga F. M. aus dem nahen Flusse ganz wie die Zoea anderer Palaemoniden mit dem Kopf nach unten nahe dem Wasserspiegel an der Lichtseite des Glases zu schweben lieben. Den Zustand, in welchem Palaemon Potiuna das Ei verlässt, bezeichne ich am kürzesten durch Hinweis auf Hippolyte polaris; beiderlei Larven unterscheiden I) Zoolog. Anz. 1880. 3. Jahrg. S. 152—157. Vergl. auch die portugiesische 1892 veröffentlichte Arbeit. 838 Palaemon Potiuna. sich wesentlich nur dadurch, dass Hippolyte polaris wohl entwickelte Mundtheile, Palaemon Patiuna wohl entwickelte Kiemen hat, während letztere von Kröyer bei Hippolyte vollständig vermisst wurden, erstere aber bei Palaemon nur als plumpe Stummel vorhanden sind. Eine eingehende Schilderung der Jugendgeschichte unserer Bachgarneele für die „Archivos" des Museums in Rio vorbehaltend, will ich hier eine kurze ver- gleichende Uebersicht der vier ersten Entwicklungsstufen (I — IV) und des er- wachsenen Thieres (V) geben. Stirnschnabel des Panzers. I. Sehr kurz, zahn- und haarlos. IL Mit einem Zahn am oberen Rande. III. 4 — 5 Zähne am oberen Rande, vor jedem ein Fiederhaar ; selten 6 Zähne oben, einer unten. IV. 5—6 Zähne oben, einer unten ; Unterrand haarlos. V. Meist 6 — 7, seltener 5 oder 8, sehr selten g Zähne am oberen Rande, vor jedem eine Reihe von Fiederhaaren; meist i oder 2, selten 3, äusserst selten o Zähne am Unterrande, der eine Doppelreihe von Fiederhaaren trägt. Vorderrand des Panzers. I. Ein einziger Stachel an der unteren Ecke. IL Ueber diesem noch ein zweiter Stachel. III. Ebenso, doch der untere Stachel steht etwas oberhalb der unteren Ecke. IV. Dies ist jetzt noch mehr der Fall; man möchte die Stacheln als Antennal- und Branchiostegalstachel ansehen, wonach das Thier jetzt zu Leander oder Palaemonetes zu stellen wäre. V. Ein Antennal- und ein Hepaticalstachel, kein Branchiostegalstachel. — Ob der Branchiostegal- stachel von IV verschwindet oder sich beim Wachsen des Panzers so verschiebt, dass er zum Hepaticalstachel von V wird, weiss ich nicht; ich vermuthe Letzteres und denke dabei an Arten wie Leander intermedius, von dem Stimpson sagt: „Spina branchiostegana .... retrorsum sita ut facile pro hepatica haberetur". — Man sollte, beiläufig bemerkt, mit der Benutzung der Panzerstacheln als Gattungs- und selbst als Artmerkmal sehr vorsichtig sein ; bei unserer kleinen Garneele aus der Gruppe der Atyinen ist die Unterecke des Vorderrandes meist abgerundet beim Männchen, in einen starken Stachel ausgezogen beim Weibchen. Vordere Fühler. I. Wie bei der jüngsten Zoea der Palaemoniden, z. B. von Palaemonetes vulgaris (nach Walter Faxen); langer ungegliederter Stiel; innerer Ast vertreten durch eine Fiederborste; äusserer Ast kurz, ungegliedert, am Ende mit ein oder zwei Riechfäden, einer geraden und einer krummen Borste. IL Mit wunderbarem Sprunge hat sich der Zoea-Fühler in einen Palaemon-Fühler verwandelt. Stiel dreigliedrig, mit den bekannten Stacheln, Fiederborsten und Hörhaaren; von letzteren namentlich Hensen's „untere Ouerreihe" deutlich. Ob Ohrhöhle vorhanden? — Aeste beide mehrgliedrig , der äussere zweispaltig. III. Ohrhöhle deutlich; darin Hörhaare einen Bogen von mehr als 180° bildend. In einer abgeworfenen Haut fand sich etwas Schmutz in der Ohrhöhle, der aber eben nur zufälliger Schmutz zu sein schien; die Hände taugen noch nicht zum Einbringen von Hörsteinen. IV. Die Zahl der Riechfäden ist noch auf zwei be- schränkt, am Ende des inneren Zweiges des äusseren Astes. V. Jedes der letzten Glieder (beim Männchen bisweilen über 10) des inneren Zweiges des äusseren Astes trägt je zwei Querreihen von je 2 oder 3 Riechfäden (deren Zahl beim Männchen also auf mehr als 60 an jedem Fühler steigen kann). Hintere Fühler. I. Innerer Ast bereits vielgliedrig, äusserer (Schuppe) bereits ungeghedert, mit etwa einem Dutzend Fiederborsten am Endrande, ohne Palaemon Potiuna. 839 Stachel am Ende des Aussenrandes. IT. Aussenrand der Schuppe mit Stachel, Endrand und Innenrand mit (über 30) Fiederborsten umsäumt. Damit hat der Fühler seine endgültige Gestalt erhalten. IIL, IV., V. Unterscheiden sich kaum durch zunehmende Länge und Gliederzahl der Fühk;rgeisscl. Die Vermehrung der Glieder findet (abweichend z. B. von den Termiten) in der ganzen Länge des Fühlers dadurch statt, dass am Grunde eines Gliedes sich ein kürzeres unteres Stück als neues, Anfangs borstenloses Glied abschnürt (wie es bei den Termiten ausschliesslich am dritten Fühlergliede geschieht). Kinnbacken. I. Kurze, plumpe, weiche, einfache, zahnlose Wülste. II. Ebenso, aber zweiästig. III. Ebenso, aber schon die Anlage der Zähne im Innern sichtbar. IV. Vorderer Ast mit drei spitzen Zähnen, hinterer mit mehreren Höckern und Zähnen. Ich konnte keinen Taster finden. Danach und nach den Stacheln des Panzers wäre das Thier jetzt ein Palaemonetes. V. wie IV., aber mit dreigliedrigem Taster. Vordere Kiefer. L — III. Borstenlose Stummel. IV. wie V. Hintere Kiefer. I. — III. Borstenlose Stummel ; nur die Athemklappe von Anfang an wohl beborstet und in Thätigkeit. IV. wie V. Vordere Kieferfüsse. I. — III. Lappen des Innenrandes borstenlos; äusserer Ast von Anfang an wie beim erwachsenen Thiere als Strudelast in Thätigkeit, am Ende mit vier längeren Fiederborsten. IV, kaum verschieden von V. Mittlere und hintere Kieferfüsse. I. Die äusseren Aeste, wie ge- wöhnlich Strudeläste; die inneren Aeste massig lang, aber kräftig, haben keine Schwimmborsten, wie sonst bei Zoea, sind dagegen mit langen, starken, hakig gebogenen Endklauen versehen und dienen dem Thiere als Laufbeine. IL und III. Die inneren Aeste, jetzt verhältnismässig schwächer, sind als Laufbeine durch die Beine des Mittelleibes abgelöst worden. IV. schon V. sehr ähnlich. Scheerenfüsse. I. und IL Plumpe, borstenlose, unbewegte, obwohl von Anfang an vollständig gegliederte Stummel. III. Etwas schlanker, hier und da einige winzige Börstchen ; wenig bewegt. IV. In voller Thätigkeit, wohl beborstet. Schneide der Scheeren unbewehrt. V. Schneide der vorderen Scheeren (Putzfüsse) mit kämm förmig gestellten Dornen. Hintere Scheerenfüsse bei sehr alten Männ- chen viel länger als der ganze Leib (Gattung Bithynis Philippi, Macrobrachium Sp. Bäte, — eine der überflüssigsten, haltlosesten Gattungen, die je ein Beschreiber von Museumsleichen in die Welt gesetzt). Lauffüsse des Mittelleibes. I. Borstenlose, unbewegte Stummel. IL Völlig ausgebildet, in voller Thätigkeit. IIL, IV., V. wie II. Kiemen. Von Anfang an wohl entwickelt und vollzählig vorhanden. Hinterleibsfüsse. I. Bis auf den Mangel der Borsten und Hafthäkchen wohl entwickelt. Der innere Ast des zweiten bis fünften Paares mit Haftanhang, der aber wegen der mangelnden Häkchen noch nutzlos ist. Diese Füsse sind bereits in Thätigkeit, wobei sich der Mangel der Hafthäkchen nicht selten durch ungleichzeitiges Schlagen der beiden Füsse desselben Paares verräth. IL Gefiederte Schwimmborsten am Rande der Endblätter; Haftanhänge durch Hafthäkchen ver- bunden. Von den Tastborsten auf der Hinterfläche der Endblätter ist erst eine am äusseren Blatte vorhanden. IV. Die Zahl der Tastborsten hat zugenommen. 840 Palaemon Potiuna. V. Beim Männchen findet sich der bekannte Anhang am inneren Aste des zweiten" Paares, der bei dieser Art besonders lang ist. Schwanz. I. Das Schwanzblatt als besonderes Stück abgesetzt, während der Zoea-Schwanz ein einziges Stück zu bilden pflegt. Endblatt sehr breit; Hinter- rand halbkreisförmig, mit 32 — 34, selten bis 37(1) Borsten besetzt; die beiden äussersten jeder Seite nur innen, alle übrigen zweiseitig gefiedert. Man erkennt schon im Innern die Anlage der seitlichen Schwanzblätter. IL Wie L, doch ist jetzt nur die äusserste Borste jeder Seite einseitig, die nächste schon zweiseitig gefiedert. — Die Anlage der seitlichen Schwanzblätter sehr augenfällig. — III. Die Schwanzfüsse vorhanden. Aeusseres Blatt längs des Innen- und Endrandes mit Fiederborsten umsäumt ; am Ende des unbeborstetcn Aussenrandes die zwei Dornen, welche alle Palaemoniden hier zu besitzen scheinen, schon vorhanden ; noch keine Andeutung der später von hier ausgehenden Quernaht. Inneres Blatt bedeutend kürzer und schmäler, als das äussere, nur am Ende mit 4 — 6 Fiederborsten. Nahe dem Grunde jedes der beiden Blätter stehen nahe dem Aussenrande einige Hör- haare; einige andere bemerkte ich an der leeren Haut auf der Fläche des äusseren Blattes. Das Mittelstück des Schwanzes sieht aus, als wären die Seitenblätter aus ihm herausgeschnitten (ähnlich, nach Walter Faxon. auf der dritten Entwickelungs- stufe von Palaemonetes vulgaris) ; am Ende ist es doppelt so breit als am Grunde und hat ausgebuchtete Seitenränder; die Borstenzahl des Endrandes ist um zwei gesunken, da die beiden äussersten Borsten sich in kurze Dornen verwandelt haben. — Die Gruppe der aufrechten Tastborsten am Grunde des mittleren Schwanz- stückes ist bereits durch zwei Borsten vertreten ; dagegen scheinen die Tastborsten des Endrandes noch zu fehlen. IV. Die inneren Blätter der Schwanzfüsse sind länger und breiter geworden und jetzt ringsum mit Fiederborsten besetzt. Dem Mittelstück scheinen die beiden Dornenpaare auf dem Rücken, die alle Palae- moniden besitzen, noch zu fehlen. V. Mittleres Schwanzstück nach hinten ver- jüngt; Endrand in eine scharfe mittlere Spitze vorspringend, jederseits mit zwei starken Dornen. Die Zahl der Fiederborsten scheint bis auf 8 oder g herab- zusinken und dann mit zunehmendem Alter wieder bis auf mehr als 20 zu steigen. Meist 2 oder 3 Paar Tastborsten auf dem Rücken des Hinterrandes. Es würde fast eine Beleidigung für die Leser sein, wollte ich die verschiedenen Thatsachen aus der Jugendgeschichte unserer Bachgarneele ausdrücklich hervor- heben, welche für allgemeinere Fragen zu verwerthen sind. Nur einige Worte will ich noch hinzufügen über die Verhältnisse, unter denen diese Art lebt. LTnsere Bäche haben sich meist tiefe Schluchten gegraben, in denen sie mit zahlreichen kleineren und grösseren Fällen rasch zu Thale eilen; die ruhigeren Tümpel am Fusse der Wasserfälle sind der Lieblingsaufenthalt der Garneelen. Schwämme ihre junge Brut umher, wie die Zoea ihrer flussbewohnenden Gattungsgenossen, so hätte sie sicher zum grösseren Theile nach jedem heftigen Gewitterregen „der strömende Giessbach hinweg im Strudel der Wellen gerissen". SoUte die Art in diesen oft so wilden Bächen gedeihen, so musste entweder die Zoea-Zeit eine so kurze werden, dass Aussicht war, sie oft ohne Gewitter zu durchleben, oder es musste schon die Zoea sich in Schlupfwinkel zu verkriechen und da sich festzuhalten lernen. Beides ist geschehen ; in drei- bis viermal 24 Stunden ist jetzt nicht nur die Zoea-, es ist die ganze Larvenzeit vorüber und Palaemon Potiuna. 841 schon die Zoea-GHedmassen, die jetzt bisweilen kaum noch minutenlang thätig sind, haben ihre inneren Aeste zu Gangbeinen entwickelt, die auffallend kräftige, scharfe, stark gekrümmte Endklauen tragen. Welche Umstände mögen wohl bei der hochnordischen Hippolyte polaris eine Abkürzung der Verwandlung bedingt haben, die derjenigen des Palaemon Potiuna so ähnlich ist und die vielleicht eben so vereinzelt in ihrer Gattung da- steht ? Wenigstens habe ich die Jungen einer Hippolyte bei Desterro als gewöhn- liche Zoea ausschlüpfen sehen. Blumenau, 20. Januar 1880. Berichtigung '). i) Die Angabe, dass auf der zweiten Entwickelungsstufe der Stirnschnabel nur einen Zahn besitze, beruht wahrscheinlich auf einem Irrthum ; wo nicht, so ist das ein seltener Ausnahmefall. Gewöhnlich sind drei oder vier, seltener zwei Zähne vorhanden. 2) Die beiden Stacheln am Vorderrande des Panzers auf der zweiten bis vierten Entwickelungsstufe sind als Stimpson's „angulus orbitae externus" und „Spina antennalis" zu deuten. Der einzige Stachel der jüngsten Thiere ist trotz seiner Lage an der unteren Ecke des Vorderrandes der ,, angulus orbitae externus". Die Bewaffnung des Panzers auf der zweiten bis vierten Stufe entspricht also nicht derjenigen von Leander und Palaemonetes, sondern derjenigen von Palaemon Gaudichaudii M. Edw. (= Bithynis longimana Phil.) und von Palaemon africanus (Macrobrachium africanum Sp. B.) Blumenau, Sa. Catharina, Brazil, 20. März 1880. I) Zoolog. Anz. 1880. 3. Jahrg. S. 233. Aehnlichkeit von Blumen und Früchten^). Aus einem Briefe an Hermann Müller in Lippstadt. Mit I Textfigur. Dass Blumen und Früchte in mehreren ihrer hervorstechendsten Eigen- tümlichkeiten übereinstimmen, ist schon wiederholt und mit Recht hervorgehoben worden. Beide locken durch augenfällige Farbe, angenehmen Duft und be- sondere, sehr häufig zuckerhaltige Genussmittel Tiere an sich, die ihrem eigenen Nahrungsbedürfnisse folgend, ohne es zu wissen und zu wollen, ihre freie Orts- bewegimg zum Nutzen der im Boden festgewurzelten Pflanze verwenden und ihr die wesentlichsten Lebensdienste leisten : die Blumen ihre Kreuzungsvermittler, die ihnen eine reichliche und entwicklungsfähige Nachkommenschaft verschaffen, die Früchte ihre Aussäer, die die erzeugten Nachkommen an neue, zum Teil günstigere Wohnsitze verpflanzen. Aber kein einziger Fall dürfte vielleicht bis jetzt bekannt sein, in dem die Aehnlichkeit zwischen Blumen und Früchten über- raschender in die Augen spränge, als in einem Beispiele, über das mir mein Bruder Fritz Müller in einem Briefe vom lo. Februar d. J. von Südbrasilien aus mit folgenden Worten berichtet: „Im Küstengebiete ist eine Clusia (Guttifere) häufig, ein Strauch mit grossen, glänzenden, lederartigen Blättern und weissen, duftenden, zweihäusigen Blumen. In der Nähe von Cambriu stiessen wir auf einen solchen Strauch (später am Itajahy auf noch mehrere), der mit ganz fremdartigen Blumen bedeckt schien. Bei näherem Zusehen waren es aber nicht , „^V' Blumen, sondern die aufgesprungenen, ganz blumenähnlichen Früchte. ^~'^|i| In der Mitte eine abgestumpfte Mittelsäule mit fünf vorspringenden Kanten und ebensoviel einspringenden Winkeln. Um sie breiten sich sternförmig die fünf Klappen der Frucht aus; Säule und Klappen weisslich. Auf jedem dieser anscheinenden Blumenblätter liegt ein länglicher, mennigroter Körper — der in eine weiche, ölreiche, rote Masse eingebettete Samen." Lippstadt, 1880. Hermann Müller. I) Kosmos 1880. Bd. VII. S. 306—307. Branch-cutting Beetles ^). It is rather curious that thc story wliich Mr. Ober was told in thc Carrib- bees (Nature, vol. xxii. p. 216) should be generally believed in Southern Brazil also, viz., that a large beetle "seizes a small branch of a tree between its enor- mously long nippers, and buzzes round and round the branch tili this is cut of." Only in the Antilles this cutting of branches is attributed to a huge Lamellicorn, the Dynastes lierciiles, and in Santa Catharina to a large Longicorn, the Macro- dontia cet'vicomis. Everybody here will teil you this story, but nobody, as far as I know, has ever seen the beetle at work. Branches are often cut off by some animal. On a camphor-tree in my garden six branches, from 9.5 to 13.5 centim. in circum- ference, have been cut off; and on a Pithecolobium for some time almost every morning a fresh branch had fallen down, some being' even much thicker than those of the camphor-tree. The cutting is always in a plane perpendicular to the axis of the branch, as it would be were it made by a rotating beetle ; but in this case an annular incision of equal depth all round the branch would be pro- duced, and this I have never seen. On the contrary, the incision, which, causes the branch to break off, consists of two parts, occupying the lower and the upper face of the branch, meeting on one or on either side of it, and being separated by a wedge-shaped interval, which is broken by the weight of the branch, and is narrower or broader according to its toughness. Once — many years ago — I came to the Pithecolobimn tree early in the morning, when a branch was just falling down, and with it came down the ani- mal by which it had been amputated. It was a Longicorn beetle, the well-named Oncideres aniptitator , Fabr. I have since seen specimens of some other species of the same genus, which had been caught by others in the act of cutting bran- ches. It is almost unnecessary to add that they do so by gnawing, and not by whirling round the branches. Blumenau, Santa Catharina, Brazil, 13. August 1880. i) Nature 1880. Vol. 22. p. 533. Paltostoma torrentium ^). Eine Mücke mit zwiegestaltigen Weibchen. Mit 1 1 Textfiguren. Unter den Schmetterlingen kennt man mehrere Arten, bei denen die Weib- chen in zwei in Farbe und Zeichnung und bisweilen selbst im Flügelschnitt ganz verschiedenen, durch keinerlei Zwischenformen verbundenen Gestalten auftreten. Einen dieser Fälle (Papilio Memnon) hat Wallace in seinem Werke über den Malayischen Archipel 2) mit bekannter Meisterschaft besprochen und durch Ab- bildungen veranschaulicht. Eine ähnliche Zwiegestalt der Weibchen habe ich im vorigen Jahre bei einer Mücke kennen gelernt, welche durch ihre höchst eigen- tümlichen Larven meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Die zweierlei Weibchen unterscheiden sich durch die Grösse der Augen, sowie im Bau der Mundteile und Füsse, in Teilen also, denen man bei der Anordnung der Kerfe den höchsten Wert beizumessen pflegt und die man auch bei Zweiflüglern, welche unserer Mücke nahestehen, zur Unterscheidung von Gattungen und selbst von Gruppen höheren Ranges benutzt hat^). Die Unterschiede sind so tiefgreifend, dass man auf eine völlig verschiedene Lebensweise der beiden Gruppen von Weibchen schliessen darf. Bei den Schmetterlingen pflegt die eine Gruppe der Weibchen sich in jeder Beziehung weit enger an die Männchen anzuschliessen ; nicht so bei unserer Mücke. Die eine Gruppe der Weibchen stimmt fast voll- ständig mit den Männchen überein im Baue der Mundteile, hat aber ganz ab- weichend gebaute Füsse; die zweite Gruppe dagegen besitzt denen des Männchens ähnliche Füsse, aber ganz verschiedene Mundteile. Ehe ich diese Verhältnisse im einzelnen darlege, muss ich wohl nachweisen, dass die zweierlei so weit verschiedenen Weibchen wirklich zur selben Art ge- hören. Im Garciabache und seinen Zuflüssen, dem Caetebache und Jordan (und wahrscheinlich in vielen anderen Bächen des Itajahygcbietes) findet man an Felsen und grösseren Steinen, über welche der Bach in brausendem Strome hintost, graue, asselähnliche Larven, deren Leib durch tiefe seitliche Einschnitte in sechs Ab- schnitte geteilt ist. Jeder Abschnitt trägt in der Mitte der Bauchseite einen höchst I) Kosmos 1880/81. Bd. VIII. S. 37—42. Vergl. auch Ges. Schriften^S. 801. 2), Deutsche Ausgabe, Bd. I. S. 182. 3) So unterscheidet Osten-Sacken unter den Tipularien Limnobiaeformes mit unterhalb gezähnten Fussklauen und die I>imnophilaeformes und Eriopteraeformes mit einfachen Fussklauen. Paltostoma torrentium. 845 zierlichen Saugnapf und mittelst dieser Saugnäpfe vermögen die Larven im wil- desten Wasser sich festzuhalten und munter umherzukriechen. Die Larven ver- wandeln sich in schildförmige Puppen mit stark gewölbter Rücken- und ebener Bauchfläche, letztere ist dem Felsen fest aufgekittet, so dass es einiger Uebung bedarf, um sie unversehrt abzulösen. Wie manche andere, in stark bewegtem Wasser (in der Meeresbrandung, in Wasserfällen und Stromschnellen) lebende Tiere sterben auch diese Larven und Puppen bald, wenn man sie in ruhiges Wasser bringt, und es ist mir nicht geglückt, aus den Puppen die Mücke aus- schlüpfen zu sehen. Dagegen kann man leicht aus Puppen, die dem Auskriechen nahe sind — was man an der schwarzen Färbung der anfangs weissen Bauch- fläche erkennt — die Mücken herausziehen. Dies habe ich oft und mit sehr zahl- reichen Puppen gethan und aus Puppen, die ich von demselben Orte heimgebracht und die keinerlei Verschiedenheit zeigten, stets nur einerlei Männchen, aber immer zweierlei Weibchen erhalten. Dazu stimmten die zweierlei Weibchen vollkommen mit einander überein im Baue der Brust und des Hinterleibes, namentlich auch der Anhänge am Ende des letzteren, die sonst fast immer von Art zu Art sich Fig. I. Paltostoma torrentium F. M. Männchen (372 : i)- Fig. 2. Kopf des kleinäugigen, honigsaugenden Weibchens, von oben (6V2 : i). Fig. 3. Kopf des grossäugigen, blutsaugenden Weibchens, von vorn (6^2 '■ I) "^ Oberlippe, kb Kinn- backen (Mandibel), kf erstes Kiefer- paar (Maxillen), kt Kiefertaster, 2// Unterlippe. ändern, ebenso im Baue der Flügel und der Beine mit Ausnahme der Füsse; sie unterscheiden sich eben nur durch die Füsse, die Mundteile und die Grösse der Augen. An letzterem Merkmale, der verschiedenen Grösse der Augen, lassen sich auf den ersten Blick die Männchen und die zweierlei Weibchen unterscheiden. Bei den Männchen (Fig. i) nehmen die Augen fast den ganzen Kopf ein, stossen auf dem Scheitel zusammen und lassen hier nicht einmal Raum für die drei Neben- augen, welche, ebenfalls grösser als bei den Weibchen, genötigt sind, sich auf die Spitze eines besonderen Stieles zu flüchten, der sich hinter den Augen erhebt. Bei der einen Form der Weibchen (Fig. 3) nehmen die Augen ebenfalls fast die ganze Länge des Kopfes ein, lassen aber auf dem Scheitel ein breites Feld zwischen sich, während sie bei der zweiten Form (Fig. 2) kaum halb so lang und breit sind. Die Mundteile sind nur bei den grossäugigen Weibchen vollzählig vor- handen; man findet bei ihnen dieselben Teile, wie bei den blutsaugenden Weib- chen der Stechmücken (Culex), der Bremsen (Tabaniden) und anderen zweiflügeligen Ungeziefers, das uns mit giftigen Stichen verfolgt. Vom Stirnrande des Kopfes springt die Oberlippe vor (Fig. 3 ol, Fig. 5 ol) in Gestalt eines spitzen, ziemlich breiten Dolches, dessen glatte, d. h. haar- und zahnlose Schneiden nach rechts und links sehen. Unter der Oberlippe liegt ein 846 Paltostoma torrentiiim. zweiter unpaarer Dolch (Fig. 4), fast so lang wie die darüberliegende Oberlippe, aber schmäler; seine Ränder sind mit scharfen, nach der Spitze des Dolches zu gekrümmten Zähnen bewehrt, und etwas unterhalb seiner Spitze öffnet sich ein Kanal, der ihn in seiner ganzen Länge durchzieht und rückwärts über ihn hinaus verfolgt werden kann; es ist dieser zweite Dolch, dem man sehr \'erschiedene Deutungen gegeben hat, offenbar der Giftstachel der blutsaugenden Zweiflügler, und in anderen Insektenordnungen scheint kein ihm entsprechender Teil sich zu finden. Rechts und links von dem gezähnelten Dolche liegt ein langes, dünnes und schmales Sägeblatt (Fig. 3 kb, Fig. 6), ebenfalls bis zur Spitze der Oberlippe reichend, dessen Innenrandspitze rückwärts gerichtete Zähne träg^; es sind die beiden Kinnbacken (Mandibeln), die in der Ordnung der Zweiflügler nur bei blutsaugenden Weibchen sich finden ^). Dann folgt ein paar weit kürzerer und schwächerer, mehr borsten- als dolchähnlicher Gebilde (Fig. 3 kf), die durch den Besitz aussen an ihrem Grunde entspringender langer Taster (Fig. 3 kt) sich als "■ '• °" Fig. 4 — 6. Mundteile eines blutsaugenden ol \m m i Weibchens (40 : i). 2 1 \ j Fig. 4. Spitze des unpaaren, unter der I V. J Oberlippe liegenden Dolches. ...0/ 1 >«^ pjg ^ Spitze der Ober- und Unterlippe, ^ ol Oberlippe, td Unterlippe, // Züngelchen (ligula ?). Fig. 6. Spitze der Mandibel. Fig. 7. Spitze der Oberlippe (ol) und des darunter liegenden unpaaren Dolches {g) von einem Männchen (40 : i). Fig. 8. Kiefer und Kiefertaster von einem Männchen (20 : i). erstes Kieferpaar ausweisen ; endlich zu unterst, wie eine Scheide die sämmtlichen Stechwerkzeuge umfassend, die sogenannte Unterlippe (Fig. 3 iil, Fig. 5 iil), d. h. das verwachsene zweite Kieferpaar. Ein paar tasterähnliche Fortsätze, die von der Oberseite der Unterlippe ausgehen (Fig. 5 11) dürfte als Züngelchen (ligula) zu deuten sein. Bei den kleinäugigen Weibchen und bei den Männchen fehlen, wie bei allen nicht blutsaugenden Zweiflüglern, die Kinnbacken vollständig. Der unter der Oberlippe liegende unpaare Dolch (Fig. 7 g) entbehrt der Zähne, und der ihn durchziehende Kanal öffnet sich an, nicht unterhalb der Spitze. Zwischen den Mundtheilen der Männchen und der kleinäugigen Weibchen besteht kaum ein anderer Unterschied, als dass bei jenen die Spitze der Oberlippe (Fig. 7 oJ) be- i) Allerdings betrachten viele Entomologen bei den Asiliden, Bombyliden, Syrphiden u. s. w. das unter der Oberlijipe liegende unpaare Gebilde als entstanden durch Verwachsung der Kinnbacken, als „stylet mandibulaire" (Milne Edwards). Ich kann mich dieser Auffassung nicht anschliessen. Vergleicht man mit den Mundtheilen der Männchen oder kleinäugigen Weibchen von Paltostoma diejenigen gewisser Syr- phiden, so findet man genau dieselben Theile in genau derselben gegenseitigen Lage : die Oberlippe, den unpaaren Dolch, das tastertragende erste und das zur Unterlippe verschmolzene zweite Kieferpaar. Der unpaare Dolch ist in beiden Fällen durchzogen von emem Längskanal, der sich nach rückwärts über ihn hinaus foJtsetzt; bei einigen Syrphiden sah ich ihn jenseits des Dolches sich gabeln und seine Wände ver- sehen mit schraubenförmigen Verdickungen, wie man sie oft in dem Ausführungsgange der Speicheldrüsen bei den Insekten antrifft. Es scheint mir zweifellos, dass in beiden Fällen der unpaare Dolch dieselbe Be- deutung hat. Bei Paltostoma kann er kein „stylet mandibulaire" sein, weil neben ihm die grossäugigen Weibchen Mandibeln besitzen ; er kann es ebenso wenig, scheint mir, bei den Syrphiden und anderen Zweiflüglern. Paltostoma torrentium. 847 haart, bei diesen wie bei den grossäugigen Weibchen, nackt ist. Im Baue der Kiefer (Fig. 8) und der UnterHppe seigt sich keine auffallende Verschiedenheit zwischen den Männchen und den zweierlei Weibchen. Eine ähnliche Verschiedenheit wie zwischen den Mundtheilen der gross- äugigen Weibchen von Paltostoma torrentium einerseits, denen der kleinäugigen Weibchen und der Männchen andererseits besteht bekanntlich zwischen den beiden Geschlechtern aller derjenigen Zweiflügler, deren Weibchen dem Blute der Säuge- thiere nachgehen. Diese Weibchen (von Culex, Simulia, Tabanus u. s. w.) sind mit freien, wohlentwickelten Kinnbacken ausgerüstet, ihren Männchen fehlen die Kinn- backen vollständig. Diese Männchen hat man honigsaugend auf Blumen getroffen ; mein Bruder Hermann Müller fand das Männchen von Chrysops coecutiens auf Potentilla fruticosa, das Männchen von Culex pipiens auf Rhamnus frangula. Auch ich habe vor kurzem auf den Blumen einer Mikania Mücken (Culex) in grosser Zahl gesehen und alle, die ich fing, waren Männchen. Man wird kaum irre gehen, wenn man die grossäugigen, mit Kinnbacken versehenen Weibchen von Paltostoma torrentium als Blutsauger, die kinnbackenlosen kleinäugigen Weib- chen und die Männchen als Honigsauger betrachtet. 9. 10. Fig. 9 — II. Letztes Fussglied (/), Klauen {k) und Fnsslappen (/) (40 : i). Fig. 9. Von einem honigsaugenden Weibchen. — Fig. 10. Von einem blutsaugenden Weibchen. — Fig. 1 1 . Von einem Männchen. Die Füsse, durch welche die drei Formen dieser Art ebenso auffällig sich unterscheiden, wie durch die Grösse der Augen, sind am einfachsten gebildet bei den kleinäugigen honigsaugenden Weibchen (Fig. g). Bei diesen ist das letzte, fünfte, Fussglied (durchschnittlich 0,5 mm lang) schlank, gerade, durchweg gleich dick und gleichmässig mit nicht sehr dicht stehenden kurzen Haaren besetzt. Die kräftigen, sichelförmig gekrümmten Endklauen sind einfach und weniger als halb, bisweilen weniger als ein Drittel so lang, als das letzte Fussglied (durchschnittlich 0,18 mm). Bei den grossäugigen blutsaugenden Weibchen (Fig. 10) und bei den Männ- chen (Fig. 11) ist das letzte Fussglied weit kürzer (durchschnittlich 0,34 mm lang), dicker, am Anfang der unteren Seite mit einer dicken Wulst versehen, von welcher lange, steife, stark gekrümmte Haare entspringen ; weiterhin ist die Unterseite des letzten Fussgliedes mit einem Flaume aus sehr zarten, kurzen Härchen bedeckt. Die Klauen sind dagegen weit länger als bei den honigsaugenden Weibchen (durchschnittlich 0,28 mm), bisweilen fast so lang, wie das letzte Fussglied (durch- schnittlich '^/r, SO lang, bei den honigsaugenden Weibchen nur ^lu); sie sind nur schwach gekrümmt; bei den blutsaugenden Weibchen (Fig. 10) ist ihr unterer Rand längs des ersten Drittels mit zarten Haaren dicht besetzt und weiterhin eingekerbt; bei den Männchen (Fig. 11) ist derselbe Rand fast in ganzer Länge kammförmig gezähnt. 848 Paltostoma torrentium. Für die Männchen hat die abweichende Bildung der Füsse und die Grösse der Augen nichts auffallendes. Auch bei den Männchen anderer Kerfe sieht man ja häufig genug grosse, den ganzen Kopf einnehmende Augen (unter den Zwei- flüglern z. B. bei den Bremsen), die beim Erspähen der Weibchen, sowie eigen- thümlich ausgerüstete Füsse, die beim Festhalten derselben dienen. Wie aber mag CS kommen, dass in der Grösse der Augen, wie im Baue der Füsse die blut- saugenden Weibchen den Männchen weit näher stehen, als die honigsaugenden, welche doch im Baue der Mundtheile und höchstwahrscheinlich in ihrer Ernährungs- weise mit ihnen übereinstimmen? Wie die Männchen ihre Weibchen aufzusuchen, zu erhaschen und zu packen haben, so haben auch die blutsaugenden Weibchen lebende Tiere, von deren Blute sie leben, zu erspähen, zu verfolgen und sich an ihnen festzuhalten. Und keines dieser Tiere macht sich durch grelle Farben be- merklich. Die Blumen dagegen locken ihre Gäste durch weithin leuchtende Farben, und einmal erblickt, fliehen sie nicht; so mögen die honigsaugenden Weibchen mit kleineren Augen und mit einfacheren Füssen ausreichen. Die kleine Familie der Blepharoceriden, zu welcher Paltostoma gehört ^), ist auch in Europa durch mehrere Arten vertreten und auch aus der Gattung Palto- stoma wurde eine Art am Monte Rosa gefangen. So darf man vielleicht hoffen, bald zu erfahren, ob die Sonderung der Weibchen in blut- und in honigsaugende sich auf unser brasilisches Paltostoma torrentium beschränkt oder ob sie auch bei ihren Gattungsgenossen oder selbst in anderen Gattungen der Familie sich zeigt. Doch wie dem auch sei, möge diese Zwiegestalt der Weibchen sich früher oder später herausgebildet haben, jedenfalls werden in einer früheren Zeit, wie bei Stechmücken und Bremsen, alle Weibchen gleichgebildete Mundtheile besessen und in gleicher Weise sich ernährt haben, und in noch früherer Zeit wird dasselbe für beide Geschlechter all der Zweiflügler gegolten haben, deren Weibchen heute Blut, deren Männchen Honig saugen. Ehe die Männchen der Mücken, Bremsen u. s. w. ihre Kinnbacken verlieren konnten, mussten sie sich an eine Kost gewöhnt haben, bei deren Gewinnung die Kinnbacken überflüssig waren. Diese erste Stufe, auf welcher Männchen und Weibchen verschiedener Kost nachgehen ohne abweichenden Bau ihrer Mundtheile, treffen wir heute bei vielen Bienen. Selbstverständlich werden Blumen, die ihren Besuchern nur Blüthenstaub bieten (Cassia, Melastoma, Solanum u. a.), nur von weiblichen Bienen besucht, die diesen Blüthenstaub für ihre Brut eintragen. Aber auch unter den Honigblumen werden die einen vorwiegend oder ausschliesslich von den Weibchen, andere von den Männchen gewisser Bienenarten besucht. Hier einige Beispiele. Eine Ange- lonia in meinem Garten wird gelegentlich von einer smaragdgrünen Euglossa be- sucht ; im Laufe der Jahre habe ich deren eine grosse Zahl gefangen, aber nie ein Weibchen darunter getroffen, so dass ich seit lange die lebenden Thiere dreist aus dem Käscher nehme, ohne einen Stich zu fürchten. Vor Jahren hatte ich, zum Anpflanzen von Hecken, mehrere tausend junger Zitronenbäumchen gezogen; zwischen diesen Bäumchen hörte man Tag für Tag das laute Gesumme einer blauen Euglossa, welche die junge Rinde abnagte und viele Bäumchen zum Ab- sterben brachte; es waren ausschliesslich Männchen. An einem stattlichen Salbei I) Siehe Prof. Brauers Mittheilung im „Zool. Anzeiger" 3. 1880, No. 51, S. 134: „Eine un- bewusste Entdeckung Fritz Müllers". Paltostoma torrentium. 849 in meinem Garten erschienen in grosser Zahl die durch überaus lange Fühler aus- gezeichneten Männchen der prächtig blauen Melissoda T.atreillii, aber nur sehr selten ein Weibchen. Aehnliches habe ich an verschiedenen Arten von Centris und Tetrapedia beobachtet. Es kann diese verschiedene Geschmacksrichtung der beiden Geschlechter leicht zu irrigem Urtheil über ihre Häufigkeit führen; so ist zu manchen Zeiten das einfarbig schwarze Weibchen unserer grössten Biene, einer Xylocopa, häufig an verschiedenen Blumen blüthenstaubsammelnd oder honig- saugend anzutreffen ; das fuchsig braune Männchen dieser Xylocopa habe ich, soviel ich mich entsinne, ein einziges mal, in der Nähe von Desterro, fliegen sehen. Und doch finden sich in den Nestern dieser Art die jungen Männchen und Weib- chen stets in nahezu gleicher Zahl. Dies beiläufig. Die Angelonia, der Salbei, die Zitronenbäumchen und, soweit meine Erfahrung reicht, alle von Bienenmännchen bevorzugten Pflanzen sind mehr oder weniger gewürzhaft; es ist möglich, dass auch den Weibchen würziger Honig besser munden würde; aber da sie nicht nur, wie die Männchen, sich selbst zu ernähren haben, da sie Futtervorräthe für ihre Brut sammeln und in oft mit viel Mühe und Zeitverlust gebauten Nestern ver- wahren müssen, so bleibt ihnen keine Müsse, nach dem leckersten Honig umher- zuspähen, sie müssen die am reichlichsten fliessenden, am leichtesten auszubeutenden Honigquellen aufsuchen. In ähnlicher Weise mag in jener fernen Vergangenheit, als noch beide Ge- schlechter der Mücken vollzählige Mundtheile besassen, ein geringeres Nahrungs- bedürfnis den kurzlebigen Männchen erlaubt haben, süssem Blumenhonig nach- zugehen und sich der stickstoffreichen Blutnahrung zu entwöhnen, welche ihren Weibchen zur Zeitigung der Eier und für ihre eigene Ueberwinterung unentbehr- lich blieb. Auch für die Weibchen konnte das Blut der Säugethiere und konnten die zu dessen Erbohrung benutzten Kinnbacken entbehrlich werden, wenn sie entweder in einem andern stickstoffreichen Futter Ersatz fanden, wie viele blüthen- staubfressende Fliegen, oder wenn die Eier schon während der Puppenzeit zu voller Grösse heranwuchsen. Letzteres scheint bei Paltostoma der Fall zu sein. Diese Bemerkungen wollen natürlich nicht die verschiedene Ernährungsweise der beiden Geschlechter bei den blutsaugenden Mücken und das Auftreten der zweierlei Weibchen bei Paltostoma erklären; sie wollen nur hinweisen auf einige Punkte, die, wie mir scheint, bei dem Versuche einer Erklärung beachtet zu werden verdienen. Fritz Müllers gesammelte Schriften 54 Die Imbauba und ihre Beschützer^). (Azteka instabilis). Mit 8 Textfiguren. Kein zweiter Baum trägt in reicherem Masse dazu bei, unsern Landschaften ihr eigenthümUches tropisch-amerikanisches Gepräge zu verleihen, als es die Im- bauba (Cecropia) thut. Palmen und Bananen, bambusähnliche Gräser und Baum- farne gedeihen in der alten, wie in der neuen Welt; unseren Armleuchterbäumen aber hat die östliche Halbkugel nichts zur Seite zu stellen. Schlank erhebt sich auf einem wunderlichen Luftwurzelgestell der drehrunde weisse Stamm zu einer Höhe von zwanzig Meter und darüber, an Flussufern oder neu sich bewaldenden, abgeholzten Berghängen, oft weit alles niedere Gestrüpp ringsumher überragend. Erst in einer Höhe von etwa zehn Meter pflegt der Stamm seine ersten Aeste zu entsenden. In nahezu gleicher Höhe und daher anscheinend quirlförmig, den Armen eines Kandelabers vergleichbar, strahlen drei bis fünf (selten mehr) dünne einfache (d. h. nicht weiter verzweigte) Aeste fast wagerecht vom Stamme aus, nur am blatttragenden Ende sich leicht aufwärts biegend. Dem ersten Astquirle folgt nach längerer Frist (vielleicht von einem Jahre), und deshalb in ziemlicher Entfernung, ein zweiter, diesem ein dritter u. s. w. Die Aeste jedes Quirls sind, weil jünger, natürlich kürzer, als die des vorhergehenden '^). Das Ende jedes Astes, wie das des Stammes, schmückt ein Kranz riesiger, langgestielter, schildförmiger, tiefgelappter, unten weisslicher Blätter^). 1) Kosmos 1880/81, Bd. VIII. S. 109— 115. 2) Eine Imbauba, die ich eben am Saume meines Waldes fällte, um bestimmte Massangaben machen zu können, war 18,2 m hoch, hatte i m über dem Boden, wo der eigentliche Stamm begann, 0,8 m Um- fang; unter den ersten Aesten, in 11,5 m Höhe, betrug der Umfang 0,46 m, an der Spitze 0,15 m. Fünf Astquirle; der erste in 11,5 m Höhe, mit zwei 4,2 m langen Aesten, die am Grunde 0,19 m Umfang hatten; der zweite, 2,5 m darüber, mit fünf 4 m langen Aesten von 0,16 m Umfang; der dritte, 1,8 m höher, mit drei 2,8 m langen Aesten von 0,14 m Umfang; der vierte, 1,1 m höher, mit drei 2,1 m langen Aesten von 0,12 m Umfang; der fünfte Astquirl endlich, wieder 0,7 m höher, mit drei 1,3 m langen Aesten von 0,1 m Umfang. Ueber diesen jüngsten Astquirl erhob sich die Spitze des Stammes noch 0,6 m. 3) Blattstiele etwa 0,5 m lang; Durchmesser der Blattfläche 0,5—0,7 m; Zahl der Lappen 9 — 13. An demselben Baume pflegt diese Zahl nur um eins zu schwanken, an dem eben gefällten Baume waren die Blätter theils 9-, theils lo-lappig; man findet andere mit 10- oder 11-, andere mit 12- oder 13-lappigen Blättern u. s. w. Die Blattkronen nahmen die letzten 0,2 m der Aeste und des Stammes ein und bestanden aus je 10 — 13 Blättern; im ganzen trug deren der Baum 197. Die Blätter der Imbauba stehen schrauben- förmig, gewöhnlich */j. des Stengelumfangs von einander entfernt, seltener ^u» s^^'' selten *'7j9 1 ^^° Die Imbauba und ihre Beschützer. 851 Die Imbauba ist ein echtes Kind des wärmeren Amerika. Als solches er- weist sie sich durch die wunderbare Vollkommenheit der Ausrüstung", mittelst deren sie sich den Schutz eines kampfbereiten Heeres gegen die Verwüstungen der Tragameisen sichert. Diese Thiere, Arten der Gattung Oecodoma, unter denen die in Santa Catharina glücklicherweise fehlende Sauva (Oecodoma cephalotes) die gefürchtetste, sind im wärmeren Amerika die verderblichsten Feinde der Pflanzen- welt. In zahlreichen Schaaren überfallen sie ihnen zusagende Pflanzen, in kurzer Zeit sie entlaubend, um die zerstückelten Blätter heimzutragen und dort, wie Thomas Belt zuerst berichtet, Pilze auf ihnen zu ziehen, von denen sie leben. Schutz gegen Tragameisen ist daher hier für jede Pflanze vom höchsten Werte. Viele Pflanzen haben diesen Schutz durch giftige oder doch den Tragameisen widrige Stoffe erlangt, viele andere Pflanzen dadurch, dass sie mancherlei andere Ameisenarten als Verteidiger gegen die Tragameisen an sich ziehen. Dies ge- schieht gewöhnlich durch Honigdrüsen, die am Blattstiele oder auf der Blattfläche sich entwickeln. In manchen Fällen, wie bei verschiedenen Orchideen und Big- noniaceen, werden nur die Blüthen durch Honigdrüsen der Kelch- oder der Deck- blätter geschützt. Besonders fleissig pflegen hier solche Honigdrüsen von einer kleinen schwarzen Ameise (Crematogaster) besucht zu werden, einem so winzigen Thierchen, dass ich lange zweifelte, ob dasselbe wirklich den Pflanzen Schutz gegen die weit grösseren und mit ungewöhnlich hartem Hautpanzer gerüsteten Tragameisen gewähren könne. Da traf ich einmal früh am Morgen, ehe noch die Crematogaster ihr Tagewerk begonnen, die Tragameisen damit beschäftigt, in meinem Garten die Blumen einer Luffa zu zerstückeln ; kurz nachher erschienen, durch die grossen Honigdrüsen der Deckblätter gelockt, einige Crematogaster, und sofort sah ich, ohne Kampf, alle Tragameisen abziehen, um nicht wieder- zukehren. Einige wenige Pflanzen halten sich ein stehendes Heer schützender Ameisen, dem sie dafür Kost und Obdach gewähren. So die Ochsenhornakazie in Nika- ragua, von welcher Thomas Belt^) eine vortreffliche, lebensfrische Schilderung gegeben hat. So auch die Imbauba, und zwar erreicht bei ihr, unter allen mir bekannten Pflanzen, die betreffende Ausrüstung die höchste Stufe der Voll- kommenheit. Seit lange weiss man, dass die Imbauba stets von Ameisen bewohnt ist ; wer je eine Imbauba fällte, musste ja aus eigener Erfahrung ihre empfindlichen Bisse kennen lernen. Nicht so bald aber wurden ihre Beziehungen zu dem von ihnen bewohnten Baume erkannt. Humboldt, der die Cecropia in Venezuela beob- achtete, sagt von ihr 2) : „Es ist auffallend, dass ein so schöner Baum vom Habitus der Theophrasta und der Palmen meist nur 8 — 10 Kronblätter hat. Die Ameisen, 2 + 1 Näherungswerte des Kettenbruchs: — ^ und nicht, wie bei den meisten Pflanzen, des Bruches: i_ T *■'■* . Die anscheinende Quirlstellung der Aeste entsteht dadurch, dass nach längerer Unterbrechung I die Knospen in den Achseln einiger weniger aufeinanderfolgender Blätter sich zu Aesten entwickeln, i) Thomas Belt, The Naturalist in Nicaragua. 1874. P- 2'^- 2) Humboldt, Reise in die Aequinoktialgegenden des neuen Kontinents. Deutsch von Hermann Hauff. Bd. II, S. 148. 54* 0-2 Die Imbauba und ihre Beschützer. die im Stamme hausen und das Zellgewebe im Innern zerstören, scheinen das Wachsthum des Baumes zu hemmen." Er hätte sich leicht an jungen, noch nicht von Ameisen bewohnten Pflanzen überzeugen können, dass auch deren Stamm hohl ist und gar kein Zellgewebe im Innern besitzt, das die Ameisen zerstören könnten. Genauer hat sich der treffliche, leider so früh seinen Verehrern entrissene Thomas Belt die Sache angesehen, „Der Stamm der Cekropia", sagt er^), ist hohl und durch Querwände in Kammern getheilt. Die Ameisen erhalten Zutritt, indem sie von aussen her ein Loch machen (das hat Belt schwerlich gesehen!), dann die Querwände durchnagen und so freie Bahn durch den ganzen Stamm bekommen. Sie erhalten ihre Nahrung nicht direkt von dem Baume, sondern halten sich braune Schildläuse in den Kammern, die den Saft aus dem Baume saugen und dann eine honigartige Flüssigkeit ausscheiden, welche von den Ameisen geleckt wird. In einer Kammer findet man Eier, in einer andern Maden, in einer dritten Puppen lose liegen. In einer andern Kammer findet man die Königin, von Wänden umgeben, die aus einem braunen, wachsartig aussehenden Stoffe ge- macht sind, und bei ihr etwa ein Dutzend Schildläuse, um sie mit Futter zu ver- sorgen. Ich vermuthe, die Eier werden entfernt, sobald sie gelegt sind, denn ich habe nie welche bei der Königin getroffen. Wird der Baum geschüttelt, so stürzen die Ameisen zehntausendweis hervor und suchen nach dem Feinde. Dieser Fall ist nicht gleich dem der Ochsenhornakazie, wo der Baum den Ameisen Kost und Wohnung bietet, vielmehr hat hier die Ameise von dem Baume Besitz ergriffen und die Schildläuse mit sich gebracht; aber ich glaube, dass ihre Anwesenheit nützlich ist. Ich habe einige Dutzend Zekropiabäume angehauen und keinen ohne Ameisen gefunden. Ich bemerkte drei verschiedene Arten, alle, soviel ich weiss, auf Cecropia beschränkt und alle Schildläuse züchtend. Wie bei der Ochsenhorn- akazie, lebt nie mehr als eine Ameisenart in demselben Baume." Weit kürzer lautet die, ich weiss nicht, ob auf eigenen oder nur auf Belts Beobachtungen beruhende Angabe von Wallace^): „Die hohlen Stämme der Cekropien sind immer von Ameisen bewohnt, die kleine Eingangsöffnungen durch die Rinde machen; aber es scheint keine spezielle Anpassung an die Bedürfnisse des In- sekts vorhanden zu sein." Wie in Nikaragua, so sind auch in Südbrasilien die erwachsenen Imbauben stets von Ameisen bewohnt, aber, soweit meine fast dreissigjährige Erfahrung reicht, nur von einer einzigen Art, Es ist dies, wie mir Herr Dr. Aug. Forel freundlichst mittheilte, die Azteka instabilis Smith. Hier wie dort besitzen die Ameisen stets Schildläuse (ganz junge Gesellschaften ausgenommen), aber hier ist dieses Milch- oder vielmehr Zuckervieh der Ameisen weiss, nicht braun. Thomas Belts übrige Beobachtungen kann ich fast Wort für Wort bestätigen. Ebenso hatte ich oft Gelegenheit, mich von der Richtigkeit seiner Vermuthung zu über- zeugen, dass die Anwesenheit der Ameisen der Imbauba nützlich und nicht, wie Humboldt meinte, schädlich sei. Häufig sah ich die Blätter junger, noch nicht durch ein stehendes Aztekenheer beschützter Imbauben durch Tragameisen zer- stört; nie aber wagen sich letztere an Bäume, in denen erstere sich bereits an- 1) a. a. O., S. 222. 2) Wallace, Tropica! Nature and other Essays, 1878, p. 89. Die Imbauba und ihre Beschützer. 853 gesiedelt haben. Ausser den Tragameisen wird auch ein den jungen Imbauben nicht selten verderblicher Rüsselkäfer (Baridius) und vielleicht noch mancher andere Feind durch die Schutzameisen fern gehalten. Eine wichtige Frage blieb durch Belts Beobachtungen noch unbeantwortet. Man begreift, wie eine Ameisenart sich die geräumigen Kammern der Imbauba- stämme zum Wohnsitz wählen konnte ; leben doch gar manche andere Ameisen ebenfalls in hohlen Aesten oder Pflanzenstengeln, wenn auch meist in dürren (so Cryptocerus und Pseudomyrma- Arten). Man begreift, wie sie, nach Feinden suchend, hervorstürzen, sobald der Stamm erschüttert wird ; dasselbe thun ja auch viele andere Ameisen, wenn ihrer Wohnung Gefahr droht. Allein wenn sie im Innern des Stammes von Schildlauszucht sich nähren, was kümmern sie dann die Blätter der Imbauba und deren Feinde? Bei anderen Pflanzen sind die Honigdrüsen, durch welche die Schutzameisen angelockt werden, stets auf dem Wege zu den zu be- schützenden Blättern oder Blüten angebracht, so dass also keine Tragameise un- bemerkt vorüber kann. Wie aber können die Imbauba-Ameisen das leise Auf- und Absteigen der Tragameisen vom Innern des Stammes aus gewahr werden? Was lockt sie hervor, was treibt sie an, bei den jungen von Tragameisen bedrohten Blättern unablässig Wache zu halten ? Es geschieht dies, wie ich bereits vor mehreren Jahren mittheiltc ^), durch folgende Einrichtung. Am Grunde des Blattstieles besitzt die Imbauba ein aus dicht gedrängten Haaren gebildetes starkes Kissen von fast sammetartigem Aus- sehen, welches sich etwa i mm über seine Umgebung erhebt und von unten her reichlich die Hälfte des Blattstieles umfasst (Fig. 3 h). So lange dieses Kissen von dem dütenartigen Nebenblatte des nächstunteren Blattes umhüllt wird, ist es weiss; an der Luft färbt es sich bald, erst hell, dann dunkel rehbraun. Unter und zwischen den Haaren des Kissens entwickeln sich nvm in grosser Zahl ei- oder birnförmige Gebilde, die bis zu i mm Länge heranwachsen. Sie sind milchweiss, glänzend, von ziemlich festem Gefüge, so dass sie beim Trocknen nur wenig ein- schrumpfen und scheinen vorwiegend aus einem Eiweisstoffe zu bestehen. Reif lösen sie sich ab und treten allmählich über die Oberfläche des Haarkissens hervor (Fig. 3 /"), in welchem sie während ihres Wachsthums versteckt lagen. Sie fallen nun bei leichter Berührung und endlich wohl auch von selbst ab. „Zur Zeit, wo das Haarkissen durch das Abfallen des nächstuntersten düten- förmigen Nebenblattes enthüllt wird, pflegt schon eine Zahl dieser Kölbchen mehr oder weniger aus dem Kissen hervorgetreten zu sein ; dabei aber finden sich noch jüngere Kölbchen in allen Grössen im Innern des .Kissens. Der Nachschub neuer Kölbchen dürfte eine ganze Reihe von Wochen andauern, da sie noch auf dem Haarkissen des dritt- oder selbst viertletzten Blattes sich zeigen. Die Haarkissen der obersten Blätter junger Stämme, die noch nicht von Ameisen bewohnt sind, pflegen reichlich mit Kölbchen geziert zu sein, die wie milchweisse Spargelpfeifen aus braunem Beete hervortreten; man findet ihrer 60 — 100 auf einem einzigen Kissen. An Pflanzen aber, die von Ameisen bewohnt sind, und das ist schon bei daumensdicken Stämmchen fast ausnahmslos der Fall, sieht man in der Regel nur ganz vereinzelte, kaum in halber Länge vorragende Kölbchen. Schon hieraus i) Jen. Zeitschr. f. Naturwissensch., Bd. X, 1876, S. 281. = Ges. Schriften S. 528. 854 Die Imbaiiba und ihre Beschützer. würde sich mit befriedigender Sicherheit schHessen lassen, dass die Kölbchen, sowie sie reif aus dem Haarkissen sich erheben, von den Ameisen abgeerntet werden, — dass die Besuche, welche die Ameisen beständig bei den jüngeren Blättern machen, den Haarkissen am Grunde des Blattstieles, ihren Gemüsebeeten, gelten, — und dass infolge dieser steten Besuche die Tragameisen nicht unbemerkt zu den Blättern der Imbauba gelangen können." Es ist mir übrigens auch wieder- holt Gelegenheit geworden, dem Einernten der Futterkölbchen als Zeuge bei- zuwohnen und häufig habe ich die eingeheimsten Kölbchen im Innern des Stammes angetroffen. Alle Abbildungen in natürlicher Grösse. Fig. I. Unversehrte Kammer eines jungen Imbaubastämmchens; b Blattnarbe, k Knospe, g Grüb- chen, senkrecht über der Knospe, nahe dem obern Ende des Stengelgliedes. Fig. 2. Querschnitt durch das Grübchen dieser Kammer. Fig- 3- Querschnitt einer andern unversehrten Kammer in der Höhe des Grübchens; g Grübchen, b durchschnittener Blattstiel mit Haarkissen {h) und Futterkölbchen (/). Fig. 4. Längsschnitt durch eine von einer jungen Königin bewohnte Kammer; e Eier, p ver- schlossene Eingangspforte. Fig- 5 Querschnitt durch eine andere von einer Königin bewohnte Kammer; / verschlossene Ein- gangspforte, von innen her benagt. Fig. 6. Bewohnte Kammer einer jungen Imbauba; b Blattnarbe, k Knospe, r seichte Rinne zwischen der Knospe und der verschlossenen Eingangspforte {p). Letztere bildet jetzt, statt des früheren Grübchens, einen kleinen Hügel. Fig- 7. Querschnitt durch diese Kammer. An der Eingangspforte eine nach innen vorspringende Wulst, da die Königin, die sonst dies wuchernde Gewebe abnagt, von einer Schlupfwespenmade verzehrt ist. Fig. 8. Querschnitt durch eine andere, von einer Schlupfwespenmade bewohnte Kammer mit im- gewöhnlich grosser, blumenkohlähnlicher Wulst an der Eingangspforte. So ist denn der Fall der Imbauba dem der Ochsenhornakazie weit ähnlicher, als Thomas Belt glaubte; in beiden Fällen liefert der Baum seinen Vertheidigern neben Obdach auch Nahrung, und auch bei der Imbauba werden die Ameisen wochenlang zu dem Besuche der jüngeren Blätter gelockt durch den Nachwuchs neuer Kölbchen. „Dieser fortdauernde Nachschub junger Kölbchen wird ermög- licht — und darin liegt dessen Bedeutung — durch das dichte Haarkissen, welches nicht nur den unter ihm sich entwickelnden Kölbchen die nötige Feuchtigkeit bewahrt, sondern auch die Ameisen hindert, dieselben vor der Reife anzutasten." Soweit reichte meine vor fünf Jahren entworfene Schilderung der Beziehungen zwischen der Imbauba und den sie schützenden Ameisen. Bei weiterer Verfolgung Die Imbauba und ihre Beschützer. 855 dieser Beziehungen stiess ich auf eine zweite nicht minder merkwürdige Anpassung der Imbauba an ihre Beschützer. Die Besiedehmg junger Imbaubastämmchen mit Ameisen geschieht in der Weise, dass ein befruchtetes Weibchen, die spätere Königin des Ameisenstaates, durch eine von ihr genagte Oeffnung in eine der obersten Kammern des Stammes eindringt. Die Oeffnung verwächst bald wieder (Fig. 5, 6, 7); in der vöUig geschlossenen Kammer beginnt die Königin Eier zu legen (Fig. 4) ; die aus ihnen sich entwickelnden Arbeiterameisen eröffnen dann wieder von innen her die Verbindung mit der Aussenwelt. Das Eindringen des Weibchens geschieht nun stets an einer ganz bestimmten Stelle, nahe dem oberen Ende der Kammer, senkrecht über der Knospe in der Achse des nächstunteren Blattes. Hier findet sich ein längliches Grübchen (Fig. i g), und auf einem Quer- schnitt (Fig. 2, Fig. 3 g) sieht man, dass die Wand der Kammer sehr beträchtlich verdünnt ist, dass also die Pflanze schon eine Pforte für den Einzug ihrer unent- behrlichen Gäste bereit hält! — Bisweilen lässt sich von dem Grübchen aus eine seichte Rinne (Fig. 6 r) abwärts verfolgen bis zu der darunter liegenden Knospe. Eine ähnliche von der Knospe aus am betreffenden Stengelgliede sich aufwärts ziehende Rinne kann man mehr oder weniger deutlich an vielen anderen Pflanzen sehen, z. B. oft recht deutlich am Bambusrohr, an verschiedenen Pipcraceen, am Ricinus u. s. w. — Sie mag bedingt sein durch den von der Knospe auf den jungen Stengel ausgeübten Druck. Je leichter dem Ameisenweibchen das Eindringen gemacht wurde, um so rascher und sicherer konnte es unversehrt ins Innere der Imbauba gelangen, ohne von Vögeln oder Kerfen verspeist, oder mit dem Ei einer Schlupfwespe behaftet zu werden. So konnte durch Naturauslese aus jener vielen Pflanzen gemeinsamen seichten Rinne allmählich das tiefe Grübchen der Imbauba sich herausbilden. Die Eingangspforte bietet gleichzeitig der jungen Königin ihre einzige Nahrung bis zu der Zeit, wo ihre erwachsenen Nachkommen anderweitig für sie sorgen können; in dem beim Eindringen der Königin verletzten Gewebe beginnt eine lebhafte Wucherung, durch welche nicht nur, wie bereits erwähnt, die Oeffnung rasch wieder völlig verschlossen, sondern auch für die eingeschlossene Königin reichliche saftige Nahrung erzeugt wird. Ich sah nie eine andere, als diese Stelle der Kammerwand von ihr benagt ; dadurch, dass sie das wuchernde Gewebe weg- frisst, erleichtert sie zugleich ihren Kindern das Wiedereröffnen der geschlossenen Pforte. Wird sie, was sehr häufig geschieht, durch eine Schlupfwespenmade ge- tötet, so bildet das nicht weiter im Zaume gehaltene wuchernde Gewebe eine ins Innere der Kammer vorspringende, bisweilen sehr ansehnliche, bald glatte (Fig. 7), bald blumenkohlähnliche (Fig. 8) Wulst. So kann man schon an der Beschaffenheit der Eingangspforte sehen, ob man auf dem Boden der Kammer eine lebende Königin (wie in Fig. 5), oder neben ihrer Leiche eine feiste Schlupfwespenmade (wie in Fig. 7 und 8) zu erwarten hat. Nicht sehen findet man in jungen Imbauben vier bis sechs aufeinander- folgende Kammern mit je einem eierlegenden Weibchen besetzt, ein einziges Mal traf ich deren zwei in derselben Kammer. Die Nahrung, welche die Imbauba ihren Beschützern bietet, scheint sich nicht auf die weissen Kölbchen zu beschränken, die sie von den Haarkissen der Blatt- stiele ernten; denn der schon von Thomas Belt erwähnte „braune, wachsartig grA Die Imbauba und ihre Beschützer, aussehende Stoff" der Wände, zwischen denen die Königin sitzt, dürfte wenigstens der Hauptsache nach aus dem geronnenen Safte der Imbauba bestehen und als Nahrung verwendet werden. Frische, im Bau begriffene Wände sind ganz blass, weich und klebrig; allmählich werden sie fester und dunkler. Sie bilden häufig ein sehr verwickeltes, die ganze Kammer füllendes Labyrinth, das an einen Ter- mitenbau erinnert, und finden sich nicht nur in der Kammer der Königin; auch die Larven sind zwischen solchen Wänden untergebracht, von denen sie, wie es scheint, leben. Bisweilen findet man in einzelnen Kammern weiche Klumpen dieses Stoffes angehäuft, die noch nicht zu Wänden verarbeitet und noch nicht mit Brut besetzt sind. Wenn schon die Wechselbeziehungen zwischen Pflanzen und schützenden Ameisen, von denen die Imbauba ein so merkwürdiges Beispiel giebt, weit seltener in der alten als in der neuen Welt vorzukommen scheinen, so fehlen sie doch auch dort nicht ^), und sie verdienen wohl dieselbe Beachtung, welche man jetzt in so reichem Masse den Beziehungen schenkt, die zwischen den Blumen und den ihre Bestäubung vermittelnden Insekten obwalten. i) Ich erinnere an die Myrmecodia- und Hydnophytum-Arten des Malayischen Archipels, die schon Rumph lebende Ameisennester (..Nidus germinans formicarum nigrarum") nannte. Zur Kritik der Absonderungstheorie ^). In seiner Abhandlung „Ueber die Entstehung der Arten durch Absonderung" behauptet Moritz Wagner 2), dass „Darwin, Huxley und die meisten über- zeugten Anhänger der Evokitionstheorie ausdrücklich zugeben", die Entstehung von Variationen erfolge „in den meisten Fällen aus inneren Ursachen" und sei „von den äusseren Verhältnissen völlig unabhängi g". Es scheint angemessen, dieser Behauptung gegenüber Darwin, Iluxley und von den „überzeugten Anhängern der Evolutionstheorie" wenigstens den zu hören, der neuerdings am eingehendsten „Die letzten Ursachen der Transmutationen" erörtert hat, August Weismann. Darwin sagt das gerade Gegentheil von dem, was Moritz Wagner ihm zuschreibt : „These considerations render it probable, that variability of every kind is directly or indirectly caused by changed conditions of life. Cr, to put the case under another point of view, if it were possible to expose all the individuals of a species during many generations to absolutely uniform conditions of life, there would be no variability." ^) Huxley hält die Frage nach den Ursachen der Abänderung noch nicht für spruchreif; er führt die verschiedenen Ansichten an und sagt dann: „At present it can hardly be said that such evidence as would justify the positive adoption of any one of these views exists."*) Weismann sagt 5): „Alle individuelle Variabilität beruht auf ungleichen äusseren Einflüssen", und *') : „Somit beruht die Verschiedenheit der Individuen gleicher Abstammung in letzter Instanz lediglich auf der Ungleichheit der äusseren Einflüsse." Als Folge des Kampfes ums Dasein hat man bisher das Ueberleben des Passendsten betrachtet. Nicht so Moritz Wagner. Er lässt ') den „Kampf ums Dasein im Haushalt der Natur rastlos thätig" sein, . . . „selbst günstig abnorme Individuen durch die Verfolgung ihrer normalen Artgenossen zu vertilgen oder zur Auswanderung zu zwingen". 1) Kosmos 1880/81. Bd. VIII. S. 299, 300. 2) Kosmos, Bd. VII, S. 5. 3) Variation of Animals and Plants under Domestication. Vol. II, 1868, p. 255. 4) A Manual of the Anatomy of Invertebrated Animals. 1877, p. 40. 5) Studien zur Descendenztheorie. II. Die letzten Ursachen der Transmutationen. 1876, S. XXII. 6) Ebenda, S. 306, 7) a. a. O., S. 9. HaeckeFs biogenetisches Grundgesetz bei der Neubildung verlorener Glieder^). Wenn bei Krebsen verlorene Glieder sich neu bilden, haben sie mehrere Häutungen zu bestehen, ehe sie ihre volle Grösse und ihre regelrechte Gestalt wieder erlangen. Wie bei der Entwicklung des ganzen Thieres geschieht es auch bei dieser Neubildung einzelner Gliedmassen nicht selten, dass die früheren Zu- stände den Gliedmassenbau der Vorfahren wiederholen. Zwei hübsche Beispiele bot mir eine kleine Garneele des Itajahy (Atyoida Potimirim). Die Scheeren der beiden ersten Fusspaare des Mittelleibes sind bei dieser Art in ganzer Länge ge- spalten, so dass sie fast nur aus den beiden Fingern, ohne eigentliche Hand, be- stehen; das Enddrittel jedes Fingers trägt einen dichten Pinsel sehr langer Borsten, Bei einer in Neubildung begriffenen Scheere war eine deutliche Hand vorhanden, fast so lang, wie die Finger, und von diesen war der bewegliche ein wenig länger, als der unbewegliche Daumen. So erinnerte die junge Scheere an die in der ver- wandten Gattung Caridina gewöhnliche Bildung (wie sie Milne Edwards von C. typus, Heller von C. Desmarestii gezeichnet hat), zeigte sich jedoch noch ur- sprünglicher darin, dass die Finger nicht löffelartig ausgehöhlt und am Ende nur mit sehr wenigen, ganz kurzen Dornen besetzt waren. Noch schlagender ist der zweite Fall. Beim dritten und vierten Fusspaare des Mittelleibes trägt der Schenkel an seinem Unterrande drei, seltener vier starke bewegliche Dornen, und ein ebensolcher steht an der Aussenseite nahe dem Ende des Schenkels; das letzte Glied dieser P'üsse hat ausser dem starken Enddorn, seinen Unterrand mit 5 — 8 krummen Dornen bewehrt. Das fünfte Fusspaar weicht dadurch ab, dass der Unterrand des Schenkels nur einen oder zwei bewegliche Dornen besitzt und dass der lange gerade Unterrand des letzten Gliedes einen Kamm trägt, der aus zahlreichen (bis gegen 40) dichtstehenden, schlanken, geraden Dornen gebildet ist. Ein in Neubildung begriffener, der Häutung naher Fuss des fünften Paares zeigte nun den etwas gebogenen Unterrand des letzten Gliedes in seinen beiden letzten Dritteln mit etwa 15 ziemlich weitläufig stehenden, meist etwas gebogenen Dornen besetzt, während unter der Haut schon ein prächtiger, regelrechter Kamm für die nächste Häutung fertig lag. Der Schenkel trug, wie der des dritten und des vierten Fusspaares, drei grosse bewegliche Dornen am I) Kosmos 1880/81. Bd. VIII. S. 388, 389. Haeckel's biogenetisches Grundgesetz bei der Neubildung verlorener Glieder. g^ü Unterrande; unter der Haut aber lagen nur zwei neue Dornen, so dass also der Schenkel nach der Häutung nicht mehr denen der vorangehenden Fusspaare, sondern dem anderen desselben Paares geglichen haben würde. — Man darf diesen Befund wohl dahin deuten, dass bei den Vorfcihren der Atyoida die drei letzten Fusspaare des Mittelleibes gleichgebildet waren und dass erst später das fünfte Paar einen oder zwei der Schenkeldorncn verlor und an seinem Endgliede einen Kamm zum Reinigen, namentlich der Hinterleibsfüsse, entwickelte. Itajahy, Oktober 1880. Farbenwechsel bei Krabben und Garneelen ^). Schon vor langen Jahren sah Henrik Kröyer bei einer nordischen Gar- neele, der Hippotyte smaragdina „en ret meerkehg Farvevexel" (einen recht merk- hchen Farbenwechsel). Ich selbst habe Gelegenheit gehabt, einen solchen Farben- wechsel bei verschiedenen Garneelen und Krabben zu beobachten. Im Itajahy lebt recht häufig zwischen den dicht am Ufer wachsenden Pflanzen eine kleine, höchstens zollange Garneele aus der Gruppe der Atyinen (At3'oida Potimirim F. M.). Zwischen lebenden Pflanzen gefangene erwachsene Weibchen (die weit kleineren Männchen sind meist fast farblos) pflegen eine ziemlich dunkle, schmutzig grüne, bald mehr ins Blaue, bald mehr ins Braune ziehende, seltener eine rein blaue Farbe und auf dem Rücken einen breiten lehmfarbenen Längsstreif zu besitzen. Bringt man sie in ein Glassgefäss, so verblasst die Farbe, wandelt sich in ein immer blasseres Braun und schwindet im Laufe einiger Tage fast vollständig, wodurch gleichzeitig das anfangs völlig undurchsichtige Thier ganz durchsichtig wird. Zwischen toten, braunen Pflanzenbüschen trifft man nicht selten einfarbig dunkel- braune Thiere ohne hellen Rückenstreif; ein solches hatte ich eines Tages in ein Glas gebracht, das schon einige Dutzend Thiere von gewöhnlicher Färbung ent- hielt; schon nach wenigen Minuten konnte ich es nicht mehr herausfinden; es war, wie die andern, grünlich mit lehmfarbenem Rückenstreif, und tags darauf, wie sie, fast farblos. Noch rascher, als es gewöhnlich bei dieser kleinen Garneele der Fall ist, wandelte sich die Farbe eines Palaemon, den ich dieser Tage fing; als ich ihn, früh am Morgen, aus dem tief unter Wasser liegenden Fangkorbe nahm, war er tinten- schwarz; fast sofort ging dieses Schwarz in ein ziemlich reines, erst dunkles, dann blasseres Blau über, und die anfangs anscheinend gleichförmig verteilte Farbe zeigte sich nun an ziemlich dicht gedrängte Punkte gebunden. Mittags fand ich das Thier völlig farblos bis auf die noch zum grossen Theil blauen Schwanzflossen, die auch bei sonst farblosen Atyoida häufig diese Farbe zeigen. Ich konnte diesen Palaemon nicht unterscheiden von einer hier ziemlich häufigen Art (P. Potiporanga F. M.), die ich sonst nie in ähnlicher Färbung gesehen und bei der ich nie einen so auffallenden Farbenwechsel beobachtet hatte 2). 1) Kosmos 1880/81. Bd. VIII. S. 472, 473. 2) Möglicherweise gehörte das Thier einer höher oben am Fluss heimischen Spielart an und war durch ein Hochwasser, bei dem der Itajahy 14,6 m den gewöhnlichen Wasserstand überstieg, herunter- gebracht worden. Farbenwechsel bei Krabben und Garneelen. 85 1 Unter den Krabben bietet ein schönes Beispiel raschen Farben wechseis das Männchen einer kleinen Winkerkrabbe (Gelasimus) mit lächerlich grosser Scheere, die an verschiedenen Stellen der Küste von Santa Catharina häufig ist. Wenn es im Sonnenschein auf feuchtem Sandboden herumläuft, entfaltet es die ganze Pracht seines Hochzeitskleides; sobald man es fängt, beginnen das reine Weiss, das lichte Grün, die seinen Panzer schmücken, ihren Glanz zu verlieren und wandeln sich in wenigen Minuten in ein einf(')rmiges Grau. Die auffallende Uebereinstimmung, welche die Farbe der kleinen Schwimm- krabbe des Sargassomeeres (Nautilograpsus) mit dem Gegenstande zeigt, den sie gerade bewohnt, ist wohl ebenfalls auf einen Farben Wechsel der Krabbe zurück- zuführen und nicht darauf, dass die Krabbe, wie Moritz Wagner wilP), eine ihr gleichfarbige Tanginsel aufsucht. Wer sollte wohl der Krabbe den Weg weisen zu der richtigen, vielleicht in meilen weiter Ferne im Meere treibenden Insel? Ohne Hartmannsches unbewusstes Hellsehen würde sie leicht ihr Lebelang herum- schwimmen können, ohne die rechte zu finden. Der zoologische Bericht des „Challenger", der von dem Gegenstande spricht, welchen die Krabbe „gerade be- wohnt", denkt offenbar auch an ein Bewohnen verschiedener Gegenstände durch dieselbe Krabbe und also an Farben Wechsel. Moritz Wagner, der diesen Be- richt wörtlich anführt, scheint ihn mi ssverstanden und an die Möglichkeit eines Farbenwechsels gar nicht gedacht zu haben. Jedenfalls wird man nicht sagen können, dass dieses Beispiel, wie Moritz Wagner meint, „die formbildende Wirkung der Migration und Isolierung glänzend bestätigt". Denn wäre es auch, wie Moritz Wagner will, wäre die wechselnde Farbe der kleinen Schwimm- krabbe des Sargassomeeres unveränderlich für jedes einzelne Thier und suchte dieses schwimmend einen ihm gleichfarbigen Sargassobusch zu erreichen, so würde ja offenbar nicht ein Fall von Absonderung, sondern gerade umgekehrt von fort- währender Mischung auf verschiedenen Tanginseln geborener Krabben vorliegen. Diesem Beispiele gleichwertig sind übrigens die Mehrzahl derer, auf die sich Moritz Wagner stützt, um das von Weismann und anderen zu Grabe ge- tragene „Migrationsgesetz" als „Absonderungslehre" neu aufleben zu lassen ^). Fast alle beweisen das gerade Gegenteil von dem, was sie beweisen sollen, und man darf wohl jenen Versuch als einen durchweg verfehlten und aussichtslosen bezeichnen. Itajah}^ 1880. 1) Kosmos, Bd. VII, S. 96. 2) Vergl. auch Ges. Schriften S. 857. Movements of Plauts ^f). (From a letter to Charles Darwin.) Fritz Müller, in a letter from St. Catharina, Brazil, dated January 9, has given me some remarkable facts about the movements of plants. He has observed striking instances of allied plants, which place their leaves verticall}^ at night, by widely different movements ; and this is of interest as supporting the conclusion at which my son Francis and I arrived, namety, that leaves go to sleep in order to escape the füll effect of radiation. In the great family of the Graminea? the species in one genus alone, namely Strephium, are known to sleep, and this the)- do by the leaves moving vertically upwards; but Fritz Müller finds in a species of Olyra, a genus which in Endlicher's "Genera Plantarum" immediatel)^ precedes Strephium, that the leaves bend vertically down at night. Two species of Phyllanthus (Euphorbiacese) grow as weeds near Fritz Müller's house; in one of them with erect branches the leaves bend so as to stand ver- tically up at night. In the other species with horizontal branches, the leaves move vertically down at night, rotating on their axes, in the same manner as do those of the Leguminous genus Cassia. Owing to this rotation, combined with the sinking movement, the upper surfaces of the opposite leaflets are brought into contact in a dependent position beneath the main pctiole ; and they are thus excellently protected from radiation, in the manner dcscribed b}^ us. On the foUo- wing morning the leaflets rotate in an opposite direction, whilst rising so as to resume the diurnal horizontal position with their upper surface exposed to the light. Now in some rare cases Fritz Müller has observed the extraordinär}^ fact that three or four, or even almost all the leaflets on one side of a leaf of this PhyUanthus rise in the morning from their nocturnal vertically dependent position into a horizontal one, without rotating, and on the wrong side of the main petiolc. These leaflets thus project horizontally with their upper svirfaces dirccted towards the sky, but partly shaded by the leaflets proper to this side. I have never be- fore heard of a plant appearing to make a mistake in its movements: and the mistake in this instance is a great one, for the leaflets move 90*^ in a direction opposite to the proper one. Fritz Müller adds that the tips of the horizontal bran- 1) Nature 1880/81. Bd. XXIII. p. 409. 2) Siehe auch Ges. Schriften S. 874. Movements of Plants. 86 ^ ches of this Phyllanthus curl downwards at night, and thus the youngest leaves are still better protected from radiation. The leaves of some plants, when brightl}^ illuminated, direct their edges to- wards the light; and this remarkable movement I have caUed paraheliotropism. Fritz Müller informs me that the leaflets of the Phyllanthus just referred to, as well as those of some Brazilian Cassiae, "take an almost perfectly vertical Position, when at noon, on a summer day, the sun is nearly in the zenith. To- day the leaflets, though continuing to be fully exposed to the sun, now at 3 p. m. have already returned to a nearly horizontal position". F. Müller doubts whether so strongly marked a case of paraheliotropism would ever be observed under the duller skies of England; and this doubt is probably correct, for the leaflets of Cassia neglecta, on plants raised from seed formerly sent me by him, moved in this manner, but so slightly that I thought it prudent not to give the case. With several species of Hedychium, a widely different paraheliotropic movement occurs, which may be compared with that of the leaflets of Oxalis and Averrhoa; for "the lateral halves of the leaves, when exposed to bright sunshine, bend down- wards, so that they meet beneath the leaf". Down, Beckenham, February 22. Charles Darwin. The movements of Leaves^). (From a letter to Charles Darwin.) Fritz Müller has sent mo some additional observations on the movements of leaves, when exposed to a bright light. Such movements seem to be as well developed and as diversified under the bright sun of Brazil, as are the well- known sleep or nyctitropic movements of plants in all parts of the world. This result has interested me much, as I long doubted whcther paraheliotropic move- ments were common enough to deserve to be separately designated. It is a remarkable fact that in certain species these movements closely resemble the sleep movements of allied forms. Thus the leaflets of one of the Brazilian Cassiae assume when exposed to sunshine nearly the same position as those of the not distantly allied Hsematox3don when asleep, as shown in Fig. 153 of "The Mo- vements of Plants". Whereas the leaflets of this Cassia sleep by moving down and rotating on their axcs, in the same peculiar manner as in so many other species of the genus. Again, with an unnamed species of Phyllanthus, the leaves move forwards at night, so that their midribs then stand nearly parallel to the horizontal branches from which they spring; but when they are exposed to bright sunshine they rise up vertically, and their upper surfaces come into contact, as they are opposite. Now this is the position which the leaves of another species, namely Phyllanthus compressiis, assume when they go to sleep at night. Fritz Müller States that the paraheliotropic movements of the leaves of a Mucuna, a large twining Papilionaceous plant, are stränge and inexplicable ; the leaflets sleep by hanging vertically down, but under bright sunshine the petiole rises vertically up, and the terminal leaflet rotates by means of its pulvinus through an angle of 180", and thus its upper surface Stands on the same side with the lower surfaces of the lateral leaflets. Fritz Müller adds, "I do not understand the meaning of this rotation of the terminal leaflet. as even without such a movement it would be apparentiy equally well protected against the rays of the sun. The leaflets, also on many of the leaves on the same plant assume various other stränge positions". With one species of Desmodium, presentl}^ to be mentioned as sleeping in a remarkable manner, the leaflets rise up vertically when exposed to bright sun- shine, and the upper surfaces of the lateral leaflets are thus brought into contact. I) Nature i88o/8i. Bd. XXIII. p. 603. The movements of Leaves. 865 The leaves of Batihinia grandiflora go to sleep at an unusually early hour in the evening, and in the manner described at p. 373 of "The Movements of Plants," namely, by the two halvcs of the same leaf rising up and Coming into close con- tact : now the leaves of Batihinia Brasiliensis do not sleep, as far as Fritz Müller has seen, but they are very sensitive to a bright light, and when thus exposed the two halves rise up and stand at 45 " or upwards above the horizon. Fritz Müller has sent me some cases, in addition to those given in my former letter of March 3 ^), of the leaves of closely-allied plants which assume a vertical Position at night by widely different movements; and these cases are of interest as indicating that sleep-movements have been acquired for a special purpose. We have just seen that of two species of Bauhinia the leaves of one sleep con- spicuously, while those of a second species apparently do not sleep at all, The leaves of Euphorbia jacquinicpflora depend vertically at night, whereas those of a dwarfish Brazilian spezies rise verticalty up at night. The leaves of this Euphorbia stand opposite one another — a position wich is rather rare in the genus ; and the rising movement may be of Service to the plant, as the upper surfaces of the opposite leaves mutually protect one another by Coming into contact. In the genus Sida the leaves of two species rise, while those of a third Brazilian species sink vertically down at night. Two species of Desmodium are common plants near Fritz Müller's house: in one the leaflets move simply downwards at night ; but in the other not only do the three leaflets move vertically down, while the main petiole rises vertically up, as is likewise the case with D. gyrans, but in addition the lateral leaflets rotate so as to stand parallel with the terminal leaflet, behind which they are more or less completely hidden. This, as far as I have seen, is a new kind of nyctitropic movement; but it leads to a result common to several species, namely, that of packing the three leaflets closely together and placing them in a vertical position. Down, Beckenham, Kent, April 14. Charles Darwin. i) Siehe Ges. Schriften S. 862. Der 3. März ist der Erscheinungstag der „Nature". Der Herausgeber. Kritz Müllers gesammelte Schriften. 55 Atyoida Potimirim ^), eine schlämm fressende Süsswassergarneele^). Mit 20 Textfiguren. Die Reinigung der Kiemenhöhle wird bei verschiedenen Garneelen, z. B. Palaemon, durch das erste, bei Einsiedlerkrebsen, Porcellan krebsen u. s. w. durch das letzte Fusspaar das Mittelleibes besorgt, bei den Krabben durch die Geissel- anhänge der drei Kieferfusspaare 3). In wieder anderer, wieder völlig abweichender, ganz eigenartiger Weise geschieht dieselbe bei einer kleinen Garneele des Itajahy, Atyoida Potimirim. F' Vorderer Fühler; F^a äusserer, F'i innerer Ast; F" hinterer Fühler ; F"a äusserer Ast (Schuppe) ; F"i innerer Ast (Geissei). Kf Hinterer Kieferfuss; M* bis M* Füsse des Mittelleibes. Hi bis H* Füsse des Hinterleibes. S Schwanzfüsse (seitl. Schwanz- blätter). Sa äusserer, zwei- gliedriger Ast ; Si innerer Ast ; T letzter Leibesring (Mittlere Schwanzplatte, Telson). Fig. I. Atyoida Potimirim. Erwachsenes Weibchen. 3:1. Diese kleine Garneele, über deren Farbenwechsel ich bereits berichtet habe *), bietet auch sonst so zahlreiche und so merkwürdige Eigenthümlichkeiten, dass ich glaube, eine Besprechung derselben auch den nicht krebskundigen Lesern des „Kosmos" vorlegen zu dürfen. Was zunächst auffällt, ist die Bildung der Hände oder Scheeren, mit denen, wie bei der grossen Mehrzahl der Garneelen, die beiden ersten Fusspaare des i; Kosmos 1881. Bd. IX, S. 117— 124. 2) Auszug aus einer für die „Archivos do Museu nacional do Rio de Janeiro" bestimmten portu- giesischen Abhandlung. — (poti = Garneele, mirim == klein.) Siehe Ges. Schriften aus dem Jahre 1892. 3) Vgl. „die Putzfüsse der Kruster". (Kosmos, Bd. VII, S. 148.) = Ges. Schriften S. 833. 4) Kosmos, Bd. VIII, S. 472. = Ges. Schriften S. 860. Atyoida Potimirim. 867 Mittelleibes ausgerüstet sind. Die Scheeren oder Hände der Krabben und Krebse entstehen aus gewöhnlichen Lauffüssen, — und es lassen sich in der Reihe der lebenden Arten alle möglichen Zwischenstufen nachweisen, — indem unter der Einlenkung des letzten Gliedes ein Fortsatz des vorletzten hervorwächst, gegen welchen dann das letzte einschlägt. Man unterscheidet also den beweglichen Finger (Fig. 2 F), den unbeweglichen Daumen {D) und die eigentliche Hand {H) ; letztere bildet, wie Jedem, der Krebse oder Krabben verspeist hat, bekannt ist, die Hauptmasse der Scheere und umschliesst die den Finger bewegenden kräftigen Muskeln. Bei unserer Atyoida (Fig. 3, 4) kann nun von einer eigentlichen Hand im Gegensatz zum Daumen kaum die Rede sein; die Scheere ist in ganzer Länge gespalten, Hand- und Fingergelenk liegen in gleicher Höhe. Dazu kommt noch, um das aussergewöhnhche Aussehen der Scheere zu erhöhen, einmal die sehr bewegliche Einlenkung der Hand an der unteren Ecke des tief ausgebuchteten Fig. 2. Vorderarm und Scheere des 2. Fusspaares, von von Palaeraon Potiuna. (5 nat. Gr. Fig. 3. Desgl. vom ersten Fusspaare und Fig. 4 vom zweiten Fusspaare von Atyoida Potimirim. 8:1. V Vorderarm, ff Hand. D Daumen. F Finger. Fig. 2. Fig. 4. Fig. 3. Vorderarms (Fig. 3, 4 V) und zweitens ein dichter Besatz ungemein langer Borsten am letzten Drittel beider Finger. Ist die Hand geschlossen, so neigen alle Borsten in einen langen spitzen Pinsel zusammen. So sieht man sie stets bei todten Thieren ; die Hände scheinen dann ganz ungeeignet, irgend etwas zu fassen und lassen nicht ahnen, welch fesselndes Schauspiel sie beim lebenden Thiere bieten, wie prächtig sie der Nahrung der Thiere angepasst sind. Diese besteht in Schlamm, besonders in dem feinen Schlamme, der sich an Wasserpflanzen absetzt und reich ist an allerlei winzigen Lebewesen, wie an verwesenden thierischen und pflanz- lichen Stoffen. Oeffnet sich die Hand, so breiten sich die Borsten des Pinseln in einer Ebene aus, stellen sich fast senkrecht zum Rande der Finger und bilden so zwei sehr breite Fächer, die eine Menge feiner, von den Blättern abgefegter Schlammtheilchen zwischen sich nehmen können; mit dem Schlicssen der Hand schliessen sich auch die Borsten von allen Seiten wieder zusammen und ballen so die gewonnene Nahrung in einen Bissen, der dem Munde zugeführt, oder richtiger in den Mund geschleudert wird, so rasch, kaum dem Auge verfolgbar, sind alle Bewegungen. Kaum ist ein Bissen verschluckt, so kommt schon eine zweite, eine dritte Hand mit neuer Ladung. Namentlich wenn die Thiere von dem weichen Schlamme des Bodens fressen, wo sie nur frisch zuzugreifen brauchen, wirbeln die vier Hände in ruheloser Flast durcheinander. Die innersten Borsten der Finger sind bedeutend kürzer und steifer, als die äusseren; letztere sind einfach, erstere kammartig gezähnt; sie befähigen die Finger, von zarten Wurzeln oder Stengeln, die sie zwischen sich nehmen, den anhaftenden Schlamm abzustreifen. Recht 55* 868 Atyoida Potimirim. hübsch sieht es auch aus, wenn das Thier, ich möchte sagen auf der Lauer liegt, um die feinen im Wasser schwebenden Nahrungstheilchen zu erhaschen, welche ihm durch die äusseren Aeste der mittleren und hinteren Kieferfüsse zugestrudelt werden. Die Scheeren, etwa in rechtem Winkel geöffnet, hangen vom Vorderarm nach unten und alle vier bilden eine einzige Querreihe, da das zweite weiter nach hinten eingelenkte Fusspaar länger ist, als das erste; bei der grossen Breite, die jede einzelne Scheere durch die langen seitlich ausgespreizten Borsten erhält, über- wachen sie einen recht ansehnlichen Raum, Bald sieht man die eine, bald die andere Scheere sich schliessen und zum Munde fahren ^). Wie die Bildung der Hände, so steht mit der Art der Nahrung auch der Bau der Mundtheile im Zusammenhang, der von dem der Palaemoniden und anderer Garneelen, wie überhaupt anderer Decapoden vielfach abweicht. Die hinteren Kiefer (Fig. 6), die vorderen Kieferfüsse (Fig. 8) und in minderem Grade die mittleren Kieferfüsse haben einen ungewöhnlich langen geraden Innen- rand, der mit steifen Borsten von zum Theil ganz eigenartiger Gestalt überaus Fig. 5. Hinterer Kiefer von Palaeraon Potinna. Pig. 6. Derselbe von Atyoida Potimirim. Fig. 7, Vorderer Kieferfuss von Palaemon Potiuna. Fig. 8. Derselbe von Atyoida Potimirim. c Grundglied, oder Stamm (coxa). % i" i'" innerer Ast. e äusserer Ast. g Geisselanhang (flagellum). hr Kieme (bei Atyoida fehlend). Fig- 5- Fig. 6. Fig. 7- Fig. 8. dicht besetzt ist. Man begreift, wie nützlich diese grossen Flügelthüren mit ihrem dichten Borstenbesatz bei der Aufnahme der aus feinen losen Theilchen geballten Bissen sind. Sehr merkwürdig sind auch die Kinnbacken, Noch kürzlich 2) hat man als unterscheidendes Merkmal zwischen langschwänzigen Krebsen und Mysiden hervor- gehoben, dass „die rechte und linke Mandibel bei den Macruren gleich, bei den Mysiden ungleich und häufig sehr verschieden" seien. Auch abgesehen von Atyoida ist dieser angebliche Unterschied nicht stichhaltig; bei den Palaemoniden z, B. sind die Höcker der Kaufortsätze rechts und links ganz verschieden; allein nirgends sonst unter den Langschwänzen habe ich eine so erhebliche, dem ersten Blicke sich aufdrängende Verschiedenheit der beiden Kinnbacken gesehen, wie bei unserer Atyoida. i) Atyoida Potimirim hält sich sehr gut in der Gefangenschaft, ohne dass man mit Wasserwechsel und Fütterung sich viel zu bemühen braucht. Da dies auch für andere Familiengenossen gelten dürfte, mache ich darauf aufmerksam, dass Europa zwei nahe Verwandte besitzt: die in Flüssen des südlichen Frankreich häufige, auch in Corsica, Sicilien und Dalmatien vorkommende Caridina Desmarestii und die in den Grottengewässern des Karst lebende Caridina Schmidtü, für die man ihrer Blindheit halber eine eigene Gattung Troglocaris errichtet hat. (Vgl. Kosmos, Bd. IV, S. 149.) 2) Zoolog. Anzeiger, No. 54, 3. Mai 1880. S. 214. Atyoida Potimirim. 869 Ich möchte darin eher ein altes Erbstück, als eine neuere Anpassung sehen, um so mehr, als auch sonst die Kinnbacken eine alterthümliche Form zeigen. Wie bei denjenigen (xarneelen, die sich bis heute die vollständigste und ursprüng- lichste Entwickclungsgeschichte bewahrt haben, die Kinnbacken bei ihrem ersten Auftreten im Innern des dritten Gliedmaassenpaares des Nauplius eine mit Schneide- zähnen bewehrte Spitze, einen dahinter liegenden mit Querleisten versehenen Kau- fortsatz und zwischen beiden eine Reihe von Borsten zeigen, so finden wir die- selben drei Theile bei Atyoida. Unter den Decapoden sind ähnliche Kinnbacken heute selten, häufig aber bei anderen höheren Krebsthieren, z. B. Amphipoden und Cumaceen. Die beiden den Scheerenfüssen folgenden P^usspaare (das dritte und vierte des Mittelleibes) sind schlanke Lauffüsse, deren Endglied mit sechs bis neun krummen klauenartigen Dornen bewehrt ist (Fig. 13), wie man es ähnlich auch bei anderen Garneelen (z, B. Hippolyte) trifft, die, wie unsere Art, an Pflanzen sich anzuklammern lieben. Fig- 13- Fig. 14. Fig- 9, Fig. 10. Fig. II. Fig. 12. Fig. 15. Fig. 9. Linker und Fig. lo rechter Kinnbacken von Atyoida Potimirim, von der Rückenseite 15 : i. pi Schneidefortsatz. p7n Kaufortsatz, t Sehne. Fig. 1 1 . Schneidefortsatz des linken Kiimbackens, Rückenseite. Fig. 12. Derselbe vom rechten Kinnbacken, Bauchseite, stärker vergrössert. Fig. 13. Finger des dritten und Fig. 14 des fünften Fusspaares von Atyoida Potirim 50 : i. Fig. 15. Geisselanhang des ersten Fusspaares. 90 : i. Auch das letzte, fünfte Fusspaar wird beim Laufen und Festhalten benützt und hat am Ende des Fingers (Fig. 14) einige krumme Dornen ; gleichzeitig aber trägt der untere Rand des Fingers einen zierlichen Kamm, dem das Reinigen hauptsächlich des Hinterleibes obliegt. Eine regelrechte Reinigung des Hinter- leibes, die das Thier mit grosser Gemächlichkeit und Sorgfalt ausführt und die mehrere Minuten in Anspruch nimmt, beginnt mit dem ersten Schwimmfusspaare; die vier folgenden sind einstweilen nach hinten geschlagen ; ist das erste Paar und der Raum zwischen erstem und zweitem sauber, so erhebt sich das zweite, dann das dritte u. s. f. Zuletzt kommt der Schwanz an die Reihe, der sich stark nach vorn biegen muss, um dem Kamme zugänglich zu werden. Weder die beiden vorderen Fusspaare, deren langbeborstete Hände man ge- legentlich 'am vorderen Theile des Leibes hinfegen sieht, noch auch das letzte sind geeignet, in die Kiemenhöhle einzudringen und sie zu reinigen. Dies ge- schieht durch die hinteren Kiefer (Fig, 6). Diese Kiefer tragen bekanntlich bei allen Decapoden nach aussen eine grosse breite Platte (Fig. 5, 6 e ^, die als o Atyoida Potimirim. Klappe am Ausgange der Kiemenhöhle liegt und durch ihre Bewegungen den Athemstrom unterhält ; man unterscheidet an ihr bald mehr, bald weniger deutlich einen vorderen Theil (Fig. 5, 6 e), der als äusserer Ast, und einen hinteren Ab- schnitt (Fig. 5, 6 g), der als Geisselanhang zu deuten sein dürfte. Wo die Platte nur als Klappe zur Regelung des Athemstromes dient (Fig. 5), ist dieser hintere Abschnitt kurz, am Ende abgestutzt oder abgerundet und reicht kaum in die eigentliche Kiemenhöhle hinein ; bei Palaemon z. B. reicht er nur bis zu der Kieme des äusseren Kieferfusses. Dagegen ist derselbe hintere Abschnitt bei Atyoida lang, schmal, nach dem Ende zu verjüngt und hier mit etwa einem Dutzend sehr langer biegsamer Borsten besetzt; er reicht bis zur drittletzten, über dem dritten Fusspaare sitzenden Kieme und seine Endborsten bis zum hinteren Ende der Kiemenhöhle. So kann durch ihn, wie man sich leicht an genügend durchsichtigen lebenden Thieren überzeugt, die ganze äussere Fläche der Kiemen abgekehrt werden. Zur Reinhaltung der Kiemenhöhle dürfte noch eine andere Einrichtung bei- tragen, die auch bei vielen anderen Garneelen, z. B. in der artenreichen Gattung Hippolyte wiederkehrt. Die hinteren Kieferfüsse und eine wechselnde Anzahl der Füsse des Mittelleibes, bei Atyoida Potimirim die drei ersten Paare, tragen einen winzigen Geisselanhang, den man seiner geringen Grösse halber für verkümmert halten könnte, wenn dem nicht sein eigenthümlicher Bau widerspräche. Bei unserer Atyoida (Fig. 15) lässt er sich beschreiben als ein kleiner wurstförmiger Anhang, der nahe dem Vorderrande des Hüftgliedes entspringt und nach hinten gerichtet mit seiner inneren Seite der äusseren Fläche des Hüftgliedes anhegt. Seine äussere Fläche ist mit etwa einem Dutzend ziemlich langer, gerader, in zwei Reihen ge- stellter Haare besetzt, und sein freies Ende mit einem Haken versehen, der wohl dient, ihn in seiner Lage zu halten. Diese Geisselanhänge liegen nun im Eingange zur Kiemenhöhle, in der Spalte zwischen den Hüftgliedern der Füsse und dem unteren Rande des Panzers; sie verengen diesen Eingang und wehren dadurch, wie durch ihren Haarbesatz dem Eindringen fremder Körper. — Aber, wird man einwenden, sie fehlen gerade da, wo sie am nöthigsten wären, wo das Wasser am lebhaftesten in die Kiemenhöhle einströmt, über dem vierten und fünften Fusspaare. — Gewiss, aber dafür findet sich hier eine andere höchst eigenthümliche Vor- richtung, die, soviel ich weiss, noch bei keiner anderen Garneele beobachtet worden ist. Die Hinterleibsfüsse der Garneelen sind bekanntlich (mit wenigen Ausnahmen) zweiästig; die Aeste haben meist die Gestalt zungenförmiger Blätter, deren Rand mit langen gefiederten Schwimmborsten besetzt ist. In der Ruhe werden diese Schwimmfüsse nach vorn geschlagen und legen sich zwischen die Füsse des Mittel- leibes. Abweichend von allen anderen Garneelen, die ich gesehen, legt sich nun bei Atyoida der äussere Ast des ersten Schwimmfusspaares nicht zwischen die letzten Füsse des Mittelleibes, sondern aussen über sie und den Eingang der Kiemenhöhle hin (Fig. i H^), so dass alles hier eintretende Wasser durch seine Fiederhaare durchgeseiht wird ^). Die Männchen unserer Atyoida sind weit kleiner als die Weibchen; erstere fand ich nie über 15 mm, letztere bis 25 mm lang. Je besser die Männchen mit i) Nach Milne Edwards' Abbildung von Caridina typus (Hist. nat. Crust, PI. 25 bis Fig. 4) ver- muthe ich, dass sich hierin die nahe verwandte Gattung Caridina eben so yerhält, wie Atyoida. Atyoida Potimirim. 87 I Waffen zu Schutz und Trutz ausgerüstet sind, je erbitterter sie um den Besitz ihrer Weibchen kämpfen, um so mehr pflegen sie dieselben an Grösse zu über- treffen. So unter den Garneelen des Itajahy das Männchen von Palaemon jamai- censis, dessen bis über fusslange Schcerenfüsse fast immer unverkennbare Spuren der Kämpfe an sich tragen, die es schon mit seinen Nebenbuhlern bestanden hat. Wo Waffen fehlen, erreicht häufig das Weibchen eine bedeutendere Grösse, was wohl bedingt ist durch den vielfach grösseren Aufwand an Stoff, den die Eier beanspruchen. Um aus der Reihe der höheren Krebsthiere ein zweites Beispiel zu geben, will ich an die Tatuira (Hippa ercmita L.) erinnern, deren Männchen eben- falls neben den Weibchen ganz zwerghaft aussehen. Wie bei Atyoida die Männ- chen waffenlos geworden oder geblieben sind durch die Anpassung der Scheeren ans Schlammfressen, so bei der im Sande wühlenden Hippa dadurch, dass sich die Endglieder der Beine zu breiten, nur zum Graben tauglichen Schaufeln um- gebildet haben. Fig. 16. Fig. 17. Fig. 18, Fig. 19. Fig. 20. Fig. 16. Ende des hinteren Kieferfusses von Atyoida Potimirim, Weibchen. 30 : i. Fig. 17. Dasselbe von einem Männchen derselben Art. 30 : i. Fig. 18. Ende des Schenkels (/) und Anfang der Schiene (i) des dritten Fusspaares, von Atyoida Potimirim, Männchen. Innenseite. 30 : i. Fig. 19. Vorderer Iheil des Panzers, von einem Männchen. 5 : l- Fig. 20. Derselbe von einem Weibchen. 3:1. Nicht nur zum Kampf mit Nebenbuhlern, auch zum Ergreifen und Festhalten der Weibchen scheinen die Hände der Atyoida-Män neben ungeeignet und es kann daher nicht auffallen, dass sich bei ihnen anderweitige Einrichtungen entwickelt haben, die man bei anderen Garneelen vermisst, deren Hände gehörig zuzupacken vermögen. So ist der bei den Weibchen (Fig. i6) gerade Enddorn der hinteren Kiefer- füsse beim Männchen (Fig. 17) zu einer krummen Klaue umgebildet, und an der Innenseite der Schienen (Fig. 18 t) des dritten und vierten Fusspaares findet sich ein starker gezähnelter Dorn ^) und ihm gegenüber zahlreiche warzenförmige H(')cker, die, wie der Dorn, dem Weibchen vollständig fehlen. Noch einer bemerkenswerthen Verschiedenheit der Geschlechter muss ich gedenken. Bei den Männchen (Fig. 19) ist am Vorderrande des Panzers die untere Ecke abgerundet, bei den W^eibchen (Fig. 20) in einen spitzen Zahn (Simson's „Spina pterygostomiana") ausgezogen, Ausnahmen von dieser Regel sind sehr selten. — Die Bewehrung des vorderen Panzerrandes gilt sonst nicht nur als sicheres Merkmal der Art, man hat sie selbst zur Unterscheidung von Gattungen benutzt; so hat man die Gattung Leander einzig deshalb von Palaemon getrennt, weil jene eine „Spina branchiostegiana"', aber keine „spina hepatica", diese eine „Spina hepatica", aber keine „branchiostegiana" besitzt. Bei Atyoida Potimirim bildet nun die An- oder Abwesenheit der „spina pterygostomiana" einen einfachen i) Die Zähnelung hat der Xylograph übersehen. g_2 Atyoida Potimirim. Geschlechts- oder x\ltersiinterschied ; denn mit den Männchen stimmen in dem Mangel eines Zahnes an der unteren Panzerecke auch alle jüngeren Weibchen von weniger als 12 mm Länge überein. — Da die Männchen weit kleiner bleiben, als die Weibchen, erscheint es begreiflich, dass manche Eigenthümlichkeiten der Weibchen, die erst dann auftreten, wenn sie über das Maass der Männchen hinaus- gewachsen sind, bei letzteren nicht zur Entwickelung kommen. So erklärt sich z. B. die bei erwachsenen Männchen und Weibchen verschiedene Zahl der Borsten am Ende des letzten Leibesringes oder der mittleren Schwanzplatte („Telson") diese Zahl nimmt im Allgemeinen mit Grösse und Alter zu, ohne dass gerade immer grössere Thiere zahlreichere Borsten haben. Ich fand bei elf jüngeren, 8 bis 12 mm langen Thieren, die noch keine äusseren Geschlechtsverschiedenheiten zeigten, 6 bis 9, im Durchschnitt 7,1 Borsten; 10 Männchen von 12 bis 13 mm hatten 8 bis 10, im Durchschnitt 8,7 Borsten; bei 11 Männchen von 14 bis 15 mm wechselte die Borstenzahl ebenfalls zwischen 8 und 10, aber der Durchschnitt betrug g,g ; bei neun Weibchen von 1 2 bis 1 9 mm fanden sich 8 bis 1 4, im Durch- schnitt 10,6 Borsten; endlich bei 14 Weibchen von 20 bis 24 mm Länge waren 12 bis 17, durchschnittlich 14,4 Borsten vorhanden^). Ebenso einfach würde sich mit der geringeren Grösse der Männchen der Mangel des Zahnes an der unteren Ecke des Panzers in Zusammenhang bringen lassen, wenn nicht schon bei Weibchen von 13 bis 15 mm Länge, die also die Grösse der erwachsenen Männchen noch nicht überschritten haben, der Zahn sich fast immer wenigstens angedeutet, ja gewöhnlich schon zu voller Länge entwickelt fände. Bei diesem Sachverhalt scheint mir die wahrscheinlichste Annahme die, dass die „spina pterygostomiana" zuerst bei erwachsenen oder fast erwachsenen Weibchen und im Laufe der Zeit bei demselben Geschlechte in immer jugend- licherem Alter aufgetreten sei. Wie dem auch sei, jedenfalls liegt hier eine be- achtenswerthe Ausnahme von der fast allgemeinen Regel vor, dass die Männchen sich weiter von der gemeinsamen Jugendform entfernen, als die Weibchen. Wie unsere Atyoida in einer ganzen Reihe von Eigenthümlichkeiten von dem gewöhnlichen Baue der Garneelen, von Palaemon, Hippolyte, Alpheus u. s. w. abweicht, so pflegen ja überhaupt Arten, Gattungen, Familien nicht durch ein einziges, sondern durch zahlreiche Merkmale von ihren Verwandten und Vorfahren sich zu unterscheiden. Wie man gewöhnlich zwischen diesen verschiedenen Merk- malen keinen ursächlichen Zusammenhang erkennen kann, so würde man einen solchen auch bei Atyoida kaum vermuthen z. B. zwischen dem Baue der Scheeren, dem der hinteren Kiefer und der je nach dem Geschlechte verschiedenen Bewehrung des Panzers, wenn man nur ihre Leichen zergliederte. Wie aber, sobald man diese kleine Garneele lebend in ihrem Thun und Treiben beobachtet, die Art ihrer Nahrung, den Bau ihrer Scheeren und Mundtheile und ihren Aufenthalt an Pflanzen, und dieser die vielklauigen Finger ihrer Lauffüsse erklärlich macht; wie wieder mit der Bildung der zur Reinigung der Kiemenhöhle untauglichen Scheeren i) Diese bei Atyoida Potimirim so wechselnde Borstenzahl hat Heller bei der nahe verwandten Caridina unter die Gattungsmerkmale aufgenommen ; er schreibt ihr neun „Borstenhaare" zu (Heller, Crustaceen des südlichen Europa, S. 238). Atyoida Potimirim. g^ ^ die diesem Dienste angepasste Gestalt der hinteren Kiefer und die so ganz ab- weichende Lagerung des ersten Schwimmfusspaares in Beziehung treten; wie die Waffen losigkeit der Männchen ihre geringere Grösse und diese wieder die jugend- lichere Bildung ihres Panzers begreifen lässt u. s. w. u, s. w.; kurz, wie dann mit einem Schlage all' ihre mannigfachen Eigenthümlichkeiten in engste Beziehung zu einander treten, so darf man wohl hoffen, dass auch in vielen anderen Fällen bei aufmerksamer Beobachtung der lebenden Thiere gar manche anscheinend zusammenhangslose Bildungen, für die man jetzt eine geheimnissvolle Wechsel- beziehung der Theile verantwortlich macht, als sich gegenseitig bedingende Er- gebnisse der Naturauslese zu erkennen sein werden. Verirrte Blätter^). Mit I Textfigur. Hier ist der Ast eines Phyllanthus, der als Unkraut in meinem Garten wächst. Die Aeste dieser Phyllanthus-Art stehen wagerecht vom Stamme ab und wagerecht breiten sich — bei Tage und im Schatten — die Blätter aus, abwechselnd rechts und links vom Aste, so dass dieser das täuschende Ansehen eines gefiederten Ast eines Pyllanthus mit sieben verirrten Blättern, von oben gesehen; nadi dem getrockneten Aste in natürlicher Grösse. Blattes erhält. Bei dem vorliegenden Aste ist nun die eine Seite fast kahl; nur am Anfange und am Ende stehen je zwei Blätter; die sieben mittleren Blätter haben sich nach der anderen Seite herumgebogen und gleichzeitig so gedreht dass ihre obere Fläche, die bei einer einfachen Wanderung durch i8o^ zur unteren werden würde, wieder nach oben sieht. Diese obere Fläche legt sich dicht an die untere Fläche der entsprechenden Blätter der anderen Seite an. — Wie kamen wohl die sieben Blätter in diese sonderbare Lage? Beim Nahen der Nacht biegen sich die Blätter dieser Phyllanthus-Art nach unten (bei einer zweiten hiesigen Art nach oben), bis sie senkrecht nach abwärts sehen und gleichzeitig drehen sie sich so, dass die oberen Blattflächen der beiden Blattreihen einander zugewendet, dass also die unteren Blattflächcn nach aussen gekehrt sind. Es ist dieselbe nächtliche Ruhelage, welche Pfeffer bei Phyllanthus Niruri beschrieben und Darwin von Cassia corymbosa abgebildet haf^). Von dieser senkrechten Nachtlage zur wagerechten Tagcsstellung haben nun die Blätter 1) Kosmos 1881. Bd. IX. S. 141, 142. 2) Darwin, Das Bewegungsvermögen der Pflanzen. Deutsch von J. Victor Carus. S. 315, Fig. 154. Verirrte Blätter. 875 gleichweit, 90 ^ nach rechts und nach links, nach ihrer eigenen und nach der ent- gegengesetzten Seite; ja letzterer Weg scheint in gewisser Beziehung der bequemere zu sein : die Blätter brauchen sich nicht zu drehen, sondern nur einfach empor zu steigen. So kommt es denn bisweilen vor, dass ein oder mehrere Blätter einer Blattreihe, ja bisweilen fast alle, sich verirren und am Morgen nach der verkehrten Seite wandern. Und sind sie einmal den bequemen falschen Weg gegangen, so scheinen sie ihn nicht leicht wieder zu verlassen. An derselben Pflanze, von welcher der obige Ast stammt, sehe ich schon während einer Reihe von Tagen dieselben vier Blätter eines Astes immer wieder auf der verkehrten Seite, trotzdem sie jeden Abend beim Schlafengehen den halben Weg zur richtigen Seite machen ^), Wenn nun schon an demselben Aste, sei es auch nur als seltene Ausnahme, benachbarte Blätter in entgegengesetzter Richtung wandern, so kann es nicht Wunder nehmen, dass so oft bei ähnlichen Arten die schlafenden Blätter eine verschiedene und nicht selten gerade entgegengesetzte Lage einnehmen. Man ist dadurch — das scheinen mir die verirrten Blätter des Phyllanthus zu beweisen — keineswegs zu der Annahme gezwungen, dass solche Pflanzen unabhängig von einander die Gewohnheit des Schlafens angenommen haben. Itajahy, 10. Januar 1881. I) Heute (II. I. 81) sind zwei der vier Blätter auf die richtige Seite zurückgekehrt. Two Kinds of Stamens with Different Functions in the same Flower^). (Aus einem Briefe an Hermann Müller, dd. Blumenau, 13. Mai 1881.) Mit I Textfigur. The following extract from a letter lately received from my brother Fritz Müller (of Blumenau, Prov. St. Catharina, Brazil) contains so new and curious an Observation that it will probably interest the botanical readers of this Journal. "A species of Heeria (Melastomacese), which is not indigenous here, begins in my garden now to open its beautiful red flowers, remarkable for having two kinds of differently coloured anthers. The four petals spread in a perpendicular plane ; the yellow anthers (a^) of the four shorter filaments, closely pressed together, project from the middle of the flower; their bright yellow stri- kingly contrasts with the violet-shining light red of the corolla ; Flower of Heeria spec, longitudinally dissected. s, sepals; p, petals; a', one of the conspicuous yellow anthers which attract the insects; a^ one of the inconspicu- ous red anthers, which powder the insects with pollen; c, connective of this anther; /, fork of this connective ; st, stigraa. the longer anthers (a^) are red, like the filaments, and the very long connective (c), which is lengthened beyond the point of insertion into a fork (/), with two yellowish points; these points stand close beneath the yellow anthers. whilst the apical apertures of the red anthers (a-) are placed far below them near the stigma ; also the style and the stigma {st) are coloured so very hke the corolla, that from some distance neither they nor the longer stamens can be Seen at all. Any large bee (like Xylocopa, Centris, or Bombus), when working on the smaller anthers in order to collect pollen, would, by moving the connec- tive fork of the larger ones, press the apertures of the latter against the ven- tral side of its abdomen and powder it with pollen. Until now I have only seen a little fly (Syrphidae) and Trigona riificrus visiting this flower, both too small to fertilise it. The fly takes only notice of the yellow anthers ; the Trigonas, too, always sit down first on these; but most of them (the more experienced specimens ?) turn then round, and go to the larger anthers, which offer a more copious poUen-store, and work on them with their mandibles or eat them up en- tirely. Even if larger bees acted in the same manner as Trigona riificrus, they would have powdered the ventral side of theyr abdomen before going to plunder the latter. The pollen of both kinds of anthers is white." I) Natura 1881. Bd. XXIV. p. 307. Leaves Injured at Night by Free Radiation^). (From a letter to Ch. Darwin). Fritz Müller, in a letter to me from St. Catharina in Brazil, dated August g, Supports the view which I have advanced with respect to leaves placing themselves in a vertical position at night, during their so-called sleep, in order to escape being chilled and injured by radiation into the open sky. He says: "We have had last week some rather cold nights (2° to 3° C. at sunrise), and these have given me a new confirmation of your view on the meaning of the nyctitropic movements of plants. Near my house there are some Pandanus trees, about a dozen years old; the youngest terminal leaves stand upright, whereas the older ones are bent down so as to expose their upper surfaces to the sky. These young leaves, though of course the most tender, are still as fresh and green as before; on the contrary, the older ones have suffered from the cold, and have become quite yellowish. Again, the leaves of Oxalis sepium were observed by me to sleep in a very imperfect manner during the summer, even after the most sunny days; but now, in winter, every leaflet hangs down in a perpendicular Position during the whole night." It is a new fact to me that leaves should sleep in a more or less perfect manner at different seasons of the year. I) Nature 1881. Bd. XXIV. p. 4.59. Verwandlunor und Verwandtschaft der Blepharocerlden ^). Aus der Verwandlung der Blepharoceriden, deren Larven und Puppen vor zwei Jahren von mir am Itajahy, im vorigen Jahre von Dewitz^) am Harze und von Wierzejski^) in der Tatra beobachtet wurden, hat man noch keine Schlüsse gezogen auf die Verwandtschaft dieser trotz spärlicher Artenzahl weit über die Erde verbreiteten und durch „eine grosse Mannigfaltigkeit auffallender plastischer Unterschiede" (Low) merkwürdigen Familie. Es lassen ja auch die asselähnlichen Larven mit ihren bauchständigen Kiemen und Saugnäpfen, so wie die schildförmigen, den Felsen aufgekitteten Puppen mit ihren vierblättrigen Hörnern und ihren freien Gliedmassen dieselbe nur noch vereinsamter erscheinen, als zuvor. So wenigstens, wenn man nur das Aeussere betrachtet. Zergliedert man die Larve von Paltostoma, so findet man, dass die späteren Luftlöcher aller vorderen Leibesringe mit den Luftröhren durch sehr lange unwegsame Stränge in Verbindung stehen; nur zu dem letzten Paare führen lufthaltige Röhren. Ob diese Luftlöcher selbst wegsam sind oder nicht, weiss ich nicht; jedenfalls, da das Thier stets unter Wasser bleibt, können sie niemals Luft aufnehmen. Ich schloss aus diesem Befunde, dass dieses letzte Paar der Luftlöcher später- ausser Dienst getreten sei, als alle vorderen, d. h. dass Paltostoma abstamme von Mücken, deren Larven, wie die von Culex, durch Luftlöcher am Ende des Hinterleibes athmeten. i) Zoolog. Anzeig. 1881. Bd. IV. S. 499—502. 2) Berlin. Entomol. Zeitschr. 1881. Bd. XXV. S. 51. — Der von Dewitz (loc. cit. Tab. IV, Fig. 3) mit I — 3 bezeichnete, als Thorax gedeutete Abschnitt der Larve umfasst auch den ersten Hinterleibsring, wäre also mit i — 4 zu bezeichnen. Umgekehrt enthält der bei der Puppe (Fig. 15) mit i — 3 bezeichnete Abschnitt nur Vorder- und Mittelbrust, ist also mit i — 2 zu bezeichnen; Hinterbrust ist der erste der beiden, von Dewitz imbezeichnet gelassenen, den Rand nicht erreichenden Ringe, an welchem die Hal- teren sitzen. — Die vom „Kegel" der Saugscheibe entspringenden Muskeln des Saugnapfes (Fig. 7 ?') lässt Dewitz zur Bauchwand gehen; wie Wierzejski richtig angiebt, gehen sie vielmehr zur Rückenwand; dasselbe thun die aussen vom „Cylinder" des Saugnapfes entspringenden Muskeln ; zur Bauchwand gehen nur die von der „Scheibe" ausgehenden Muskeln, deren Paltostoma fünf Paare besitzt: ein breites seitliches, ein hinteres und drei vordere. — Die Puppenhömer sitzen wohl bei keinem Zweiflügler am Kopfe, wie Dewitz für Liponeura angiebt, sondern immer, wie auch bei Paltostoma, am Vorderrücken. 3) Zool. Anz. No. 81, S. 212. — Wierzejski hält seine Art für nächst verwandt mit Blephari- cera fasciata; diese Art hat aber zusammenstossende, W.'s Art getrennte Augen; sie ist also gar keine Blepharicera im Sinne Löw's, sondern wahrscheinlich, wie die von Dewitz gefundene, eine Liponeura. Verwandlung und Verwandtschaft der Blepharoceriden. g^n Eine zweite für die Feststellung der Abkunft jedenfalls wichtige Eigen- thümlichkeit von Paltostoma besteht in dem Besitz der sehr ungewöhnlichen Zahl von fünf Harngefässen ; wichtig, weil diese Zahl weit weniger der Wandlung durch Anpassung an neue Lebensverhältnisse ausgesetzt scheint, als die Mehrzahl der Merkmale, auf die man die Anordnung der Zweiflügler zu bauen pflegt. — Das würde also hinweisen auf Verwandtschaft mit Psychoda und den Culiciden, den einzigen Mücken, ja überhaupt den einzigen Kerfen, bei denen, so viel ich aus Siebold's vergleichender Anatomie sehen kann, bis jetzt fünf Harngefässe gefunden wurden. Sowohl für jene Vermuthung in Betreff der Larvenathmung ihrer Ahnen, als für die Verwandtschaft der Blepharoceriden mit Psychoda, die auf den ersten Blick fast unglaublich scheint, haben mir nun vor Kurzem einige winzige Mücken- larven unserer Wasserfälle eine eben so erwünschte, als unerwartete Bestätigung gebracht. Die kleinen Asseln oder Tausendfüssen (etwa Polyxenus lagurus) vergleich- baren Larven leben in mehreren Arten an den Wasserfällen unserer Bäche an glatten, nackten, feuchten Felsen. Wie die Blepharoceriden, haben sie eine Reihe von Saugnäpfen am Bauche und zwar acht, von denen der erste der Brust an- gehört und abweichend gebaut ist. Die Kinnbacken sind, wie bei Paltostoma, nicht zum Beissen, sondern zum Abschaben der Felsen eingerichtet und bewegen sich nicht von aussen nach innen, sondern von vorn nach hinten. Auch sonst sind die Mundtheile ähnlich. Von der Rückenwand der Speiseröhre gehen, wie bei Paltostoma, zwei rückwärts gerichtete Blindsäcke aus, in denen eine Anzahl säbelförmiger Chitinstäbe liegt. Harngefässe sind fünf vorhanden; sie münden getrennt in den Darm, während bei Paltostoma einerseits zwei, andererseits drei zu gemeinsamem Gange zusammentreten. Abweichend ist die freie Beweglichkeit des Kopfes und sämmtlicher Hinterleibsringe, was sie als eine ursprünglichere Form kennzeichnet. Ganz abweichend ist auch die Athmungsweise. Man kann die Larven lange in Gefangenschaft halten; sie kriechen dann meist oberhalb des Wasserspiegels an der Wand des Glases herum und athmen dann durch zwei am Ende des Leibes und der beiden grossen Längsstämme der Luftröhren liegende Luftlöcher ; doch gehen sie bisweilen auch auf längere Zeit ins Wasser und stülpen dann aus dem After sechs fingerförmige, reich mit Luftröhren durchzogene Kiemen hervor. Sie sind wohl die ersten unter den Insecten beobachteten Doppelathmer, wenn auch schon Hagen bei Wasserjungferlarven nachgewiesen hat, dass offene Luftlöcher gleichzeitig mit Luftröhrenkiemen vorkommen können. Statt der sechs Afterkiemen dieser kleinen Larven liegen bei Paltostoma vor dem After vier häutige Säcke, die aber weder zurückziehbar, noch mit Luftnihren ausgestattet sind; bei Liponeura würden dieselben nach Dewitz noch als Kiemen dienen. Die Bauchkiemen des zweiten bis sechsten Hinterleibsringes, welche Paltostoma und Liponeura besitzen, fehlen. Noch ähnlicher, als die Larven, sind denen der Blepharoceriden die Puppen ; sie gleichen fast vollständig denen der Liponeura brevirostris ; wie bei dieser sind nur zwei Ringe, Hinterbrust- und erster Hinterleibsring, vom Rande ausgeschlossen, so dass am Rande die Mittelbrust mit dem zweiten, und nicht, wie bei Paltostoma, mit dem dritten Hinterleibsringe zusammenstösst. Verschieden sind fast nur die ggg Verwandlung und Venvandschaft der Blepharoceriden. Hörner der Vorderbrust; sie sind einfach, keulenförmig und nicht, wie bei Palto- stoma und Liponeura aus vier Blättern zusammengesetzt. Alles in Allem sind Larven und Puppen so ähnlich, dass kaum ein Zweifel aufkommen kann über deren nahe Verwandtschaft mit den Blepharoceriden. Von den leicht hundertweis zu erlangenden Larven kommt in der Gefangen- schaft nur ein winziger Bruchteil zum Verpuppen und von den Puppen wieder nur der kleinere Theil zum Ausschlüpfen. Die Mücken aber, die aus diesen so ganz Blepharoceriden-ähnlichen Puppen hervorgehen, erinnern in Nichts an die Blepharoceriden, weder im Aussehen, noch durch irgend ein für diese Familie bezeichnendes Merkmal. Es fehlt das secundäre Adernetz der Flügel, es fehlt die eigenartige Flügelform der Blepharoceriden mit dem breiten eckigen Anal- zipfel; die Flügel sind schmal und spitz, ilir Saum ist sehr dicht und lang be- wimpert und auch die in ganz von den Blepharoceriden abweichender Weise ver- laufenden Adern sind mit langen Haaren reich besetzt, wie überhaupt das ganze Thierchen dicht, lang und struppig behaart ist. Nur gerade die bei den Blepha- roceriden behaarten Augen sind nackt. Die dort vorhandenen Nebenaugen fehlen. Die wirtelhaarigen Fühler sind lögliedrig etc. — All diese Merkmale aber, die sie von den Blepharoceriden entfernen, nähern sie den Psychoden. Da ich diese eben nicht zu genauerem Vergleiche zur Hand habe, weiss ich in der Tat nichts anzugeben, wodurch sie sich von denselben unterschieden. So wird durch diese Zwergmücken unserer Wasserfälle, die als Larven und Puppen eng den Blepharoceriden, als Mücken eben so den Psychoden sich an- schliessen, die Kluft zwischen diesen beiden Familien von so weit verschiedenem Aussehen überbrückt, und es dürfte schon jetzt kaum zu gewagt erscheinen, alle im Besitze von fünf Harngefässen übereinstimmenden Zweiflügler, also die Psy- choden, die eben besprochenen Mücken, die Blepharoceriden und die Culiciden in eine besondere Gruppe der Diptera Pentanephria zusammenzufassen. Itajahy, 21. Juni 1881. Eine Beobachtung an Trigona mirim^). Im September 1873 hatte ich aus dem hohlen Aste eines Vorjahren gefällten Baumes ein Volk der 4 bis 4,5 mm langen Trigona heimgebracht, die hier den Namen der kleinen Biene („Abelha mirim") führt, obwohl sie in unserer kaum über 2,5 mm langen Liliputbiene einen noch weit winzigeren Gattungsgenossen hat. Die erste Einrichtung in ihrem neuen Heim gab den Thierchen viel zu thun. Brutwaben und Vorrathstöpfe wurden durch Wachsbalken an Boden und Wänden des Kastens befestigt; was beim Herausnehmen aus dem Aste und unterwegs verbogen oder zerdrückt worden war, wurde ausgebessert; dem Flugloch wurde mit Wachs und Harz seine gehörige Grösse und Gestalt gegeben, so dass eben vier Bienenköpfe nebeneinander als Wachen herauslugen konnten u. s. w. War so der Arbeit jetzt mehr, so waren der Arbeiter weit weniger, — denn viele waren in der unregelmässigon Höhlung des Astes zurückgeblieben, — und dazu befanden sich dieselben in einer fremden Gegend, mit deren Blumen sie noch nicht vertraut waren. So nahmen denn, wie ich es oft in ähnlichen Fällen ge- sehen, die Honigvorräthe meiner Bienchen rasch ab. Ich setzte ihnen daher auf den Boden ihres Kastens ein flaches Gefäss mit in Wasser gelöstem Zucker. Sie machten sich rasch darüber, die gebotene Speise in ihrem Baue aufzuspeichern. Eine so unerschöpfliche Quelle in nächster Nähe war ihnen sicher noch niemals geflossen. Statt aus hundert Blumen ein winziges Honigtröpfchen nach dem anderen mühsam aufsuchen und aus weiter Ferne die süsse Last heimtragen zu müssen, konnten sie hier in vollen Zügen ihren Saugmagen füllen, um ihn sofort wieder in die nahen Honigtöpfe zu entleeren. Ich darf wohl daran erinnern, dass unsere stachellosen Bienen (Melipona und Trigona) nur für ihre Brut regelmässige Waben bauen und zwar nicht senkrechte, mit zwei Zellenschichten, sondern ein- schichtige wagerechte Waben, dass sie dagegen ihre Vorräthe von Honig und Blüthenstaub in grossen rundlichen, unregelmässig über einander gehäuften Töpfen verwahren, die aus stark mit fremden Stoffen versetztem Wachse gebaut sind. Bei der Abelha mirim haben diese kugligen Vorrathstöpfe etwa 1 5 mm Durch- messer. — Nun waren, wie es bei diesen Thieren Sitte ist, die entleerten Honig- töpfe schon grösstentheils abgebrochen und so fehlte es bald an Gelass für die reichlich eingetragene Zuckerlösung. Da überraschte mich, am Morgen des 2. October, ein wunderlicher Bau, durch welchen die Bienchen der durch den I) Kosmos 1881/82. Bd. X. S. 138— 140. Fritz Müllers gesammelte Schriften. Q02 Eine Beobachtung an Trigona mirini. Ueberfluss entstandenen Verlegenheit zu begegnen gesucht hatten. Auf einen dicht an der Wand des Kastens stehenden Honigtopf, der schon, um geschlossen zu werden, stark nach oben verjüngt war, hatten sie eine walzenförmige, 6 mm weite, 50 mm hohe Röhre aufgesetzt und durch mehrere Wachsbalken an die nahe Wand befestigt. Sie war bis zum Rande gefüllt. Am nächsten Tage be- gannen die Bienen diese Röhre, in der sie vorläufig ihren Ueberfluss untergebracht, wieder zu leeren und erleichterten sich diese Arbeit, indem sie gleichzeitig die Wand der Röhre auf einer Seite abtrugen und stets auf gleicher Höhe mit dem Spiegel der Flüssigkeit hielten. Am Abend des 3. October war die Röhre zur Hälfte, am folgenden Morgen vollständig entleert und die eine Seite derselben abgebrochen ; die andere Seite hat dann noch Tage lang gestanden, bis gelegent- lich das Wachs zu anderen Arbeiten verbraucht wurde. — Aus der wundervollen Regelmässigkeit der Bienenwaben, wie aus anderen wunderbar vollkommenen Leistungen der Thiere hat man schliessen wollen, dass die Befähigung dazu sich nicht allmählig auf natürlichem Wege habe entwickeln können, dass dabei vielmehr eine höhere Einsicht, ein „unbewusstes Hellsehen" im Spiele sein müsse. Wäre dem so, so müsste sich diese höhere Einsicht doch wohl auch da kundgeben, wo sie gerade am meisten von Nöthen wäre, in ungewohnten Lebenslagen, in welchen die ererbte oder selbst erworbene Gewohnheit und Er- fahrung das Thier im Stiche lässt. Sehen wir denn, inwiefern der eben erzählte Fall für oder wider das Bestehen eines solchen unbewusst das Zweckgemässeste wählenden Hellsehens spricht. Um 1413,7 cbmm Zuckerlösung unterzubringen, haben die Bienen eine walzenförmige Röhre von 6 mm Durchmesser und 50 mm Höhe, also eine Wand von 942,5 qmm gebaut. Hätten sie statt dessen einen ihrer gewöhnlichen kugligen Honigtöpfe von 15 mm Durchmesser gebaut, so hätten sie ihn nur bis zu etwa zwei Drittel seiner Höhe (genauer: 10,7 mm hoch) aufzubauen brauchen, um den ganzen Zucker unterzubringen, und derselbe hätte bis dahin nur 504,2 qmm Ober- fläche gehabt, so dass sie fast die Hälfte (genauer: 0,465) des zur Röhre ver- wendeten Wachses und ebensoviel an Arbeit gespart haben würden. Und mit dem Wachse der Röhre hätten sie einen ganzen Honigtopf und noch einen zweiten bis auf ein Drittel seiner Höhe bauen und darin 2094,3 cbmm, also fast anderthalb mal so viel Honig unterbringen können. Da ist also keine Spur einer über das Allernächste hinausblickenden höheren Einsicht; für das Allernächste aber, für das unmittelbare Bedürfniss jedes einzelnen Augenblicks haben die Bienen das beste Auskunftsmittel gewählt. Die mit dem Baue eines Honigtopfes beschäftigten Bienen sind dabei, ihn zu schliessen und haben ihn schon bis auf 6 mm Durchmesser verengt; da drängen sich plötzlich die honigtragenden Bienen mit immer neuen und neuen Ladungen heran, die untergebracht sein wollen; das Einfachste war da jedenfalls von dem schon vor- handenen Rande des Topfes aus aufwärts zu bauen. Und es war auch für eine gewisse Zeit weit zweckmässiger, als einen neuen Honigtopf anzufangen. Um 50 cbmm Honig unterzubringen, musste man an der Röhre eine Wand von 33,3 qmm Oberfläche bauen; mit einer gleich grossen Wand hätte aber ein neu begonnener kugliger Topf von 15 mm Durchmesser nur 11,4 cbmm, also noch nicht den vierten Theil gefasst. Und so bleibt die Röhre bis zu 8,9 mm Höhe Eine Beobachtung an Trigona mirim. 38'^ im Vortheil über den kugligen Topf; bei dieser Höhe fasst sie 252 cbmm und hat 1680 qmm Oberfläche; mit gleicher Oberfläche würde der kuglige Topf 3,6 mm Höhe erreicht haben und ebenfalls 252 cbmm fassen. Von da ab fasst der Topf mehr als die Röhre. — Das Lehrreiche an diesem Falle scheint mir das zu sein, dass unter unge- wohnten Verhältnissen der gewohnte Weg verlassen und ein neuer eingeschlagen wurde, obwohl letzterer nur für den Augenblick der bessere war, ersterer schon nach kurzer Frist der weitaus vortheilhaftere gewesen wäre. Das ,,unbewusste Hellsehen" vermochte nicht, um die nächste Ecke zu blicken, und bis dahin bedarf man seiner nicht. 56* Eine Pflanze, welche bei Nacht die Himmelsgegenden anzeigt^). An einer gelben Lupine sah Darwin ^) die Blätter in drei verschiedenen Stellungen schlafen ; bei einigen waren die Blättchen steil aufgerichtet und bildeten einen hohlen Kegel; andere Blätter bildeten einen senkrechten Stern; bei wieder anderen hatten sich alle Blättchen gesenkt. Gleich mannichfaltig fand ich die nächtliche Stellung der Blätter bei mehreren jungen Pflanzen einer hiesigen Crota- laria (C. cajanaefolia), die ich um ihrer schönen gelben Blumen willen in meinem Garten ausgesät hatte. Die Blätter dieser Art sind dreizählig, und, mit Ausnahme der jüngsten, noch im Wachsen begriffenen Blätter, bewegen sich die Blättchen beim Einbrüche der Nacht abwärts, bis sie senkrecht oder fast senkrecht nieder- hangen — während bei einer anderen von Darwin ^) erwähnten Crotalaria die einfachen Blätter Nachts zu senkrechter Stellung aufsteigen und sich dem Stengel anlegen. — Die niederhangenden Blättchen unserer Art sind nun meist gleich- zeitig gedreht, bald alle drei, bald zwei, bald nur ein einziges. So sieht man bei einigen Blättern die beiden seitlichen Blättchen um 90^ gedreht, so dass sie, statt sich ihre unteren Flächen zuzukehren, in einer Ebene liegen; dabei kann ihre obere Fläche entweder vom Stamme abgewandt oder demselben zugewandt sein ; in ersterem Falle ist das unpaarige endständige Blättchen stets ohne Drehung abwärts gebogen, wendet also seine obere Fläche ebenfalls vom Stamme ab; in letzterem Falle sieht man es bisweilen um go ° gedreht, so dass es mit der Ebene der seit- lichen Blättchen rechte Winkel bildet. In anderen Fällen sind die seitlichen Blättchen einfach abwärts gestiegen und kehren also einander ihre Unterflächen zu, während das Endblättchen sich um go° gedreht hat und zwar bald nach rechts, bald nach links. In wieder 'anderen Fällen sieht man minder bedeutende Drehungen des einen oder anderen Blättchens; dagegen scheinen Drehungen von mehr als 90*^ nicht vorzukommen und ebensowenig Blätter, deren Blättchen alle drei ungedreht i) Kosmos 1881/82. Bd. X. S. 212—214. 2) Darwin, Bewegungsvermögen der Pflanzen. Deutsch von J. V. Carus. 1881, S. 292. 3) a. a. O. p. 289. Eine Pflanze, welche bei Nacht die Himmelsgegenden anzeigt. ggc geblieben. Bei jungen Pflanzen mit noch wenigen Blättern schläft jedes in anderer Weise, aber diese besondere Weise bleibt bei jedem Blatte dieselbe für alle Nächte und das deutet schon darauf hin, dass die anscheinende Willkür, mit der sich ein Blättchen rechts, ein anderes links, ein drittes gar nicht dreht, nur eine scheinbare sei, dass in dieser anscheinenden Unregelmässigkeit doch eine bestimmte Regel walten müsse. Und so ist es auch und zwar ist die Regel so einfach, dass man sie auf den ersten Blick hätte erkennen sollen. Mir musste erst, nach einigen Tagen, eine andere, nahebei wachsende Schmetterlingsblume die Augen öffnen ; es war dies ein Sämling eines Centrosema, der eben die beiden ersten drcizähligen Blätter entfaltet hatte, von denen das eine nach Norden, das andere nach Süden gerichtet war. Gegen Sonnenuntergang sah ich nun, dass die Endblättchen beider Blätter sich so gedreht hatten, dass der eine Scitonrand aufwärts, der andere ab- wärts gerichtet, die obere Fläche aber der scheidenden Sonne zugewandt war; und in dieser Stellung verharrten sie bis tief in die Nacht hinein und wahrschein- lich bis zum Morgen. — Nun genügte ein Blick auf die zur nächtlichen Ruhelage sich niedersenkenden Blättchen von Crotalaria, um zu sehen, dass auch hier die Strahlen der untergehenden Sonne es sind, welche deren Drehung hervorrufen. Jedes Blättchen wendet der scheidenden Sonne seine obere Fläche zu, falls es dies thun kann, ohne sich um mehr als go^ drehen zu müssen. So wird an einem auf der Westseite des Stengels stehenden Blatte das Endblättchen ohne Drehung niedersinken, die seitlichen Blättchen aber werden sich um go" drehen und zwar so, dass sie ihre obere Fläche vom Stamme abwenden; es wird dann die obere Fläche aller drei Blättchen der sinkenden Sonne zugekehrt sein. Ebenso werden bei einem Blatte auf der Ostseite des Stammes die seitlichen Blättchen sich um 90° zu drehen haben, um der Sonne ihre obere Fläche zuzuwenden, aber in diesem Falle so, dass diese obere Fläche dem Stamme zugekehrt wird. Bei Blättern, die auf der Nord- oder Südseite stehen, werden die beiden seitlichen Blättchen ohne Drehung niedersinken; denn das eine wendet so seine obere Fläche der Sonne zu, das andere aber würde, um dies zu thun, sich um 180° drehen müssen; da- gegen wird sich das Endblättchen um go ^ drehen und zwar von Nord nach West bei dem nördlichen, von Süd nach West bei dem südlichen Blatte. Auf diese Weise zeigt während der Nacht Crotalaria cajanaefolia, und zwar jedes einzelne Blatt der Pflanze, den Ort des Himmeln an, an welchem die Sonne zur Rast gegangen ist; denn an jedem Blatte werden mindestens zwei Blättchen (bei den Blättern der Westseite alle drei) ihre obere Fläche derselben Himmels- gegend zuwenden, und diese ist Westen oder genauer der Ort des Sonnenunter- ganges. Wie aber, wenn bei Tage keine Sonne geschienen hat? Ich kann bis jetzt nur sagen, dass nach einem trüben Tage mit dichtbewölktem Himmel (7. Septbr.) der einer langen Reihe sonniger wolkenloser Tage folgte, die Blättchen in gleicher Richtung, wie in den früheren Nächten sich drehten ; doch begannen sie erst lange nach Sonnenuntergang ihre Schlafbewegungen; erst etwa drei Stunden später (ja bei zwei Pflanzen erst gegen Mitternacht) hatten sie ihre Senkung vollendet, und statt um go ° hatten sich die meisten nur um 60 ^ 45 °, ja einige kaum um 30 ° gedreht. ooA Eine Pflanze, welche bei Nacht die Himmelsgegenden anzeigt. Da Lupinus und Crotalaria zu derselben Gruppe der Schmetterlingsblumen, den Genisteen gehören, so dürfte zu erwarten sein, dass auch bei den Lupinen die bei Blättern derselben Pflanze verschiedene Nachtstellung auf ähnlichen Ur- sache beruhe, wie bei Crotalaria, und ich möchte fast wetten, dass jene zierlichen senkrechten Sterne, die Darwin sah, dem scheidenden Tagesgestirn sehnend sich zuwendeten. Es öffnet sich da noch ein weites Feld für lehrreiche Beobachtungen und Versuche. Itajahy, Septbr. 1881. Bemerkenswerte Fälle erworbener Aehnlichkeit bei Schmetterlingen ^). Mit Tafel LXII. I. Aehnlichkeit durch Ungeniessbarkeit geschützter Arten. Dass weit verschiedenen Gattungen angehörige, aber in derselben Gegend lebende Schmetterlinge in zahlreichen Fällen einander zum Verwechseln ähnlich sind, hatte sich als merkwürdige Thatsache schon vor langen Jahren der Beachtung der Sammler und Forscher aufgedrängt ^). Eine Erklärung dieser Thatsache aber hat man in vordarwinischer Zeit wohl nicht einmal versucht. Wozu auch nach der Bedeutung einer Ausnahme fragen, so lange die Regel selbst, — dass mit der Verschiedenheit des Baues eine entsprechende Verschiedenheit der äusseren Erscheinung Hand in Hand geht, — als gegebene, einer Erklärung weder be- dürftige, noch zugängliche Thatsache, als unerforschlicher „Schöpfungsplan" hin- genommen wurde. Erst als mit der Anerkennung wirklicher, leiblicher Ver- wandtschaft die Aehnlichkeit verwandter Arten als ererbt eine einfache Erklärung gefunden hatte, stellte sich auch die erworbene Aehnlichkeit nicht verwandter Arten als Lösung heischende Aufgabe hin. Und für die Schmetterlinge Hess die Lösung nicht auf sich warten. Schon wenige Jahre nach dem Erscheinen des „Ursprungs der Arten" wurde sie, wie bekannt, von FL W. Bates, dem scharf- blickenden „Naturforscher am Amazonenstrome" gegeben ^). Wo an gleichem Orte mehrere täuschend ähnliche, nicht verwandte Schmetterlinge zusammenleben, pflegt eine der Arten in der gewöhnlichen Tracht ihres Verwandtenkreises aufzutreten, während die anderen in Flügelschnitt, Zeichnung und Färbung sich oft weit von ihren nächsten Verwandten entfernen. Letztere dürfen deshalb als Nathahmcr der ersteren bezeichnet werden. Jene erste Art pflegt häufig zu sein und obwohl oft mit leuchtenden Farben geschmückt und von langsamem Fluge, also augen- fällig und leicht zu erhaschen, von Vögeln nicht verfolgt und gefressen zu werden, wofür sich als Grund bisweilen auch uns ein widriger Geruch zu erkennen gibt. 1) Kosmos 1881/82. Bd. X, S. 257—267. Tafel VI. 2) Vgl. Boisduval, Species general des Lepidopteres. Tome I. pag. 23. 1836. 3) Trans. Linn. Soc. vol. XXIII. 1862. pag. 495. — Leider kenne ich die Abhandlung von Bates nur aus Gerstäcker's Jahresbericht und aus dem, was Darwin (Origin of Species. 41h Ed., p. 503 und Descent of Man. V. I, p. 411) daraus mittheilt. ooo Erworbene Aehnlichkeit bei Schmetterlingen. Die anderen Arten pflegen weit seltener zu sein und Faltergruppen anzugehören, die von Vögeln verspeist werden. So erscheint also die Annahme berechtigt, dass die Maske jener ersten, häufigen, durch Widrigkeit geschützten Art, welche diese Nachahmer tragen, ihnen Schutz verleiht gegen Verfolger und dass die täuschende Aehnlichkeit allmählich durch Naturauslese entstand, indem immer die dem Vor- bilde ähnlichsten Thiere am besten der Verfolgung durch Vögel und andere Feinde entgingen. Mit Recht durfte Darwin diese von Bates an den Ithomia- und Lep- talis-Arten des Amazonasgebietes im Einzelnen dargelegte Entstehungsweise der „Mimicry" als ein vortreffliches Beispiel zur Erläuterung der Naturauslese be- zeichnen ^). Andere freilich haben anders darüber gedacht und dasselbe Beispiel von Ithomia und Leptalis benutzt, um daran nachzuweisen, dass zur Erklärung ihrer Aehnlichkeit Naturauslese nicht ausreiche. Naturauslese, sagte man 2), könne nur wirken, — und das ist nicht zu bestreiten, — wenn jede einzelne in vorteilhafter Richtung auftretende Abweichung sich für das abweichende Tier nützlich erweise. Also erst, wenn die Aehnlichkeit zwischen Nachahmer und Vorbild gross genug geworden, um die scharfen Augen der Vögel zu täuschen, könne sie durch Natur- auslese erhalten und weiter ausgebildet werden. Nun aber sei der Unterschied der äusseren Erscheinung zwischen einem gewöhnlichen weissen Pieriden und den Ithomiinen ^) so gross, dass jedenfalls solche Zwischenstufen, welche ersteren im Aussehen noch näher ständen, als letzteren, in keiner Weise irgend welchen Schutz geniessen, also ihrem Inhaber keinen Vortheil vor der Stammform ge- währen würden. Hier sei also obige Voraussetzung nicht nur für die ei'sten Stufen zufälliger Abweichungen, sondern selbst bis zur Mitte des Weges hin nicht erfüllt, also das Eingreifen der Naturauslese nicht möglich. Nur da, wo die Stammform, von welcher die Umwandlung zur natürlichen Maske ausgeht, der nachgeahmten Art ohnehin schon so ähnlich aussehe, dass eine Verwechslung von Seiten der Feinde möglich sei, nur da sei Naturauslese im Stande, die Aehnlichkeit zu vervollkommnen und immer täuschender zu machen. Gegen diese und ähnliche Bedenken ist im allgemeinen zu bemerken: i) „Von jedem beliebigen Ausgangspunkte aus würde Naturauslese dahin wirken können, ein Thier unter einem zahlreichen Schwärm einer andern Art für die Augen seiner Feinde verschwinden zu lassen, etwa einen weissen Pieriden unter einem Schwärme bunter Ithomien. Würden die ersten unerheblichen Ab- weichungen von der ursprünglichen weissen Färbung auch nur dadurch nützen, dass ihre Inhaber auf minder weite Entfernung hin die Aufmerksamkeit achtlos vorüberfliegender Feinde auf sich zögen, sie würden eben immerhin nützen und „ihre Inhaber concurrenzfähiger im Verhältniss zur Stammform machen"; sie würden 1) Darwin, Origin. of species. 4th Edition, p. 506: „an excellent illustration of the principle of natural selection." 2) Vgl. Das Unbewusste vom Standpunkte der Physiologie und Descendenztheorie. 1872. S. 9 — n, wo diese „Ausstellungen gegen die Tragweite der natürlichen Zuchtwahl" mit besonderer Klarheit und Schärfe dargelegt sind. 3) Ueber die Unterschiede zwischen den früher zu den Heliconiinen, jetzt meist zu den Danainen gestellten Ithomiinen imd zwischen den eigentlichen Danainen vgl. Fritz Müller, Ituna und Thyridia, in Kosmos Bd. V, S. loo. = Ges. Schriften S. 779. Erworbene Aehnlichkeit bei Schmetterlingen. 88q mithin als Grundlage dienen können für die allmähliche Herausbildung einer Aehn- lichkeit, die selbst die scharfen Augen der den Ithomienschwarm nach Beute durch- spähenden Vögel zu täuschen im Stande wäre ^)." 2) Das „scharfe Auge der Vögel", die durch das Vertilgen aller minder gelungenen Nachahmungen die Mimicr}^ zu der Vollkommenheit gebracht haben, die wir heute bewundern, hat jedenfalls erst in stetem Wettkampfe zwischen immer besser sich bergender Beute und immer schärfer spähendem Verfolger seinen Scharfblick erlangt. Auch aus diesem Grunde werden anfangs die Ver- folger auch durch minder vollkommene Nachbildungen zu täuschen gewesen sein. Was aber im Besonderen den Fall der Ithomiinen und der sie nachahmenden Leptalis- Arten betrifft, so ist den obigen Bedenken gegenüber zu sagen: i) In Bezug auf die Ithomiinen, dass, wie Wallace^) vortrefflich und ein- gehend auseinander gesetzt, dieselben wahrscheinlich zur Zeit, als sie die heute ihnen Schutz gewährenden widrigen Absonderungen zu erlangen begannen, ziem- lich schlicht gefärbt waren, entweder dunkel mit helleren Streifen oder Flecken, oder o-elblich mit dunklem Saum und bisweilen mit röthlichen Binden oder Flecken, dass also diesen unscheinbaren Ithomiinen leicht diese oder jene schutzbedürftige Pieride ähnlich genug sein konnte, um bisweilen von ihren Feinden damit ver- wechselt zu werden. 2) In Bezug auf Leptalis, dass nichts dafür spricht, ihre Stammform sei „eine gewöhnliche weisse Pieride" gewesen, dass vielmehr diese Stammform wahr- scheinlich schwarz und gelb war, und zwar mit ähnlicher Anordnung der Farben und mit ähnlichem Flügelschnittt, wie bei vielen Ithomiinen und wie wir es auch unter den LeptaHs- Arten heute noch bei den keine fremde Art nachahmenden Männchen von Leptalis Melia und Melite sehen. Ich habe anderwärts ^) dies auch ausführlich nachzuweisen versucht und will hier nur kurz im Hinweis auf die gegebene Ab- bildung von Leptalis Astynome (Fig. 7) einen meiner Gründe wiederholen. Die durch Naturauslese entstandene Nachahmung kann selbstverständlich in keiner Richtung über das nachgeahmte Vorbild hinausgehen, wodurch sie sich ja wieder von demselben entfernen würde oder, mit anderen Worten, es wird das Vorbild nie zwischen dem Nachahmer und dessen Stammform in der Mitte stehen können. Alle durch Ungeniessbarkeit geschützten Falter aber, die etwa der Leptalis Astynome als Vorbild gedient haben können (Fig. 1—5) stehen in ihrer Flügel- form mitten inne zwischen dieser lang und schmalflügligen Leptalis und einem kurz und breitflügligen „gewöhnlichen weissen Pieridcn". Einem solchen kann folglich die Stammform der Leptalis nicht geglichen haben. Die grosse Verschiedenheit cier äusseren Erscheinung zwischen dem Vorbilde und der Stammform der nachahmenden Leptalis, auf welche allein die oben dar- gelegten Bedenken sich stützen, hat aller Wahrscheinlichkeit nach niemals be- standen. Wie aber die einmal in der Aehnlichkeit mit gewissen Ithomiinen Schutz findende Leptalis durch Naturauslese Schritt für Schritt auf demselben Wege i) Fritz Müller, Einige "Worte über Leptalis in: Jenaische Zeitschrift für Naturwissenschaft. 1876. Bd. X. S. 2. = Ges. Schriften S. 512. 2) Wallace, Tropical Naturc and other Essays. 1878. p. 189. 3) Jenaische Zeitschrift für Naturwissenschaft. Bd. X. S. i. = Ges. Schriften S. 511. Sgo Erworbene Aehiilichkeit bei Schmetterlingen. weitergeführt werden konnte, auf welchem erstere zu ihrer heutigen oft so grellen Färbung gelangten, bedarf wohl keiner weiteren Ausführung^). So dürfte Leptalis kein glücklich gewähltes Beispiel sein, um darauf „eine Ausstellung gegen die Tragweite der natürlichen Zuchtwahl" zu begründen und ich bezweifle, dass andere Fälle schützender Aehnlichkeit sich besser dazu eignen würden. Eine andere Frage ist es, ob alle Fälle von Mimicry, namentlich bei Schmetterlingen, als schützende Aehnlichkeit aufzufassen sind -). Wenigstens gibt es gar manche Fälle, in denen die von Bates seiner Erklärung der Mimicry zu Grunde gelegten Voraussetzungen nicht zutreffen, auf welche also diese Erklärung nicht ohne Weiteres Anwendung finden kann. Es kann z. B. die nachahmende Art vielmal häufiger sein, als die nachgeahmte, — oder es können, soweit sich nach ihrem Benehmen und ihrem Verwandtenkreise urtheilen lässt, beide des Schutzes der Ungeniessbarkeit entbehren, — oder es können auch umgekehrt zwei oder mehrere täuschend ähnliche Schmetterlinge sämmtlich durch Ungeniess- barkeit geschützten Faltergruppen angehören. Diesen letzten Fall, die Aehnlich- keit zwischen geschützten Arten, habe ich schon einmal in diesen Blättern be- sprochen 3) und bin dabei zu dem Ergebniss gelangt, dass auch sie als schützende, durch Naturauslese entstandene Aehnlichkeit zu betrachten sei. Ich wusste damals nicht, dass schon vor mir Wallace auf diesen Fall hingewiesen, ihm aber eine weit verschiedene Deutung gegeben hatte, und dies veranlasst mich, jetzt noch einmal auf denselben Gegenstand zurückzukommen. In einem Vortrage, den er am 6. September 1876 als Vorsitzender der bio- logischen Abtheilung der „British Association" zu Glasgow hielt, sagte Wallace *) : „In Südamerika finden wir in den drei sämmtlich durch Widrigkeit geschützten Unter- familien der Danainen, Acraeinen und Heliconiinen dieselben Farben und Zeich- nungen wiederholt, bisweilen bis ins Einzelnste sich gleichend, und zwar ist jede besondere Weise der Färbung bezeichnend für ein bestimmtes Gebiet des Erd- theils. Neun sehr verschiedene Gattungen betheiligen sich an diesen gleich- laufenden Wandlungen (parallel changes), — Lycorea, Ceratinia, Mechanitis, Itho- mia, Melinaea, Tithorea, Acraea, Heliconius und Eueides. Gruppen von drei, vier oder selbst fünf derselben erscheinen zusammen in derselben Tracht in dem einen Bezirk und in einem benachbarten Bezirk erleiden die meisten oder alle zugleich denselben Wechsel in Färbung oder Zeichnung. So treten in Guyana Arten von Ithomia, Mechanitis und Heliconius auf mit gelben Flecken der Flügelspitze, die alle in Südbrasilien durch Arten mit weissen Flecken vertreten sind. Von Mechanitis, Melinaea und Heliconius und bisweilen von Tithorea sind die Arten der südlichen Anden (Bolivia und Peru) mit Orange und Schwarz gezeichnet, während die der nördlichen Anden (Neu- Granada) fast immer orangegelb und schwarz sind. Aehnliche Wandlungen kommen bei Arten der genannten Gruppen vor, welche dieselben Gegenden, sowie Centralamerika und die Antillen bewohnen. Bald ist die so erzeugte Aehnlichkeit zwischen weit verschiedenen Arten nur eine 1) Vgl. was "Wallace a. a. O. treffend darüber sagt. 2) Fritz Müller, April 1875. Jenaische Zcitschr. Bd. X. S. 12. = Ges. Schriften S. 519. 3) Ituna und Thyridia. Kosmos 1879. Bd. V. S. 100. = Ges. Schriften S. 779. 4) Wallace, Tropical Natura 1878. pag. 256. Erworbene Aehnlichkcit bei Schmetterlingen. 89 1 allgemeine, bald aber so ins Einzelne gehend, dass sie nur durch genaue Unter- suchung des Baues sich unterscheiden lassen. — Da aber alle in gleicher Weise durch die widerliche Absonderung geschützt sind, welche sie für Vögel unschmack- haft macht, kann dies kaum wirkliche Mimicry sein." — Wallace führt diese Fälle an als Belege für den Einfluss der Oertlichkeit auf die Farbe und meint, dass die Aehnlichkeit unbekannten örtlichen Ursachen zugeschrieben werden müsse („the similarit}^ must bc due to unknown local causes'S wie er sich in Betreff der Aehnlichkeit nicht geschützter Arten ausdrückt). — So ungern ich, gerade wenn es sich um Schmetterlinge handelt, den An- sichten des unübertrefflichen Beobachters entgegentrete, der auf langjährigen Reisen die schmetterlingsreichsten Gegenden der alten und neuen Welt durch- wandert hat, und dessen seltenem Geschick in Lösung schwieriger Fragen ich meine aufrichtige Bewunderung zolle ^), glaube ich doch meine eigene Meinung der seinigen gegenüber aufrecht erhalten zu müssen. Ich will meine Bedenken, gegen die von Wallace vertretene Ansicht an ein bestimmtes Beispiel knüpfen und führe daher zunächst dem Leser (in Fig. 1—5) fünf täuschend ähnliche Schmetterlinge der Provinz Santa Catharina vor, aus ebenso vielen verschiedenen Gattungen, die sämmtlich durch Ungeniessbarkeit geschützten Faltergruppen angehören. Zu den eigentlichen Danainen gehört die hier sehr seltene Lycorea (Fig. i), der ich nur einmal (5. Febr. 1878) auf dem Wege nach S. Bento am Fusse der Serra begegnet bin. Dagegen ist hier Mecha- nitis Lysimnia (Fig. 2) in manchen Jahren einer der häufigsten Schmetterlinge. Sie gehört, wie Mclinaea (Fig. 3) zu den Ithomiinen, während der Unterfamilie der Heliconiinen (Maracujäf alter) Heliconius Eucrate (Fig. 4) und Eueides Isabella (Fig. 5) angehören. Mechanitis und MeHnaea trifft man, wie alle hiesigen Itho- miinen, fast nur auf weissblühenden Compositen, unter denen Adenostemma bra- silianum ihre besondere Lieblingsblume ist, dagegen nie auf manchen andern von den Maracujäf altern gern besuchten Blumen, wie Poinsettia oder Lantana. Ehe ich weiter gehe, glaube ich einen Zweifel beseitigen zu müssen, den wahrscheinlich mancher Leser gegen meine Bezeichnung der fünf Schmetterlinge als täuschend ähnlich erheben wird. Gewiss, hat man ihre Flügel neben einander vor sich liegen, so erkennt man in ihnen sofort fünf ganz verschiedene, leicht zu unterscheidende Arten. Schon schwieriger ist die sofortige Unterscheidung, wenn unvermuthet einer oder der andere über den Weg flattert. Allein es handelt sich ja überhaupt gar nicht darum, ob wir, sondern ob die Schmetterlingsfresser durch die Aehnlichkeit getäuscht werden können und dafür ist gerade in diesem FaUe der Beweis leicht zu führen. Es genügt, mit ihnen zwei andere ähnlich gefärbte hiesige Falter, Protogonius Hippona (Fig. 6) und Leptalis Astynome (Fig. 7) zu vergleichen, welche beide nicht durch Widrigkeit geschützt sind und ihre Aehnlichkeit mit den fünf ungeniessbaren Arten nur dem Umstände danken, dass dieselbe durch Täuschung ihrer Feinde ihnen nützlich wurde. Für Leptalis bedarf dies keines weiteren Nachweises, namenthch nicht Wallace gegenüber, der hierin gleicher Meinung ist ; was Protogonius anlangt, so suchen nicht nur mehrere i) „Mr. Wallace, who has an innate genius for solving difficulties" Darwin, Descent of Man. 1871, Vol. I, p. 416. 892 Erworbene Aehnlichkeit bei Schmetterlingen. seiner nahen Verwandten unter täuschenden Verkleidungen Schützt, — zum Theil von wunderbarer Vollkommenheit, wie die des Blattschmetterling-s, Siderone stri- gosus^), — sondern auch seine eigene Raupe und Puppe verrathen sich als geniessbar dadurch, dass ersterc ein Blatt der Nahrungspflanze in eine lange spitze Tüte zusammenrollt, welche sie bei Tage nicht verlässt, letztere die grüne Farbe des Laubes trägt, zwischen dem sie aufgehängt ist. — Diese beiden nach- ahmenden Arten nun, deren Aehnlichkeit mit den fünf ungeniessbaren ohne Frage eine ihre Verfolger täuschende ist, entfernen sich in ihrem Aussehen weit mehr von diesen ihren Vorbildern, als letztere von einander und so darf ohne Bedenken auch die Aehnlichkeit dieser fünf Arten als täuschend bezeichnet werden. Wie ist nun diese täuschende Aehnlichkeit der fünf durch Widrigkeit ge- schützten Arten entstanden ? Ererbt kann sie nicht sein, da jede Art einer anderen Gattung angehört und diese Gattungen verschiedenen Unterfamilien. Wallace leitet die Aehnlichkeit ab von dem Einfluss unbekannter örtlicher Ursachen. Aber welche örtlichen Ursachen könnten möglicherweise hier gewirkt haben? Von vornherein ist in diesem Falle gerade von denjenigen örtlichen Verhältnissen ab- zusehen, die sonst bei Gestaltung der Arten die wichtigsten zu sein pflegen, von der Thier- und Pflanzenwelt, mit der und von der dieselben zu leben haben. Anderen Thieren treten Schmetterlinge nur als Beute gegenüber und so könnte die Aehnlichkeit nur als schützende mit der umgebenden Thierwelt in Beziehung stehen und als solche will sie ja Wallace nicht gelten lassen. Die Nahrungs- pflanzen der Raupen aber, die bisweilen nicht ohne Einfluss auf die Färbung der Schmetterlinge zu sein scheinen, sind in diesem Falle an der Aehnlichkeit der fünf Arten jedenfalls ganz unbetheiligt ; denn sie leben auf ganz verschiedenen Pflanzen, Mechanitis, wie manche andere Ithomiinen, auf Solaneen, HeHconius und Eueides, wie alle ihre Familiengenossen, auf Passifloren, und zwar findet sich die Raupe von Eueides Isabella oft auf derselben Passiflora mit derjenigen der feuerfarbenen Dione Juno, nicht aber mit derjenigen von HeHconius Eucrate. So bleiben also als „örtliche Ursachen" nur Wärme, P'euchtigkeit, Gleichmässig- keit oder schroffer Wechsel der Jahreszeiten, wolkenloser oder wolkentrüber Himmel, kurz die Witterungsverhältnisse. — Darf man nun diesen wohl einen gewissen Einfluss auf die Färbung der Schmetterlinge einräumen und darf man Wallace zugestehen, dass von solcherlei örtlichen Ursachen ihre bleichere Farbe auf gewissen Inseln, ihr metallischer Glanz auf anderen abhängen möge'^), so erheben sich doch gar manche und ernste Bedenken gegen Ausdehnung dieses Zugeständnisses auf die Aehnlichkeit unserer fünf Schmetterlinge. Selbst wenn dieselben als die einzigen einen kleinen abgeschlossenen Bezirk mit ganz eigenartigen Witterungsverhältnissen bewohnten, würde es kaum denkbar sein, dass dieselbe blind und gleichmässig auf verschiedene Stammformen wirkende Ursache denselben eine so ähnliche buntfarbige Zeichnung habe aufprägen können ; nun aber verbreiten sie sich über ein weites Gebiet, durch viel Breitengrade, vom Meeresstrande bis hoch in die Berge, und bewohnen es mit Hunderten anderer 1) Carus Sterne, Werden und Vergehen. II. Aufl., 1880, S. 608. Fig. 384. Der Schmetterling ist in Wirklichkeit dadurch noch blattähnlicher, als in der Abbildung, dass er die Fühler zwischen die zu- sammengelegten Flügel birgt. 2) a. a. O. p. 257 — 261. Erworbene Aehnlichkeit bei Schmetterlingen. ggi Schmetterlinge, die auch nicht den leisesten Anklang an die jenen fünf eigen- thümliche Zeichnung und Färbung aufweisen, bei denen also der dort so mächtige Einfluss der „örtlichen Ursachen" völlig wirkungslos geblieben ist. Das gilt sogar für ihre nächsten, an gleichem Orte lebenden Verwandten, bei denen doch ähn- liche Empfänglichkeit für dieselben Einflüsse zu vermuthen gewesen wäre. Neben Eueides Isabella lebt hier die Acraea-ähnliche E. Pavana und die feuerfarbene E. Aliphera; neben Heliconius Eucrate der H. Besckei mit sammetschwarzen Flügeln, von denen di§ vorderen mit breiter rother Binde und nahe der Wurzel mit gelbem Längsstrich, die hinteren mit schwefelgelber Längsbinde geschmückt sind, sowie H. Apseudes mit ebenfalls sammetschwarzen und zugleich blau- schimmernden Flügeln, von denen die vorderen zwei gelbe Querbinden tragen, eine breitere in der Mitte, eine schmälere nahe der Spitze; — neben Mechanitis und Melinaea leben eine ganze Zahl glasflügliger Ithomiinen (Thyridia, Ceratinia, Dircenna, Ithomia) und ebenso neben Lycorea die glasflüglige Ituna. — Ja, was noch mehr ist, unter den hiesigen Verwandten der fünf Arten finden sich noch drei andere Gruppen verschiedenen Gattungen angehöriger, täuschend ähnlicher Arten. Das sind erstens die glasflügligen Arten, von denen Ituna den eigent- Hchen Danainen, Thyridia, Dircenna u. s. w. den Ithomiinen angehören ; dann die feuerfarbenen Heliconier: Eueides Aliphera, Colaenis Julia und Dione Juno, und drittes Acraea Thalia und Eueides Pavana. Nach Kirby's Verzeichnis der Tag- falter würden sich die in Betracht kommenden Arten in folgende Reihe ordnen: Danainen: i. Lycorea. 2. Ituna. — Ithomiinen: 3, Thyridia. 4. Dircenna. 5. Ceratinia (C. Eupompe u. a.). 6. Mechanitis Lysimnia. 7. Ithomia (I. Sylvo u. a.). 8. Melinaea. — Acraeinen: 9. Acraea Thalia. — Heliconiinen: 10. Heli- conius Eucrate, II. Eueides Pavana. 12, E. Aliphera. 13. E. Isabella. 14. Colaenis Julia. 15. Dione ^), von denen also i, 6, 8, 10 und 13, — dann 2, 3, 4, 5 und 7, — dann wieder 12, 14 und 15 — und endlich g und ii je eine durch Aehnlichkeit der Zeichnung und Färbung zusammengehaltene Gruppe bisweilen zum Ver- wechseln ähnlicher Arten bilden. — So hätten also die gleichen „unbekannten örtlichen Ursachen" gleichzeitig verwandten, also anfangs ähnlichen Arten (z. B. den drei Eueides- Arten) ein weit verschiedenes, und nicht verwandten, also anfangs verschiedenen (z. B. Acraea Thalia und Eueides Pavana) ein fast ununterscheidbar ähnliches Gewand gegeben. Gewiss eine höchst absonderliche Wirkungsweise ! — Die Schwierigkeiten der von Wallace vertretenen Ansicht steigern sich, wenn wir näher betrachten, in welcher Weise die Aehnlichkeit unserer fünf Schmetterlinge zu Stande kommt. Die Vorderflügel zeigen auf schwarzem Grunde drei Flecken, einen orangefarbenen, der von der Wurzel etwa bis zur Mitte des Flügels reicht, einen gelben (oder statt dessen bei Lycorea drei kleinere, nicht zusammenhängende Flecken), der etwa von der Mitte des Vorderrandes schief nach aussen und hinten geht, und einen kleineren (bei Lycorea und Melinaea mehrere) nahe der Spitze, bald (Lycorea und Eueides) dem mittleren Flecken gleichfarbig, bald (Mechanitis, Melinaea und Heliconius) weiss. Die Hinterflügel l) Obwohl die Reihenfolge der Arten dieselbe ist, weicht meine Anordnung von der Kirby's darin ab, dass dieser die Ithomiinen nicht von den Danainen trennt, und die Gattungen Colaenis und Dione nicht zu den Heliconiinen, sondern zu den Nymphalinen rechnet. 894 Erworbene Aehnlichkeit bei Schmetterlingen t>^ haben an der Wurzel und längs des Vorderrandes ein helles Feld (orange, oder gelb, oder zwicfarbig, orange und gelb), das vollständig oder fast vollständig von einer breiten schwarzen Binde umschlossen ist; auf diese schwarze Binde folgt eine breite orange Binde und dann der schwarze Saum des Flügels. Eine so verwickelte mehrfarbige Zeichnung in ähnlicher Weise bei fünf verschiedenen, nicht verwandten Arten zu wiederholen, muss für eine blind wirkende Ursache als kaum sflaubliche Leistung bezeichnet werden. Lassen wir auch die blind wirkenden „örtlichen Ursachen", wie sie nach Wallace die Schmetterlinge mancher Inseln gebleicht oder die der Philippinen mit Metallglanz angehaucht zu haben scheinen, so in unserem Falle dieselben verschiedenen Farben bei den betreffenden Arten erzeugen, so ist damit noch sehr wenig erreicht; denn ebensoviel, wenn nicht mehr noch, als auf der Farbe selbst, beruht die Aehnlichkeit auf deren Anordnung. Der helle Fleck der Flügelspitze ist gelb bei Eueides, weiss bei Mechanitis und Heliconius, ohne dass dies die täuschende Aehnlichkeit wesentlich beeinträchtigt. Wie konnte nun eine ähnliche Zeichnung entstehen? Eine blosse Umfärbung, die an bereits vorhandene Zeichnungen der Stammformen anknüpfend deren Schattirungen in neue Farben umgewandelt und etwa noch das Gebiet der einer oder anderen Farbe erweitert oder verengt hätte, würde offenbar nur aus bereits Aehnlichem wieder Aehnliches erzeugt haben, lässt also eine aus ver- schiedenen Stammformen hervorgegangene Aehnlichkeit unerklärt. Statt an die vorhandene Zeichnung anzuknüpfen, hätten die „unbekannten örtlichen Ursachen" auch wohl unabhängig von derselben die entsprechenden Flügelstellen der fünf Arten mit denselben Farben schmücken und so deren AehnHchkeit bewirken können. Auch das liesse sich allenfalls noch einer blind wirkenden Ursache zu- trauen. Allein das ist nicht geschehen. Die einander entsprechenden Theile der Zeichnung liegen bei den fünf Arten nicht an entsprechenden Stellen der Flügel, oder — was dasselbe sagt, — die entsprechenden Stellen der Flügel sind bei den verschiedenen Arten oft in ganz verschiedener Weise gezeichnet und gefärbt. Einige wenige Beispiele, die Jeder nach den Abbildungen beliebig vermehren kann, werden genügen. Das hinterste Feld des Vorderflügels (zwischen Hinter- rand und Submediana) ist schwarz bis auf einen winzigen orange Fleck an der Wurzel bei Lycorea und Melinaea, dagegen umgekehrt orange bis auf einen kleinen schwarzen Fleck an der Flügelwurzel bei Eueides, endlich in seiner vorderen Hälfte (längs der Submediana) schwarz, in der hinteren Hälfte (längs des Randes) orange bei Heliconius und Mechanitis. Die Aehnlichkeit der Schmetter- linge wird durch diese Verschiedenheiten offenbar gesteigert, indem bei den Arten mit schmaleren Hinterflügeln (Mechanitis, Heliconius und Eueides) durch den orangefarbenen Saum der Vorderflügel der helle schwarzumrandete Fleck der Hinterflügel breiter und dadurch dem der Arten mit breiteren Hinterflügeln (Lycorea und Melinaea) ähnlicher erscheint. Wäre bei den drei ersteren Arten der schwarze längs der Submediana verlaufende Strich bis zum Hinterrande aus- gedehnt, wie bei Melinaea und Lycorea, so würde das die Aehnlichkeit erheblich beeinträchtigen. Wie aber sollen blinde, ohne Rücksicht auf etwa sich ergebende Aehnlichkeit wirkende „örtliche Ursachen" dazu kommen, dasselbe Flügelfeld einmal schwarz, einmal orange und ein drittes Mal halb schwarz, halb orange zu färben ? Erworbene Aehnlichkeit bei Schmetterlingen. ggc In besonders wirksamer Weise tragen zur Steigerung der Aehnlichkeit bei die hellen (weissen oder gelben) Flecken der schwarzen Flügelspitze, Diese Flecken haben bei jeder der fünf Arten eine andere Lage. Bei Lycorea liegen drei ge- trennte Flecken in Zelle 4, 5 und 6 (nach Herrich-Schäffer's Bezeichnung); bei Mechanitis findet sich ein einziger durch Zelle 5 bis 7 hindurchgehender und noch in Zelle 8 übergreifender Fleck; bei Melinaea zwei grössere Flecken dicht am Rande in Zelle 6 und 7. zwei kleinere in 5 und 8; bei Heliconius ein einziger Fleck, der durch Zelle 6 und 7 hindurch geht und noch etwas in Zelle 8 eindringt; endlich bei Eueides ein Fleck in Zelle 6, der etwas in Zelle 5 übergreift. Be- sonders bemerkenswerth sind in Bezug auf diese Flecken die beiden Ithomiinen, Mechanitis und Melinaea. Viele Falter dieser Gruppe haben auf der Unterseite weisse Randflecken, die oft, doch meist weniger deutlich, auch auf der Oberseite erscheinen. Diese Randflecken sind es, die bei Melinaea sich vergrössert haben und die weissen Flecken der Flügelspitze bilden ; bei Mechanitis fehlen die ent- sprechenden Randflecken der Oberseite entweder vollständig oder sind sehr klein und wenig in die Augen fallend. Der weisse Fleck der Flügelspitze liegt weiter vom Rande entfernt; in Zelle 7 fängt das Weiss bei Mechanitis gerade da an, wo es bei Melinaea aufhört; was bei Mechanitis weiss ist, ist bei Melinaea schwarz und umgekehrt. — Durch Vergrösserung der Randflecken wird Melinaea der Mechanitis weit ähnlicher; aber die „unbekannten örtlichen Ursachen", denen Wallace die Entstehung der Aehnlichkeit zuschreibt, konnten doch wohl kaum bei einer Art die Randfleckea vergrössern, bei einer anderen sie verkümmern oder völlig schwinden lassen. — Die schwarze Binde in der Mitte der Hinterflügel liegt bei allen Arten, Lycorea ausgenommen, ganz ausserhalb der Mittelzelle; bei Mechanitis und Heliconius bleibt sie durchweg in ziemlicher Entfernung von der- selben, während sie bei Melinaea und Eueides in Zelle 3 dicht an die Mittelzelle herantritt. Im Gegensatz zu den übrigen vier Arten tritt bei Lycorea diese schwarze Binde schon in Zelle 2 an die Mittelzelle heran und in sie hinein und folgt von da ab, theils innerhalb, theils ausserhalb liegend, dem Rande derselben. Wollte man ihr hier dieselbe Lage geben, wie in einer der anderen Arten, so würde bei der grösseren Breite der Flügel und der grösseren Ausdehnung der Mittelzelle alle Aehnlichkeit der Hinterflügel schwinden. Aber wie hätte darauf eine blindwirkende „örtliche Ursache" Rücksicht nehmen können? Wenn eine blindwirkende Ursache bei verschiedenen Schmetterlingen ähnlich ■gefärbte, aber nicht an entsprechenden Stellen der Flügel liegende bunte Flecken erzeugte, wie überaus unwahrscheinlich würde es sein, dass daraus selbst nur bei zweien eine einigermaassen ähnliche Zeichnung hervorginge ; wenn aber, wie hier, solche nicht an gleiche Flügelstellen gebundene Flecken trotzdem bei fünf ver- schiedenen Arten ein buntfarbiges täuschend ähnliches Gesammtbild liefern, so darf man mit der Gewissheit nahe kommender Wahrscheinlichkeit behaupten, dass dieses Ergebniss nur entstehen konnte unter dem züchtenden Einflüsse eines Auges, welcher jeden Strich, jeden Fleck, jede Farbenabstufung festhielt, wo immer sie auch auftrat, sobald nur dadurch die Aehnlichkeit gesteigert, die Täuschung der Feinde erleichtert wurde. Was unsere fünf Arten wegen ihrer grösseren Zahl, sowie wegen ihrer mehr- farbigen, minder einfachen Zeichnung besonders deutlich hervortreten lassen, er- 896 Erworbene Aehnlichkeit bei Schmetterlingen. giebt sich übrigens ebenso aus der Betrachtung jeder anderen Gruppe durch Widrigkeit geschützter ähnlicher Arten, dass nämlich ihre Aehnlichkeit nicht durch irgendwelche blindwirkende Ursache erzeugt, dass sie vielmehr eine schützende, durch Täuschung ihrer Feinde nützende sei. Sie würde dies nicht sein können, wie ich bereits in dem Aufsatze über Ituna und Th)Tidia ausgesprochen ^), wenn insektenfressende Vögel, Eidechsen u, s. w. die Kenntniss der für sie geniessbaren und ungeniessbaren Kerfe mit auf die Welt brächten, wenn sie vor aller Erfahrung wüssten, unter welchem Gewände sie einen leckeren Bissen zu verfolgen, unter welchem einen ekelhaften zu meiden haben. Wenn aber jeder einzelne Vogel erst durch eigene Erfahrung diese Unterscheidung lernen muss, so wird auch von den ungeniessbaren Schmetterlingsarten eine gewisse Zahl dem noch unerfahrenen jugendlichen Nachwüchse der Schmetterlingsfresser zum Opfer fallen. Wenn nun mehrere ungeniessbare Arten zum Verwechseln ähnlich sind, so wird die an einer derselben gemachte Erfahrung auch den anderen zu Gute kommen ; alle zusammen werden nur dieselbe Zahl von Opfern zu stellen haben, die jede einzelne stellen müsste, wenn sie auffallend verschieden wären. Wallace schreibt, wie wir sahen, unbekannten örtlichen Ursachen nicht nur die Aehnlichkeit durch Widrigkeit geschützter Schmetterlinge zu, sondern auch die gleichgerichteten Wandlungen ihrer Zeichnung oder Färbung, die solche Gruppen ähnlicher Arten mehrfach in verschiedenen Gegenden unseres Erdtheiles erleiden, wie z. B, wenn ein gelber Fleck der Flügelspitze, der in Guyana bei Arten von Ithomia, Mechanitis und Heliconius auftritt, bei verwandten Arten des südlichen Brasiliens durch einen weissen Flecken ersetzt ist. Auch für diese Fälle scheint mir das Zuhilferufen unbekannter Ursachen entbehrlich, die ja überhaupt, weil unbekannt, nichts erklären. Naturauslese wird dahin wirken, die einmal hergestellte vortheilhafte Aehnlichkeit der betreffenden Arten zu erhalten, wenn irgend wo eine der häufigeren aus irgend welcher Ursache nach irgend welcher Richtung abändert. Natürlich kann sie nur wirken, wo entsprechende Abände- rungen der übrigen Arten, die sie bevorzugen kann, auftreten, und es ist von vorn herein zu erwarten, dass dies nicht in allen Fällen geschehen werde. In der That hat in dem vorliegenden Falle nur bei drei Arten (Mechanitis, Melinaea und Heliconius) die Flügelspitze weisse Flecken, während bei zwei Arten (L3Xorea und Eueides) diese Flecken ihre gelbe Farbe bewahrt haben '-), — ganz so, wie von den beiden nicht durch Ungeniessbarkeit geschützten Nachahmern der eine, Proto- gonius, einen weissen, der andere, Leptalis, einen gelben Flecken besitzt. Das ist so wenig befremdend, dass es, wie gesagt, von vorn herein zu erwarten war. Wohl aber wäre es im höchsten Grade befremdlich, wenn örtliche Ursachen von so mächtiger Wirkung, dass sie unseren fünf verschiedenen Arten ein täuschend ähnliches Aussehen aufprägten, an der solcher Leistung gegenüber so unbedeuteden Aufgabe hätten scheitern sollen, das Gelb in der Flügelspitze von Lycorea und Eueides in Weiss zu verwandeln. Meine Erklärung der Aehnlichkeit durch Ungeniessbarkeit geschützter Schmetterlinge fusst auf der Voraussetzung, dass jeder einzelne Schmetterlings- 1) Kosmos, Bd. V, S. 107. 2) Ich sage: „bewahrt haben", weil wahrscheinlich diese Schmetterlinge sich aus dem wärmeren Norden nach dem kühleren Süden verbreitet haben und nicht umgekehrt. Erworbene Aelinlichkeit bei Schmetterlingen. gg-^ fresser die geniessbaren und ungeniessbaren Arten durch eigene Erfahrung als solche kennen lernen müsse. Ist diese Voraussetzung richtig, so werden die nach- ahmenden Schmetterlinge den Tribut sparen können, den auch sie der jugend- lichen Unerfahrenheit ihrer Feinde zu bringen haben, wenn sie erst dann auf der Bühne erscheinen, nachdem bereits ihr Vorbild allgemein als ungeniessbar erkannt worden ist. Und das scheint in der That in gewissen Fällen zu geschehen. Die letzten Jahre sind hier so überaus schmetterlingsarm gewesen, dass es mir un- möglich gewesen ist, eine befriedigende Zahl entscheidender Beobachtungen zu machen; doch will ich das Wenige, was ich gesehen, mittheilen, um die Aufmerk- samkeit Anderer auf diese Frage zu lenken, — Ich schicke voraus, dass Acraea Thalia hier zweimal im Jahre als der häufigste unserer Schmetterlinge auftritt, einmal zu Anfang des Sommers (November, December), einmal zu Ende desselben (März, April) ; je nach der Witterung tritt die Flugzeit früher oder später ein und dauert bald nur bis Anfang Mai, bald bis in den Juni hinein. — Am i6. Mai 1871 traf ich nun auf einem Ausfluge nach der Colonie Brusque am Itajahy-mirim auf einer Mikania einen der gelungensten, kaum durch die gelbe Fühlerkeule zu unterscheidenden Nachahmer der Acraea, ein noch frisches Weibchen von Eueides Pavana. Ringsum war nichts mehr von Acraea zu sehen, doch fing ich am Nach- mittag desselben Tages, wenn auch an einer anderen Stelle, noch einige abgeflatterte Stücke. Ich konnte mir damals einen nachahmenden Schmetterling kaum anders denken, als inmitten eines Schwarmes der vorbildlichen Art und wurde durch diesen einsamen Eueides so überrascht, dass er mir noch heute mit der ganzen Oertlichkeit lebhaft vor Augen steht. — Im Mai 1878 fand ich an einer Maracuja eine Gesellschaft mir unbekannter Heliconier-Räupchen ; ich fütterte sie auf und aus den Puppen schlüpfte am 7. und 8. Juni Eueides Pavana. Die Plugzeit von Acraea war so gut, wie vorüber. — Im April vorigen Jahres (1880) machte ich einen mehrtägigen Ausflug, auf welchem ich längs der Wege die Lieblingsblume vieler unserer Schmetterlinge, eine Vernonia, in voller Blüte und überall von zahl- losen Acraeen umflattert antraf, aber vergeblich nach Eueides Pavana und der Acraea-ähnlichen Lcptalis spähte. Erst mehrere Tage später fing ich bei meinem Hause die ersten Stücke dieser beiden nachahmenden Arten; die Leptalis wurde entschieden häufiger, als schon Acraea seltener wurde und Eueides wurde noch gefangen, als kaum noch eine Acraea zu sehen war. Im laufenden Jahre, wo die Flugzeit der Acraeen ungewöhnlich früh eintrat und aufhörte, habe ich an Lep- talis dieselbe Erfahrung gemacht, freilich nur an einer sehr ungenügenden Anzahl ; denn ich habe im Ganzen kaum dreissig Stück zu sehen bekommen. Sollten, wie ich vermuthe, weitere Beobachtungen bestätigen, dass Leptalis acraeoides und Eueides Pavana und vielleicht noch andere nachahmende Schmetter- linge erst erscheinen, wenn die Art, unter deren Maske sie Schutz finden, schon längere Zeit geflogen und den Schmetterlingsfressern Gelegenheit geboten hat, sie als ungeniessbar kennen zu lernen, so würde dies als neuer Beleg dienen können für die Richtigkeit der Voraussetzung, dass der junge Nachwuchs der Schmetterlingsfresser selbst geniessbare von ungeniessbaren Arten unterscheiden lernen muss und somit für meine auf dieser Voraussetzung fussende Erklärung der Aehnlichkeit durch Ungeniessbarkeit geschützter Schmetterlinge. Itajahy, August 1881. Fritz Müllers gesammelte Schriften. 57 898 Erworbene Aehnlichkeit bei Schmetterlingen. Nachschrift. Die wenigen Stellen, die ich für vorstehenden Aufsatz in Wallace's „Tropical Nature" nachzuschlagen hatte, regten mich an, noch einmal das ganze anziehende Buch durchzulesen und dabei finde ich, — leider erst nach Absendung des Auf- satzes, — dass ich völlig vergessen hatte, was Wallace selbst (a. a. O. S. 216) als „wahrscheinlichste Ursache" der anscheinend nur durch örtliche Einflüsse be- dingten ähnlichen Färbungen betrachtet, nämlich: „die Gegenwart eigenthümlicher Grundstoffe oder chemischer Verbindungen in Boden, Wasser oder Luft, oder besonderer organischer Stoffe in der Pflanzenwelt". Auch dieser von Wallace vermutheten Ursache gegenüber bleiben übrigens meine Bedenken gegen irgend- welche blindwirkende Ursache der Aehnlichkeit geschützter Arten ungeschwächt bestehen. Den 4. October 1881. Erklärung der Figuren auf Tafel LXII. Fig. I Fig. 2 Fig. 3 Fig. 4 Fig. 5 Fig. 6 Fig. 7 Fig. 8 Fig- 9 Lycorea. ^^^- valvae dextrae 25 — 28 mm, diam. 17 mm. Die Wirbel liegen bei C. prisca in der Regel in Vs (o»33)' bei intermedia in -/^ (0,40), bei labiata in */ — ^/ (0,43 — 0,49) der Länge. Wie so oft erscheinen auch hier die Unterschiede in Zahlen ausgedrückt kleiner, als dem blossen Augenmaass." Fritz Müllers gesammelte Schriften. 59 ^,j-j Corbula intermedia. überliegenden zur bequemeren Handhabung abgerundet .... Wenn irgendwo, so liegt es bei den hierzulande gefundenen Steinwerkzeugen auf der Hand, dass die zurechtgehauenen Kieselwerkzeuge weit grössere Kunstfertigkeit beanspruchen, als die aus Diorit u. s. w. zurechtgeschliffenen. Erstere scheinen in den Muschel- bergen, selbst in den neueren, gar nicht vorzukommen. So hat auch schon Wiener (1875) sich in ganz ähnlicher Weise über das Verhältniss dieser zweierlei Werk- zeuge ausgesprochen, wie neuerdings H. Fischer im Kosmos (Bd. X). Eine eigen- thümliche Erscheinung bei dem jüngst besuchten Muschelberge sind die regel- mässig abwechselnden Schichten von Kohle, Asche u. s. w. und von Muscheln; die Corbula-Esser haben, scheint es, immer eine längere Zeit auf derselben Flur gelebt und gekocht und dieselbe von Muscheln freigehalten, letztere also nicht ein- fach um sich herumgeworfen ; mit den bei Seite geworfenen Muscheln haben sie dann von Zeit zu Zeit ihren Muschelhaufen erhöht und eine neue Flur gebildet. Nur in den kohligen Schichten darf man Werkzeuge zu finden hoffen. In einem neueren Muschelberge am Meeresstrande (bei Armagäo da Piedade), in dem man ebenfalls, wenn auch weniger regelmässige Schichten von Kohle und Asche findet, sieht man eine dünne, wagerechte Schicht schneeweissen Sandes, als hätten die Be- wohner ihren Hügel zu einem Feste aufgeputzt. Wir fanden in diesem Muschel- berge (11. Dezember 1875) sehr hübsche Steinäxte". Ein Schmetterling, der einen Kolibri nachahmt^). (Mitgeteilt von E. Krause.) Mit I Textfigur. In einem vom 4. September 1882 aus Blumenau in Süd-Brasilien datirten Briefe theilt mir Dr. Fritz Müller das nachfolgende, recht charakteristische Er- lebniss mit: „Vorgestern sass ich an der Mündung des Ithajahy mit zwei jungen Brasi- lianern zu Tisch, die mich mit allerlei von ihnen beobachteten Naturwundern unterhielten. 'Kennen Sie einen Schmetterling, der sich in einen Kolibri verwandelt?' "Nein, aber wohl einen Schmetterling, der einem Kolibri täuschend ähnlich sieht." — 'Nein, nein, er verwandelt sich in einen Kolibri, ich wollte es auch nicht glauben ^), aber ich habe es gesehen'. Gegen dieses bestimmte ,eu vi' war natürlich nichts zu sagen und es ist ein prächtiger Beleg für die wirklich täuschende Aehnlichkeit der beiden Blumengäste. Uebrigens bezweifle ich keinen Augenblick, dass der junge Mann wirklich an einem blühenden Strauche erst eine die Blumen umschwirrende Macroglossa und plötzlich an deren Stelle einen Kolibri gesehen hat. Der kampflustige Kolibri wird den Schwärmer verjagt haben, wie ja Kolibris oft einander verjagen ; die Bewegungen beider Arten sind so pfeilschnell, dass das Kommen des Vogels und das Wegfliegen des Schmetterlings leicht unbemerkt bleiben konnte," Soweit die Mittheilung unseres verehrten Freundes. Aus einem frühern Briefe an seinen Bruder Dr. Hermann Müller in I.ippstadt stammt die ent- sprechende Notiz : „Ein grosser Busch einer prächtig himmelblauen, hiesigen Salvia der jetzt in meinem Garten blüht, wird von einer Macroglossa besucht, die in Gestalt, Farbe und Flugweise eine so täuschende Aehnlichkeit mit einem Kolibri hat, dass meine Kleinen mir dieselbe als einen merkwürdigen Kolibri mit sechs Beinen ankündigten." Aber nicht blos Kinder und Naturmenschen, sondern auch Naturforscher mit geschärftem Blicke wurden von dieser Aehnlichkeit auf den ersten Blick getäuscht 1) Kosmos 1882/83. Bd. XII. S. 140—143. 2) Dass der Kolibri durch Metamorphose des Schmetterlings, wie dieser aus der Raupe entsteht, scheint allgemeine amerikanische Volkssage zu sein. Vergl. Brehni's Thierleben, 2. Aufl. Bd. IV. S. 434. 59* 932 Ein Schmetterling, der einen Kolibri nachalimt. Kolibri und grosser Kolibri-Schwärmer (nach Bates). und H. W. Bates in seinem höchst lesenswerthen, leider viel zu wenig bekannten Buche: .,Der Naturforscher am Amazonenstrom" (Deutsche Uebersetzung, Leipzig 1866, S, 98) erzählt: „Verschiedene Male schoss ich aus Versehen eine Kolibri- Motte anstatt eines Vogels. Diese Motte (Macroglosa Titan) ist nur wenig kleiner als gewöhnlich der Kolibri, ihre Art zu fliegen aber, und die Art, wie sie sich vor den Blüthen in Schwebung hält, indem sie dieselben mit dem Rüssel unter- sucht, sind ganz so wie bei dem Kolibri und es bedurfte der Beobachtung mehrerer Tage, ehe ich sie im Fluge von einander unterscheiden lernte." Wir dürfen nur die von Bates gegebene Abbildung, welche wir der Anschaulichkeit wegen hier reproducieren, betrachten, um zu sehen, dass, ganz abgesehen von der Aehn- lichkeit des Fluges, auch im Flügel- schnitt und namentlich in der Ge- staltung des Hinterleibs eine grosse Vogelähnlichkeit ausgeprägt ist. Es knüpft sich daran ein interessantes Problem, nämlich die Frage: haben wir hier einen P^all echter Mimicry vor uns, zieht die Macrogiossa wirklich Nutzen aus ihrer Aehn- lichkeit mit einem Kolibri? Auf den ersten Anblick scheint Alles für eine Verneinung dieser Frage zu sprechen. In der alten Welt gibt es bekanntlich keinen einzigen Vertreter aus dem Geschlechte der KoHbris und doch sind unsere Macroglossen in ihrem Benehmen den Kolibris ebenso ähnlich wie die amerikanischen. Gould, der Verfasser des bekannten Prachtwerkes über die Kolibris erzählt, dass ihm ein Herr, der die Eigenheiten der Kolibris in ihrer Heimath kennen gelernt hatte, versichert habe» dass in England Kolibris umherflögen, und dass er sich durchaus nicht habe über- zeugen wollen, unser gewöhnliches Karpfenschwänzchen (Macrogiossa stellatarum) oder eine andere Art für einen Kolibri gehalten zu haben. Da nun das Benehmen und der Flug der Macroglossen nicht so sehr von dem anderer Schwärmer ab- weichen vmd nur dadurch so auffallend werden, dass sie nicht wie andere Schwärmer des Nachts und in der Dämmerung, sondern im hellen Sonnenschein die Blumen umschwirren, so scheint die Wahrscheinlichkeit grösser, dass ein Schutzverhältnis oder irgend eine direkte Beziehung nicht vorliege. Die verschiedensten Schriftsteller haben im Gegentheil den Ausdruck ge- braucht, dass die Kolibris in ihrem pfeilschnellen Dahinschiessen, in den schnellen und unermüdlichen Bewegungen ihrer Flügel, so dass diese unsichtbar erscheinen und einen Schwirrlaut hervorbringen, sowie in ihren Blumenbesuchen und ihrem ganzen Benehmen vielmehr verschiedene Insekten-Arten „nachahmen", weshalb sie die Franzosen bekanntlich „Oiseaux-mouches", „Oiseaux-abeilles" genannt haben. Offenbar kann aber hierbei nur von einer Anpassung an eine gleiche Lebens- weise die Rede sein; wollten die Kolibris den Schmetterlingen und Bienen gleich ihre Nahrung (Honig und Insekten) aus Blumen gewinnen, so mussten sie, weil zu schwer, um sich wie die Insekten auf den Blumen selbst niederlassen zu können, Ein Schmetterling, der einen Kolibri nachahmt. q-i-i zur bequemern und schnellern (Gewinnung der Nahrung lernen, sich vor der Blume schwebend im Gleichgewicht zu halten, und mit dieser Fähigkeit, die eine ungewöhnliche Leistung des Nerven- und Muskelapparats voraussetzt, erwarben sie dann wohl zugleich den pfeilschnellen Flug, der sie vor den Verfolgungen der Raubvögel sichert. Kehren wir nun zu den Macroglossen zurück, so wird man leicht bemerken, dass sie trotz ihrer Schnelligkeit ein grosses Schutzbcdürfniss bekunden. Mehrere unserer Macroglossa-Arten (M. fuciformis und bomb34iformis) ahmen Bienen nach, so dass sie auch Hummelschwärmer genannt werden, und bilden durch ihre theil- weise glashellen Flügel einen Uc^bergang zu den Sesien oder Glasflüglern, deren Schutzbcdürfniss, nach ihrer \ielfachen Aehnlichkeit mit Wespen und Hornissen, nicht bezweifelt werden kann. Dieses Schutzbcdürfniss kann auch bei im hellen Sonnenschein fliegenden Schwärmern nicht auffallen und wir können in ihm einen Ausgangspunkt finden, von welchem die Nachahmung kleinerer, vor Verfolgung sicherer Vögel durch Macroglossen Verständniss finden würde. Die betreffenden Vögel können nur Kolibris sein, und wirklich haben diese nach den Angaben der verschiedensten Beobachter keine Verfolger. Die Macroglossen sind nun aber in Folge ihrer Rüssellänge die speziellen 'J'ischgenossen der Kolibris geworden und werden von denselben, da sie die gleichen langröhrigen hängenden Blumen zur selben Tageszeit besuchen, aus Brodneid verfolgt; wie verschiedene Beobacher gesehen haben, stossen die Kolibris alsbald nach den Macroglossen, wenn sie die- selben vor einer Blüthe treffen, und verjagen sie. Es musste letzteren daher aus doppelten Gründen nützlich sein, ihren Tischgenossen ähnlich zu werden, nämlich um Schutz vor diesen selbst und vor den Raubvögeln zu erlangen. Eine solche' Nachahmung ist indessen immer nur denkbar, wenn die Vorbedingungen dazu gegeben sind, und diese waren gegeben durch die Aehnlichkeit der Grösse, Gestalt, Bewegungen und Lebensweise. Eine geringe Verdickung des Leibes, ein etwas spitzerer Flügelschnitt, eine Zuspitzung des Kopfes und eine besonders charakte- ristische Verbreiterung des Hinterleibes, um den Vogelschwanz darzustellen, waren hinreichend, eine aus geringer Entfernung zur Verwechslung führende Aehnlich- keit hervorzubringen. Die Nachahmung der lebhaften Farben einzelner Kolibris war um so weniger geboten, als diese beim Schwirren doch nicht zur Geltung kommen und ausserdem zahlreichen Kolibri-Arten durchaus mangeln. Somit lässt sich nicht läugnen, dass zahlreiche Einzelgründe trotz des im ersten Augenblicke gegentheiligen Anscheines dafür sprechen, dass hier ein echtes Beispiel von Mimicry vorliegt. Die Macroglossen der alten Welt können uns darin nicht irre machen, denn einerseits können wir nicht wissen, ob die euro- päischen Wälder der spätem Tertiärzeit nicht ebenfalls von kolibri-ähnlichen Vögeln durchschwirrt wurden, und wenn dies für unwahrscheinlich gehalten werden muss, so liegt anderseits kein Grund vor, weshalb die Macroglossen nicht aus der neuen Welt hergeleitet werden könnten. Im Gegentheil deutet die Länge des Rüssels direkt darauf hin, dass derselbe wirklich in Wettbewerb mit Kolibris ausgebildet wurde, und ausserdem ist die Vogelähnlichkeit bei den europäischen Arten mehr oder weniger herabgemindert und hat zum Theil einer Aehnlichkeit mit blumensaugenden Hautflüglern Platz gemacht, die wegen ihres Stiches ge- fürchtet sind. Somit lässt sich Manches dafür anführen, dass die Vogelähnlichkeit der Macroglossen nicht zufällig entstanden ist. Bericht und Bemerkungen^) über Dr. Paul Mayer, Zur Naturgeschichte der Feigeninsekten^). Paul Mayer's werthvoUer Beitrag „zur Naturgeschichte der Feigeninsecten" bietet eine willkommene Ergänzung zu des Grafen Solms-Laubach Abhandlung über den Feigenbaum ^). Nach einer kurzen, der Solms'schen Abhandlung ent- nommenen Darlegung der in Betracht kommenden Verhältnisse des Feigenbaums geht P, M. zur Schilderung des die Bestäubung vermittelnden Insectes über. Dieses, die Blastophaga grossorum Grav., gehört zur Familie der Chalcidier und zur Unterfamilie der Agaoniden. Die etwa 2 mm langen Weibchen sind ge- flügelt und an Kopf, Brust und Oberseite des Hinterleibes glänzend schwarz. Die kaum kleineren Männchen sind so verschieden, dass ihre Zusammengehörigkeit lange Zeit hindurch nicht erkannt worden ist. Sie sind gelbbraun, flügellos, haben eine äusserst stark entwickelte und mit gleich kräftigen Beinen versehene Vorder- brust und einen weichen Hinterleib, dessen Ringe fernrohrartig ein- und aus- geschoben werden können. Fühler und Mundtheile der beiden Geschlechter sind gleichfalls durchaus verschieden. Die Mundtheile der Weibchen sind wohlent- wickelt; ihre Kinnbacken haben einen sehr eigenthümlichen, schief nach hinten gerichteten, mit einer Reihe Sägezähne bewehrten Fortsatz, die sog. Mandibel- säge, die ein bezeichnendes Merkmal der Gattung Blastophaga bildet; die Männchen besitzen mächtige dreizähnige (durch Abnutzung oft einzähnige) Kinnbacken ohne Mandibelsäge ; ihre übrigen Mundtheile sind zwar noch vorhanden, aber äusserst rückgebildet. Die Fühler der Weibchen haben 10, die der Männchen 7 Glieder. Die Netzaugen der Männchen sind erheblich kleiner als die der Weibchen; die bei letzteren vorhandenen Nebenaugen fehlen den Männchen. In den der Reife nahen P'eigen zernagen nun zuerst die Männchen mit ihren Kinnbacken die hornige Schale des Früchtchens, in dem sie sich entwickelt haben, und gelangen so in den Hohlraum der Feige. Hier sieht man sie unbehilflich und äusserst langsam umherkriechen, wobei sie den weichen Hinterleib entweder nachschleppen oder ihn unter die Brust geschlagen haben, so dass seine Spitze den Kopf überragt (letzteres fast immer bei den von mir beobachteten Blastophaga- Männchen. Ref.). Sie nagen in die Früchtchen, in welchen Weibchen einge- 1) Kosmos 1822/83. Bd. XII. S. 310 — 314. 2) Mitt. zool. Stat. zu Neapel Bd. III. S. 551 Taf. XXV u. XXVI. 3) Kosmos, Bd. XI, S. 306 und S. 342. = Ges. Schriften S. 912 u. 922. Bericht über Dr. Paul Mayer's Natut^eschichtc der Feigeninsekten. q7(^ schlössen sind, ein rundes Loch und schieben durch dasselbe den Hinterleib ein, um die Begattung zu vollziehen, nach welcher sie, ohne die Feige zu verlassen, zu Grunde gehen. In unversehrten Früchtchen findet man natürhch die Samen- tasche der Weibchen leer; nach der Anbohrung und bei allen ausgekrochenen Weibchen ist sie mit lebhaft sich bewegenden Samenfäden gefüllt. Die befruchteten Weibchen schlüpfen nun aus, nachdem sie das Bohrloch (wohl mit Benutzung der Mandibelsäge) angemessen erweitert haben, halten sich noch einige Zeit im Hohl- räume der Feige auf, durch deren Auge sie endlich, meist über und über mit Blütenstaub gepudert, ins Freie gelangen, um in die zu ihrer Aufnahme bereiten jungen Feigen der folgenden Generation einzuwandern. In Betreff der Zahl und Folge der einzelnen Generationen ist zu dem bereits in dem Berichte über die Solms'sche Abhandlung Mitgetheilten aus der vor- liegenden Arbeit der folgende, nicht unwichtige Nachtrag zu machen. Nicht alle Bäume reifen ihre Früchte und entlassen ihre Insecten zu gleicher Zeit, was theils vom Standorte, theils wohl auch von einer besonderen Anlage jedes Baumes ab- hängt. Die Gärtner in Neapel unterscheiden geradezu „alberi tempestivi" und ,,alberi tardivi". Dadurch hebt sich eine Schwierigkeit, welche anfangs die Be- fruchtung der „Mammoni" zu bieten schien. Verfolgt man nämlich in einem Feigengarten ein und denselben Baum den ganzen Sommer hindurch, so bemerkt man, dass zur Zeit, wenn seine „Profichi" ganz reif und die Insecten am Aus- schlüpfen sind, die „Mammoni" entweder kaum sichtbar oder doch noch ganz klein und ohne innere Höhle sind. Es kommt sogar vor, dass die „Profichi" sämmtlich abfallen, bevor noch die „Mammoni" überhaupt hervorknospen. Hier lag also der Gedanke nahe, die Blastophaga möchte für ein längeres Leben im Freien eingerichtet sein. Dies ist aber nicht der Fall, vielmehr werden einfach die „Mammoni" eines frühreifen („tempestivo") Baumes seitens der „Profichi" eines spätreifen („tardivo") mit Insecten versorgt. Der „Tardivo" selbst mag alsdann wohl leer ausgehen, es sei denn, er bringe seine „Mammoni" so spät hervor, dass sie von den Insecten, welche Anfang September ausschlüpfen, belegt werden können. Jedenfalls gibt es neben den Bäumen, welche drei Feigengenerationen im Laufe eines Jahres erzeugen, auch solche, welche im Frühjahr keine „Profichi", dafür aber im Sommer sehr früh schon „Mammoni" tragen, und auch solche, bei denen unter gänzlichem Ausfall der „Mammoni" auf die späten „Profichi" des Frühsommers im Herbste direct die überwinternden „Mamme" folgen. Neben Blastophaga haust in der Feige eine zweite Wespenart aus derselben Familie der Chalcidier und der Unterfamilie der Agaoniden, welche CavoUni „Ichneumon ficarius" genannt hat. Da eine systematische Bearbeitung der Feigen- wespen durch Prof. G. Mayr in Wien in Aussicht steht, so hat P. M., um die Zahl der Benennungen nicht unnöthig zu vermehren, diesen Namen einstweilen beibehalten. Die gelbrothe Farbe des Weibchens, der schlankere, grössere Körper und besonders der Legestachel von mehr als doppelter Körperlänge unterscheiden dasselbe auf den ersten Blick von Blastophaga; die gleichfalls gelbrothen Männchen besitzen im Gegensatz zu denen der Blastophaga noch wohlentwickelte Mund- theile, von denen die dreizähnigen Kinnbacken colossal gross sind, winzige Ueber- reste der Flügel, von denen nur der Vorderrand erhalten, die ganze Fläche ein- gegangen ist, und einen sehr kleinen Hinterleib; ihre Fühler sind logliedrig und -^ Bericht über Dr. Paul Mayer's Naturgeschichte der Feigeninsekten. Nebenaugen fehlen. Wie bei Blastophaga wird auch bei diesem „Ichneumon" das Weibchen vom ^Männchen noch in dem Fruchtknoten begattet. Obwohl im Allgemeinen weit seltener als Blastophaga, scheint doch auch diese Wespe eine Rolle im Haushalte der Feigen zu spielen. Welche, lässt P. M. unentschieden, ebenso, ob das Weibchen in die jungen P'eigen eindringt oder nur seinen langen Legestachel einführt und ob die Larven sich von Eiern und Larven der Blasto- phaga oder von den Säften der Feige nähren. Die Beantwortung der beiden letzteren Fragen scheint mir kaum zweifelhaft. Cavolini sah nie eine rothe Fliege („moscherino rosso") in eine junge Feige eindringen; ich selbst habe bei ver- schiedenen wilden Feigenarten unendlich oft von Blastophaga, niemals von „Ich- neumon", lebende Weibchen in den jungen, todte in unreifen Feigen angetroffen. Dränge das Weibchen in die Feigen ein, so wäre der lange Legestachel über- flüssig und in. dem engen Räume unbequem, während er bei der Eiablage von aussen her unentbehrlich ist; daher glaube ich mich für letztere entscheiden zu müssen. — Leclerc erzählt von einem Feigenbaum (in Kabylien), dessen Feigen ausschliesslich von „Ichneumon" bewohnt wurden; dasselbe habe ich für einzelne Feigen wiederholt beobachtet und für mehrere dieser Feigen mit Sicherheit fest- stellen können, dass sie keine Leichen von Blastophaga-Weibchen enthielten, die bei der betreffenden Feigenart sehr leicht nachzuweisen sind. Jedenfalls kann also dieser fälschlich so genannte „Ichneumon', auch ohne Blastophaga leben und ich sehe kaum einen Grund für die Annahme, dass er jemals als deren Schmarotzer auftrete. — In Betreff der ersten Frage, welche Bedeutung er für die Feigen habe, will ich wenigstens eine Vermuthung wagen. Bei einigen brasilianischen Feigenarten sind die Weibchen des „Ichneumon" prachtvoll metallisch gefärbt, was, wie auch P. M. hervorhebt, auf einen längeren Aufenthalt ausserhalb der Feigen hinzuweisen scheint. Ausserdem schienen mir, so oft ich gleichzeitig Blastophaga und „Ichneumon" aus derselben Feige ausschwärmen sah, letztere weit flugfähiger als erstere zu sein. Sollten nicht die „Ichneumon" dadurch nützen, dass sie die Bestäubung solcher Bäume vermitteln, die in grösserer Entfernung von ihren Artgenossen wachsen ? Ein dritter ständiger Gast der wilden und auch wohl der zahmen Feige ist ein kleiner Fadenwurm, Gasparrini's Anguillula Caprifici. Er lebt zwischen den Früchtchen und benutzt als Reisegelegenheit, um sich von alten P'eigen zu jungen tragen zu lassen, die Blastophaga-Weibchen, denen er geschickt zwischen die Hinterleibsschienen und bis an den Grund des Legestachels kriecht, wo P. M. oft 20 bis 30 an einem Weibchen fand. Eine Bedeutung für die Feig'e werden diese Fadenwürmer wohl kaum haben. Ausser diesen Bewohnern der gewöhnlichen Feige konnte P, M. auch die Feigenwespen der Sycomore eingehend untersuchen, von welcher er durch Dr. Schweinfurth aus Cairo frische Fruchtstände mit lebenden Insecten erhielt. Auch bei dieser ebenfalls (nach Saunders) zu den Agaoniden gehörigen Sycophaga Sycomori Hasselquist ist das schwarze Weibchen geflügelt, das gelbe Männchen flügellos ; die Erlösvmg des Weibchens aus seinem Gefängniss und die Begattung gehen genau so vor sich wie bei Blastophaga; indessen verlassen die Weibchen die Feige nicht durch das Auge, sondern durch in der Nähe desselben aus- gefressene Löcher. Fadenwürmer finden sich auch hier, sowohl zwischen den Bericht über Dr. Paul Mayer's Naturgeschichte der Feigeninsekten. 0^7 Früchtchen als auch an den Hinterleibsschienen der Weibchen. Das Männchen ist besonders merkwürdig durch ein Paar seitlich abstehender sehr langer Fort- sätze des ausserordentlich dehnbaren Hinterleibes, welche dem Thiere ein überaus seltsames Ansehen geben. An ihnen münden die Luftröhren aus und sie dienen wohl zum zeitweiligen Verschluss der grossen (im sechsten Hinterleibsringe ge- legenen Luftlöcher, die sonst offenbar von einer klebrigen, braunrothen, das Innere der Sycomore erfüllenden Masse angefüllt werden würden. Das Weibchen hat einzähnige Kinnbacken ohne Säge, ziemlich entwickelte Kiefer, i4gliedrige Fühler, grosse Netzaugen , drei Nebenaugen , einen ziemlich langen Legestachel ; das Männchen hat dreizähnige Kinnbacken, im übrigen ganz verkümmerte Mund- theile, vielleicht nicht einmal einen Mund, viergliedrige Fühler, verkümmerte, doch noch erkennbare Augen, keine Nebenaugen. Durch Untersuchung trockener Feigen von etwa 30 verschiedenen asiatischen und afrikanischen Arten konnte P. M. nachweisen, dass Sycophaga Sycomori über Aegypten, Angola, Gallabat, Bogosland, Java verbreitet ist und wahrscheinlich auch in Indien und auf der Bally-Insel vorkommt. Ausser den in der gewöhn- lichen Feige und der Sycomore vorkommenden Wespen fanden sich verschiedene andere Arten derselben drei Gattungen; nicht selten waren gleichzeitig zwei Gattungen vertreten und bei einer unbestimmten Feigenart aus Liberia wurden neben Blastophaga und Sycophaga einige vielleicht mit dem „Ichneumon" zur selben Gattung gehörige Weibchen gefunden. In den Feigen der Covellia lepicarpa, aus dem botanischen Garten von Buitenzorg auf Java, in welchen Graf Sohns gute, embryohaltige Samen gefunden hatte, konnte P. M. keine Spur von Wespen entdecken; ebensowenig bei drei ebendaher stammenden Ficus-Arten, während sich in fünf anderen Arten von Ficus und Covellia aus demselben Garten Blastophaga, Sycophaga und „Ichneumon" vorfanden. [Der Mangel der Wespen bei Anwesenheit guter Samen erinnert an die caprificirte zahme Feige und berechtigt wohl zu der Frage, ob nicht auch bei diesen javanischen Arten zwei einander ergänzende Formen bestehen mögen, wie es in diesen Blättern für Ficus Carica wahrscheinlich zu machen gesucht wurde. Ref.] Während in den Feigen und Sycomoren der alten Welt, soweit bekannt, die Anzahl der Wespenarten nur eine sehr beschränkte ist, setzt sie in den brasiliani- schen Feigen geradezu in Erstaunen. Den Feigen einer einzigen Art (die noch dazu alle von demselben Baume stammten. Ref.) wurden etwa zehn verschiedene Arten von Männchen entnommen. Dabei geht einerseits die durch das Leben in der Feige bedingte Umwandlung zum Theil noch weiter als in der alten Welt; so gibt es völlig mundlose Männchen und andere, deren Mittelbeine fast voll- ständig verkümmert sind. Anderseits kommen Arten vor, bei denen noch beide Geschlechter wohlentwickelte Flügel und Mundtheile besitzen. Bei einer Art treten die Männchen in zweierlei Formen auf; die einen haben sehr deutliche Flügelstummel, dicken Kopf mit sehr starken Kinnbacken, und besitzen Augen und Nebenaugen ; die anderen haben noch wohlentwickelte Flügel, grössere Neben- augen, aber kleinere ICinnbackcn und daher einen weniger dicken Kopf. Ueber die Lebensweise dieses bunten Gewimmels von Feigenwespen wurde bis jetzt g Bericht über Dr. Paul Mayer's Naturgeschichte der Feigeninsekten. Blastophaga und „Ichneumon" ausgenommen, nichts ermittelt. Die wichtigste, Blastophaga betreffende Beobachtung will ich auch hier mit meinen eigenen, von P. M. angeführten Worten wiederzugeben mir erlauben : „In einer einzigen Feige von Ficus VII. (unter mehr als 300) fand ich ausschliesslich Männchen von Blasto- phaga und zwar war der ganze innere Hohlraum damit vollgepfropft, während sie sonst bei dieser Art viclmal seltener waren als die Weibchen. Die Feige war noch unversehrt, also noch keine Wespen ausgeflogen, — und es waren keine wespcnhaltigen Früchtchen mehr vorhanden. Dieser Fund scheint mir kaum anders zu erklären als durch die Annahme, dass wie bei Apis unbefruchtete Eier Männchen liefern. Bei der grossen Ueberzahl der Weibchen konnte leicht das eine oder andere unbefruchtet bleiben, und drang ein solches ohne Begleiterin in eine junge Feige ^), so musstc diese statt eines Harems zu einem Kloster in unfreiwilligem Cölibate lebender Mönche werden." — Die oben erwähnten Faden- würmer wurden auch in verschiedenen brasilianischen Feigen gefunden. Zum Schlüsse seiner Arbeit gibt Verfasser über die Schriften, welche sich mit den Feigenwespen beschäftigen, eine sehr dankenswerthe ausführliche ge- schichtliche Uebersicht, mit deren einleitenden Worten ich meinen Bericht schliessen will : „Man wird, worauf ich schon hier ausdrücklich aufmerksam zu machen nicht unterlassen möchte, aus ihr die Ueberzeugung schöpfen, dass, wenn auch schon Zeitgenossen Linne's im Grossen und Ganzen eine richtige Anschauung vom Sach- verhalte besassen, doch erst die Schrift zweier Italiener aus den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts völlige Klarheit in die Materie brachte. In Folge davon ist die oben gegebene Darstellung, so weit sie die hiesigen (neapolitanischen. Ref.) Insecten angeht, in den wesentlichsten Punkten nur eine Wiederholung und Be- stätigung der Arbeit von Gasparrini und Scacchi, die merkwürdigerweise selbst in Deutschland gänzlich unbekannt und unbeachtet geblieben zu sein scheint." i) Es ist bei dieser Art Regel, dass nur ein Blastophaga- Weibchen in jede Feige eindringt; selten finden sich zwei, äusserst selten mehr. Z weigklimmer ^)^). Mit Tafel LXIII. Die Zweiklimmer, welche als frühere Entwicklungsstufe zu den mit Zweig- ranken ^) ausgerüsteten Pflanzen in einem ähnlichen Verhältnisse stehen, wie nach Darwin's überzeugender Auseinandersetzung die Blattkhmmer zu den Blattranken tragenden Pflanzen, sind meines Wissens noch nie in deutscher Sprache be- sprochen worden. Da die betreffenden Pflanzen, Klettersträucher warmer Länder, in Deutschland weder wild noch in Gärten zu finden, also deutschen Fachmännern kaum lebend zugänglich sind, darf wohl auch ein Laie es unternehmen, einige in ihrer Heimat beobachtete Arten den Lesern des „Kosmos" in Wort und Bild vorzuführen. I ) Securidaca Sellowiana (Polygaleen). Fig. i — 1 1 . Securidaca Sellowiana ist wohl der prächtigste Kletterstrauch der Provinz Santa Catarina; ein einziger Strauch überdeckt mit seinem Gezweige bisweilen die Kronen einer ganzen Anzahl benachbarter Bäume und über die Baumkronen weit hinaus erstrecken sich ringsum die langen schwanken Zweige, die mit ihren fiedrig gestellten, wagerecht ausgebreiteten und zweizeilig beblätterten Seiten- zweigen riesigen Fiederblättern gleichen. Zur Blütezeit (November, December) schmückt sich diese weite Fläche mit einem dichten Teppich angenehm, wenn auch schwach duftender lila Blumen, um welche laut summend und Honig suchend grosse schwarze Hummeln kreisen. Wo die jungen Zweige dieser Securidaca, unter ihrem eigenen Gewichte sich senkend, sich einem fremden Körper auflegen, biegen sie sich wie Ranken um denselben herum; es bedarf, um diese Krümmung zu veranlassen, keines er- heblichen Widerstandes. Fig. i ist einem Aestchen eines mehrere Klafter langen, über die Krone eines Baumes hinausragenden Zweiges entnommen, dessen Spitze sich auf welkes Farnkraut (Pteris aquilina) niederbog; um einige Blättchen des 1) Kosmos 1882/83. Bd. XU. S. 321—329. Taf. I. 2) Vergl. Fritz Müller, Notes on some of the Clirabing Plants near Desterro, in: Linn. Soc. Journ. Bot. Vol IX. pag. 344. PI. IX. = Ges. Schriften S. 285. Taf. XXVII. 3) Ich sage Zweigranken, nicht Stengelranken, um sie zu unterscheiden von den aus Blütenstielen hervorgegangenen Ranken, die gleichfalls Stengelgebilde sind. Q .Q Zweigklimmer. Farnkrautes krümmt sich in weitem Bogen, ohne sie fest zu umfassen, die noch blattlose Spitze des Aestchens, sowie in entgegengesetzter Richtung ein beblät- teter Seitenzweig desselben. — Nicht nur fremde Pflanzen, auch Aeste desselben Strauches werden auf diese Weise von jungen Zweigen umschlungen, wovon Fig. 2 ein Beispiel zeigt; die erste, grössere Schlinge, die der Seitenzweig des dünneren Zweiges bildet, hat wahrscheinlich früher eine nicht mehr vorhandene Stütze umfasst (worauf dessen Verdickung an dieser Stelle schliessen lässt); von dieser Schlinge aus läuft er neben dem dickeren Aste hin, bis er einen Seiten- zweig desselben trifft, den er in enger Windung, aufs Neue sich merklich ver- dickend, fest umschnürt. Um den dickeren Ast selbst beginnt ein S-förmio- ofe- bogener Nebenast des rankenähnlich gekrümmten Zweiges sich herumzukrümmen. — Fig. 3 zeigt einen Securidaca-Zweig, der zweimal und zwar in entgegen- gesetzter Richtung sich um den Ast eines Vanillosma biegt, um welchen eben- falls zwei seiner Seitenzweige sich krümmen; diese Seitenzweige waren, wie die Spitze des Zweiges selbst, reich beblättert. — In Fig. 6 sehen wir einen Zweig zweimal in weitem Bogen ein dünnes und morsches Aestchen umkreisen ; auch dieser Zweig trug, wie seine zum Theil ebenfalls stark gekrümmten Nebenzweige, zahlreiche Blätter. — Wieder andere Weisen der endlos mannigfaltigen Biegungen von Securidaca-Zweigen zeigen Fig. 4 und 5. — Die gegebenen Abbildungen stellen nur einfachere Fälle der oft äusserst verwickelten Verschlingungen dar, die nicht selten ein weit ausgedehntes labyrinthisches Gewirr zahlreicher Zweige oder dichte unlösbare gordische Knoten bilden. An den stärker gebogenen Stellen pflegt sich eine mehr oder minder erhebliche Verdickung zu finden, die besonders da sich stark ausbildet, wo ein fremder Körper eng umschnürt wird. Diese Verdickung beschränkt sich fast ausschliesslich auf die hohle Seite der gebogenen Zweige, so dass deren Mark der gewölbten Seite bisweilen mehr als doppelt so nahe zu liegen kommt als der hohlen, wie die Längsschnitte Fig. 7 und 8 (nat. Gr.) und die Querschnitte Fig. 9 — 11 (2mal vergr.) zeigen. 2) Dalbergia variabilis (Leguminosen). Fig. 12 — 19). Einfache Zweigklimmer, wie Securidaca, von denen jeder beliebige junge Zweig rankenartig eine Stütze umfassen und dann als beblätterter Zweig weiter- wachsen kann, finden sich mehrere in der Gruppe der Dalbergieen. — So ein Ecastaphyllum, welches als niedriger Strauch häufig am Strande der Insel Santa Catarina wächst, jedoch nur selten auf diese Weise sich an anderen Pflanzen be- festigt; in einem ausgedehnten, hauptsächlich aus diesem Strauche bestehenden Gebüsche bei Desterro habe ich nach langem Suchen nur eine geringe Zahl rankenartig um fremde Aeste sich krümmender Zweige finden können. Ob diese Pflanze das Klettervermögen erst zu erwerben oder es zu verlieren im Begriff steht, weiss ich nicht. — Um so ausgiebiger macht oft die hier überall häufige Dalbergia variabilis Gebrauch von dem Vermögen ihrer jungen Zweige, auf den Druck fremder Körper mit deren Umschhngung zu antworten. Fig. 12 zeigt einen Zweig der Dalbergia, der sich an dem Aste einer anderen Kletterpflanze, der Strychnos triplinervia, festhält. Man sieht den Zweig der Dalbergia rechts neben dem Strychnos-Aste hinwachsen, bis er (oben in der Abbildung) den vom Beschauer Zweigklimmer. n^ j abgewandten Zweig eines dreizähligen Zweigquirls trifft, welcher ihn zur Umkehr veranlasst; er läuft dann in umgekehrter Richtung links von dem Aste zurück bis zu dem nächsten, etwa 0,15 m entfernten Zweigquirl, umschlingt hier sich selbst und den dem Beschauer zugekehrten Zweig des Quirls und endet in eine lange, dünne, beblätterte Spitze. All die anderen dünnen, abgeschnittenen Zwei- gelchen der Abbildungen trugen ebenfalls Blätter, während die kurzen, bis zum Ende stark gekrümmten Zweigelchen blattlos waren. — In Fig. 13 sehen wir einen Dalbergia-Ast, welcher eine dünne, nicht mehr vorhandene (wahrscheinlich durch die enge Umschnürung getödtete und dann vermoderte) Stütze mit drei schraubenförmigen Windungen fest umschnürt und sich an dieser Stelle unge- wöhnlich stark verdickt hatte, jenseits sich in einen langen, dünnen, beblätterten Zweig fortsetzen, — Fig. 14 zeigt einen ganz kurzen Zweig, der dicht an seinem Urspnmg den Ast einer Clusia umfasst, stark verdickt ist und nahe seiner Spitze einen Blütenstand getrieben hat. Andere rankenartig gekrümmte blütentragende Aeste desselben Strauches zeigen auch Fig. 15 und 16. — Wie bei Securidaca geschieht auch hier die Verdickung der gekrümmten Aeste vornehmlich auf der hohlen Seite, wie der Längsschnitt Fig. 17 (nat. Gr.) und die Querschnitte Fig. 18 und 19 erkennen lassen. 3) Ein anderer Kletterstrauch aus der Gruppe der Dalbergieen. Fig. 20 — 22. Dieser ebenfalls hier nicht seltene Kletterstrauch, dessen Blumen und Früchte ich noch nicht gesehen habe, verhält sich im Wesentlichen ganz wie Dalbergia variabilis; auch bei ihm kommen die wunderlichsten Verwicklungen und Ver- schlingungen von Zweigen vor; auch bei ihm kann derselbe Zweig nach und nach in grösseren oder geringeren Abständen mehrere verschiedene Stützen loser oder enger umschlingen und dann wieder gerade weiterwachsen. — In Fig. 2 1 sieht man die gekrümmte Stelle des Zweiges nicht nur verdickt, sondern auch die hohle Seite der Krümmung von einer Reihe von Querfurchen durchzogen ; der Längsschnitt Fig. 22 lehrt, dass auch hier die Verdickung nur die hohle Seite betrifft, sowie dass die Furchen nicht nur die Rinde durchziehen, sondern bis in's Holz einschneiden. 4) Hippocratea ') (Celastrineen, Gruppe der Hippocrateen). Als ich in Desterro lebte, wuchs — und sie wächst vermuthlich da noch heute — in den Hecken links vom Wege nach den Drei Brücken (Tres Pontes), gerade wo der Weg kurz vor den Brücken nach diesen umbiegt eine Hippo- cratea als weit sich ausbreitender Kletterstrauch. Während bei Securidaca und Dalbergia jeder beliebige junge Zweig befähigt scheint, eine gegen ihn drückende Stütze zu umfassen, zeigte diese Hippocratea einen sehr wesentlichen Fortschritt darin, dass ihre Zweige sich in empfindliche und unempfindliche sondern. In den Blattwinkeln entwickeln sich je zwei Knospen über einander; die untere, ältere, die zuerst austreibt, wird zu einem Rankenzweige, die obere, oft sehr viel i) Nicht Tontelea, wie ich früher (Linn. Soc. Journ. Bot. Vol. IX pag. 345) vermulhete, ehe ich die Früchte kannte, die den Hauptunterschied der beiden Gattungen bilden. Tontelea konuiU übrigens ebenfalls in Santa Catharina vor; ich sah eine Art bei Tijuccas. Zweigklimmer. 942 ^ später austreibende, zu einem Zweige, der, ohne sich um Berührung- und Druck seiner Umgebung zu kümmern, gerade emporstrebt. Die Rankenzweige schienen mir bedeutend empfindhcher zu sein als die Zweige von Securidaca und Dal- bergia, da man selten einen trifft, der nicht eine oder mehrere Stützen umfasst hielte. Im Uebrigen sind die beiderlei Zweige nicht verschieden; beide tragen Blätter und treiben aus den Blattwinkeln neue Zweige. Ob die Blüten etwa nur an der einen oder anderen Art der Zweige \'orkommen, habe ich nicht beachtet. Es liegt auf der Hand, wie vortheilhaft es für die Pflanze ist, neben den Zweigen, die sie an ihrer Umgebung befestigen, andere zu besitzen, welche unentwegt durch das dichte Gewirr der Hecken emporsteigen. — Eine zweite Eigenthümlichkeit der Hippocratea ist die, dass ihre jungen Triebe oft lange blattlos bleiben; so hatten sich an einem drei Fuss langen, gerade aufsteigenden Aste, dessen Seiten- zweige meist schon benachbarte Gegenstände erfasst hatten, noch keine Blätter entwickelt; er glich in diesem Zustande einer riesigen Ranke. 5) Kletterstrauch mit hakentragenden Rankenzweigen aus der Gruppe der Dalbergieen. Fig. 23 — 29. Seit mehr als fünfzehn Jahren habe ich mich vergebhch bemüht, Blüten oder Früchte eines unserer merkwürdigsten Klettersträucher kennen zu lernen, dessen Blattbildung ihm unverkennbar seine Stelle in der Gruppe der Dalbergieen anweist. Wie so viele andere Kletterpflanzen (Marcgravia, Caulotretus, Erio- dendron u. s. w.) wird er wohl erst dann blühen, wenn er sich bis über die Kronen der Waldbäume emporgerungen und hier im Lichte sich ausgebreitet hat. Mit Hippocratea stimmt dieser Kletterstrauch darin überein, dass er be- sondere Rankenzweige besitzt; auch bei ihm sieht man oft einen Rankenzweig und einen gewöhnlichen Zweig demselben Blattwinkel entspringen und jener ist dann stets der ältere; aber es steht hier der gewöhnliche Zweig nicht über, son- dern unter dem Rankenzweige. (Fig. 23 zeigt die Knospe eines gewöhnlichen Zweiges zwischen Blatt und Rankenzweig.) — Er hat einen bedeutsamen Schritt über die Entwicklungsstufe der Hippocratea hinaus gethan dadurch, dass seine Rankenzweige schon fast zu gewöhnlichen Ranken geworden sind. Sie bestehen aus dünnen, schmächtigen, biegsamen, blattlosen Zweigen mit zahlreichen (etwa 12 bis 25) Stengelgliedern, deren Nebenblätter sich zu scharfen, harten, rückwärts gekrümmten Haken umgebildet haben. Die jungen, weichen, krautartigen, aus dem Boden aufspriessenden Schösslinge dieser Pflanze sind häufig blattlos; ich sah einen, sieben Fuss hoch, dessen obere Hälfte etwa ein Dutzend nach allen Himmelsgegenden hin sich ausreckende Rankenzweige trug; die ältesten dieser Rankenzweige waren 9 bis 12 Zoll lang und mit 12 bis 16 Paar scharfer Haken bewaffnet; zur Seite der jüngeren Rankenzweige standen grosse, blattartige, später abfallende Nebenblätter und unter ihnen zu winzigen Schuppen verküm- merte Blätter. Die an den älteren Rankenzweigen bereits stark gekrümmten, mit harter, scharfer, dunkler Spitze versehenen Nebenblätter waren am Ende der jüngeren noch gerade, weich und grün und den Nebenblättern gewöhnlicher Zweige ähnlich. Später entwickeln sich an der Spitze der Schosse wirkliche Blätter unterhalb der Rankenzweige statt der winzigen Schuppen und endlich, wenn die Pflanze das Licht erreicht hat und auf der Oberseite von Gebüsch oder Zweigklimmer. q^'s Bäumen sich ausbreitet, verschwinden die nun überflüssigen Rankenzweige. Das Umgekehrte kann man sehen, wenn die Pflanze auf die Eroberung eines neuen Gebietes, etwa eines benachbarten Baumes ausgeht. Dann beginnt ein bis dahin nur Blätter tragender Zweig an seiner Spitze durch Blätter gestützte Ranken- zweige zu treiben und endlich, rasch zu einem langen schmächtigen Schoss aus- wachsend, erzeugt er nur noch Rankenzweige und an Stelle der Blätter erscheinen wieder winzige Schuppen, So können an dieser Pflanze die Zweige in vier ver- schiedenen Gestalten auftreten: i) Rankenzweige, blattlos, mit hakenförmigen Nebenblättern bewehrt; 2) lange schmächtige blattlose Schösslingc, welche Ran- kenzweige und breite abfallende Nebenblätter tragen ; 3) Zweige mit Blättern, aus deren Achseln Rankenzweige entspringen, und 4) Zweige mit Blättern und ohne Rankenzweige. Ich erwähnte bereits, dass zwischen Rankenzweig und Blatt eine zweite Knospe sich findet, welche oft zu einem Zweige sich entwickelt ; diese unterhalb der Rankenzweige entspringenden Zweige scheinen ihrerseits niemals Rankenzweige zu tragen. Rankenzweige, die eine Stütze erfasst haben, verdicken sich, wo sie mit derselben in Berührung sind. Rankenzweige, die nichts gefasst haben, verhalten sich in verschiedener Weise. Einige krümmen sich unregelmässig, welken und fallen ab. Andere biegen sich ebenfalls unregelmässig, rollen sich auch wohl schneckenförmig, verdicken sich etwas, verholzen und bleiben stehen. Wieder andere treiben Zweige aus einem oder mehreren ihrer Glieder; dies geschieht noch häufiger bei solchen, die eine Stütze gefunden haben; in diesem Falle tritt eine sehr starke Verdickung ein, so dass der ursprünglich fadenförmige Ranken- zweig bis über zolldick werden kann ; so sieht man in Fig. 24 den um den Ast eines Goiababaumes geschlungenen Rankenzweig unterhalb ,des Ursprungs eines gewöhnlichen Astes stark verdickt, während er oberhalb desselben dünn geblieben ist. Endlich können die Rankenzweige auch in gewöhnliche Zweige übergehen ; sie bleiben dabei entweder gerade oder erscheinen wellig gebogen und erzeugen an ihrem Ende Blätter ; die ersten dieser Blätter haben bisweilen noch hakige, stehenbleibende Nebenblätter, während die folgenden, wie an anderen Zweigen, breite abfallende Nebenblätter besitzen. Solche Rankenzweige werden oft recht lang. Ich sah einen Schoss, dessen Rankenzweige sich fast alle in schlangen- artig gebogene blättertragende Zweige verwandelt hatten, und unter jedem der- selben stand, demselben Blattwinkel entsprossen, ein gerader gewöhnlicher Zweig; einer dieser Rankenzweige war dreissig ZoU lang; er hatte 25 Hakenpaare und am Ende drei kurze, hakenlose, blatttragende GHeder; von seinem siebenzehnten Gliede entsprang ein Seitenzweig. Von den hakenförmigen Nebenblättern, die sich auf den ersten Blick erkennen lassen, und von ihrem oft geschlängelten Ver- laufe abgesehen, gleichen diese blatttragenden Rankenzweige ganz den gewöhn- lichen Zweigen. Jung gleichen die Rankenzweige dieser Pflanze in allen Stücken echten Ranken und man könnte sie so nennen, wenn man nicht mit Darwin diesen Namen auf solche fadenförmige Gebilde beschränken will, die ausschliesslich dem Klettern dienen; das ist hier nicht der Fall; denn nachdem sie ihren Dienst als Ranken gethan, können sie auch noch alle Dienste gewöhnlicher Zweige leisten. Q . . Zweigklimmer. Wie bei Securidaca und den beiden schon besprochenen Dalbergieen ist auch hier die hohle Seite der gekrümmten Stellen der Sitz der Verdickung (siehe die 2mal vergrösserten Querschnitte Fig. 27 — 2g) und auch hier sieht man oft, doch nicht immer diese hohle Seite von Querfurchen durchzogen (siehe die in Fig. 25 und 26 in natürlicher Grösse gezeichneten verholzten Rankenzweige). 6) Str)^chnos tripHnervia. Fig. 30 — 37. Nur ein kleiner Schritt bleibt noch zu thun, um von den eben betrachteten Rankenzweigen zu ausschliesslich dem Klettern dienenden Zweigranken zu ge- langen. Ich wähle, um auch von dieser letzten Stufe ein Beispiel zu geben, unseren Krähenaugenstrauch, Strychnos triplinervia, weil bei diesem kein Zweifel darüber bestehen kann, ob die Ranken aus gewöhnlichen Zweigen oder, was bei Stengelranken viel häufiger zu sein scheint, aus Blütenstielen hervorgegangen seien. Dass ersteres der Fall ist, zeigt ein Blick auf Fig. 31, wo von zwei gegen- überstehenden Blättern das eine wohlentwickelte einen gewöhnlichen Zweig, das andere, welches zu einer Schuppe verkümmert ist, eine Ranke in seiner Achsel trägt. Wenn, wie es zuweilen vorkommt, auch das die Ranke stützende Blatt vollständig entwickelt ist, so ist deren Zweignatur noch augenfälliger. Die Blüten- stände dieser Art sind nicht blattwinkelständig, sondern finden sich am Ende der Zweige. Das Gezweig dieses Kletterstrauches hat, wo es sich frei entfalten kann, in der Regel ebenfalls wie bei Securidaca und manchen anderen das Aussehen riesiger Fiederblätter. Gewöhnlich kommt dieses fiedrige Aussehen, wie man besonders leicht an kräftigen, aus dem Boden aufwachsenden Trieben sehen kann, in folgender Weise ?u Stande. Die Blätter sind gepaart (stehen in zweigliederigen gekreuzten Quirlen) ; in einer gewissen Höhe des Triebes entwickelt sich in den Achseln eines Blattpaares, das als erstes bezeichnet werden mag, das erste Zweigpaar; das folgende Zweigpaar entspriesst den Achseln des dritten, das dritte denen des fünften Blattpaares u. s. w. , während das zweite, vierte, sechste Blattpaar u. s. w. zweiglos bleiben. So liegen also alle Zweige, die unter rechtem Winkel vom Stamme abgehen, in derselben Ebene. Der schwanke Schoss wird kaum Manneshöhe übersteigen, ohne sich durch das eigene Gewicht nach einer Seite zu neigen, wodurch dann die eine der früheren Seiten- flächen der Zweige zur Oberseite, die andere zur Unterseite wird und, indem alle Blätter durch Drehung theils der Zweige, theils der Blattstiele ihre ursprünglich obere Seite auch jetzt nach oben kehren, das Aussehen eines grossen Fieder- blattes entsteht. (Bei Aesten, die wagerecht aus einem Dickicht hervor wachsen, ist von vornherein eine ähnliche Lage der Zweige vorhanden.) An den Seiten- zweigen des Sprosses entspringen nun die Blätter des ersten, dritten, fünften Paares u. s. w. rechts und links, also die des zweiten, vierten, sechsten Paares u. s. w. oben und unten vom Zweige. Diese vielleicht überflüssig erscheinenden Einzelheiten durften nicht übergangen werden, um die Stellung der Ranken zu verstehen. Diese entspringen nämlich aus der Achsel des unteren Blattes des zweiten, vierten, sechsten Paares u. s. w. — So liegen alle Ranken auf der Unter- seite des m(>hr weniger wagerecht ausgebreiteten Gezweiges, jedenfalls die gün- stigste Lage, um fremde Gegenstände zu fassen, auf welche die Zweige unter Zweigklimm er. QA^ ihrer eigenen Last oder vom Winde bewegt sich niederbiegen. Fast immer ist das die Ranke stützende Blatt zu einer kleinen Schuppe verkümmert, kann also der Ranke nicht in den Weg treten; doch kommen ausnahmsweise auch wohl- entwickelte Blätter unter den Ranken vor und solche Ausnahmsfälle bieten bis- weilen besonders schöne Belege für die regelmässig zweiseitige Anordnung des Gezweiges. So habe ich eben einen Ast vor mir, der erst wenige Zweigpaare und an jedem Zweige eine einzige Ranke (am zweiten Blattpaare) entwickelt hat ; am ersten Zweigpaare steht unter der Ranke jedes der beiden Zweige ein voll- ständiges Blatt, am zweiten Zweigpaare eine ungewöhnlich grosse Schuppe mit einer winzigen grünen Spreite am Ende, an den folgenden Zweigpaaren eine ge- wöhnliche Schuppe. Nicht selten ist die Ranke des zweiten Blattpaares die ein- zige des Zweiges; häufig kommen zu ihr die des vierten und des sechsten Blatt- paares; weit über drei steigt selten die Zahl der Ranken; an manchen Zweigen fehlen sie ganz. Bisweilen entwickeln sich Zweige nur an jedem dritten Blattquirl ; auch kommen Aeste mit dreizähligen Blattquirlen vor; in beiden Fällen können natür- lich die Zweige nicht in derselben Ebene liegen. Beide Abweichungen von der Regel zeigte der Strychnos-Ast, von dem ein von Dalbergia umschlungenes Stück in Fig. 12 abgebildet ist, Nun zu den Ranken. Es sind einfach fadenförmige Gebilde, die anfangs (Fig. 30) in ihrem Wachsthum den jungen Blättern der Zweigspitze vorauseilen und sie weit überragen, aber doch kaum länger werden als die ausgewachsenen Blätter. Anfangs weich, gerade oder leicht gebogen, von fast gieichmässiger Dicke, nur gegen die Spitze leicht verjüngt, beginnen sie bald, auch ohne mit fremden Körpern in Berührung zu kommen, sich bleibend schneckenförmig ein- zurollen ^) und an dem gekrümmten Theile sich mehr oder weniger stark zu ver- dicken (Fig. 31 und 35); dabei verholzen sie und bleiben für lange Zeit sehr elastisch, bis sie endlich bei stärkerem Austrocknen spröde werden. Die ein- gerollte Ranke pflegt fast zwei ganze Windungen zu bilden, selten etwas mehr. Mit dem Einrollen ist ihre Thätigkeit als Ranke nicht erloschen; im Gegentheil scheint sie jetzt erst recht zu beginnen; man braucht nur einen Strychnos-Ast mit anderen Pflanzen in der Hand zu tragen, um zu sehen, wie leicht sich diese in den elastischen Spiralen der Strychnos-Ranken fangen. Es können selbst Aeste gefasst werden, die für die innerste Windung der Ranke viel zu dick sind; diese innerste Windung wird dann einfach zur Seite geschoben, wie Fig. 32 zeigt, die in natürlicher Grösse eine um einen dickeren Ast derselben Pflanze gebogene Strychnos-Ranke darstellt; doch sieht man das selten. Die Verdickung der Ranken, die eine Stütze gefasst haben, ist nicht selten eine recht erhebliche (Fig. 32—34). Auch hier bekommt man bisweilen (Fig. 36) deutliche Querfurchen auf der hohlen Seite der eingerollten Ranke zu sehen und wie in allen bisher betrachteten Fällen zeigen Längs- oder Querdurchschnitte (Fig, 37), dass der überwiegenden, die Krümmung bewirkenden Zunahme des Längenwachsthums der einen Seite eine noch weit erheblichere Zunahme des Dickenwachsthums der I) Also eine „autonome ephemere Nutation", wie im wissenschaftlichen Deutsch der Pflanzen- physiologen eine nicht von aussen angeregte einmalige Bewegung heisst. Fritz Müllers gesammelte Schriften. "" 946 Zweigklimmer. entgegeng-esetzten Seite folgt oder sie begleitet. Der Nutzen dieses einseitigen Dickenwachsthums ist so einleuchtend, dass es kaum eines Hinweises bedarf; Dickenwachstlium auf der Aussenseitc einer eine Spitze umfassenden Schlinge würde nur deren Festigkeit steigern ; auf der Innenseite aber wird dadurch die anfangs oft lose Schlinge immer mehr verengt ; das geht bisweilen so weit, namentlich wenn die Stütze selbst sich zu verdicken fortfährt, dass in diese eine tiefe Rinne eingepresst wird, wie es an dem in Fig. 32 gezeichneten Strychnos- Zweigrc der Fall war. '«5^ Entwickeluno-sstuf en der Zweiofklim m er. Man könnte unter die Zweigklimmer auch diejenigen Klettersträucher ein- reihen, die durch ihre rechtwinklig ausgespreizten Zweige beim Aufsteigen Halt gewinnen, ohne anderweitige das Klettern fördernde Ausrüstungen zu besitzen. Ein solches aus rechtwinklig zu einander gestellten Aesten, Haupt- und Neben- zweigen bestehendes Gezweig liegt in dichtem Gewirre anderer Pflanzen so sicher vor Anker wie nur irgend eine andere Kletterpflanze. So lassen denn unsere hiesigen Zweigklimmer folgende Entwickelungsstufen erkennen. i) Sträucher mit rechtwinklig ausgespreizten Zweigen. Chiococca. Vanillosma. (Einen von Seruridaca umschlungenen Vanillosma-Zweig zeigt Fig. 3.) 2) Sträucher, deren junge Zweige sämmtlich rankenartig sich zu krümmen vermögen. Securidaca. Dalbergia. 3) Sträucher, die zweierlei, empfindliche und unempfindliche, im Uebrigen aber nicht verschiedene Zweige besitzen. Hippocratea. 4) Sträucher, an denen bestimmte Zweige zu rankenähnlichen blattlosen Ge- bilden umgewandelt sind, welche aber wieder in gewöhnliche Zweige über- gehen können. Die Dalbergiee mit hakentragenden Rankenzweigen. 5) Sträucher mit ausschliesslich dem Klettern dienenden Zweigranken. Strychnos. Blumenau, November 1882. A n m. d. Red. Aus dem diesen Aufsatz begleitenden Briefe des Herrn Verfassers erlauben wir uns noch folgende Bemerkungen mitzutheilen. — „Auf den schon vor langen Jahren behandelten Gegenstand glaubte ich ... , um so eher noch einmal zurückkommen zu dürfen, als die so verschiedenen Entwick- lungsstufen, auf denen unsere Zweigklimmer stehen, für Darwinisten besonders merkwürdig sind", namentlich aber auch deshalb, „weil meine frühere Mittheilung in Deutschland ganz unbekannt geblieben zu sein scheint; Pfeffer z. B. hat in seiner Pflanzenphysiologie, in dem Capitel über Ranken und Schlingpflanzen, keine Silbe über Zweigklimmer und scheint keine anderen gegen Druck em- pfindlichen Stengel zu kennen als Cuscuta und Lophospermum .... Die Ab- bildungen sind mit Ausnahme von Fig. 23 und 24 alle neu." .,Sie wundern sich vielleicht, in dem Aufsatze kein Wort zu finden von Be- obachtungen über die kreisende Bewegung der jungen Zweige und von Ver- suchen über deren Reizbarkeit, und vielleicht noch mehr, wenn ich Urnen sage, Zweigklimmer. g^^ dass ich gar nicht den Versuch gemacht habe, solche anzustellen. Nach dem Erscheinen der ersten Auflage von Darwin's „Climbing Plauts" habe ich vielfach seine Beobachtungen wiederholt an Pflanzen meines Gartens, aber mich auch so- fort überzeugen müssen, dass es ganz aussichtslos ist, solche Beobachtungen und Versuche in unserem Urwalde anstellen zu wollen."' Erklärung der Abbildungen auf Tafel LXIII. Fig. I — II. Securidaca Sellowiana. Fig. i — 6 in halber Grösse. Fig. I. Zweigspitze, die sich um Farnblätter gebogen hatte. Fig. 2. Zweig, einen stärkeren Ast derselben Pflanze umschlingend. Fig. 3. Zweig, einen Ast von Vanillosma umschlingend. Fig. 4. 5. Gekrümmte Zweige. Fig. 6. Zweig, ein morsches Aestchen umschlingend ; die reiche Belaubung ist weg- gelassen. Fig. 7. 8. Längsschnitte gekrümmter Zweige; nat. Gr. Fig. 9 — 1 1 . Querschnitte gekrümmter Zweige, 2 mal vergr. Die hohle Seite der Krümmung ist abwärts gekehrt. Dasselbe gilt für alle folgenden Querschnitte. Fig. 12 — 19. Dalbergia variabilis. Fig. 12 — 16 in halber Grösse. Fig. 12. Reichbeblätterter Zweig, einen Ast von Strychnos triplinervia umfassend ; die beblätterten Spitzen der Zweigelchen abgeschnitten. Fig. 13. Schraubig eingerollter, stark verdickter Zweig, mit Blättern. Fig. 14 — 16. Gekrümmte und verdickte Zweige mit Blütenstand. Fig. 17. Längsschnitt des Zweiges der Fig. 14, nat. Gr. Fig. 18. Querschnitt desselben Zweiges, 2 mal vergr. Fig. 19. Querschnitt des Zweiges der Fig. 16, dicht über dem Ursprünge des Blüten- standes, 2 mal vergr. Fig. 20 — 22. Kletterstrauch aus der Gruppe der Dalbergieen. Fig. 20 und 21 in halber Grösse. Die Blättchen sind meist weit zahlreicher (12 bis 13 Paar) als in den gezeichneten Blättern. Fig. 22. Längsschnitt durch das gekrümmte Stück der Fig. 21; 2 mal vergr. Fig. 23 — 29. Kletterstrauch aus der Gruppe der Dalbergieen, mit hakentragenden Rankenzweigen. Fig. 23 und 24 in halber Grösse. Fig. 23. Rankenzweig, eine Stütze und den Zweig, von dem er ausgeht, zweimal umschlingend. Fig. 24. Rankenzweig, den Ast eines Goiababaumes umfassend, kurz vor der Spitze einen gewöhnlichen Zweig entsendend und bis dahin sehr stark verdickt. Fig. 25. 26. Zwei verholzte Rankenzweige, welche kleine Zweige eines Urucu-Baumqs (Bixa Orellana) umfasst hielten. Fig. 27 — 29. Querschnitte dieser Rankenzweige an den mit a, h und c bezeichneten Stellen, 2 mal vergr. Fig. 30 — 37. Strychnos triplinervia. Alle Figuren, mit Ausnahme der letzten, in nat. Gr. Fig. 30. Ast mit zwei jungen Zweigen, von unten gesehen. Fig. 31. Zweig mit einer älteren schon eingerollten Ranke. Fig. 32. Ranke, die einen benachbarten Ast derselben Pflanze umfasst hält. Fig. 33. 34. Ranken, die Zweige eines Goiaba-Baumes umklammern. Fig. 35. Aeltere leere Ranke. Fig. 36. Aeltere Ranke, zwischen deren stark verdickten Windungen sich wahr- scheinlich früher ein dünner fremder Körper befunden hat, mit sehr deutlichen Quer- furchen auf der innern Seite der Windungen. Fig- 37- Querschnitt durch eine verdickte Ranke, 2 mal vergr. 60* Die Farbe der Puppen von Papilio Polydamas^). Nach den Beobachtungen und Versuchen von Wood am kleinen Kohlweiss- ling (Pieris Rapae) und von Mrs. Barber an einem afrikanischen Falter (Papilio Nireus) ~) ist die Farbe der Puppe dieser Schmetterlinge bedingt durch die Farbe der Gegenstände, an die sich die Raupe zur Verpuppung anheftet. Dies gilt jedoch nicht für alle Schmetterlinge, deren Puppen verschiedene Farben zeigen; bei Papilio Polydamas z. B. ist es nicht der Fall. Die Puppen dieses Falters, die ich in früheren Jahren in grosser Zahl gesehen habe, sind entweder grün oder braun, Zwischenfarben habe ich nie getroffen. Die Grundfarbe der an Aristo- lochien lebenden Raupe schwankt innerhalb weiter Grenzen, man findet selten fast schwarze und selten hell gelblich oder röthlich braune Raupen, häufig dagegen alle möglichen Abstufungen zwischen diesen äussersten Farben. Doch hat die Farbe der Raupe nichts zu thun mit derjenigen der Puppe und aus beiderlei Puppen entwickeln sich gleichgefärbte Schmetterlinge, Männchen sowohl wie Weibchen. Der Schmetterling pflegt stets mehrere Eier, etwa vier bis sechs, dicht neben- einander abzulegen; bis nach der zweiten Häutung halten sich auch die jungen Raupen nachbarlich beisammen; sie fressen an demselben Blatte und sitzen in der Ruhe dicht aneinandergedrängt (wie die geselligen Raupen von Papilio Evander bis zur Verpuppung). Eine solche Gesellschaft junger Räupchen, die ich vom Eie an in meinem Garten beobachtet hatte, brachte ich vor Kurzem ehe sie sich auf verschiedene Blätter zerstreuten, in ein grosses Glasgefäss und aus diesem, als sie sich zur Verpuppung anschickten, als sie nämlich statt der früheren trockenen Kothballen reichlich weichen, fast flüssigen Koth entleerten, in einen Kasten, dessen zwei grössere Seiten wände aus weisser Gaze, die schmalen Seitenwände dagegen sowie Boden und Decke aus grauer Pappe bestanden. Sie erhielten zum Festsetzen einige dünne entblätterte Stengel von Aristolochia. Von den fünf Raupen haben sich nun zwei in braune, drei in grüne Puppen ver- wandelt; eine braune und eine grüne Puppe sitzen an demselben Stengel, um weniger als ihre eigene Länge von einander entfernt. In gleicher Stunde dem Eie entschlüpft, haben sie in gleicher Stunde die Raupenhaut abgeworfen, während des ganzen Raupenlebens sind sie den gleichen äusseren Verhältnissen, gleicher Einwirkung des Lichtes ausgesetzt gewesen und haben zur Zeit der Verpuppung weder braun noch grün in ihrer Umgebung gehabt. Es kann also in diesem Falle sicher nicht von einem Einflüsse der Farbe der Umuebuno- auf die Farbe der Puppe die Rede sein. 31. Dccember 1882. 1) Kosmos 1882/83. Bd. XII. S. 448. 2) Kosmos 1878/79. Bd. IV. S. 120, Wie die Raupe von Eunomia Eagrus ihre Haare verwendet^). Mit I Textfigur. Viele Schmetterlingsraupen verweben die Haare, mit denen sie oft so reichlich bedeckt sind, in das Gespinnst, in welchem sie sich verpuppen, und geben dem- selben dadurch nicht nur mit geringerem Aufwände an Seide grössere Dicke und Festigkeit, sondern bisweilen auch die gewiss manchen Feind zurückschreckende Eigenschaft, bei Berührung ein fast un- ^ erträgliches Brennen und Jucken zu er- regen. In anderer, sehr eigenthümlicher Weise verwendet die Raupe der Euno- ^^^^^^^^W^:;;;^§^f^ Puppe von Eunomia Eeagrus (April 187 1). Nat. Gr. mia Eagrus, eines glasflügligen Glauco- piden mit breitein, rothbehaartem Hinter- leibe, ihre Haare als Schutz für ihre Puppenzeit. Um den dünnen Pflanzen- stengel, an dem sie sich als Puppe be- festigen will, bildet sie mit denselben sowohl vor als hinter sich etwa ein halbes Dutzend Kränze, indem sie sie aufrecht, dicht aneinander rings um den Stengel befestigt. Die letzten Haare bringt sie dicht vor und hinter sich so an, dass sie sich über Kopf- und Schwanzende der Puppe neigen. So ruht sie sicher vor den Angriffen kleiner, nicht fhegender Feinde, z. B. der Ameisen. 30. December 1882. I) Kosmos 1882/83. Bd. XII. S. 449. Animal Intelligence^). In an excellent paper on "Animal Intelligencc" (Nature, vol. XXVI. p. 523), Mr. C. Lloyd IMorgan says that "The brüte has to be contented with the ex- perience he inherits or individually acqiiires. Man, through language spoken or written, profits by the expcrience of his fellows. Even the most savage tribe has traditions extending back to the fathcr's father." May there not be, in social animals also, traditions from generation to generation, certain habits prevailing in certain communities in consequence neither of inhcrited instincts nor of individual ex- perience, but simply because the young ones imitate what they see in their eider fellows ? As is well known, the stinglcss honey-bees {Melipona and Trigona) build horizontal combs consisting of a single layer of cells, which, if there is plenty of Space, are of rather regulär shape, the peripher al cells being all at about the same distance from the first built central one. Now, on February 4, 1874, I met with a nest of a small Trigona ("Abelha preguigosa") in a very narrow hole of an old canella-tree, where, from want of Space they were obliged to give to their combs a very irregulär shape, corresponding to the transversal section of the hole. These bees lived with me, in a spacious box, about a year (tili February 10, 1875), when perhaps not a single bee survived of those which had come from the canella-tree; but notwithstanding they yet continued to build irregulär combs, while quite regulär ones were built by several other communities of the same species, which I have had. The following case is still more striking. In the construction of the combs for the raising of the young, as well as of the large cells for guarding honey and pollen, our Meliponce and TrigoncB do not use pure wax, but mix it with various resinous and other substances, which give to the wax a peculiar colour and smell. Now I had brought home from two different and distant localities two communities of our most common Melipona (allied to M. marginata), of which one had dark rcddish-brown, and the other pale yellowish-brown wax, they evi- dently employing resin from different trces. They lived with me for many years, and either Community continued, in their new home, to gather the same resins as before, though now, when they stood close together, any tree was equally accessible to the bees of either Community, This can hardly be attributed to inherited instinct, as both belonged to the same species, nor to individual expe- rience about the usefulness of the several resins (which seemed to serve equally weil), but only, as far as I can judge, to tradition, each subsequent generation of young bees following the habits of their eider sisters. Blumenau, Sa. Catharina, Brazil; November 14, 1882. I) Nature 1882/83. Vol. XXVII. p. 240, 241. Two Kinds of Stamens with DIfferent Functions in the same Flower^). Mit 2 Textfiguren. To the Melastomacese and Commelynacese mentioned in Nature (vol. XXIV. p. 307 -), vol. XXVL p. 386, and vol. XXVII. p. 30 ^)), may be added the genera Mollia (Tiliaceas), Lagerstrcemia (Lythraceae), and HeterantJiera (Pontederiacese), for having differently coloured anthers. In several species of Mollia, according to Darwin ("Forms of Flowers", p. i6ö, footnote), the longer stamens of the five outer cohorts have green poUen, whilst the shorter stamens of the five inner cohorts have yellow pollen ; the stigma Stands close beneath the uppermost anthers, In a Lagerstrcemia in my garden the six outer stamens have green pollen, and are much longer than the numerous inner ones, which have bright yellow pollen ; the Stigma Stands on a level with the outer anthers. I have repeatedly seen bees alighting on, and gathering the pollen of, the inner anthers without noticing the outor ones. In HeterantJiera reniformis there is one long stamen (belonging to the outer whorl) having- pale bluish pollen, and two short stamens (of the inner whorl) with bright yellow pollen. The stigma Stands generally on a level with the anther of the long stamen. When the white flower opens, pistil and long stamen di- verge, the pistil bending (almost without exception) to the right, and the stamen to the left ; at the withering of the flower, they again approach each other, so that the stigma may be fertilised by the pollen of the long stamen. Visiting insects are attracted yet more to the 3'ellow anthers of the two short stamens by their being placed close to a yellow spot, surrounded by a violet border at the base of the upper petal. Fig. I. — Flower-spike of Heteranthera roüformis (natural size). Fig. 2. — Upper end of the flower-tube, seen froni behind. a\ the one anther of the outer whorl, with pale bluish pollen ; a, the two anthers of the inner whorl, with bright yellow pollen; st, Stigma. Thus it may be safely assumed that in all these flowers, as well as in the above-mentioned Melastomacese and Commelynacea?, fertilisation is almost exclu- 1) Nature 1882/83. Vol. XXVII. p. 364, 365. 2) Ges. Schriften S. 876. 3) Ges. Schriften S. 960. 973. ^^ Two Kinds of Stamens with Different Functions in the same flower. sivelv effected by the pollen of the longer stamens, whilst the shorter stamens scrve only to attract pollen -gathering or pollen-eating insects. It is far from sur- prising that the pollen of these latter stamens, though often produced in large quantity, should tend to degeneration. Darwin long ago came to this conclusion with respect to some Mclastomaceas with differently-coloiired anthers, of which he had raised seedlings from pollen both of the longe and shorter stamens („There is reason to believe that the shorter stamens are tending to abortion." — "Cross- and Self-Fertilisation", p. 298, footnote). The Lagerstrcimia in my garden being seifsterile, I fertilised some flowers with green, and others with )^ellow pollen of a different variety (or species?) growing in other gardens; both produced fruits with apparently good seeds, but only some of those from the green pollen have germinated. As in all the flowers above-named, with differently-coloured anthers, the duU colour of those of the longer stamens evidently serves to make them less visible to insects, may not the green colour of the anthers of the long stamens of the mid-styled and short-styled flowers of Lythriim salicaria also protect them against the attacks of pollinivorous insects, to which, from protruding far from the co- rolla, they would be more exposed thän those of the shorter stamens? Even without being differently coloured, the stamens of the same flower may be divided into different sets with different functions. Thus in a species of Cassia the visitin g humble-bees gather the pollen of the four intermediate stamens (the three upper ones being pollenless), which are short and straight, whilst the three lower ones are very long and curved in such a w^ay that their pollen is deposited on the back of the humblebees. The pistil is of the same length and curved in the same way as the longer stamens, Another very striking instance has been carefuUy described by Prof. J. E. Todd of Tabor (Iowa) in a plant of a very different family, viz. Solanum rostratiim {American Naturalist, April, 1882, p. 281): one stamen and the pistil are very long and strangely curved ; four stamens are short and straight, and serve only to furnish pollen to the visiting insects; all the anthers, as I am informed by Prof. Todd, are of the same dull yellow colour. Blumenau, Sa. Catharina, Brazil, December 27, 1882. Bericht^) über „The colour and pattern of insects" by Dr. H. A. Hagen ^). Farbe und Zeichnung der Insecten, — welch unendlich weites, lockendes, sinnigen Forschern die reichste Ausbeute verheissendes Gebiet ! Wohl hat bereits manche deren Bedeutung und Entstehung betreffende Frage ihre befriedigende Lösung gefunden, wohl ist bereits eine lange Reihe werthvoller Thatsachen fest- gestellt über Schutz-, Trutz- und Putzfärbung der Insecten; beides aber ver- schwindet fast dem gegenüber, was noch an Thatsachen zu ermitteln, an Räthseln zu lösen bleibt. Besitzen wir doch erst über eine einzige der fast zahllosen In- sectenfamilien und zwar nur über deren Raupen eine ihre Farbe und Zeichnung eingehend und vergleichend behandelnde Arbeit und diese Arbeit Weismann's über die Schwärmerraupen umfasst nur den kleineren Theil der Arten. So durfte man mit hochgespannter Erwartung den obengenannten Aufsatz eines durch seine Belesenheit auf diesem Gebiete, durch reichste eigene Erfahrung wie durch die Gediegenheit seiner Untersuchungen hervorragenden Forschers zur Hand nehmen. In wie weit diese Erwartung erfüllt wird, möge man aus den Endergebnissen („Final Conclusions") entnehmen, die Verfasser selbst auf der letzten Seite seines Aufsatzes in folgender Weise zusammenfasst : „Wenn Farbe und Zeichnung in rein mechanischer Weise erzeugt werden, wie Prof. Weismann behauptet, so müsste es möglich sein, diese mechanische Weise zu erklären und zu beweisen, wenn wir über den blossen Glauben, dass es so ist, hinausgehen wollen. Die vorangehende Ueberschau enthält Alles, was über diese Frage bekannt ist: i) Dass einige In- sectenfarben durch Säuren verändert oder zerstört werden können ; 2) Dass zwei natürliche Farben, Krapplack und Indigo, künstlich durch die Einwirkung von Säuren auf Fette erzeugt werden können ; 3) Da Proteinstoffe in Insecten sich in Fette verwandeln und durch in Insecten vorkommende Säuren in Fettsäuren ver- wandelt werden mögen, scheint die Bildung von Farben in derselben Weise wahr- scheinlich; 4) Dass Farben durch verschiedene Wärmegrade verändert werden können ; 5) Dass die Zeichnung wahrscheinlich veranlasst wird („originated") durch eine Verbindung von Sauerstoff mit der äussern Haut; 6) Dass Mimicry der hypodermalen Farben bewirkt werden mag durch eine Art von photographischem 1) Kosmos 1882/83 Bd. XII, S. 466—469. 2) Proceed. of the Amer. Academy 1882. XVII. p. 234 ff. y Bericht über „The colour and pattern of insects". Vorgang. — Beim Vergleich dieser noch ungenügenden Data mit der Behauptung, dass Farbe und Zeichnung in rein mechanischer Weise erzeugt werden und die Folge sind von Naturauslese, von Anpassung und von Vererbung, müssen wir, wenn wir über blosses Glauben hinausgehen wollen, Vererbung ganz (directly) ausschliessen, da nach Prof. Weismann's eigener Angabe es völlig unbekannt ist, wie Vererbung wirkt; ja, die Frage selbst ist noch ganz unberührt. Wir müssen ferner Naturauslese und Anpassung ausschliessen, da beide (nach Prof. C. Semper) erst dann zu wirken beginnen können, nachdem Farbstoff erzeugt ist und nach- dem eine Veränderung der Zeichnung begonnen hat. — Was bleibt also, unsere Annahme einer rein mechanischen Entstehungs weise zu rechtfertigen, als der blosse Glaube, dass es so ist? — Ich bin überzeugt, dass Farbe und Zeichnung erzeugt werden durch physiologische Vorgänge im Innern des Insectenleibes." Der Aufsatz wendet, wie man sieht, seine Spitze gegen Weismann und gegen den Darwinismus überhaupt, der sich einbildet, durch Naturauslese, durch An- passung und A^ererbung etwas erklären zu können. Das kann nicht befremden bei der Stellung, die Verfasser von Anfang an Darwin gegenüber eingenommen hat 1). Dabei verfällt nun aber Verfasser einem eigenthümlichen Verhängniss. Die Abhandlung Weismann's über die Entstehung der Zeichnung bei den Schmetter- lingsraupen, gegen deren „rein mechanische" Erklärungsweise sich Verfasser wendet, schliesst mit den Worten ^) : „Aeusserungen einer phyletischen Lebenskraft sind auf dem Gebiete der Sphingiden-Zeichnung und Färbung nicht zu erkennen ; die Entstehung und Ausbildung derselben beruht lediglich auf den bekannten Faktoren der Naturzüchtung und Correlation." Aber ist nicht diese Correlation, diese Wechselwirkung der einzelnen Theile des Leibes ein physiologischer Vor- gang? Gilt nicht dasselbe von Anpassung und Vererbung? Und trotz rein mechanischer Auffassung der Naturvorgänge legt Weismann, wie Darwin selbst und wohl die IMehrzahl seiner Freunde, bei allen die Entstehung und Umwandlung der Arten berührenden Fragen minderes Gewicht auf die unmittelbare „rein mechanische" Einwirkung äusserer Einflüsse, als auf die „phj^siologische" Eigenart der Lebewesen, die sie im Verlaufe ihrer Stammesgeschichte erwarben und deren rein mechanische Erklärung uns nie vollständig gelingen wird, weil dazu ihre zum grossen Theil in ewiges Dunkel begrabene Vorgeschichte allein den Schlüssel liefern könnte. — Ob Verfasser von alle dem keine Ahnung hat? — Nun er selbst, der abgesagte Feind „rein mechanischer" Erklärungen, den „die Ueber- zeugung, dass Farbe und Zeichnung die Folge sind von bestehenden Gesetzen und Vorgängen im Leibe des Insects, veranlasst hat, seine Forschung in dieser i) Ueber einen Brief Hagen's vom 20. Oct. 1860 berichtet C. A. Dohrn in der Stettiner Ento- mologischen Zeitung (Jahrgang 1861. S. 17): „Darwin's bekanntes Buch, mit welchem Dr. H. jetzt be- schäftigt ist, machte auf ihn einen sonderbaren Eindruck, etwa als wenn manche einfache, mit wenigen Worten zu gebende Behauptungen, in eine grosse Wolke gehüllt wären, oder mit einem anderen Bilde, als ob das Buch ein colossales Dampfschiff wäre, ein Great-Eastern, mit 5 Masten, einer Quadratmeile Segeltuch, 10 000 Pferdekraft — aber ohne Fracht." (Noch im Jahre 1875 sind Darwinistische Schriften dem Dr. Hagen nur ein Gegenstand der Be- lustigung; über Prof. Weismann's Saisondimorphismus ergeht er sich in Witzen wie dem folgenden „Dass die Neger aus Sommereiern entstanden sind, war mir nach Lesung der Schrift von W. fast zweifel- los." Vgl. Stettiner Entom. Ztg. 1876. S. 21. — Hermann Müller.) 2) Weismann, Studien zur Descendenztheorie. IL 1876. S. 137. Bericht über „The colour and pattern of insects". Q'i'i Richtung auszudehnen ^), — er weiss keine anderen Ursachen für die Entstehung der Farbe anzugeben, als „die Berührung des Thieres mit Luft und Licht", die „Verkohkmg" (carbonization) der Gewebe in Folge von Wärme, den „bemerkens- werthen Einfluss einer feuchten oder trockenen Atmosphäre" u. s. w., mit einem Worte ausschliesslich rein mechanische Einwirkungen ! Geradezu grob mechanisch ist die Weise, in welcher die Entstehung der auf den Flügeln der Schmetterlinge so häufigen Augenflecken erklärt wird. Die Zeichnung der Insectcn soll, wenigstens in gewissen Fällen, entstehen, indem stärkerer Blutzufluss eine stärkere Ver- brennung (combustion) und eine Oxydation in den anliegenden Theilen der Haut veranlasst. Der Schmetterlingsflügel ist anfangs ein nach dem Leibe zu offener Sack ; „wenn nun ein Blutstrom beim Durchtritt durch den engen Eingang des Flügelsacks in seiner Mitte ein kleines Hindernis treffen sollte, würde der vorher gerade Strom die Form eines Trichters annehmen. Sollte dieses Hinderniss eine Art Ring sein, so würde der Strom die Trichterform beibehalten, aber sein mittelster Theil würde ungetheilt durch den Ring gehen, und auf ein anderes Hinderniss stossend, einen zweiten Trichter bilden. So mögen zwei oder mehr Trichter sich finden, einer in dem andern, und deren Querschnitt wird kreisförmig oder elliptisch sein je nach dem Winkel, vmter dem sie die innere Oberfläche des Flügels treffen." Ich weiss nicht, wie diese Trichter -Theorie den Freunden rein mechanischer Erklärungen behagen wird. Welche verwickelte Trichterbildung wäre erforderlich, wenn (wie bei Morpho Achilles) um einen weissen Mittelpunkt sieben verschiedene Ringe (dunkelrothbraun, schwarz, lehmfarben, dunkelbraun, weiss, dunkelbraun, weiss) sich herumlegen sollen, und das an vier verschiedenen Stellen des Hinterflügels! Den Lesern des Kosmos ist wohl Weismann's gedankenreiche Abhandlung über den Saisondimorphismus der Schmetterlinge bekannt, oder doch die darin erörterte Thatsache, dass sich durch Einwirkung von Kälte z. B. die Sommerform Vanessa Prorsa der Winterform Vanessa Levana mehr oder weniger nahe bringen lässt. Weismann wird bedauern, so viel Zeit und Nachdenken auf diesen Gegen- stand verwendet zu haben, da uns jetzt Verfasser eine höchst einfache, rein mechanische oder vielmehr chemische Erklärung bietet. „Die Verwandlung der Frühlingsform von Schmetterlingen in die Herbstform (oder vielmehr umgekehrt. Ref.), indem man die Puppe auf Eis legt, zeigt unfraglich den Einfluss der Wärme auf Farben. Wahrscheinlich ist hier die Umwandlung die Wirkung eines Ueber- schusses von Stickstoff. Wasser absorbirt eine kleine Menge Luft, aber in der Weise, dass diese Luft weniger als zwei Theile (1,87) Stickstoff auf einen Theil Sauerstoff enthält, statt vier Theile Stickstoff. Deshalb muss ein Ueberschuss von Stickstoff in der umgebenden Luft die Folge sein. Durch diesen Stickstoff, zusammen mit dem in der Puppe enthaltenen Stickstoff, werden Leben und Ent- wicklung auf ein Minimum verlangsamt (retarded to a minimum) ; aber der chemische Vorgang, welcher Farben erzeugt, wird nichtsdestoweniger bis zu einem gewissen Grade wirken. Daher ist eine Aenderung in den Farben des Schmetterhngs die nothwendige Folge, und diese Aenderung beeinflusst wahr- scheinlich die Zeichnung, welche, wie bereits gesagt, besonders durch den hier I) a. a. O. S. 235, /; Bericht über „The coloui and pattem of insects". ungenügend vorhandenen Sauerstoff erzeugt wird (is produced largety by oxygen, which is here rarif ied) ^)." Den einfachen Versuch, Puppen in stickstoffreicher Luft sich ent^vickehi zu lassen, hat Verfasser nicht angestellt; die Sache ist ja in der That so einleuchtend, dass auch Andere dies für überflüssig halten werden. Ref. ist in Chemie zu sehr Laie, um des Verfassers Auseinandersetzung über die Entstehung der Insectenfarben nach Art des Krapplack und Indigo völlig zu verstehen; doch will es ihm scheinen, als sei sie ebenso annehmbar wie die Trichtertheorie der Augenflecken und die Stickstofftheorie des Saison- dimorphismus. Noch ein letztes Beispiel zur Kennzeichnung unseres Aufsatzes. Die von Hermann Müller vertretene Annahme, dass die Ausprägung der Blumenfarben in erster Linie durch die Blumen auslese der Insecten bedingt gewesen sei, wird vom Verfasser dahin verkehrt, „die Blumenfarben seien durch die Be- fruchtung durch Insecten in fortschreitender Weise entwickelt worden" 2) ; er verleitet dabei dadurch, dass er diesen Satz mit Anführungszeichen versieht, unkundige Leser zu dem Glauben, Hermann Müller selbst habe solchen Unsinn geschrieben. Diesem Satze nun, den er Hermann Müller unterschiebt, jedenfalls ohne die völlige Entstellung des Sinnes zu ahnen, stellt er die Behauptung gegenüber : „Die Zahl der Pflanzen mit lebhaft (brightly) gefärbten Blumen, welche nicht durch Insecten befruchtet werden, wird — vielleicht weit — die durch Insecten befruchteten übertreffen. Die Gärtner erzeugen Jahr für Jahr in Gewächshäusern neue Abarten mit grössern und glänzender gefärbten Blumen, aber gewiss nicht durch Befruchtung durch Insecten." Ob wohl Verfasser auch nur eine einzige wilde Pflanze mit augenfälligen Blumen nennen kann, die nicht durch Insecten oder Vögel befruchtet wird? Die Erfolge aber der von den Gärtnern geübten Auslese können doch höchstens für, nicht aber gegen ähnliche Erfolge der Blumen- auswahl der Insecten sprechen. Um unser Endurtheil über den Aufsatz Hagen 's kurz zusammenzufassen, so vermögen wir darin weder Thatsachen noch Gedanken zu entdecken, die neues Licht auf den behandelten Gegenstand werfen oder zu neuen Forschungen in bestimmter Richtung anregen könnten. Eines aber lernen wir daraus, was denen werthvoll sein wird, die, wie Ref., dem Verfasser für die reiche Belehrung, die sie aus seinen Schriften schöpften, zu Danke verpflichtet sind; wir lernen ver- stehen, wie ein Mann von Hagen's Bedeutung bis heute in seiner eigenthümlichen Stellung zum Darwinismus verharren konnte. 1) a. a. O. S. 266. 2) a. a. O. S. 259. Die Blumen des Melonenbaumes ^) nebst Bemerkungen von H. Müller. Mit I Textfigur. „Als ich vor einigen Jahren", erzählt Christian Conrad Sprengel 2), „im Früh- jahr auf einer Wiese die blühenden männlichen und weiblichen Pflanzen (von Valeriana dioica) häufig antraf: so warf ich mir die Frage auf, warum die männ- lichen Pflanzen grösser wären, und grössere Blumen hätten, als die weiblichen. Ich war aber nicht im Stande, dieselbe zu beantworten; sie schien mir vielmehr, wenn nicht für den menschlichen Verstand überhaupt, wenigstens für meinen Verstand zu hoch zu sein. Als ich aber im folgenden Sommer an den Blumen der Zaunrübe (Bryonia alba) eben diesen Unterschied bemerkte, und entdeckte, dass sowohl die männlichen, als die weiblichen Blumen Saftblumen sind : so errieth ich sogleich die Absicht, welche die Natur bei dieser Einrichtung vor Augen gehabt hat," „Die Blumen sowohl der männlichen, als der weiblichen Pflanze sind Saft- blumen. Nun sollen die letzteren vermittelst des Staubes der ersteren befruchtet werden, und zwar von Insecten. Diese fallen natürlicherweise zuerst auf die grösseren und höherstehenden Blumen der männlichen Pflanzen. Nachdem sie diese ausgeleert, und den Staub der Antheren, welche sie unterdessen auf mannig- faltige Art berühren mussten, an ihren haarichten Körper abgestreift haben : so begeben sie sich von da auf eine benachbarte weibliche Pflanze. Indem sie den Saft aus den Blumen derselben holen, so berühren sie mit ihrem bestäubten Körper das Stigma derselben, und befruchten sie. Stellt man sich das Gegentheil dieser Einrichtung- vor, und denkt sich die. weibliche Pflanze grösser, und mit grösseren Blumen versehen, als die männliche: so fliegen die Insecten zuerst auf die weibliche Pflanze, und hernach auf die männliche, und die Blumen der ersteren bleiben unbefruchtet, und bringen keinen Samen." . . , „Demnach behaupte ich, dass bei allen Monöcisten und Diöcisten, welche Saftblumen von ungleicher Grösse haben, die grösseren Blumen männlichen, und die kleineren weiblichen Geschlechts sind. Und sollte mir Jemand eine Pflanze 1) Kosmos 1883. Bd. XIII. S. 62—65. 2) Das entdeckte Geheimniss der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen. Berlin 1793. Seite 66. 958 Die Blumen des Melonenbaumes. nennen können, deren weibliche Blumen grösser, als die männlichen, jene aber sowohl als diese Saftblumen sind: so würde ich diese Erscheinung für ein dem menschlichen Verstände unauflösliches Räthsel halten." Nun, eine solche Pflanze ist der heutzutage in allen winterlosen Ländern verbreitete zweihäusige Mclonenbaum (Carica Papaya), dessen weibliche Blumen ganz erheblich grösser sind, als die männlichen. Und doch bildet derselbe nur eine scheinbare Ausnahme von Sprengel's Regel : denn das entscheidende bei der Anlockung der Insecten ist ja die Augenfälligkeit der Blumen, die ebensosehr durch deren Stellung, wie durch deren Grösse bedingt ist. Nun aber sitzen die Blumen der weiblichen Melonenbäume fast stiellos dicht am Stamme in den Blatt- winkcln, während die männlichen vielverästelte, über fusslange, weit aus der Laub- krone niederhangende Blüthenstände tragen. So kann man leicht bei blühenden In der Mitte eine weibliche, seit- lich männliche Blumen des Melonen- baums (Carica Papaya), nat. Grösse. — [Eine der männlichen Blumen ist rechts, die andere links gedreht, wonach die eine zur Gattung Carica, die andere zur Gattung Vasconcellia zu stellen wäre. Bentham und Hooker (Gen. plant. I p. 815) haben bereits nachgewiesen, dass dieser angebliche Gattungscharakter, „qui ex sententia Candollei op- timus est," nichts werth ist. Von dem Blüthenstände, dem die beiden gezeichneten Blumen entnommen sind, pflückte ich ohne Wahl 20 Blumen und fand darunter 11 rechts und 9 links gedrehte.] weiblichen Bäumen vorübergehen, ohne deren Blumen zu gewahren, während dies bei männlichen Bäumen kaum möglich ist. Uebrigens scheint es fraglich, ob überhaupt die matte blassgelbliche Farbe der Blumen viel zur Anlockung der die Bestäubung vermittelnden Besucher beiträgt und ob nicht der liebliche Duft der Blumen dabei eine weit wichtigere Rolle spielt. Wie dem auch sei, jeden- falls werden, wo Bäume beiderlei Geschlechts nachbarlich beisammen stehen, den blumenreicheren männlichen Bäumen im Allgemeinen die ersten Besuche zu Theil werden, wie Sprengel's Regel es verlangt. Beobachtungen hierüber habe ich nicht anstellen können, da ich überhaupt noch keine Insecten an den Blumen der Melonenbäume gesehen habe; vermuthlich wird die Bestäubung durch Schwärmer oder andere Nachtschmetterlinge besorgt. Die bedeutendere Grösse der weiblichen Blumen erklärt sich in diesem Falle aus der Grösse des (etwa 2 cm hohen, i cm dicken) Fruchtknotens und der viel- zerschlitzten (einen Kreis von über 2 cm Durchmesser einnehmenden) Narben. Ausser der verschiedenen Grösse der männlichen und weiblichen Blumen zeigt unsere Abbildung eine andere sehr merkwürdige Verschiedenheit. Nach der üblichen Eintheilung der höheren Dicotyledonen in solche mit freien und mit Die Blumen des Melonenbaumes. QSQ verwachsenen Blumenblättern würde man die weiblichen Melonenbäume zu ersterer, die männlichen aber zu letzterer Abtheilung" stellen müssen. Das spricht eben nicht für die Natürlichkeit jener Eintheilung, gegen die auch sonst gar Manches sich geltend machen Hesse. Bemerkung zu vorstehendem Aufsatze. Die obige Mittheilung meines Bruders, welche durch meine Vermittlung an die Redaktion des „Kosmos" gelangt, könnte, obwohl sie sich nur auf einen Diöcisten bezieht, doch im Zusammenhange mit der vorhergehenden Behauptung Sprengel's leicht zu der Vorstellung führen, als müssten auch bei allen Monöcistcn die männlichen Blüthen mehr in die Augen fallen als die weiblichen. Es dürfte deshalb nicht überflüssig sein, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass dies keines- wegs der Fall ist. Sprengel glaubte es allerdings und musste es von seinem Standpunkte aus glauben, weil es ihm entgangen war, dass der entscheidende Vortheil, welchen die Blumen durch den Insectenbesuch erlangen, in der Kreuzung getrennter Stöcke liegt, und dass Befruchtung mit eigenem Blüthenstaub nur bei ausbleibender Kreuzung der Pflanzen von Vortheil ist. Käme es, wie Sprengel meinte, nur darauf an, dass durch Vermittlung der Insecten Blüthenstaub überhaupt auf die Narben gelangte, so würde es dann allerdings allen Monöcisten am vortheilhaftesten sein, augenfälligere männliche und weniger augenfällige weibliche Blüthen zu besitzen, weil die Befruchtung durch Insecten überhaupt dadurch gesicherter ist. Wenn dagegen, wie wir nach Darwin's Versuchen annehmen müssen, Selbstbefruchtung nur als Nothbehelf bei ausbleibender Kreuzung von Werth ist, so wird es ganz von der Reichlichkeit des Insectenbesuches abhängen, ob grössere Augenfälligkeit der männlichen oder der weiblichen Blumen einer monöcischen Pflanze am vortheilhaftesten ist. Vermag sie unter allen Umständen hinreichenden Insectenbesuch an sich zu locken, so ist es ihr zur Sicherung der Kreuzung getrennter Stöcke offenbar am vortheilhaftesten, wenn ihre weiblichen Blüthen am meisten in die Augen fallen (wie es z. B. bei Akebia quinata der Fall ist), weil dann die Insecten an jedem Stocke oder jeder Gesellschaft dicht bei einander stehender Stöcke zuerst die weiblichen Blüthen besuchen und deren Narben mit Pollen vorher besuchter (an einer anderen Stelle wachsender) Stöcke behaften, nachher erst die unansehnlicheren männlichen, mit deren Pollen behaftet sie dann auf einen getrennten Stock fliegen. Ist dagegen der angelockte Insectenbesuch ein so spärlicher, dass er Kreuzung getrennter Stöcke nur ausnahmsweise bewirkt, so wird für einzeln stehende monöcische Pflanzen grössere Augenfälligkeit der männlichen Blüthen am vortheilhaftesten sein, da sie bei ausbleibender Kreuzung wenigstens die Selbstbefruchtung durch vereinzelte Besucher begünstigt. (Vgl. Kosmos, Bd. IL S. 138, 139.) Hermann Müller. Arbeitstheilung bei Staubgefässen von Pollenblumen^). (Von Hermemn Müller mit Beobachtungen von Fritz Müller.) Ursprünglich dienten unbestreitbar die Staubgefässe nur zum Hervorbringen und Beherbergen der Befruchtungskörper (des Blüthenstaubs), und so lange es dem Winde überlassen blieb, diese auf Narben getrennter Stöcke zu übertragen, musste zur Sicherung der Kreuzung eine überschwengliche Menge derselben er- zeugt werden, wie uns die Staubwolken der Haselstrauchkätzchen und der „Schwefel- regen" der Kiefern anschaulich genug vor Augen führen. Als später Insekten gewisse Windblüthen als Nahrungsquellen erkennen und benutzen lernten, waren es wohl zunächst hauptsächlich wieder die meist lebhaft gefärbten Antheren, welche die Aufmerksamkeit dieser lebenden Pollenübertrager auf sich lenkten und ihnen dann als Erkennungszeichen dienten, und ohne Zweifel war es zu- nächst nur der von den Insekten verzehrte Blüthenstaub. der sie zu immer neuen Besuchen der Blüthen veranlasste. So hatten denn, sobald Insekten die Kreu- zungsvermittlung übernahmen, die Staubgefässe einen dreifachen Lebensdienst zu leisten, nämlich i) den ursprünglichen, Befruchtungskörper zu erzeugen und in einer für die Kreuzungsvennittlung geeigneten Lage und Beschaffenheit darzu- bieten, ausserdem aber die beiden neuen: 2) die Blüthe den kreuzungsvermitteln- den Insekten bemerkbar zu machen und 3) diese durch Darbietung eines Genuss- mittels (Pollen) zur Wiederholung ihrer Besuche zu veranlassen. Alle drei Funktionen sind für das Leben des Insektenblüthlers nothwendig : während aber die erste und ursprünglichste derselben ausschliesslich' von den Staubgefässen geleistet werden kann, konnten die beiden anderen mit gleich gutem oder noch weit besserem Erfolg auch von anderen Blüthentheilen über- nommen werden. So lange den Staubgefässen allein alle drei Lebensdienste oblagen, wirkten offenbar die beiden nachträglich hinzugetretenen dem ursprünglichen direct ent- gegen; denn je mehr die Antheren Insekten anlockten, welche ihren Blüthen- staub verzehrten, um so mehr ging dieser für die Befruchtung verloren, um so mehr also musste die Pflanze, um nicht auszusterben, auf den hauptsächlichsten I) Kosmos 1883. Bd. Xm. S. 241—259. Arbeitstheüung bei Staubgefässen von Pollenblumen. q^j Vortheil der Insektenblüthigkcit, d. h. auf die Ersparung massenhafter Pollen- produktion ^) verzichten. Im weiteren Verlaufe der Entwicklung ist dann bei den meisten Blumen die grösste Augenfälligkeit von den Antheren auf andere Blüthentheile überge- gangen. In der Regel hat sich ein Theil oder auch die Gesammtheit der Blüthen- hüUblätter zu grossen vom Grün des Laubes abweichend gefärbten oder durch Duft sich bemerkbar machenden Flächen entwickelt (oder es haben sich, wenn Grant Allen ^) recht hat, die äussersten Staubgefässe in solche Flächen umge- bildet), und erst dadurch sind aus unscheinbaren Blüthen die von uns recht eigent- lich so genannten „Blumen" hervorgegangen. Es lässt sich indess leicht erkennen, dass es nicht die Verminderung der Gefahr für den Pollen, sondern nur die ge- steigerte Bewerbung der Blüthen um die lebenden Kreuzungsvermittler gewesen sein kann, welche die Ausbildung grosser gefärbter Blüthenhüllen bedingt hat. Denn offenbar blieb die dem Pollen drohende Gefahr in vollem Maasse bestehen, so lange nur Pollenfresser angelockt und mit demselben Blüthenstaube, der auch der Befruchtung dienen sollte, beköstigt wurden. Bei den meisten Blumen sind aber dann die Antheren auch noch von ihrem anderen nachträglich übernommenen Lebensdienste (den Insekten Nahrung zu spenden) wenigstens theilweise entlastet worden, indem aus irgend welchen Blüthen- theilen als besonders wirksame Lockspeise Honig hervortrat. Es war dies einer der folgenschwersten Schritte der Blumenentwicklung ; denn nun erst konnten die Staubgefässe, ohne die Befruchtung zu gefährden, der Ausplünderung durch In- sekten sich entziehen und sich wieder, wie ursprünglich, ganz ausschliesslich dem Dienste der Befruchtung hingeben ; nun erst vermochten sie sich der Kreuzung durch bestimmte Besucher so eng anzupassen, dass durch eine einzelne Anthere (z. B. bei den Orchideen) dieselbe weit sicherer erreicht wurde, als vorher durch Hunderte. Nur bei einer Minderzahl von Blumen ist die Absonderung von Honig nicht eingetreten; sie sind „Pollenblumen" geblieben und überwinden die Gefahr, durch herbeigelockte Pollenfresser und Pollensammler auch des zur Befruchtung unbedingt nöthigen Pollens beraubt zu werden, meist nur, indem sie fortfahren, so überschwenglichen Blüthenstaub hervorzubringen, dass jedenfalls ein Theil desselben dem Munde der Pollenräuber entgeht und von sonstigen Stellen ihrer Körper, denen er sich anheftet, auf die Narben anderer Stöcke übertragen werden kann. Clematis, Hepatica, Anemone, Adonis, Papaver, Hypericum, Helianthemum, Rosa sind als Beispiele von Blumen, die in einer grossen Zahl pollenreicher Staub- gefässe einigen Ersatz für den Mangel an Honig finden, allbekannt. Dagegen war bis vor wenigen Jahren wohl kaum davon die Rede, dass es auch Pollenblumen gibt, die durch eine eigenthümliche Arbeitstheüung mittelst einiger weniger Staubgefässe eine eben so sichere Kreuzung erreichen, wie die ausgebildetsten Honigblumen. Selbst Charles Darwin schrieb noch im vorigen Jahre, wenige Wochen vor seinem Tode: „Es gibt auch einige wenige Pflanzen, deren Blüthen zweierlei Staubgefässe in sich schliessen, die sich in der Gestalt 1) Siehe H. Müller, lieber den Ursprung der Blumen. Kosmos, Bd. I. S. 109 ff. Mai 1877. 2) Siehe Kosmos, Bd. XII. S. 134. Fritz Müllers gesammelte Schriften. "^ /:, Arbeitstheilung bei Staubgefässen von Pollenblumen. der Antheren und in der Farbe des Pollens unterscheiden ; bis jetzt weiss Niemand, ob dieser Unterschied irgend eine funktionelle Bedeutung hat, und dies ist ein Punkt, der festgestellt werden sollte i)." Noch vor seiner Veröffentlichung ist dieser Wunsch des erfolgreichsten Begründers unserer Blumentheorie in einiger Ausdehnung erfüllt worden, Denn gerade über die Blumen mit zweierlei Staub- gefässen von verschiedener Gestalt und zum Theil auch von verschiedener Farbe der Antheren ist in der letzten Zeit eine Anzahl von Arbeiten erschienen, welche über die funktionelle Bedeutung der beiden Staubgefässarten kaum einen Zweifel lassen. Es ist der Zweck der vorliegenden Zeilen, den Leser mit diesen eigen- artigen Blüthenmechanismen, die sich ohne Honig die Vortheile ausgeprägtester Honigblumen zu verschaffen wissen, näher bekannt zu machen. Wir betrachten zunächst „Pollenblumen mit zweierlei Staubge- fässen von verschiedener Gestalt, aber mit gleicher Farbe der Antheren und des Pollens" und beginnen mit der merkwürdigen Blüthen- einrichtung einer Solanum- Art, die von Prof. Todd in Tabor (Jowa) beschrieben -) und cnträthselt worden ist und die sich der Leser um so leichter wird klar machen können, als sie sich als eine die Kreuzung vollkommener sichernde Ab- änderung der wohl einem Jeden bekannten oder doch leicht zugänglichen Blüthe der Kartoffel auffassen lässt, deren Bestäubungseinrichtung wir deshalb vorausschicken. Bei der Kartoffel „stellen sich die Blüthenstiele zur Blüthezeit annähernd wagcrecht und die Blumenkronen breiten sich zu annähernd senkrechten fünf- eckigen Flächen auseinander. Aus jeder dieser Flächen stehen fünf kegelförmig zusammenneigende Staubgefässe gerade hervor; sie umschliessen den Griffel, der sie überragt und sein mit einem Narbenknopf versehenes Ende mehr oder weniger abwärts biegt. Die strenge Regelmässigkeit der Blüthe wird nicht nur durch die deutliche Abwärtsbiegung des Griffels, sondern gleichzeitig durch eine geringe Abwärtsbiegung aller und ein etwas stärkeres Hervorragen der unteren Staub- gefässe gestört. Die Staubgefässe springen an der Spitze auf und lassen beim Anstossen eine sehr geringe Menge Blüthenstaub herausfallen^)." Die Kartoffel- blüthen werden von pollenfressenden Schwebfliegen und wahrscheinlich auch von pollensammelnden Bienen besucht und befruchtet. Wie wenig gesichert aber ihre Kreuzung ist, beweist der Umstand, dass sie oft auf den Nothbehelf der Selbst- befruchtung angewiesen sind. In vielen Blüthen krümmt sich das Griffelende so stark abwärts, dass die Narbe in die Falllinie des Blüthenstaubes zu stehen kommt, so dass dann bei ausbleibendem Insektenbesuch unvermeidlich spontane Selbst- bestäubung erfolgt. Es ist nun interessant zu sehen, wie die Verlängerung und veränderte Stellung des Stempels und eines Staubgefässes genügt, um aus dem unsicher wirkenden Bestäubungsmechanismus des Solanum tuberosum den sicher wirkenden des Solanum rostratum zu machen. i) „There exist also some few plants thc flowers of which include two sets of staraens, differing in the shape of the anthers and in the colour of the pollen; and at present no one knows whether this difference has any functional signification, and this is a point which ought to be determined." (Charles Darwin's „Preparatory Notice" zur englischen Ausgabe meines Werkes über Befruchtung der Blumen. Februar 1882.) 2) American Naturalist, April 1882. p. 281 — 287. 3) H. Müller, Befruchtung. S. 274. Arbeitstheilung bei Staubgefässen von Pollenblumen. Q63 I. Solanum rostratum. Denken wir uns in der Kartoffelblüthe nur die unterste Anthere stark ver- längert, in eine am Ende aufwärts gekrümmte Spitze allmählich verjüngt und aus der Richtung der Blüthenachse nach rechts oder links herausgebogen, und den Griffel ebenso aufwärts gekrümmt, aber aus der Richtung der Blüthenachse nach der entgegengesetzten Seite gebogen als das lange Staubgefäss, so haben wir den durch die nachstehende Abbildung erläuterten Blüthenmechanismus des stacheligen, gelbblüthigen Solanum rostratum mit seinen theils links-, theils rechts- griffeligen Blüthen. (Die nachstehend abgebildete ist eine linksgriffeligc.) Die beiderlei Blüthen entwickeln sich in einer solchen Ordnung, dass dadurch die Kreuzung getrennter Stöcke wesentlich begünstigt wird. Die Blüthen stehen nämlich in wagerecht gestellten einfachen, deckblattlosen Trauben, und in jeder Blüthe ist der Griffel nach der Achse der Traube zu gewendet, so dass in derselben Traube abwechselnd eine rechtsgrif feiige und eine linksgriffeligc Blüthe auf einander folgen ; die gleichzeitig geöffneten Blüthen desselben Zweiges sind aber entweder alle rechtsgriffelig oder alle linksgriffelig ; nur an grossen Stöcken kommen beiderlei Blüthen, und zwar in meist ungefähr gleicher Zahl, gleichzeitig blühend vor. Kommt nun die als Kreuzungs- vermittlerin beobachtete Hummel z. B. an eine linksgriffeligc Blume geflogen und sam- melt den Pollen der 4 kurzen Staubbeutel, indem sie jeden derselben nahe seiner Basis grossen zwischen ihre Kinnbacken fasst und mit einer Art Melkbewegung den Pollen aus den endständigen Oeffnungen presst, so schnellt sie durch die Bewegungen ihrer Beine wiederholt das (elastische) lange Staubgefäss zurück und schleudert sich eben so oft ein Blüthenstaub-Wölkchen an die linke Seite ihres Körpers. (Dass die Hummel auch den Versuch gemacht hätte, den Pollen der langen Anthere auszubeuten, wurde nie beobachtet.) Geht sie dann zu einer rechtsgriffeligen Blume über, die sie niemals an demselben Zweige, meist erst an einem getrennten Stocke findet, so setzt sich unausbleiblich sofort von der grossen Anthere der linksgriffeligen Blume mitgebrachter Pollen an deren Narbe ab. Ebenso behaftet sich auf der rechtsgriffeligen Blume die rechte Seite der Hummel mit Pollen, der sich auf der Narbe einer später besuchten linksgriffeligen absetzt u. s. f. In der beschriebenen Pollenblume haben sich, wie wir sehen, die Antheren in die beiden nach Entwicklung einer gefärbten Corolle ihnen noch verbleibenden Funktionen durchgreifend getheilt. Die eine, verlängerte, dient bloss noch der Befruchtung und zwar ausschliesslich der Kreuzbefruchtung, ist also voll und ganz ihrer ursprünglichen Funktion zurückgegeben. Die 4 anderen kurzen geben ihren Pollen vollständig den Kreuzungsvermittlern hin, die dadurch zu wiederholten Besuchen derselben Blumenart veranlasst werden, und sind an der Befruchtung gar nicht mehr betheiligt. Diese Arbeitstheilung hat der Pflanze offenbar zum 61* Fig. I. Solanum rostratum. 1 Blüte in natürlicher Grösse, gerade von vorn gesehen; a' die vier kurz gebliebenen Antheren, a^ die verlängerte und aufwärts gebogene Anthere, gr der Griffel. 2 Der Stempel. § Ein kurzes Staubgefäss. 4 Das lange Staubgefäss, a von der Seite, l> von oben gesehen. 2 — 4- etwas über 2mal ver- /: Arbeitstheilung bei Staubgefässen von Pollenblumen. entscheidenden Vortheil gereicht; denn ihre Kreuzung- ist nun so gesichert, dass sie des Nothbchelfs der spontanen Selbstbefruchtung, wie es scheint, entbehren kann und entbehrt; und wie bei allen lang- und kurzgriffeligen Pflanzen, so werden auch bei dem rechts- und linksgriffeligen Solanum rostratum stets Blüthen entgegengesetzter Narben- und Antherenstellung mit einander gekreuzt Während aber bei den Lang- und Kurzgriffeligen {dimorphen Heterostylen) die entgegen- gesetzten Blüthenformen auf getrennte Stöcke vertheilt sind, trägt dagegen bei dem rechts- und linksgriffeligen Solanum rostratum jeder Stock beiderlei Blüthen, in der Regel in annähernd gleicher Menge. Die beiderlei Blüthen desselben Zweiges sind aber zeitlich von einander getrennt, so dass stets wenigstens Blüthen getrennter Zweige, in der Regel sogar Blüthen getrennter Stöcke mit einander gekreuzt werden, und es bedürfte nur eines Schrittes, nämlich der Durchführung dieser zeithchen Trennung auf den ganzen Stock, um dem rechts- und links- oTiffelieen Solanum rostratum dieselbe Sicherung der Kreuzung zu Theil werden zu lassen, deren sich alle Heterost3den erfreuen. Aber weder die durchgeführte Arbeitstheilung der Antheren, noch die An- näherung an die Kreuzungssicherung der Heterostylen, die wir bei Solanum rostratum finden, ist allen rechts- und linksgriffeligen Pflanzen gemeinsam; viel- mehr finden sich in anderen Gattungen verschiedene Abstufungen, die erst all- mählich zu einem Grade von Rechts- und Linksgriffeligkeit, wie ihn Solanum rostratum erreicht hat, hinführen. Aus der Caesalpiniaceengattung Cassia allein liegen bereits folgende hier in Betracht kommende verschiedene Arten von Blüthen- mechanismen vor: i) Rechts- und Linksgriffeligkeit ohne Arbeitstheilung der Antheren — bei Cassia Chamaecrista. 2) Rechts- und Linksgriffeligkeit mit Arbeitstheilung der Antheren, aber ohne irgend welche Begünstigung der Kreuzung entgegengesetzter Blüthenformen — bei C. neglecta. 3) Rechts- und Linksgriffeligkeit mit Arbeitstheilung der Antheren und mit regelmässiger Kreuzung zwischen Blüthen entgegengesetzter Formen — bei C. multijuga. 4) Arbeitstheilung der Antheren ohne Rechts- und Linksgriffeligkeit — bei einer nicht näher bestimmton Cassia aus der Verwandtschaft der C. laevigata Willd. Der erste dieser vier Fälle wurde ebenfalls von Prof. Todd beobachtet. Er betrifft: 2. Cassia Chamaecrista'). Diese hat ebenso wie Solanum rostratum duft- und honiglose Blumen, die ihren Besuchern als Lockspeise nur Pollen darbieten, ebenso steife Antheren, die sich mit endständigen Poren öffnen, und ebenso einen aufwärts gebogenen Griffel, der in manchen Blüthen rechts, in anderen links von der Blüthenachse gerichtet ist ; aber keines der Staubgefässe entzieht sich hier dem Dienste der Befruchtung, keines dem Dienste der Beköstigung der Befruchter. Nicht ein einzelnes, sondern die Mehrzahl der (gewöhnlich 7) Staubgefässe richtet sich nach der dem (jriffel entgegengesetzten Seite, wo jedesmal, wie die Abbildung zeigt, ein einwärts- I) Todd im „American Naturalist", April 1882. p, 284, 285. Arbeitstheilung bei Staubgefässen von Pollenblumen. 965 gekrümmtes Blumenblatt steht. Dieses wird, wenn die besuchende Hummel den Blüthenstaub einerntet, herabfallende Pollenkörner aufnehmen und in rcchts- griffeligen Blumen der rechten, in linksgriffeligen der linken Seite des Besuchers anheften, von wo sie in Blüthen der entgegengesetzten Form an die Narbe abgestützt werden. Also auch hier aus- geprägte Rechts- und Linksgriffeligkeit, auch hier regelmässig Kreuzung entgegengesetzter Blüthenformen, aber keine Differenzierung der Antheren in einerseits ausschliesslich der Be- stäubung, andererseits ausschliesslich der Be- köstigung ^) der Kreuzungsvermittler gewidmete- Von dem ersten Anfang einer solchen Arbeits- theilung könnte nur insofern hier die Rede sein, als die Minderzahl der Antheren, welche sich nicht nach dem einwärts gekrümmten Blumenblatte hinkehrt, an der Kreuzbefruchtung offenbar keinen oder wenigstens keinen geregel- ten Antheil hat. Zwei Cassia-Arten, bei denen Rechts- und Linksgriffeligkeit mit Arbeitstheilung der An- theren vereint auftritt, sind C. neglecta und C. multijuga. Beide wurden von meinem Bruder Fritz Müller in Blumenau (Prov. St. Catharina, Südbrasilien) be- obachtet und werden von demselben nebst noch mehreren anderen Arten dieser Gattung demnächst eingehender besprochen werden, weshalb ich mich auf An- deutung der wichtigsten hierher gehörigen Verhältnisse ihrer Blüthen beschränke. 3. Cassia neglecta. Bei dieser Cassia- Art haben sich die Staubgcfässe, ohne die Symmetrie der Blüthe merklich zu stören, in dreierlei Weise ausgebildet: i) Die beiden unteren rechts und links von der Mittelebene stehenden (a^) haben lange steife Staubfäden und spitz zulaufende, am Ende aufwärtsgebogene Antheren; sie dienen der Bestäubung der auf ihnen und dem Stempel anfliegenden Bienen und damit der Befruchtung. Fig. 3. Cassia neglecta. Staubgefässe und Stempel einer rcchtsgriffeligen Blume von der Seite gesehen; eines der 3 oberen und 2 der 4 mittleren Staub- gefässe sind nicht sichtbar; a^ der Befruchtung dienende, a' der Beköstigung der Befruchter dienende, «■' und «* verkümmerte Antheren. Fig. 2. Cassia Chamaecrista. 1 Blüthe in nat. Grösse. S Ein Staub- gcfäss. Das Pistill. 2 und 3 vergrössert. 2) Die 4 mittleren {a~) haben kurze steife Staubfädc^n, stumpfe gerade nach vorne gerichtete Antheren und dienen ausschliesslich der Beköstigung der Kreuzungsvermittler. i) Der Ausdruck „Beköstigung der Krcuzungsvermittler" wird der Kürze wegen gestattet sein, ob- gleich die pollensammclnden Bienen ihre honigdurchtränkte Pollenernte in der Regel nicht selbst verzehren (nur bei ungünstiger Witterung findet auch dies gelegentlich statt), sondern zur Aulfütlerung ihrer Nach- kommen verwenden. ., Arbeitstheilung bei Staubgefässen von Pollenblumen. 3) Die 3 oberen (a^) und das in der Mittelebene liegende untere (a'^) sind zu nutzlosen Staminodien verkümmert. Nur der Griffel, der mit den beiden langen Staubgefässen ungefähr gleich verläuft und sich am Ende ebenso aufwärts biegt, stört erheblich die Symmetrie der Blüthe : er biegt sich in manchen Blüthen rechts, in anderen links und nähert so die Narbe dem offenen Ende der rechten oder der hnken Anthcre. Dieselbe Stelle, links an der Bauchseite einer pollensammelnden Biene, die in irgend einer Blüthe mit Pollen der rechten langen Anthere behaftet worden ist, wird denselben am wahrscheinlichsten auf die Narbe einer rechts- griffeligen Blüthe absetzen und die gegenüberliegende Stelle rechts an der Bauch- seite derselben Biene, die gleichzeitig mit Pollen der linken langen Anthere be- haftet worden ist, wird denselben am wahrscheinlichsten auf die Narbe einer links- griffeligen Blüthe absetzen, so dass Kreuzung entgegengesetzter vor Kreuzung gleicher Blüthenformen in keiner Weise bevorzugt erscheint. Dagegen findet sich eine ebenso ausgeprägte Sicherung der Kreuzung entgegengesetzter Blumenformen mit gleichzeitiger Arbeitstheilung der Antheren, wie wir sie bei Solanum rostratum kennen gelernt haben, auch bei 4. Cassia multljuga. Hier sind nämlich alle drei langen, der Bestäubung dienenden Staubgefässe nach der dem Griffel entgegengesetzten Seite gebogen und in einem festen, flach bootförmigen Blumenblatte gelegen, das sich in rechtsgriffeligen Blüthen links, in linksgriffeligen rechts befindet und durch seine Festigkeit allein geeignet ist, den pollensammelnden Bienen als Stütze zu dienen. Setzen sich dieselben nun auf dieses Blumenblatt, um den von den 4 mittleren Antheren ihnen dargebotenen Blüthenstaub auszubeuten, so behaftet sich mit dem Pollen der 3 langen Staub- gefässe gerade diejenige Stelle ihres Leibes, die in Blüthen der entgegengesetzten Griffellage mit der Narbe in Berührung kommt, so dass hier wie bei Solanum rostratum und Cassia Chamaecrista regelmässig rechtsgriffelige Blüthen mit dem Pollen linksgriffeliger und linksgriffelige Blüthen mit dem Pollen rechtsgriffeliger befruchtet werden. Fig. 4. Cassia multijuga. Staubgefässe und Stempel einer rechtsgriffeligen Blüthe von oben und etwas von links gesehen 2:1; «* a^ d^ die drei unteren langen (aber an Länge unter einander verschiedenen) Staubgefässe, die der Bestäubung dienen; a' die 4 mittleren, den Bienen Ausbeute liefernden Staubgefässe, a die 3 oberen, zu Staminodien verkümmerte Staubgefässe. Ausser so weit verschiedenen Abstufungen von Rechts- und Einksgriffelig- keit, wie die drei erwähnten Cassia-Arten sie darbieten, findet sich in derselben Gattung endlich auch vollständig symmetrische Anpassung an pollensammelnde Bienen verbunden mit ausgeprägter Arbeitstheilung der Antheren. Eine solche Anpassung zeigt z. B. eine nicht näher bestimmte Cassia-Art, die in Blumenau als Zierstrauch gezogen wird und deren leuchtend gelbe Blumen von über 14 mm Durchmesser nebst der folgenden Skizze mir bereits vor 4 Jahren von meinem Bruder miigetheilt wurden. Arheitstluilun«^ bei Staubgefässen von Pollenblumen. q67 5. Cassia spec/). Ebenso wie bei den beiden zuletzt besprochenen Cassia-Arten, sind auch bei dieser die 3 obersten Staubgefässe (a'*) verkümmert; aber die vordere Fläche ihres Connectivs ist weiss; sie sind daher vielleicht nicht ganz funktionslos, sondern mögen wohl als Wegweiser dienen. Die übrigen Staubgefässe verhalten sich im Wesentlichen gerade so wie bei C. neglecta: die 4 mittleren {a^) sind kurz und liefern den als Kreuzungsvermittler dienenden Hummeln und Bienen (Bombus violaceus und Centris-Arten) die Pollenausbeute, welche sie zu wiederholten Be- suchen derselben l^lumenart veranlasst; von den 3 unteren Staubgefässen dienen die beiden seitlichen (a^) der Befruchtung, das mittlere (a) ist verkümmert. Während aber bei C. neglecta der Griffel sich rechts oder links wendet, so dass die Narbe dicht neben dem einen oder andern der beiden entwickelten unteren Staubgefässe zu stehen kommt, behält er dagegen hier seine ursprüngliche Lage in der Mittel- ebene unverändert bei, so dass die Narbe den geöffneten Enden beider der Be- fruchtung dienenden Antheren gleich nahe steht. Ausserdem verdient noch folgende Eigenthümlichkeit des Blüthenmechanismus dieser Cassia- Art Erwähnung: Sowohl der Griffel als die beiden dicht neben ihm stehenden Staubgefässe sind so lang und an den Enden so stark aufwärtsgebogen, dass sie mit ihren Spitzen den Rücken des Hinterleibes der genannten Bienen berühren und zum Uebertrager des Pollens machen. "is^ Fig. 5. Cassia spec. Befruchtungsorgane, von der Seite gesehen; «' der Be- fruchtung dienende, ar der Beköstigung dienende, a, a^ verkümmerte Antheren. In allen bisher betrachteten Fällen, in denen eine Arbeitstheilung zwischen befruchtenden und beköstigenden Antheren zur Ausprägung gelangt ist, sind alle entwickelten Antheren trotz ihrer verschiedenen Funktion von gleicher Farbe; die der Befruchtung dienenden fallen eben so stark in die Augen wie diejenigen, die ihren ganzen Blüthenstaub den Befruchtern als Larvenfutter preisgeben, und es lässt sich nicht verkennen, dass sie dadurch einer Gefahr ausgesetzt sind, die unter Umständen die Befruchtung gänzlich vereiteln könnte. Denn wenn auch die diesen Blumen als Kreuzungsvermittler dienenden Hummeln und sonstigen grösseren Bienen die längeren Antheren unausgebeutet lassen müssen, weil ihnen die Blume keine zu deren Ausbeutung geeignete Standfläche darbietet, so hindert doch nichts die zur Vermittlung der Kreuzung untauglichen kleineren Bienen und Schwebfliegen, sich desjenigen Pollens, der zur Befruchtung dienen sollte, zu bemächtigen. In der That schreibt mein Bruder am 10. April 1879 (3 Tage nach der oben mitgetheilten Beobachtung an derselben unbestimmten Cassia- Art): „In den letzten Tagen haben sich Trigona ruficrus und die kleine niedliche Art mit gelbgerandeter Brust (Trigona clegantula nobis Ref.) als fleissige Pollensammler bei der Cassia-Art eingefunden, alle Antheren ausbeutend, durch deren Annagen sie ausser durch den Pollenraub schädlich werden. Für die Bestäubung sind i) Nach Dr. J. Urban, welcher die Blüthen mit Exemplaren des Berliner Kgl. Herbariums ver- glichen hat, zur Verwandtschaft der Cassia laevigata "Willd. gehörig. 968 Arbeitstheilung bei Staubgefässen von Pollenblumen. natürlich diese kleinen Gäste nutzlos", und am nächsten Tage (ii. 4, 79): „Heute haben sich noch als gleichfalls unnütze Gäste an beiderlei Antheren sammelnd, Trigona liliput (nobis Ref.) ^) und eine grössere Augochlora-) eingefunden. Jetzt, gegen Mittag, sind schon alle Antheren ganz zerbissen von Trigona ruficrus; der Schaden, den sie anrichtet, wird indess kaum der Rede werth sein, da schon am Morgen, bevor sie kommt, fast alle Blüthen durch Bombus und Centris be- stäubt sind." Wenn nun auch in diesem Falle der Schaden, welcher den der Befruchtung dienenden Antlieren aus ihrer Augenfälligkeit erwächst, ziemlich unerheblich ist, so lässt sich doch kaum bezweifeln, dass er unter etwas veränderten Umständen für die Fortpflanzung einer übrigens ebenso eingerichteten Pollenblume leicht ver- hängnissvoll werden könnte. Wir begreifen daher, dass es einer solchen dann von entscheidendem Vortheil sein müsste, wenn auch die Farbe ihrer beiderlei Antheren sich differenzirte — und zwar derart, dass die der Beköstigung der Befruchter dienenden Antheren möglichst augenfällig würden, die der Befruch- tung dienenden dagegen so unscheinbar oder den im Hintergrunde stehenden Blumenblättern gleichgefärbt, dass sie sich der Beachtung aller Pollenfresser und Pollensammler möglichst entzögen. Wir betrachten daher diejenigen Pollen- blumen, bei denen zur Arbeitstheilung und zur Verschiedenheit der Gestalt der Antheren sich thatsächlich auch noch die angedeutete Differenzirung ihrer Farbe hinzugesellt hat, als eine höhere Entwicklungsstufe und wenden derselben nun unsere Aufmerksamkeit zu. Unter den „Pollenblumen mit zweierlei Staubgefässen von verschiedener Gestalt und Farbe der Antheren" gibt es mehrere, die sich abgesehen von der Farbendifferenzirung eng an den symmetrisch ausgebil- deten Blüthenmechanismus der zuletzt betrachteten Cassia anschliessen. Der Vor- theil, den sie durch die Farbendifferenzirung erreichen, dürfte daher am deutlichsten hervortreten, wenn wir mit ihnen sogleich beginnen. 6. Heeria (Melastomaceae) ^). Mit der hier veranschaulichten Heeria-Art stimmen hinsichtlich der Blüthen- einrichtung verschiedene ihrer Familiengenossen, namentlich Arten der Gattung Melastoma, in allen wesentlichen Stücken überein, und sie alle schliessen sich wieder an die zuletzt betrachtete Cassia- Art nahe an, wenn sie sich auch ausser der Farbendifferenzirung noch durch eine eigenthümlich wirkende Connectivgabel vor derselben auszeichnen. Wie bei jener Cassia, so stehen auch hier vier Staub- beutel (a^) auf kürzeren Staubfäden zusammengedrängt aus der Mitte der Blumen hervor und dienen lediglich zur Beköstigung der kreuzungsvcrmittelnden Bienen ; während aber bei der Cassia diese Antheren von der gelben Farbe der Blumen- blätter sich durch eine etwas dunklere Schattirung ihres Gelb nur wenig unter- scheiden, sticht dagegen bei Heeria das leuchtende Gelb dieser Antheren (a^) von dem etwas ins Violett ziehenden hellen Roth der in eine senkrechte Ebene aus- 1) Die winzigste Trigona-Art des Itajahygebietes, ohne die Fiügel nur 3 mm lang ! 2) Unseren Halictus nächstverwandte Grabbienen von meist metallisch grün glänzender Körperfarbe. 3) Nach Fritz Müller (Nature Vol. XXIV. p. 307; Aug. 4. i88i=Gcs. Schriften S. 876.) und Forbes (Nature Vol. XXVI. p. 386; Aug. 24. 1882). Arbeitstheiliing bei Staubgefässen von Pollenblumen. q6q einandergebreiteten 4 Blumenblätter grell ab. Wie bei jener Cassia, so stehen auch bei dieser Heeria die längeren, der Befruchtung dienenden Staubgefässe («-') unter den der Beköstigung dienenden, und die Endöffnungen ihrer Antheren befinden sich in unmittelbarer Nähe der Narbe (w). Während aber bei der Cassia die längeren vStaubgefässe den kürzeren feist gleichgefärbt sind und ebenso stark oder fast ebenso stark in die Augen fallen (bei meinen getrockneten Blüthen erscheinen sie nur sehr wenig dunkler), stehen sie dagegen bei Heeria zur Färbung der kürzeren im ausgeprägtesten Gegensatze; während diese von der Blumenfarbe so grell abstechen, dass sie nicht wohl übersehen werden können, machen sich dagegen die längeren möglichst unsichtbar; sie sind, ebenso wie Staubfäden, Connective, Griffel und Narbe, den hinter ihnen stehenden Blumenblättern so gleich gefärbt, dass man sie von Weitem gar nicht bemerkt ^). Grössere Bienen- arten (Xylocopa, Bombus) fliegen daher, wie Forbes an Melastoma-Arten beobachtete, direkt auf die grellgelben kurzen Staubgefässe zu, indem sie augenscheinlich die langen und den Stempel gar nicht bemerken, bekommen dabei regelmässig den Griffel zwischen ihre Beine und setzen dabei, ohne es zu wissen und zu wollen, den eigen- thümlichen Bestäubungsmechanismus, der bei diesen Fig. 6. Heeria spec, Längsdurchschnitt der Blüthe. k Kelchblätter, bl Blumenblätter, a' eine der 4 augenfälligen gelben Antheren, a'' eine der 4 imscheinbaren rothen Antheren, c Connectiv derselben, g Gabel dieses Connectivs, 71 Narbe. Melastomaceen die Kreuzung sichert, in Thätigkcit. Indem sie nämlich ihre Füsse auf die Gabeln {g) der Connective stützen, deren Spitzen allein sich durch gelb- liche Farbe bemerkbar machen, drücken sie die langen Antheren nach unten und von ihrem eigenen Körper weg, während die an der Griffelspitze befindliche Narbe (w) in beständiger Berührung mit ihrer Bauchseite bleibt und sich da mit Pollen früher besuchter Blüthen behaftet. In dem Augenblicke aber, wo die Biene, nach Ausbeutung des Pollens der kurzen Antheren, wegfliegt, stösst sie mit den Krallen ihrer Füsse die Connectivgabel aufwärts, so dass die Spitzen der langen Staubgefässe nun ihren Hinterleib berühren und mit neuem Pollen be- haften müssen. Es muss zunächst zweifelhaft erscheinen, ob die Gleichfarbigkeit der langen Staubgefässe und des Stempels mit den dahinter stehenden Blumenblättern zur Sicherung der für die Pflanze vortheilhaftesten Bewegungen der Kreuzungs- vermittler, wie sie soeben beschrieben wurden, oder zum Schutze des Pollens der langen Staubgefässe dient. Das von Fritz Müller beobachtete Verhalten unbe- rufener Gäste an den Blumen von Heeria gestattet uns indessen, dieser Frage näher zu treten. Eine kleine Schwebfliege, die derselbe beobachtete, ging aus- schliesslich an die augenfälligen kurzen Staubgefässe; von einer der höher ent- wickelten Bienen, Trigona ruficrus aber, die als Befruchterin dieser Blume eben- falls zu klein ist, gingen alle Exemplare ohne Ausnahme zuerst zwar ebenfalls an die grell gelben Antheren ; die meisten aber (vielleicht die erfahreneren Thiere) i) Der Blüthenstaub von beiderlei Staubbeuteln ist weiss. Arbeitstheilung bei Staubgefässen von Pollenblumen. 970 drehten sich dann um und wendeten sich den reichere Ausbeute bietenden PTösseren Staubbeuteln zu, die sie nun mit ihren Mandibeln bearbeiteten und oft völlig wegfrasscn. Es unterliegt hiernach wohl keinem Zweifel, dass die Farben- differenziruno' der Antheren den erwähnten Melastomaceen in zweifacher Beziehung zum Vortheil gereicht: i) Die als Kreuzungsvermittler dienenden grösseren Bienen werden, ebenso wie die an Blumeneinsicht ihnen ebenbürtige Trigona ruficrus, sogleich an den richtigen Fleck geführt, wo allein sie die Bewegungen ausführen können, welche die Kreuzung der Pflanze bewirken. 2) Kleinere, weniger ein- sichtige, unnütze Gäste werden ganz auf die augenfälligen Antheren abgelenkt und thun daher den der Befruchtung dienenden keinen Schaden. Dagegen werden die Kreuzungsvermittler vom Ausbeuten der grossen, der Befruchtung dienenden Antheren sicher eben so wenig durch deren unscheinbare Farbe abgehalten wie Trigona ruficrus, der sie an Blumeneinsicht und Farben- unterscheidungsfähigkeit ungefähr gleich stehen mögen; wenn sie dieselben ver- schont lassen, so geschieht es vielmehr nur aus demselben Grunde wie bei den vorher besprochenen Arten mit gleichgefärbten Antheren, nämlich weil sie keinen zu ihrer Ausbeutung geeigneten Halt in der Blüthe finden. Dieselbe Familie der Melastomaceen, welche uns die Farbendifferenzirung der beiderlei Staubgefässe in vollster Ausprägung soeben gezeigt hat, bietet auch zur Beobachtung der stufenweisen Ausbildung dieser Eigenthümlichkeit geeignete Blumen dar. „Es blühen jetzt in meiner Nachbarschaft", so schreibt mein Bruder am 20. Febr. d. J., „mehrere sehr ähnliche Melastomaceen (wahrscheinlich Pleroma), bei denen man die Umfärbung der langen Staubbeutel auf allen Stufen beob- achten kann. Bei einigen Stöcken sind sie ganz gelb wie die kurzen, bei anderen ist die obere den anfliegenden Insekten zugewandte Seite mehr weniger dunkel, bei einer (vielleicht einer besonderen Art angehörigen) Pflanze am Flussufer vor meinem Hause ist der Unterschied der Färbung der zweierlei Staubbeutel kaum minder erheblich als bei Heeria." Eine zweite Pflanzenfamilie , die verschiedene PollenbKmien mit zweierlei in Funktion, Form und Farbe sich in gleicher Weise unterscheidenden Antheren enthält, ist die der Commelynaceen ^). Auch sie bietet mehrere Abstufungen der Ausprägung dieser Art von Arbeitstheilung dar, weniger in Bezug auf die Diffe- renzirung der Farbe, als der Gestalt. Bei Tradescantia virginica L. sind die Blumen bekanntlich nach oben gekehrt und ganz regelmässig, die Blätter jedes Kreises (3 Kelchblätter, 3 Blumenblätter, 3 äussere, 3 innere Staubblätter, 3 ver- einigte Fruchtblätter) von gleicher Grösse und Gestalt. Wie Delpino gezeigt hat 2), sind diese honiglosen Blumen der Kreuzung durch Bienen angepasst, die sich, um den Pollen auszubeuten, an den gegliederten Haaren der Staubfäden festhalten. Einige andere Arten aber, die hier betrachtet werden sollen, haben zwar die Anpassung an pollensammelnde Bienen beibehalten, aber die Blüthen seitwärts gewandt und im Zusammenhange damit nicht nur die regelmässige in eine zweiseitige symmetrische (zygomorphe) Form umgewandelt, sondern auch die Gestalt und P\mktion der Staubgefässe stufenweise geändert. i) H. Müller, Natura Vol. XXVII. p. 30; Nov. 9. 1882. 2) Fcderico Delpino, Ulteriori osservazioni, parte II, fasc. 2. p. 297. Arbeitstheilung bei Siaubgefässen von Pollenblumen. 971 7. Tinnantia iindata Schlechtend. Bei Tinnantia undata sind Kelchblätter und Blumenblätter in P'orm und Grösse noch fast unverändert geblieben, nur die Staubgcfäss(> und der Stempel sind von der ursprünglichen Regelmässigkeit erheblich cibgewichcn. Wie bei Heeria ragen die (3) oberen Staubgefässe mit kurzen steifen Filamenten gerade aus der Mitte der Blüthe hervor und fallen sehr stark in die Augen; denn ein kegelförmig diver- girender Büschel glänzend gelber Gliederhaare umgibt am letzten Drittel jedes Staubfadens die goldgelbe Anthere wie ein goldener Strahlenkranz, der sich von der Purpurfarbe der Blumenblätter und Staubfäden grell abhebt; an der Spitze dieser Staubfäden bietet die ganze Vorderfläche der drei oberen Antheren gold- gelbe Pollenkörner dar. Die drei unteren Staubgefässe sind viel länger, schräg nach unten und vorn gerichtet, nur mit der Spitze aufwärts gebogen, und werden vom Griffel, der dieselbe Richtung und Krümmung hat, ein wenig überragt. Diese TheUe werden, wie bei den beschriebenen Melastomaceen , so auch hier von den anfliegenden Insekten kaum bemerkt werden, denn nicht nur der Griffel und die Staubfäden, sondern auch die Haare an der Basis der beiden un- teren seitlichen Staubfäden sind von derselben Purpur- farbe wie die breiten Blumenblätter, auf denen sie sich Fig. 7. Tinnantia undata, Blüthe gerade von vorn gesehen, zweifach vergrössert. a^ und a^ der Anlockung und Beköstigung der Bcfriichter dienende Antheren, «■' der Befruchtung dienende Antheren, a* nutzlos gewordene Antheren. projiciren, und auch die blaulichen Antheren mit ihrem gelblichen Pollen fallen nur wenig in die Augen. Jede Biene aber, die auf die oberen gelben Staub- gefässe zufliegt, um ihren Pollen zu sammeln, wird sich (wie ich es von der Honigbiene gesehen habe) ganz von selbst auf die hervorragenden Theile setzen, zuerst die Narbe, dann die beiden seitlichen der unteren Staubgefässe mit der Bauchseite ihres Hinterleibes in Berührung bringen und so regelmässig Kreuzung bewirken. Also ganz wie bei Heeria Differenzirung der Staubgefässe in höchst augen- fällige obere, welche die Kreuzungsvermittler anlocken und beköstigen, und mög- lichst unsichtbare untere, die ihnen (nebst dem Griffel) als Anflugstangen dienen und Pollen zur Uebertragung auf die Narbe der nächstbesuchten Blüthe anheften. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich indess, dass die Differenzirung der Staubgefässe noch einen Schritt weiter gegangen ist und dass wir hier eigentlich viererlei Staubgefässe zu unterscheiden haben. Bei dem mittleren von den 3 oberen (a^) stehen nämlich die Gliederhaare, welche dem letzten Drittel des Staub- fadens entspringen und kegelförmig divergirend um die obere Anthere sich aus- breiten, sehr dicht in mehreren Reihen hinter einander, umfassen die oberen zwei Drittel des Staubfadens, so dass sie einen nur im unteren Drittel offenen Strahlen- kranz bilden, und sind nur an der Basis hellpurpurfarben (wie die Staubfäden und Blumenblätter), übrigens goldgelb (wie die Staubbeutel und der Pollen der oberen Staubgefässe). Bei den beiden seitlichen der drei oberen Staubgefässe {a^) q; , Arbeitstheilung bei Staubgefässen von Pollenblumen. dageg-en stehen die dem letzten Drittel der Staubfäden entspring-enden Glieder- haare ringsum schräg vorwärts ab und sind viel spärlicher; sie bilden nur einen dünnen Strahlenkranz um den zugehörigen Staubbeutel, und nur die oberen sind o-oldgelb, die unteren dagegen hellpurpur. Ebenso lassen sich von den 3 unteren Staubgefässen. abgesehen von ihrer verschiedenen Krümmung, die seitlichen von dem mitderen durch ihre Behaarung leicht unterscheiden. Bei den seitlichen (a^) entspringt auf der Oberseite der Staubfäden in ihrem untersten Drittel eine Reihe ihnen gleichfarbiger, langer, aufwärts gerichteter Gliederhaare, während der Staub- faden des mittleren (a^) nackt ist. Von der beginnenden Differenzirung der Pollenkörner, welche mit derjenigen der Staubfäden zugleich eingetreten ist, wird weiter unten die Rede sein. 8. Commelyna coelestis Willd. Commeh'na coelestis besitzt im Ganzen dieselbe Kreuzungseinrichtung, ist aber in der Umbildung der Blüthentheile einen Schritt weiter gegangen. Ihr oberes Kelchblatt ist erheblich kleiner, ihr unteres Blumenblatt erheblich grösser als die beiden anderen, jede ihrer oberen Antheren hat sich in zweierlei Theile gegliedert, die zwei verschiedenen Funktionen gewidmet sid; die beiden seitlichen ipo) liefern ein wenig Blüthenstaub zur Beköstigung der Kreuzungsvermittler; vier weit grössere ins Kreuz gestellte Lappen (/) locken durch ihre glänzendgelbe, zum Blau der Blumenkrone in auffallendem Gegensatze stehende Farbe die Kreuzungsvermittler wirksam an, spielen also dieselbe Rolle wie bei Tinnantia ^t a' «* ' d'ß Gliederhaare der Staubfäden. Diese haben, nachdem sie ^-vQQjpOy^- ' bereits bei Tinnantia ihre Funktion gewechselt hatten und aus '''^'iOcfvpony' ''" Stützen zu Anlockungsmitteln der Pollensammler geworden \ / \ waren, bei Commelyna auch diese zweite Funktion aufgegeben \Aw \ (an die Antherenlappen abgetreten) und sind gänzlich verschwun- /f^^iy "'• ' den. Die mittelste der unteren Antheren, die bei Tinnantia / I \ in Folge ihrer Lage hinter dem Griffel ziemlich nutzlos war, / #^"*\ ^^^ ^^^^ ^^^^ ^" ^^^ Höhe gerichtet, ist weit grösser als die / ^^ \ beiden seitlichen und damit hervorragend nützlich geworden. ^^ßfO II Pig_ 8_ Commelyna coelestis Willd.; die Befruchtungsorgane, 2:1; «', a- \ ä der Anlockung und Beköstigung der Befruchter dienende Antheren, r?^, a* der ^ Befruchtung dienende Antheren. 'ö Die Blüthenstaubbildung der oberen Antheren scheint in beginnender Ver- kümmerung begriffen zu sein; die von denselben erzeugte Pollenmcnge ist nur gering und die Grösse der Pollenkörner sehr veränderlich. Während nämlich die Pollcnkörner der beiden seitlichen unteren Antheren, in tausendstel Millimetern ausgedrückt, nur in Länge von 75 bis go, in Breite von 45 bis 68 und die der mittelsten unteren in Länge von 56 bis 82, in Breite von 37 bis 56 differiren, schwanken die der 3 oberen Antheren zwischen 50 und 87 Länge und zwischen 31 und 56 Breite (alle Pollenkörner im durchfeuchteten Zustande gemessen). Viel- leicht dienen die ins Kreuz gestellten Antherenlappen nicht nur als Anlockungs- mittel, sondern auch als Nahrung der Kreuzungsvermittler. Zu dieser Vermuthung wurde ich gedrängt, als ich Blüthen von Commelyna communis zu sehen bekam, Arbeitstheilung bei Staubgefässen von Pollcnblumen, 973 leider ohne sie mikroskopisch untersuchen zu können. Bei dieser ist die Diffe- renzirung der Blüthcntheile noch einen Schritt weiter gegangen. Das obere Kelch- blatt und das untere Blumenblatt sind sehr stark verkleinert. Die oberen Staub- fäden sind ebenso wie die beiden oberen Blumenblätter von blauer Farbe, die unteren Staubfäden ebenso wie der Stempel und das untere Blumenblatt farblos, und die oberen Antheren scheinen dem blossen Auge nur noch aus vier grossen gelben Lappen zu bestehen und keinen Pollen mehr zu erzeugen" In überraschendem Gegensatz zu den hochdifferenzirten Pollenblumen der zuletzt besprochenen Commclynaceen stehen die Blüthen einer kleinen Pontederiacee, die in grösster Einfachheit disselbe Arbeitstheilung und Farbendifferenzirung der Antheren darbieten. g. Heteranthera reniformis '). Hier befindet sich in den Blüthen ein einziges langes Staubgefäss (dem äusseren Quirl angehörig), welches blassblaulichen Pollen hat, und zwei kurze Staubgefässe (des inneren Quirls) mit glänzend gelbem Pollen. Die Narbe steht in der Regel in gleicher Höhe mit der Anthere des langen Staubgefässes. Wenn die weisse Blume sich öffnet, so divergiren der Griffel und das lange Staubgefäss, indem sich der Griffel (fast ausnahmslos) nach rechts und das lange Staubgefäss nach links biegt; beim Verwelken der Blume nähern sie sich einander wieder, so dass die Narbe von dem Pollen des langen Staubgefässes befruchtet werden kann. Besuchende Insekten werden kräftiger zu den gelben Antheren der beiden kurzen Staubgefässe hingezogen, namentlich dadurch, dass dieselben dicht bei einem violett umrandeten gelben Pleck des oberen Blumenblattes stehen. Indem sie aber deren Pollen ausbeuten, werden sie nicht umhin können, je- nachdem sie von rechts oder links in die Blüthe dringen, die eine oder andere Seite ihres Kör- pers mit Pollen der langen Anthere zu behaften und denselben in einer von der anderen Seite her betretenen Blume an der Narbe abzusetzen. Fig. 9. Heteranthera reniformis. 1. Blüthenähre in nat. Grösse. 2. Oberes Ende der Blumenrohre von hinten gesehen, i?' die eine Anthere des äusseren Quirls mit blassblaulichem Pollen ; a die beiden Antheren des inneren Quirls, mit glänzend gelbem Pollen ; st Narbe. Ausser bei den genannten Melastomaceen, Commelynaceen und Pontederia- ceen kommen auch noch bei Tiliaceen (MoUia) und Lythraceen (I.agerstroemia) verschieden gefärbte Antheren vor-). Bei einigen JMollia-Arten haben nach Darwin ^) die längeren Staubgefässe der fünf äusseren Gruppen grünen, die kür- zeren Staubgefässe der fünf inneren Gruppen gelben Pollen, und die Narbe steht dicht unter den obersten Antheren, Bei einer Lagerstroemia im Garten meines 1) Fritz Müller, Natiire Vol. XXVII. p. 364; Febr. 15. 1883 2) Fritz Müller, Nature Vol. XXVII. p. 364. Febr. 15. 1883 3) Forms of flowers p. 168. Ges. Schriften S. 951. Ges. Schriften S. 951. 974 Arbeitstheilung bei Staubgefässen von Pollenblumen. Bruders haben die 6 äusseren Staubgcfässc grünen Pollen und sind viel länger als die zalilrcichen innern. die glänzend gelben Pollen haben, und die Narbe steht in gleicher Höhe mit den äusseren Antheren. Mein Bruder sah wiederholt Bienen an diese Blumen fliegen und den Pollen der inneren Antheren sammeln, ohne dass sie von den äusseren Notiz nahmen ^). Es kann somit wohl kaum irgend welchem Zweifel unterliegen, dass in allen den genannten Blumen mit ungleich gefärbten Antheren die Befruchtung fast ausschliesslich von dem Pollen der auf längeren Staubfäden sitzenden unschein- baren (grünen oder blaulichen) Antheren bewirkt wird, wogegen die auf kurzen Staubfäden sitzenden augenfälligen (glänzend gelben) Antheren nur zur An- lockung und Abfütterung Pollen fressender oder sammelnder Insekten dienen. Pollen trocken feucht Fig. lo. PoUenkoraer der in Fig. 7 mit a\ a~. a^, a* bezeichneten Antheren von Tinnantia undata bei 80 facher Vergrösserung. Es ist deshalb nichts weniger als auffallend, dass der Pollen dieser letzteren An- theren, wenn auch oft noch in grosser Menge hervorgebracht, zur Entartung neigt. Darwin kam schon vor langer Zeit zu dem Schlüsse, dass dies bei einigen Commelynaceen mit verschieden gefärbten Antheren der Fall sei, von denen er sowohl aus dem Pollen der langen als aus dem der kurzen Staubgefässe Sämlinge gezogen hatte ^). Mein Bruder befruchtete an der in seinem Garten blühenden Lagerstroemia, die mit eigenem Pollen unfruchtbar ist, einige Blüthen mit grünem, andere mit gelbem Pollen einer anderen Varietät (oder Art?), die in anderen Gärten wächst; beide ergaben Früchte mit anscheinend guten Samen, aber nur die aus dem grünen Pollen erzielten gelangten zur Keimung ^). In anderen Fällen ist zwar eine beginnende Verkleinerung des Pollens der kurzen Staubgefässe er- kennbar, ohne sich indess bereits bis zu völligem Verlust der Befruchtungskraft gesteigert zu haben. So verhält es sich z. B. mit der oben beschriebenen Tinnantia undata, über deren Differenzirung der Pollenkörner Fig. 10 einen tabelkirischen Ueberblick gibt. Auf den ersten Blick tritt hervor, dass die der Befruchtung dienenden Pollen- körner a^, a* erheblich grösser und gleichförmiger gestaltet sind als die den Be- fruchtern als Beute preisgegebenen a\ a~. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich dann ferner, dass in der mittleren der drei unteren Antheren (öf*), welche dadurch, i) Fritz Müller, Nature Vol. XXVII. p. 364. Febr. 15. 1883 =^ Ges. Schrifteu S. 951. 2) „There is reason to believe that the shorter stamens are tending to abortion." Gross- and Self- fertilisation p. 298. 3) Fritz Müller, Nature Vol. XXVII. p. 364. Arbeitstheilung bei Staubgefässen von Pollenblumen. 975 dass sie hinter dem Griffel zu liegen pflegt, ihrem Dienste in der Regel entzogen bleibt, ein erhebliches Schwanken in der Grösse der Pollenkörner begonnen hat — ein deutlicher Beweis, dass sie der das Passendste gleichmässig erhaltenden Naturauslese ziemlich entzogen sind. Ein eben so deutlicher Unterschied stellt sich beim Vergleich der Pollenkörner der oberen Antheren heraus; diejenigen der mittleren sind an Grösse weniger heruntergekommen und schwankend und an Gestalt im trockenen Zustande weniger unrcgelmässig als die der beiden seit- lichen, obgleich ich eine Ursache für diese Verschiedenheit nicht zu erkennen vermag. Um die Wirkungsweise dieser viererlei Pollenkörner zu erproben, kreuzte ich im Juli vorigen Jahres mit jeder der 4 Pollenarten verschiedene Blüthen ge- trennter Stöcke, die ich in besondere Blumentöpfe gepflanzt hatte, und befruchtete zugleich einige Blüthen mit ihrem eigenen Pollen («•'). Da die Blumen der Tin- nantia undata sich Morgens zwischen 7 und 8 Uhr öffnen und kurz nach Mittag bereits verblüht sind, so hatte ich es leicht, sie gegen störende Einwirkung be- suchender Insekten zu schützen ; ich brauchte sie eben nur auf einige Stunden in einen insektenfrei gehaltenen Raum zu stellen. Alle von mir künstlich befruchteten Blüthen ohne Ausnahme ergaben Kapseln mit an- scheinend guten Samenkörnern. Ueberraschender Weise hatten gerade diejenigen Samenkörner das grösste Durchschnittsgewicht, welche von dem an- scheinend am meisten degenerirten Pollen a^ erhalten wurden. Das erklärt sich jedoch vielleicht daraus, dass diese Samenkörner in geringster Zahl in den einzelnen Kapseln sich entwickelten. Folgende Tabelle gibt über die Ergebnisse meiner Versuche eine vollständige Uebersicht : Tinnantia undata Willd. Zahl der befruchteten Blüthen Zahl der erzielten Samenkörner Durchschnitt- liche Körner- zahl in der Kapsel Gewicht^) der erzielten Körner in Milligramm Durchschnitts- gewicht eines Kornes in Milligramm i) Kreuzung mit Pollen a^ 4 27 6,75 156,5 5.79 2) Kreuzung mit Pollen a* 5 31 6,2 186,6 6,02 3) Kreuzung mit Pollen a^ 5 54 (wovon 2 ver- loren) 10,8 Gewicht von 52 Körnern 310,4 5.97 4) Krenzung mit Pollen a* 6 53 8,83 317.0 5,98 5) Selbstbefruchtung mit Pollen a^ 4 33 8,25 195.0 5.91 Wie man sieht, entspricht die durchschnittliche Körnerzahl recht gut dem äusserlich hervortretenden Entwicklungszustande der Pollenkörner; sie ist am grössten bei a^, merklich geringer bei a^, noch bedeutend geringer bei a^ und am kleinsten von allen bei a-. Der wirksamste Pollen a^ wirkt ausserdem viel i) Um alle Samenkörner in vcdiig gleich ausgetrocknetem Zustande zu wägen, wurde die Abwägung der im Aug. 1882 eingeernteten Körner erst am 25. April 1883, unmittelbar vor ihrer Aussaat in feuchten Sand, vorgenommen. r Arbeitstheilung bei Staubgefässen von Pollenblumen. schwächer auf die weiblichen Elemente derselben Blüthe, als auf diejenigen eines getrennten Stockes. Alle (im Aug. 1882) eingeernteten Samenkörner wurden am 25. April 1883 gleichzeitig in feuchten Sand gesät; es keimten im Verlaufe des Monats Mai von den 5 durch verschiedene Befruchtungsarten erhaltenen Sorten: i) i, 2) i, 3) 7, 4) 12, 5) 9. Es würde voreilig sein, aus den zuletzt mitgetheilten Thatsachen schliessen zu wollen, dass die Degeneration der Pollenkörner, d. h. ihr Unbrauchbarwerden als Befruchtungskörper, nothwendig mit einer Abnahme ihrer Grösse verbunden sein müsse. Bei den von Forbes beobachteten Melastomaceen waren im Gegen- theil die Pollenkörner der kürzeren Staubgefässe „gross und dreihörnig, die der längeren viel kleiner und von mehr ovaler Gestalt" i), und nur die der längeren Staubgefässe schienen wirksam zu sein; denn wenn auch beide zugleich sich auf der Narbe befanden, so konnte docTi kein einziges unter den kürzeren Staub- gefässen entdeckt werden, aus welchem ein Pollenschlauch hervorgetreten wäre. Die hier mitgetheilten Thatsachen verdienen noch nach einer anderen Seite hin unsere besondere Beachtung; sie zeigen in auffallendster Weise die ver- schiedene Wirkung einerseits der grellgelben, anderseits der blauen, sanftrothen oder grünen Farbe auf hochentwickelte und auf tiefer stehende Blumengäste. Auf die glänzend gelben Antheren, auf den goldgelben Pollen fliegen sowohl lang- als kurzrüsselige, sowohl einsichtige als ungeübte Blumenbesucher augenblicklich zu; einsichtigere Bienen aber, wie z, B. Trigona ruficrus, wissen, wie wir an Heeria sahen, dann auch die sanftpurpurnen, ihrer Umgebung gleichfarbigen Antheren aufzufinden und sich nutzbar zu machen. Dagegen gewährt diesen Antheren ihre Farbe gegen den Pollenraub kleiner Schwebfliegen und jedenfalls auch anderer kurz rüsseliger Gäste wirksamen Schutz. Es kann zum Verständniss mancher anderen Erscheinungen der Blumenwelt nur förderlich sein, wenn wir dieselben beiden hier so auffallend in die Augen springenden Wirkungen noch an einigen anderen Beispielen nachweisen. Ganz ebenso wie in den angeführten Fällen die gelbe Farbe des Pollens, der Antheren oder (bei Tinnantia) der sie umgebenden Gliederhaare, wirken in anderen Fällen gelbe Flecken der Blumen- krone unmittelbar anziehend nicht nur auf un ausgebildetere kurzrüsselige, sondern auch auf hochentwickelte langrüsseligere Blumengäste. Im Juni vorigen Jahres blühte in meinem Garten ein grosses lederblättriges Rhododendron, das seine blassrosafarbene Blumenkronc 5 — 7 cm weit auseinander breitete und die Staub- gefässe 1,5 bis 3,5, den Griffel fast 4 cm weit wagerecht, nur am Ende schwach aufwärts gebogen, aus der Blumenöffnung her vorstreckte. Der senkrecht aufwärts gerichtete obere Saumlappen der Blumenkrone war mit einem grossen in die Augen falU^nden Pleck (von fast 2 cm Länge und fast 1,5 cm Breite) verziert, der sich aus länglichen orangt^gelben Tüpfeln zusammensetzte. Eines Tages 6./6. 82) flog eine Arbeiterin unserer langrüsseligsten und blumentüchtigsten Hummel, Bombus hortorum L., vor meinen Augen in 4 oder 5 dieser Blumen, ging in jeder derselben erst mit d(>m Kopf bis an den orangegelben Fleck, ehe i) Natura Vol. XXVI. p. 386. Aug. 24. 1882, Arbeitstheiluiig bei Staubgefässen von Pollenblumen. gny sie sich überzeugte, dass dort nichts zu holen sei, und steckte erst dann den Rüssel in den Blüthengrund. Eine grössere Biene würde, auf den Staubgefässen sitzend, den gelben Fleck unmittelbar vor Augen haben und den Weg nach dem- selben nicht vergeblich zu machen brauchen. Bei Pontederia (Eichhornia) crassipes, die in Blumenau eingeführt ist, trägt in ähnlicher Weise das oberste Blatt der lilafarbenen Blume einen leuchtend dottergelben Fleck, der breit dunkelblau um- säumt ist. Während mein Bruder gerade mit der Bestäubung einer langgriffeligen Blume derselben beschäftigt war, kam eine kleine Trigona, flog gerade auf den Fleck zu, untersuchte ihn und seine nächste Umgebung, flog wieder ab und kam 3 oder 4 mal wieder, ohne etwas zu finden ; die reichlich mit bläulichem Staube bedeckten Staubbeutel hatte sie nicht bemerkt. Eine grössere Biene hätte dabei ihre Unterseite bestäuben müssen und jedenfalls die Staubbeutel bemerkt (die z. B. von Trigona ruficrus sehr eifrig ausgebeutet werden) ^). In beiden Fällen wird der gelbe Fleck sicher dazu dienen, passenden Besuchern rasch den richtigen Weg zu weisen. Auch die Schutzwirkung unscheinbarer Farben für den Pollen oder die ganzen Blumen lässt sich in der Blumenwelt leicht in weiterer Verbreitung nach- weisen. Wie bei Heteranthera, Lagerstroemia etc., so haben bekanntlich auch bei unserem Uythrum Salicaria die langen Antheren der kurzgriffeligen und mittel- griffeligen Blüthen grünen Pollen. Mag die grüne Farbe, so fragt mein Bruder gewiss mit Recht 2), diese Antheren nicht ebenfalls gegen die Angriffe pollen- fressender Insekten schützen, denen sie, da sie weit aus der Blumenkrone hervor- ragen, mehr als diejenigen der kürzeren Staubgefässe ausgesetzt sein würden? Von einem ganzen Heere verschiedenartiger Insekten, die sich zu den weit geöffneten honigreichen Blüthen unseres Echium vulgare drängen •^), finden sich nur auffallend wenige, die sich den Blüthenstaub derselben zu nutze machen, obgleich derselbe von den frei aus dem Blütheneingange hervorragenden Staubgefässen in reicher Menge dargeboten wird — so reichlich, dass einige Osmia- Arten, die ihn auszubeuten wissen und dabei regelmässig die Kreuzung der besuchten Blüthen vermitteln, ihren gesammten Pollenbedarf ausschliesslich dieser einen Blumenart entnehmen ! Gewiss ist es auch hier nur die (blaue) Farbe, die den Blüthenstaub vor der Ausplünderung unnützer Gäste schützt. Weniger leicht ersichtlich ist die biologische Bedeutung der beiden auffallend verschiedenen Farben, in welche sich bei einer als Topfblume beliebten Tiliacee, vSparmannia africana Thunbg., die Staubfäden getheilt haben. Die 4 ins Kreuz gestellten schmalen Kelchblätter und die 4 damit abwechselnden breiten Blumen- blätter dieser Pollenblume, beide schneeweiss, breiten sich in eine Ebene aus- einander und schlagen sich später noch weiter zurück. Zahlreiche Staubfäden, von aussen nach innen an Länge immer mehr zunehmend, stehen nach allen Seiten divergirend frei aus der Blüthe hervor; die mittelsten, längsten werden von dem mitten zwischen ihnen stehenden, gleichzeitig entwickelten Griffel noch ein wenig überragt. Die äussersten Reihen der Staubfäden sind bis auf die i) Aus brieflichen Mittheilungen meines Bruders Fritz Müller. 2) Nature Vol. XXVII. p. 364 = Ges. Schriften S. 951. 3) Siehe H. Müller, Befruchtung der Blumen durch Insekten S. 265. 266 und Weitere Beobachtungen III. S. 14. Fritz Müllers gesammelte Schriften. 02 f^ Arbeitstheilung bei Staubgefässen von PoUenbluinen. schwächer auf die weibUchen Elemente derselben Blüthe, als auf diejenigen eines getrennten Stockes. Alle (im Aug. 1882) eingeernteten Samenkörner wurden am 25. April 1883 gleichzeitig in feuchten Sand gesät ; es keimten im Verlaufe des Monats Mai \on den 5 durch verschiedene Befruchtungsarten erhaltenen Sorten: i) i, 2) i, 3) 7, 4) 12, 5) 9. Es würde voreilig sein, aus den zuletzt mitgetheilten Thatsachen schliessen zu wollen, dass die Degeneration der Pollenkörner, d. h. ihr Unbrauchbar werden als Befruchtungskörper, nothwendig mit einer Abnahme ihrer Grösse verbunden sein müsse. Bei den von Forbes beobachteten Melastomaceen waren im Gegen- theil die Pollenkörner der kürzeren Staubgefässe „gross und dreihörnig, die der längeren viel kleiner und von mehr ovaler Gestalt" i), und nur die der längeren Staubgefässe schienen wirksam zu sein; denn wenn auch beide zugleich sich auf der Narbe befanden, so konnte docli kein einziges unter den kürzeren Staub- gefässen entdeckt werden, aus welchem ein Pollenschlauch hervorgetreten wäre. Die hier mitgetheilten Thatsachen verdienen noch nach einer anderen Seite hin unsere besondere Beachtung; sie zeigen in auffallendster Weise die ver- schiedene Wirkung einerseits der grellgelben, anderseits der blauen, sanftrothen oder grünen Farbe auf hochentwickelte und auf tiefer stehende Blumengäste. Auf die glänzend gelben Antheren, auf den goldgelben Pollen fliegen sowohl lang- als kurzrüsselige, sowohl einsichtige als ungeübte Blumenbesucher augenblicklich zu; einsichtigere Bienen aber, wie z. B. Trigona ruficrus, wissen, wie wir an Heeria sahen, dann auch die sanftpurpurnen, ihrer Umgebung gleichfarbigen Antheren aufzufinden und sich nutzbar zu machen. Dagegen gew^ährt diesen Antheren ihre Farbe gegen den Pollenraub kleiner Schwebfliegen und jedenfalls auch anderer kurzrüsseliger Gäste wirksamen Schutz. Es kann zum Verständniss mancher anderen Erscheinungen der Blumenwelt nur förderlich sein, wenn wir dieselben beiden hier so auffallend in die Augen springenden Wirkungen noch an einigen anderen Beispielen nachweisen. Ganz ebenso wie in den angeführten Fällen die gelbe Farbe des Pollens, der Antheren oder (bei Tinnantia) der sie umgebenden Gliederhaarc, wirken in anderen Fällen gelbe Flecken der Blumen- krone unmittelbar anziehend nicht nur auf un ausgebildet cre kurzrüsselige, sondern auch auf hochentwickelte langrüsseligere Blumengäste. Im Juni vorigen Jahres blühte in meinem Garten ein grosses lederblättriges Rhododendron, das seine blassrosafarbcne Blumenkrone 5 — 7 cm weit auseinander breitete und die Staub- gefässe 1,5 bis 3,5, den Griffel fast 4 cm weit wagerecht, nur am Ende schwach aufwärts gebogen, aus der Blumen(")ffnung her vorstreckte. Der senkrecht aufwärts gerichtete obere Saumlappen der Blumenkrone war mit einem grossen in die Augen fallenden Fleck (von fast 2 cm Länge und fast 1,5 cm Breite) verziert, der sich aus länglichen orangegelben Tüpfeln zusammensetzte. Eines Tages 6./6. 82) flog eine Arbeiterin unserer langrüsseligsten und blumentüchtigsten Hummel, Bombus hortorum L., vor meinen Augen in 4 oder 5 dieser Blumen, ging in jeder derselben erst mit dem Kopf bis an den orangegelben Fleck, ehe i) Nature Vol. XXVI. p. 386. Aug. 24. 1882, Einige Nachträge zu Hildebrand's Buch. Die Verbreitungsmittel der Pflanzen^). Mit Tafel LXIV. I. Dorstenia. (Fig. 40 — 50.) Der Gattung Dorstenia schreibt Endlicher (Gen. plant. Nr. 1860) einsamige Früchte zu, die in einem zur Zeit der Reife saftigen Fruchtboden eingesenkt sind und der Quere nach aufspringen. Daraus wird man kaum errathen, in welcher Weise die Samen verbreitet werden; ja es erscheinen diese Angaben nur schwer mit einander vereinbar. Einsamige Früchte pflegen nicht aufzuspringen, da bei ihnen der Hauptnutzen des Aufspringens, die Verstreuung der einzelnen Samen zu ermöglichen, wegfällt; sie werden gewöhnlich heil und ganz ausgesät. Und nun gar, wenn sie wie bei der Rose von einem saftigen Fruchtboden umschlossen sind! Die Saftigkeit pflegt auf Verbreitung der Samen durch fruchtfressende Thiere zu deuten und dabei wäre wieder das Aufspringen unbegreiflich. Und doch sind Endlicher's Angaben der Hauptsache nach richtig. Die P'rüchte von Dorstenia sind Schleuderfrüchte, die beim Aufspringen ihren einen Samen mit grosser Kraft fortschiessen, i^nd der saftige Fruchtboden bietet das zur Spannung des Geschosses nöthige Wasser. Da die Dorstenien der alten Welt fehlen, auch kaum in Gärten zu finden sein werden, muss ich wohl, ehe ich näher auf ihre Schleuderfrüchte eingehe, die Pflanzen selbst mit einigen Worten einführen; denn wollte ich nur auf ihre all- bekannten nächsten Verwandten, die Feigenbäume, hinweisen, so würde man schwerhch an stengellose Kräuter denken mit finger- oder fiederförmig gespaltenen Wurzelblättern und einem am Ende eines einfachen Schaftes stehenden Blüten- stande. Das ist nach Endlicher's Schilderung (a. a. O.) ihre gewöhnliche Er- scheinung. Die hiesige, im Urwalde — namentlich in moderndem Laube am Fusse grosser Bäume — überaus häufige Art, die mir in Kew als mit Dorstenia nervosa oder caulescens verwandt bezeichnet wurde, besitzt einen (selten über 5 mm dicken) Stengel, dessen älterer Thcil am Boden liegt und Wurzeln treibt, während seine Spitze senkrecht aufsteigt (etwa 0,1 m; meist weniger, selten bis 0,2 m) und am Ende eine geringe Zahl (oft nur 3 bis 5) kurzgestielter lanzett- I) Kosmos 1883. Bd. XIII. S. 275—283. Taf. I. 62 Q Die Verbreitungsmittel der Pflanzen. lieber Blätter in Vs Stellung- trägt (Fig. 42). Zur Seite der Blätter stehen statt der grossen, die Spitzen der Zweige tutenartig umhüllenden Nebenblätter der Feigenbäume kleine pfriemliche Nebenblättchen, die aber länger als die Blätter selbst stehen bleiben. Aus den Blattwinkeln entspringt je ein Blüthenstiel. der sich am Ende wie bei der Sonnenblume zu einem scheibenförmigen Fruchtboden erweitert. Der unregelmässige drei-, vier-, fünf- oder mehreckige Saum des Fruchtbodens ist von verkümmerten , kaum noch als solche zu erkennenden Blättern eingefasst, seine blüthentragende Endfläche nach der Mitte zu fast un- merklich vertieft. Denkt man sich dieses flache Becken immer mehr vertieft und zugleich die Aussenwand immer stärker gewölbt, bis ihr Saum nur noch eine enge Pforte offen lässt, so hat man den Blüthenstand der Feigen. Die völlig hüllenlosen Blüthen liegen in Höhlungen des Fruchtbodens; die der zahlreicheren männlichen Blüthen, mit je zwei Staubgcfässen, sind ganz flach; die der weibUchen Blüthen, welche bis auf den Mangel der Blüthenhülle denen der Feigen sehr ähnlich sind, durchsetzen fast die ganze Dicke des Fruchtbodens (Fig. 43, 44). Zuerst treten die zweispaltigen Griffel aus dem Fruchtboden hervor, um nach einiger Zeit wieder von demselben überwachsen zu werden. Später strecken sich die in ihren Höhlen zusammengekrümmten Staubfäden und heben die weissen Staub- beutel empor. In der Regel scheinen die Narben schon fast vollständig wieder im Innern des Fruchtbodens verschwunden zu sein, wenn die ersten Staubbeutel sich öffnen; selten (ich sah es nur einmal) sind Griffel und Staubgefässe gleich- zeitig in voller Blüthe. Dadurch, dass die Narben noch zum Theil hervorsehen, wenn die Staubbeutel sich zu öffnen beginnen, ist die Möglichkeit der Selbst- bestäubung geboten, während das lange nach dem Verschwinden der Narben fortdauernde Blühen der Staubgefässe auf Fremdbestäubung hinweist. Ich habe nichts gefunden, was Besucher anlocken könnte, und nur einigemal Spring- schwänze (Poduriden) auf den Blüthen getroffen, die wohl nur zufällig dahin ge- rathen waren. Ich vermuthe, dass wie bei den Feigen die Bestäubung durch Insecten vermittelt wird, welche die Blüthen besuchen, um ihre Eier abzulegen ; wenigstens trifft man stets in dem reifen Fruchtboden zwischen den Früchten kleine rothe Maden, deren weitere Entwicklung ich noch nicht verfolgt habe. Der Griffel ist, wie bei den Feigen, nicht endständig, sondern entspringt von der einen Seite des Fruchtknotens, an der innen auch die Samenknospe sitzt (Fig. 43). Beim Heranwachsen der Frucht wird die Wand dieser sowie der gegen- überliegenden Seite und ebenso der Boden der Frucht dick und fleischig (Fig. 45)^ während der Scheitel der Frucht und die beiden übrigen Seitenwände dünnhäutig bleiben; die verdickten Wände verjüngen sich nach oben, die dünnhäutigen von dem breiten Scheitel aus nach unten. Denkt man sich den Scheitel der Frucht als obere wagerechte Kante eines Tetraeders, so stellen die dünnhäutigen Seiten- wände die beiden in der oberen Kante, die verdickten Wände die in der\mteren Kante zusammenstossenden Flächen des Tetraeders vor. — Zur Zeit der Reife liegt der Same zwischen den oberen Enden der ver- dickten Fruchtwände und hält sie auseinander; eine scharfe Kante des Samens liegt dicht unter dem Scheitel der Frucht, deutlich nach aussen hindurchschimmernd (Fig. 47)- Die kleinzellige äussere Schicht der verdickten Wände ist stark ge- spannt schon die starke Wölbung, mit der ihre Zellen nach aussen vorspringen, verräth ihre pralle Füllung. Der dünnhäutige Scheitel der Frucht ist jetzt über Die Vcrbrcilungsmittel der Pflanzen. qgl die Oberfläche des Fruchtbodens hervorgewachsen (Fig. 48), und sobald man durch leichten Druck ihn sprengt, klappen die dicken Wände zusammen und der Same fliegt weit hinweg, wie eine zwischen dem benetzten Daumen und Zeige- finger hervorgequetschte Erbse. — Gewöhnlich treffen dabei die beiden Wände aufeinander und hemmen so gegenseitig ihre weitere Bewegung (Fig. 4g); schlagen sie aneinander vorbei, so krümmen sie sich noch bedeutend weiter (Fig. 50). Vor dem Aufspringen der Frucht reichen die Schenkel des von den verdickten Wänden gebildeten Winkels gerade bis zur Oberfläche des Fruchtbodens; wenn also die beiden Schenkel zusammenschlagen, müssen sie die Oberfläche des Fruchtbodens überragen (Fig. 49). Die Griffel welken nicht, wie sonst gewöhnlich, nach der Bestäubung; in das feuchte Innere des Fruchtbodens zurückgekehrt halten sie sich frisch, bis sie zur Zeit der Fruchtreife wieder hervortreten, und so könnte man einen schon samenlosen Fruchtboden (Fig. 44) leicht für einen blühenden halten. Wie bei vielen Sauerkleearten (z. B. Oxalis sepium, O. Regnellii) der nach dem Verblühen niedergebogene Fruchtstiel sich zur Zeit der Reife wieder aufrichtet und so eine weitere Verstreuung der Schleudersamen ermöglicht, so findet eine ähnliche Be- wegung auch bei dem Fruchtstiele unserer Dorstenia statt. Bei unreifen Früchten ist die Oberfläche des Fruchtbodens schief abwärts gerichtet (Fig. 41, 42): kurz vor der Reife scheint sich der Fruchtstiel rasch zu verlängern und, was wichtiger ist, er richtet sich auf, und die Oberfläche des Fruchtbodens stellt sich senkrecht oder schief aufwärts, ja bisweilen fast wagrecht nach oben; gewöhnlich jedoch sind schon alle Früchte entleert, ehe der Fruchtboden die für den Schuss günstigste Neigung von 45 ^ erreicht hat. Kurze Zeit nach der Entleerung der Früchte fällt der Fruchtstiel ab. — II, Marantaceen ^), (Fig. i — 39.) Aus der Familie der Marantaceen untersuchte ich die Früchte von vier hier wildwachsenden Arten. Trotz aller Aehnlichkeit im Baue der Früchte und Samen zeigen diese vier Arten die grösstmögliche Mannigfaltigkeit in den bei der Aus- saat der Samen mitwirkenden Verhältnissen. Danach ist zu erwarten, dass an den zahlreichen Arten dieser Familie, deren schön gezeichnete Blätter jetzt die Ge- wächshäuser schmücken, noch eine lange Reihe wieder anderer merkwürdiger Einrichtungen zu finden sein wird. Mögen diese Zeilen zu deren Aufsuchung anregen -). I. Phrynium (Fig. i — 14). Ich beginne mit der häufigsten imserer Marantaceen, die überall im Walde wächst und jedem Kinde unter dem Namen Caeteblätter bekannt ist. Ihre grosssen langgestielten einfarbigen Blätter ähneln denen der Heliconien, die oft in ihrer Gesellschaft wachsen, unterscheiden sich aber durch das lange drehrunde Gelenk zwischen Stiel und Spreite, das letzteren fehlt. Der wurzelständige, die Blätter nicht überragende Blüthenschaft trägt am Ende einen dicken, walzenförmigen Blüthenstand, dem die grossen, breiten, fest aufeinander liegenden Deckblätter erster i) Vergl. die Berichtigung S. 987. 2) Von selbst weiden freilich diese Pflanzen, wo Insectenbesuch fehlt, keine Früchte ansetzen ; allein die Bestäubung ist sehr leicht auszuführen und ich überzeuge mich soeben an einer buntblättrigen Marantacee meines Gartens, dass auch Blüthenstaub derselben Pflanze befruchtend wirkt. n Die Verbreitungsmittel der Pflanzen. Ordnung das Aussehen eines Tannenzapfens geben — einen Blüthenstand also, wie er in dieser und der verwandten Familie der Zingiberaceen nicht selten ist. Aus dem Winkel jedes Deckblattes erster Ordnung brechen nach und nach eine Menge Blumen hervor, die ihrerseits wieder von Deckblättern zweiter und höherer Ord- nung umschlossen sind. Von diesen vielfachen Deckblättern umfasst und weit überragt reifen in sicherer Hut die stiellosen, unterständigen Fruchtknoten; allein gereift würden die Früchte nie aus dieser vielfachen Umhüllung sich frei machen, nie aus der Tiefe emporsteigen und ihre Samen ins Freie entleeren können, sie würden im Innern der Aehre vermodern müssen, — was in der That bisweilen geschieht, — wenn ihnen nicht eine besondere Ausrüstung zu Hülfe käme. Die Früchte sind dreifächrig (Fig. 14); jedes Fach enthält einen einzigen aufrechten Samen, der mit dickem fleischigem Stiele unten im inneren Winkel des Faches befestigt ist. Vom Rücken des Stieles (wie die nach aussen gewendete Fläche desselben kurz heissen mag) gehen zwei breite flügelartige Fortsätze aus, die den Stiel umfassend nach der Bauchseite sich herumbiegen und hier mit ihren ver- jüngten Enden wie zwei Arme entweder übereinander greifen, oder auch neben- einander Hegen, der eine nach oben, der andere nach unten gewendet. Die im Einzelnen recht wechselvolle Gestalt und Anordnung dieser Anhänge veran- schaulichen die Abbildungen (Fig. 3 vom Rücken, Fig. 4—9 von der Bauchseite). — In unreifen Früchten liegen die Flügelfortsätze dem Samenstiele dicht an und schnellen auf ihn zurück, wenn man sie abbiegt. Mit dem Reifen tritt dagegen eine erhöhte Spannung ihrer Bauchseite ein, in Folge deren endhch die Frucht von unten her gesprengt und mit dem noch geschlossenen oberen Ende voran wie ein Keil durch die Deckblätter hindurchgedrängt und an die Oberfläche des Blüthenstandes gehoben wird. Hier zerfällt die Frucht (wie Fig. 14 andeutet) in vier Stücke: drei Klappen, deren jede in der Mitte eine Scheidewand trägt, und eine dreikantige Mittelsäule; die Samen aber, aller Hemmung ledig, spreizen ihre Flügel weit auseinander (Fig. i, 2). — Durch Einlegen in Weingeist oder Salz- wasser kann man die Flügel in ihre frühere Lage zurückführen, während reines Wasser sie noch weiter nach rückwärts treibt. Meist fallen die Samen zu Boden; doch bleiben häufig einige aussen am Blütenstande hangen, bis eine gelegentliche Erschütterung sie abschüttelt; nament- lich geschieht dies an der schief aufwärts sehenden Seite nicht genau im Lothe stehender Aehren. Ob etwa die fleischigen Stiele und Flügel der am Boden liegenden Samen, die durch weisse Farbe von dem schwärzlichen Samen sich ab- heben, irgend welches Gethier anlocken und so zu weiterer Verschleppung bei- tragen, weiss ich nicht. Fast in jedem alten Blüthenstande trifft man einzelne Samen, die nicht zu Tage getreten und deren Weichtheile (Stiel und Flügel) vermodert sind; sie fallen auch dann nicht heraus, wenn schon an dem welkenden Schaft die Aehre mit der Spitze nach abwärts hängt. Meist findet man an derselben Stelle nur einen einzigen Samen, wahrscheinlich aus einer Frucht stammend, in der zwei Samen fehlgeschlagen waren und deren einziges noch übriges Flügelpaar sie nicht aus der Tiefe emporzuarbeiten vermochte^). 1) An einer kleinen buntblättrigen Marantacee meines Gartens finde ich soeben den vorstehend beschriebenen vollkommen gleich gebildeten Früchte und Samen. Die Verbreitungsmittel der Pflanzen. gg^ 2. Thalia. (Fig. 15—19.) Eine zweite, weit weniger verbreitete, aber wo sie vorkommt, z. B. in der Gegend der Warnow, häufige Marantacee unterscheidet sich von ihren hiesigen FamiHengenossen auf den ersten Blick durch die weisse Unterseite der Blätter. Ihr Blüthenstand (Fig. 15) erinnert, wie schon Dclpino für den der Thalia dealbata bemerkt hat, an den mancher Gräser. Die Deckblätter erster Ordnung stehen zweireihig an einer wellig gebogenen Blüthenspindel, sind sehr fest und tuten- artig eingerollt. Jedes umschliesst nur zwei gleichzeitig blühende Blumen, von denen jede das Spiegelbild der anderen ist, so dass beide, obwohl einzeln un- symmetrisch, zusammen eine symmetrische Doppelblume dtirstellen. — Aehnliches kommt, beiläufig bemerkt, auch unter den Leguminosen vor, in der Gattung Cassia ; bei einer an der Mündung des Itajahy häufigen Art stehen in jedem Blattwinkel zwei unsymmetrische, aber ein symmetrisches Ganzes bildende Blumen; so ist z. B. der Griffel der rechten Blume erst nach rechts und an der Spitze wieder nach links, der Griffel der linken Blume erst nach links und an der Spitze wieder nach rechts gebogen. — Während des letzten Sommers wurde diese Thalia in meinem Garten sehr fleissig von einigen, Eucera ähnlichen Bienen beflogen, die gewiss kaum eine Blume unbesucht Hessen. Trotzdem reifte in jedem Deckblatte nur eine einzige Frucht ; ein einziges Mal habe ich deren zwei gesehen. Es ist das nur ein weiterer Schritt in einem häufig vorkommenden Entwicklungsgange, der darauf beruht, dass es im Allgemeinen vortheilhafter ist, wenige, grosse, reich mit Nahrung aus- gestattete Samen zu erzeugen, als viele kleine. Oft entwickelt sich von mehreren Samenknospen eines Faches regelmässig nur eine zum Samen; später wird dann überhaupt nur eine Samenknospe angelegt. Weiterhin reift nur in einem der Fruchtfächer ein Same, trotzdem jedes seine wohl gebildete Samenknospe enthält, und schliessHch schwinden die leer bleibenden Fächer. Hier sind nun nicht nur die ursprünglich vielsamigen Fächer (wie sie noch bei Myrosma und Canna be- stehen) zu einsamigen, — es ist nicht nur die dreifächrigc Frucht (wie sie Phrynium noch besitzt) zur einfächrigen geworden, sondern aueh das zusammengehörige Blumenpaar bringt nicht mehr zwei Samen (wie bei Maranta (s. u.), sondern nur noch einen. Man darf so auch von diesem Gesichtspunkte aus Dclpino Recht geben, der aus anderen Gründen Thalia als das Endglied in der Entwicklungs- reihe der Marantaceen betrachtete ^). Wie bei Phrynium, kann auch bei Thalia die Frucht nicht aus dem um- hüllenden Deckblatte herausfallen und dabei ist dieses Deckblatt so hart und fest, dass an Auseinanderdrängen durch die Spannung saftiger Gewebe nicht zu denken wäre. Die Aussaat der Samen geschieht nun durch gleichzeitiges Abfallen des Deckblattes und der Frucht, die dabei, obwohl einsamig, wie die von Phrynium, in vier Stücke zerfällt: zwei breitere Klappen, die den Rücken des Samens decken, eine weit schmälere Klappe auf der Bauchseite, und einen noch schmäleren Streifen, der zwischen letzterer Klappe nnd dem Samen liegt und auf diesem einen flachen Eindruck zurücklässt. — Denkt man sich in Fig. 14 das obere Fach mit seinem i) ¥. Delpino, Breve cenno sulle relazioni biologiche e genealogische delle Marantacee. — Nuovo Giornale Botanico Italiano. Vol. I. N. 4. Ottobre, 1869, p. 293. o Die VerbreituDgsmittel der Pflanzen. Samen bis zu völliger Verdrängung der beiden unteren ausgedehnt, so wird sie in eine der Fig. 19 ähnliche übergehen. Man wird nicht zweifeln können, dass der schmale Streifen an der Innenseite der schmalen Klappe einst die Mittelsäule einer dreifächrigen Frucht war. Und diese wurde w^ihrscheinlich in ähnlicher Weise wie bei Phr3mium gesprengt. Den Samenstiel umgibt ein blassbräunlicher Wall oder Kragen (Fig. 17, 18), der knorpclhart ist und weder beim Trocknen stark einschrumpft, noch in Wasser merklich aufquillt. Es scheint ein jetzt völlig nutzloses Gebilde zu sein und ist wohl nur zu verstehen als rückgebildeter Uebcr- rest eines Werkzeuges, dessen durch die Spannung saftiger Wände erzeugte Schnellkraft mitwirkte bei der Verstreuung der Samen. 3. Maranta. (Fig. 20 — 24.) Eine namentlich an Waldrändern nicht seltene Maranta unterscheidet sich von den beiden \origen Arten durch reichverästelten Stengel und weder in einen dichten Blüthenstand zusammengedrängte, noch von Deckblättern umhüllte Blumen. Der zweiblumige Blüthenstiel ist zwar am Grunde von einem scheidenförmigen, spreitelosen Deckblatte umgeben, das aber nicht bis zu dem dicken kurzen Stielchen der unteren Blume reicht; so sind die Blumen, wie die aus ihnen erwachsenden Früchte völlig nackt (Fig. 20). Wie bei der Thalia blühen die beiden Blumen desselben Stieles gleichzeitig und die eine ist das Spiegelbild der anderen, so dass z. B. der Staubbeutel in der einen rechts, in der anderen links vom Griffel steht. — Die Früchte haben im Gegensatz zu denen der beiden vorigen Arten eine ziemlich dicke, saftige Wand, bleiben bis zur Reife grün und zerfallen dann in drei glcichgrosse Klappen. Der Stiel des einzigen Samens (Fig. 23) ist von einem ähnlichen und anscheinend ebenso nutzlosen Kragen umgeben, wie bei Thalia, doch ist dessen Rückbildung minder weit fortgeschritten. Auf Längsschnitten (Fig. 21) sieht man, dass sein Rand nach innen eingerollt ist, und in Wasser ent- faltet er sich etwas (Fig. 24) und zeigt sich aus einer Reihe bald mehr, bald minder tief und deutlich von einander geschiedener Finger zusammengesetzt. Es lässt das für die Vorfahren dieser Maranta auf eine Ausrüstung schliessen, die von der bei Phrynium vorkommenden sehr verschieden war und vielleicht bei anderen Gliedern der Familie noch in Thätigkeit ist. Die Frucht dieser Maranta könnte man als eine werdende Beere bezeichnen ; sie scheint trotz des Mangels lockender Farbe und jedes Wohlgeschmacks von Vögeln gefressen zu werden; an einem grossen fruchtreichen Busche, den ich Tag für Tag besuchte, konnte ich nie eine völlig reife, d. h. bei leichtem Drucke in ihre drei Klappen zerfallende Frucht finden ; sie schienen schon vorher, nachdem sie völlig ausgewachsen waren und schon keimfähige, hartschalige Samen ent- hielten, gefressen zu werden. Ich sah auch oft kleine Vögel durch den Busch schlüpfen; leider habe ich versäumt, einen kleinbeerigen Pfefferbusch (Capsicum) umzuhauen, der seine Zweige zwischen die der Maranta flocht, und kann daher nicht sagen, welcher von beiden Pflanzen die Besuche galten. Bei einer anderen, hier ziemlich seltenen Maranta von ähnlichem Wüchse, die ich in den letzten Jahren nicht gesehen habe, färben sich die Früchte bei der Reife roth. Die Verbreitungsmittel der Pflanzen. q8s 4. Marantacee mit weissgestreiften Blättern, aus dem Affen- winkel. (Fig. 25—39.) Im Wüchse den gewöhnlichen Caeteblättern ähnlich, doch durch ihre wciss- gestreiften Blätter sofort zu unterscheiden ist eine Marantacee, für die ich bis jetzt nur einen Fundort kenne, den Berg beim Wasserfall des Affenwinkels in Blumenau. Der Blüthenstand ist eine ästige einseitswendige Aehre; die zweireihigen Deckblätter erster Ordnung sind gross und breit und jedes bedeckt eine grössere Zahl nach und nach aufblühender Blumen, die noch von einer Menge anderer Deckblätter umgeben sind. Die tief in diesen Deckblättern versteckten Früchte sind einfächrig, einsamig, dünnhäutig. Vom Rücken des Samenstieles gehen wie bei Phrynium zwei Fortsätze aus, die aber nicht zwei seitwärts sich ausspreizende Flügel bilden, sondern schmale, lange, zungenförmige Springfedern darstellen, welche das dünne Ende des Stieles zwischen sich nehmend neben einander über die Unterseite des Samens hinlaufen (Fig. 27), an der Bauchseite emporsteigen (Fig. 25) und immer dem Samen dicht anlieg'end gewöhnlich erst jenseits des Scheitels enden (Fig. 26). Sie sind also bedeutend länger als der Same und ihr Weg bis zum Scheitel des Samens wird noch dadurch verlängert, dass dessen Bauchseite nach unten wulstig über die Rückenseite vorspringt. Von diesem gewöhnlichen Verlaufe der Springfedern, der auch für ihre Wirksamkeit wohl der beste ist, findet man nicht selten leichtere oder erheblichere Abweichungen, von denen es genügen mag, eine einzige abzubilden. Oeffnet man der Reife nahe Früchte, so schnellen die Springfedern in Stellungen, wie sie in Fig. 2g — 31 dargestellt sind. Wie weit sie bei völliger Reife sich vom Samen entfernen, nachdem sie selbst die Frucht gesprengt und sich mit dem Samen ins Freie gebracht haben, weiss ich nicht, da ich keine frisch entleerten Samen gesehen habe. Legt man die Samen in Wasser, so krümmen sich ihre beiden Anhänge noch weiter nach rückwärts, bisweilen so weit, dass sie auf der Rückseite des Samens sich schneckenförmig einrollen, Fig. 33 — 37 zeigen einige solche in Wasser liegende Samen. Dass sie in Weingeist umgekehrt dem Samen sich wieder anschmiegen, bedarf kaum der Erwähnung. Auch bei dieser Art kommt es vor, dass einzelne Samen in dem Blüthenstande stecken bleiben, wo dann ihre Weichtheile bald vermodern. Bei den nächsten Verwandten der Marantaceen, den Ingwer- und Pisang- gewächsen (Zingiberacecn und Musaceen) pflegt, wenn sie vielsamige aufspringende Früchte tragen (Costus, Hedychium, Strelitzia, Ravenala u. s. w.), vom Samcnstiele ein meist lebhaft (weiss, roth, gelb, blau) gefärbter, den Samen mehr oder minder vollständig umhüllender Mantel auszugchen ; ob die vielsamigen Vorfahren unserer Marantaceen einen ähnlichen Mantel besassen und ob aus diesem die jetzt einen weit verschiedenen Dienst leistenden Anhänge hervorgingen, darüber wage ich für jetzt keine Vermuthung. Vier unter den fünf soeben betrachteten Pflanzen haben trotz ihrer Einsamig- keit aufspringende Früchte und so mögen zum Schlüsse einige Worte über das Aufspringen einsamiger Früchte an der Stelle sein. In gewissen Fällen scheint dasselbe nur eine von vielsamigen Vorfahren ererbte, jetzt völlig nutzlose Ge- wohnheit zu sein ; so bei Thalia und Maranta ; die dünne Fruchtschale der ersteren, ofi Die Verbreitungsmittel der Pflanzen. die dickere, aber weiche der letzteren würden das Keimen des Samens kaum beeinträchtigen. Ebenso dürfte das Aufspringen der einsamigen Früchte von Amarantus jetzt nutzlos und von Vorfahren her beibehalten sein, die, wie jetzt Celosia, in ganz gleicher Weise quer aufspringende vielsamige Früchte besassen. Weit häufiger jedoch ist das Aufspringen einsamiger Früchte verbunden mit Ausrüstungen, die nur durch das Aufspringen in Wirksamkeit treten können. So bei der zuletzt betrachteten Alarantacee und bei Dorstenia. Der häufigste Fall ist wohl der, dass die Samen von einem fleischigen, farbigen Mantel umgeben sind, der fruchtfressende Vögel nicht anlocken könnte, wenn die Frucht ge- schlossen bliebe. So bei der mit Amarantus nächst verwandten Gattung Chamissoa; bei einer hiesigen Art färben sich die ganzen Blüthenrispen zur Zeit der Reife roth und machen die Pflanze weithin sichtbar; das deckelartige Abspringen der oberen Fruchthälfte enthüllt einen schneeweissen, saftigen süssen Mantel, aus dessen Mitte der glänzende schwarze Same hervorlugt. Weitere Beispiele bieten mehrere unserer Waldbäume, in deren Kronen sich zur Zeit der Fruchtreife Schaaren lärmender Vögel sammeln; so Copaifera und die Bicuiba; bei beiden enthält die zweiklappige Frucht einen einzigen grossen Samen, den ein lebhaft rother fleischiger Mantel umgibt; (Von der Muskatnuss, einem Gattungsgenossen unserer Bicuiba, ist der Mantel als „Macis" oder „Muskatblüthe" bekannt.) Auch die von Hildebrand erwähnte Magnolia gehört hierher: bei ihr würde überdies ein Verstreuen der einzelnen Samen ohne Aufspringen der Früchte nicht möglich sein, da sämmtliche Einzelfrüchte einer Blume untrennbar mit einander ver- wachsen sind. Blumenau, Sa. Catharina, Brasilien, Mai 1883. Erklärung der Abbildungen auf Tafel LXIV. Fig. I — 14. (smal vergr.) Phrynium vom Itajahy. Fig. I. 2. Reife Samen • mit ausgebreiteten Flügeln. i. vom Rücken, 2. von der Bauchseite. Fig. 3 — 9. Unreife Samen mit anliegenden Flügeln. 3. vom Rücken, 4. — 9. von der Bauchseite. Fig. 10. II. Untere Seite zweier Samen, nach Entfernung der Weichtheile (Stiel und Flügel). Nach dem Rücken zu der kreisrunde Samendeckel, nach der Bauchseite zu ein kleinerer kreisförmiger Eindruck, zu dem das Gefässbündel des Stieles hingeht. Fig. 12. Längsschnitt durch die Mittelebene eines Samens. Der Embryo ist aus seiner U-förmig gebogenen Höhle genommen; der unterste vom Samendeckel geschlossene Theil dieser Höhle mit dunklerer, festerer Wand. Die Mitte des Samendeckels steht in Verbmdung mit einem auf dem Rücken des Stieles zwischen dem Ursprünge der Flügel liegenden Grübchen. Zwischen den Schenkeln der U-förmigen Embryohöhle steigt ein von Schraubengefässen durchzogener Fortsatz des Stieles empor. Fig. 13. Längsschnitt eines Samens ohne Weichtheile durch die Linie an in Fig. 14, also rechtwinklig zur Mittelebene. Der eben erwähnte Fortsatz endet verbreitert unter der Embryohöhle. Fig. 14. Querschnitt einer Frucht. Fig. 15 — 19 (15 und 16 nat. Gr., 17 — 19 etwa 4 mal vergr.). Thalia mit unten weissen Blättern, von der Warnow. Fig. 15. Spitze eines Blüthenstandes, dessen untere Aehrchen schon abgefallen sind. Fig. 16. Frucht von der Seite der schmalen Klappe. Die Verbreitungsmittel der Pflanzen. qg^ Fig. 17. 18. Unterer Theil des Samens, von verschiedenen Seiten. Fig. 19. Querschnitt einer Frucht. Fig. 20 — 24 (20 nat. Gr., 21 — 24 3 mal vergr. Maranta vom Itajahy. Fig. 20. Zwei fast reife Früchte. Fig. 21. Längsschnitt des unteren Theiles eines Samens, durch die Mittelebene. Fig. 22. Längsschnitt des oberen Theiles in darauf senkrechter Richtung. Fig. 23. Reifer Same, von der Bauchseite, frisch aus der Frucht. Fig. 24. Reifer Same, von der Bauchseite, nach längerem Liegen in Wasser. Fig. 25 — 39 (33' — 37 nat. Gr., die übrigen 3 mal vergr.). Marantacee mit weiss- gestreiften Blättern, aus dem Affenwinkel in Blumenau. Fig. 25 — 2y. Unreifer Same, von drei verschiedenen Seiten. Fig. 28. Ein anderer unreifer Same, von der Bauchseite. Fig. 29 — 31. Samen, aus fast reifen Früchten genomnen. Fig. 32. Die Anhänge des Samens Fig. 31, abgeschnitten und flach ausgebreitet. Fig- 33 — 37- ^^ Wasser liegende Samen. Fig. 38. Längsschnitt eines Samens durch die Mittelebene. Fig. 39. Längsschnitt eines Samens ohne Weichtheile, senkrecht auf die Mittelebene. Fig. 40 — 50 (40 — 42 und 44 nat. Gr., — 43 15 mal, — die übrigen 5 mal vergr.) Dorstenia vom Itajahy. Fig. 40. Drei Blüthenstände, der oberste blühend, der unterste mit reifen Früchten. Fig. 41. 42. Zwei andere Blüthenstände. Fig. 43. Längsschnitt durch einen Blüthenstand, der im Uebergang von dem früheren weiblichen zu dem späteren männlichen Zustande begriffen ist. Links eine weibliche Blüthe, deren Griffel schon fast wieder vom Fruchtboden überwachsen ist; rechts eine männliche Blüthe, von der ein Staubgefäss schon verblüht ist. Fig. 44. Längsschnitt durch einen Fruchtboden, dessen Früchte die Samen schon ausgeschleudert haben. Fig. 45. Unreife Frucht. Fig. 46. 47. Reife Frucht von zwei verschiedenen Seiten; durch den oberen dünn- häutigen Theil der Frucht scheint der braune Same durch. (An der Luft wird der Same weiss.) Fig. 48. Reife Frucht, über den Fruchtboden vortretend. Fig. 49. 50. Früchte nach dem Ausschleudern der Samen. Berichtigung ^). Um sie mit der neuesten systematischen Anordnung der amerikanischen Marantaceen ^) in Einklang zu bringen, bedürfen die nach Endlicher's Genera plantarum bestimmten Gattungsnamen der Arten, deren Früchte ich im Kosmos (Bd. XIII S. 277)^) besprach, meist einer Aenderung. 1. („Phrynium") ist eine Calathea. 2. („Thalia") ist ein Ischnosiphon, dessen abfallende Deckblätter jedoch nicht zu Eichler's Diagnose passen. 3. („Maranta") ist eine Maranta auch in Eichler's Sinne. Dagegen ist die beiläufig erwähnte zweite Maranta-Art eine Stromanthe, 4. („Marantacee mit weissgestreiften Blättern aus dem Affenwinkel") ist eine Ctenanthe; doch passt auf sie nicht die „sehr kurze, weite Blumenröhre" der Eichler'schen Diagnose. Blumenau, 28. März 1884. 1) Kosmos 1884. Bd. XIV. S. 472. 2) A. W. Eichler, Beiträge zur Morphologie und Systematik der Marantaceen. Berlin 1884. 3. = Ges. Schriften S. 981, Einige Eigenthümlichkeiten der Eichhornia crassipes^). Vor etwa zwanzig Jahren wurde eine mittelgrifflige Form von Eichhornia crassipes, einer den Lihen verwandten, prächtig blühenden Wasserpflanze, hier eingeführt. Durch Ausläufer hat sich dieselbe unglaublich rasch vermehrt; ihre Nachkommen füllen jetzt Gräben und Teiche und bilden im untern Laufe des Itajahy schwimmende Wiesen längs der Ufer. Als ich nun von der im kleinen Itäjahy heimischen Eichhornia azurea kurz- und langgrifflige Blumen fand, zweifelte ich kaum, dass beide Arten dreigcstaltig seien ^). In dieser Meinung wurde ich dadurch bestärkt, dass ich an Eichhornia crassipes vergeblich nach samenhaltigen Früchten suchte. Unfruchtbarkeit mit Blüthenstaub derselben Pflanze und über- haupt derselben Form kommt ja gerade bei zwei- und dreigestaltigen Pflanzen häufig vor. Der Trimorphismus der Pontederien hat sich inzwischen bestätigt ; wenn auch von den genannten beiden Eichhornien noch nicht alle drei Formen bekannt ge- worden sind, so traf ich dieselben doch vollzählig bei einer dritten Art, einer Pontederia, die auf unserem Hochlande, in der Nähe von Curitibanos wächst^). Dagegen hat sich die Annahme, dass Eichhornia crassipes mit eigenem Blüthen- staube unfruchtbar sei, als irrig erwiesen. Denn obwohl nur eine einzige Pflanze hier eingeführt w^orden war, sahen meine Neffen Samen und junge Sämlinge; die völlig-e Unfruchtbarkeit der Blumen in meiner Nachbarschaft hatte also nur daran gelegen, dass sie nicht von geeigneten Insekten besucht worden waren. Ich selbst traf im vorletzten Sommer (1881/82) mehrere Pflanzen mit abweichend gefärbten, sowie andere mit langgriffligen Blumen; beide konnten kaum anders als auf ge- schlechtlichem Wege entstanden sein 4). Zahlreiche Bestäubungsversuche stellten denn auch die Fruchtbarkeit mit eigenem Blüthenstaube ausser Zweifel. Der Hauptzweck dieser Bestäubungs versuche, zu ermitteln, in wie weit der Samenertrag bedingt sei durch die verschiedene Bestäubung — mit Blüthenstaub 1) Kosmos 1883. Bd. XIII. S. 297—300. 2) Ueber den Trimorphismus der Pontederien. Jen. Zeitschr. f. Naturw. Bd. VI. 18" i. S. 74. =^ Ges. Schriften S. 400. 3) Darwin, The different forms of flowers. 1877. p. 185. 4) Diese langgriffligen Pflanzen sind merkwürdig nicht nur als die ersten von dieser bisher nur mittelgrifflig gefundenen Art, sondern mehr noch als illegitime Kinder mittelgriffliger Eltern. Einige Eigenthümlichkeiten der Eichhoriiia crassipes. q8q der beiderlei Staubgcfässe sowohl der fremden als der eigenen Form — , wurde aus mehrfachen Ursachen nur höchst unvollkommen erreicht; allein dieselben lieferten einige andere, unerwartete Ergebnisse, die bei ähnlichen Versuchen an anderen Pflanzen der Beachtung und daher der Mittheilung werth scheinen. Die Eichhornien besitzen, im Gegensatze zu den einsamigen Früchten der sonst so ähnlichen Pontederien, dreifächrige, vielsamige Kapseln ; die Samen sitzen vielreihig an einem den inneren Winkel des Faches einnehmenden Samenpolster. An Früchten nun, die durch Blüthenstaub der kurzen Staubgefässe erzeugt waren, trug in der Regel der unterste Theil des Samenpolsters keine Samen, sondern war bedeckt mit verschrumpften Samenknospen. An einer (am i. 3. 82 unter- suchten) dreizehn Früchte tragenden Aehre einer langgriffligen Pflanze, die mit Staub der kurzen Staubgefässe einer anderen langgriffligen Pflanze befruchtet worden war, nahm der untere samenlose Theil V,; bis Vs der Länge des Samen- polsters ein. Nicht immer war der samenlose Theil so gross und an einer (am 26. 4. 82 untersuchten) mittelgrifflig-en Aehre waren auch die durch Staub kurzer Staubgefässe erzeugten Früchte bis unten hin voll. Vermuthhch — ich habe beim Bestäuben nicht darauf geachtet — hatte diese Aehre kürzere Griffel als die anderen; die Länge der Griffel ist nämlich nicht in allen mittelgriffligen Pflanzen genau dieselbe; bald steht die Narbe den Staubbeuteln der langen, bald denen der kurzen Staubgefässe näher. Bei den durch Staub der langen oder mittel- langen Staubgefässe erzeugten Früchten sah ich nie ein Leerbleiben des unteren Theiles; auch wenn dieselben nicht besonders samenreich waren, fanden sich die Samen über die ganze Länge des Samenpolsters vertheilt. Wie bekannt, pflegen bei zwei- oder dreigestaltigen Blumen die Körner des Blüthenstaubes grösser zu sein in den längeren, kleiner in den kürzeren Staub- gefässen. Delpino ^) glaubte diese verschiedene Grösse der Blüthenstaubkörner in Beziehung setzen zu dürfen mit der verschiedenen Länge des Weges, den die aus ihnen hervorwachsenden Schläuche von der Narbe bis zur Samenknospe zurückzulegen haben, und trotz mancher Bedenken gegen diese Erklärung meinte auch Darwin -), dass es schwer sei, ganz den Glauben aufzugeben, die Pollenkörner der längeren Staubgefässe heterostyler Pflanzen seien grösser geworden, um die Entwicklung längerer Schläuche zu gestatten. Die eben mitgetheilte Beobachtung scheint eine Bestätigung für Delpino's Ansicht zu bieten; denn es sieht ganz so aus, als hätten die Schläuche des Blüthenstaubes der kurzen Staubgefässe nicht bis zu dem unteren Ende der Fruchtknoten der lang- oder mittelgriffligen Blumen ofelaneen können. Wenn also die durch Blüthenstaub der kurzen Staubgefässe an lang- oder mittelgriffligen Pflanzen der Eichhornia crassipes erzeugten Früchte minder samenreich sind, als andere illegitime Früchte'*), so wird das nicht auf i) Federico Delpino, Süll' opera „la distribuzione dei sessi nelle plante" del prof. F. Hilde- brand. Note critiche. 1867. p. 17. 2) Darwin, The different forins of flowers. 1877. p. 251. 3) An einer langgriffligen Aehre wurden, um ein Beispiel zu geben, am 20. 2. 83 einige Blumen legitim, d. h. mit Blüthenstaub der langen Staubgefässe mittelgriffliger Blumen, — andere mit Staub der mittellangen Staubgefässe derselben Aehre — , wieder andere mit Staub der kurzen Staubgefässe mittel- griffliger Blumen bestäubt. Am 19. 3. waren die Früchte reif und es enthielten durchschnittlich die ersten 141,7 — die zweiten 121,3 ""'i ^^^ dritten 113,3 Samen. -^ Einige Eigenthümlichkeiten der Eichhornia crassipes. geringere Empfcänglichkeit der Eichen für diesen Blüthenstaub schliessen lassen, sondern einfach daraus zu erklären sein, dass nicht alle Eichen von ihm erreicht werden konnten. Eine andere Eigenheit der Eichhornia crassipes, der verwandten Heteranthera reniformis und vielleicht mancher anderen Pflanzen ist die, dass der Samenreichthum der Früchte in derselben Aehre von unten nach oben abnimmt, bald mehr, bald weniger regelmässig. Hier zunächst einige Beispiele von Heteranthera: Aehre mit 4 Früchten: 72 . . 60 . . 59 . . 45 Samen, Aehre mit 5 Früchten: 178 . . 134 . . 128 . . (?) . . 104 Samen, Aehre mit 8 Früchten: 77 . . 66 . . 40 . . 52 . . 50 . . 47 . . 40 . . 36 Samen, Aehre mit 9 Früchten: 141 . • 115 . . 113 . . 112 . . 93 . . 77 . . 93 . . 81 . . 63 Samen. In allen diesen Fällen waren sämmtliche Blumen der Aehre in gleicher Weise bestäubt worden. Die 5 ersten durch gleiche Bestäubung erhaltenen Früchte einer langgrif fügen Aehre von Eichhornia crassipes enthielten: 309 . . 269 . . 299 . . 290 . . 266 Samen. An einer mittelgriffligen Aehre mit 18 Früchten enthielten die vier untersten durchschnittlich 435, die vier obersten durchschnittlich 287 Samen; in jeder folgenden Frucht waren durchschnittlich 11,5 Samen weniger, als in der vorhergehenden (wobei jedoch in einzelnen Fällen die folgende Frucht sogar samenreicher war als die vorhergehende), Vermuthlich ist dieser verschiedene Samenertrag der oberen und unteren Früchte durch verschiedene Zahl der Samen- knospen in den betreffenden Fruchtknoten bedingt. — Für Bestäubungsversuche ergibt sich hieraus die Lehre, dass man irren würde, wenn man meinte, alle Ver- hältnisse, die etwa ausser der verschiedenen Bestäubung den Samenertrag beein- flussen können, dadurch gleich gemacht zu haben, dass man Blumen derselben Aehre mit einander vergleicht. Man wird, um einigermaassen verlässliche Ergeb- nisse zu erhalten, z. B. die i., 4., 7. . . . Blume auf die eine, die 2., 5., 8. . . . auf eine zweite und die 3., 6., 9. . . . auf eine dritte Weise bestäuhfen müssen. Von den bei den vorjährigen Versuchen geernteten Samen sandte ich einige an einen deutschen Botaniker, welcher deren Keimung zu beobachten wünschte, und säte gleichzeitig, um ihre Keimfähigkeit zu prüfen, einige andere frisch, wie ich sie der Frucht entnommen, in Wasser. Sie haben da unverändert etwa drei Vierteljahr gelegen, bis sie zufällig ausgeschüttet wurden. Ich erwartete demnach zu hören, dass meine Samen nichts getaugt, erfuhr aber zu meinem Erstaunen, dass sie gut gekeimt hatten. Als ich später selbst fand, dass ältere Samen gut keimten, drängte sich natürlich die Frage auf, ob nicht vorheriges Austrocknen für das Keimen der Samen dieser Wasserpflanze erforderlich sei. Es wurde also am 15. Februar dieses Jahres von frischgeernteten Samen einer mittelgriffligen Eichhornia crassipes ein Theil sofort in ein Gläschen mit Wasser gebracht, ein Theil trocken aufgehoben. Am 15. März waren erstere Samen noch unverändert und es wurden nun auch letztere in Wasser ausgesät. Als ich am 13. April die Gläschen nachsah, hatten von diesen vorher getrockneten Samen schon viele ge- keimt, die frisch ausgesäten waren noch alle unverändert. Sie wurden aus dem Wasser genommen, bis zum 22. April trocken aufgehoben und dann auf's Neue in Wasser gebracht. Am 7. Mai fand ich dann, dass bei vielen von ihnen Wurzel Einige Eigenthütnlichkeiten der Eichhornia crassipes. qq j und Keimblatt schon ziemlich weit hervorgewachsen waren. So scheint also die obige Frage bejaht werden zu müssen. Alle mir bekannten Pontedcriaceen (Hcteranthera reniformis und zosteraefolia, Eichhornia crassipes und azurea und die trimorphe Pontederia von Curitibanos) biegen nach dem Verblühen ihre Blüthenstände auf den sumpfigen Boden oder in das Wasser nieder, auf dem sie wachsen (dasselbe thut auch Limnanthemum Humboldtianum, eine dem Bitterklee verwandte dimorphe Gentianee). Bei der Reife fallen also die Samen ins Wasser oder auf die feuchte Erde. Würden sie hier sofort keimen, so würden die jungen Pflänzchen kaum Aussicht haben, zwischen der meist weit ausgebreiteten, den Boden oder Wasserspiegel dicht bedeckenden Mutterpflanze sich einen Platz zu erobern. Bleiben sie dagegen bis nach gelegent- licher Austrocknung ungekeimt im Schlamme liegen, so können sie mit diesem an den Eüssen von Wasservögeln oder sonstwie nach unbesetzten Orten getragen werden. Blumen au, Mai 1883. Biolooische Beobachtuno-en an Blumen Südbrasiliens ^). (Mitgetheilt von Hermann Müller aus Briefen Fritz Müllers). Mit I Textfigur. Cypella Herb. Die prächtige hier zu besprechende Iridee ist auf der Insel Sa. Catharina und an vielen Orten -des Itajahygebietes häufig. Bemerkenswerth ist sie nicht nur durch ihre im Vergleich mit unserer ihr nahverwandten Iris Pseud-Acorus A Blume, nat. Gr. — Das dem Beschauer zugewandte innere und das von ihm abgewandte äussere Bhunenblatt ist abgeschnitten. B. Inneres Bkmienblatt im Längsschnitt. C. Spitze der Griffel (2 : i). 5 unbestäubte, s' bestäubte Narben. vielfach abweichende Bestäubungseinrichtung und durch das eigenthümliche Ver- halten gewisser unberufener Besucher an ihren Blüthen, sondern auch durch ihr absatzweises Blühen und durch die Art ihrer geschlechtlichen und ungeschlecht- lichen Fortpflanzung. Es scheint mir deshalb wohl am Platze, die Beobachtungen, welche mein Bruder im Verlaufe eines Jahrzehntes nebenbei an ihr gemacht und mir mitgetheilt hat, hier geordnet zusammenzustellen. I. Die Bestäubungseinrichtung-. Die flach ausgebreiteten Blumenblätter sind schneeweiss, am Grunde braun gefleckt auf gelblichem Grunde, die inneren in ihrem unteren Theile braun ge- I) Berichte der Dtsch. Bot. Ges. 1883. Bd. I. Heft 4. S. 165—169. Biologische Beobachtungen an Blumen Südbrasiliens. gg-i fleckt, der ungerollte Thcil blau, Staubfäden braun, Blüthenstaub blass bläulich, Narben farblos. — Jedes Griffclblatt ist am Ende in 3 spitze Zipfel gespalten, zwei innere und einen äusseren ; zwischen dem inneren und dem äusseren Zipfel springt jederseits ein kleines Blättchen vor, dessen obere Seite die Narbe ist. Die den Griffelblättern anliegenden Staubbeutel springen seitlich auf, so dass der offen gelegte Blüthenstaub zweier Staubbeutel dem zwischen ihnen liegenden inneren Blumenblatt zugekehrt ist. Die am Ende umgerollten inneren Blumenblätter haben unter diesem umgerollten Theile einen stumpfen Vorsprung (a) nach innen und darunter einen solchen (b) nach aussen, letzterer bildet eine von ersterem überdeckte Tasche {t). Die Gegend dieser Vorsprünge ist mit Haaren bedeckt, die Honig in kleinen Tröpfchen absondern. Natürliche Kreuzungsvermittler dieser Blume wurden von meinem Bruder zum ersten Male am 13. September 1873 beobachtet; es waren Exemplare einer schwarzen Xylocopa-Art, die Frederick Smith vom britischen Museum mir als neu bezeichnete und X. artifex nannte. Diese, oberflächlich betrachtet, hummel- ähnlich aussehende Holzbiene von 18 — 28 mm Tange fliegt auf den umgebogenen Rand der inneren Blumenblätter auf und kriecht der Mitte der Blume zu, um den Honig aus der Tasche zu verzehren. Durch das Gewicht der schweren Biene wird dabei der obere Theil des Blumenblattes stark nach innen gebogen und der Rücken der Biene streift nun an den diesem Blumenblatt zugewandten Hälften der benachbarten Staubbeutel hin. Beim Besuch der nächsten Blüthe wird ein rundliches Häufchen von Blüthenstaub auf den dem betreffenden Blumenblatt zugekehrten Narben zweier Griffelblätter abgesetzt. Mehrere der am 13. Sep- tember 1873 mit dem Besuche dieser Iridee eifrig beschäftigten Xylocopa hatten einen breiten weissen Pollenstreifen auf dem Rücken. So lange mein Bruder ihnen zusah, flog keine von einem Blumenblatt auf ein anderes derselben Blüthe sondern immer auf eine andere Blüthe. Auch eine blaugeflügelte schwarze Hummel, Bombus violaceus T., ist nach späteren Beobachtungen meines Bruders ein häufiger Besucher derselben Blume; auch sie verfährt in der beschriebenen Weise. Ganz anders ist dagegen 2. Das Verhalten gewisser unberufener Besucher. Am 20. August 1882 schrieb mein Bruder von derselben Cypella-Art: „Mit dem 30. Juli hat die Blüthezeit dieser Art begonnen ^) ; heute entfaltet sie zum ersten Male ihre volle blendende Pracht; 233 Blumen erschlossen sich am Saume des Weges in meinem Garten; wo dieselben dicht beisammen standen, war das Weiss der grossen Blumen im buchstäblichen Sinne blendend, den Augen wehe thuend. — Als ich gegen 8 Uhr ging, die Blumen zu zählen, fand ich bei den- selben eine ziemliche Zahl Arapua (Tr. ruficrus) -). Es war merkwürdig, wie un- geschickt sie sich in dieser, wie Delpino sagen würde, nicht für sie prädesti- nirten Blume benahmen. Zunächst fiel mir ihr langes schwankendes Schweben auf; ob welche weggeflogen, ohne sich überhaupt zu setzen, wie es mir schien, i) Zwei ausser der Zeit blühende Blüthenstengel derselben Cypella-Art hatten erst am i6. Juni auf- gehört zu blühen. 2) Trigona ruficrus Latr., eine der dort häufigsten stachellosen Honigbienen, wenig grösser als unsere Stubenfliege. Fritz Müllers gesammelte Schriften. "3 Biologische Beobachtungen an Blumen Südbrasiliens. kann ich nicht bestimmt sagen. Alle landeten am seitlichen Rande des zurück- gerollten Blumenblattes. Die erste, die ich ins Auge fasste, ging nun langsam suchend auf diesem Blumenblatt umher, öfter mit dem Munde auf einer oder der andern der auf blauem Grunde gezeichneten weissen Linien hinfahrend ; sie lugte auch wiederholt in die durch das Einrollen des Blattes gebildete Röhre und flog endlich ohne Ausbeute weiter ; ich folgte ihr auf sechs Blumen, wo sie sich eben- so benahm und verlor sie dann aus den Augen. — Wie ihr ging es der grossen Mehrzahl. — Einige aber waren glücklich in der Mitte des Blumenblattes ab- wärts gehend über den hier vorspringenden Wulst zu den von diesen über- deckten honigabsondernden Haaren gelangt und saugten nun sehr emsig und anhaltend. Da sie mit den Fühlern an die vor ihnen befindlichen Honighaare stiessen und sie so besudelten, standen sie öfter stille, um sich mit den Vorder- beinen zu putzen. — Andere hatten den blassblaulichen wenig in die Augen fallenden Blüthenstaub entdeckt und mit den 4 hinteren Beinen an dem vor- springenden Wulst des Blumenblattes sich haltend, kratzten sie mühsam mit den weit vorgestreckten Vorderbeinen einige Körnchen los — zwei oder drei erfassten von demselben Standpunkte aus die Spitze des Griffels und kletterten zu dem- selben hinüber, um nun eine reiche Last von Blüthenstaub mühelos zu sammeln. — Gegen 1 1 Uhr war die Zahl der Arapuas etwa dieselbe wie am Morgen ; das reiche Blumenfeld musste also wenig Beifall gefunden haben, sonst würde jetzt eine ganze Wolke von Arapuas es umschwärmt haben (wie sich z. B. eine ganze Wolke von Cagafogos ^) an einer eben in Blüthen stehenden Butia-Palme sammelt). Viele betrugen sich noch ebenso wie am Morgen ; andere aber wussten jetzt, was sie wollten und flogen ohne Zögern auf die Mitte des Blumenblattes, um sofort entweder zum Honig vorzudringen oder auf den Griffel hinüber zu klettern und Blüthenstaub zu sammeln. — Nur zwei sah ich diesen mühsameren Weg zum Blüthenstaub sich dadurch ersparen, dass sie sofort an die dem Griffel anliegenden Staubbeutel anflogen und eine einzige vom Boden der Blume aus zum Honig vordringen. — Hummeln, die legitimen Bestäuber der Blumen, waren heute nicht da, sondern ausser den Arapuas nur, in wenigen Stücken, ein blüthen- staubfressender Käfer. — Die Staubbeutel waren an sehr vielen Blumen von den Arapuas geplündert, aber nur sehr wenige Narben und diese meist nur dürftig, mit Blüthenstaub belegt worden. — Beachtenswerth scheint mir hierbei erstens, wie ungeschickt eine der höher stehenden Bienen sich an einer Blume benahm, die ihr reichlich vmd leicht zu- gänglich Honig und Blüthenstaub bietet, zweitens, wie merkliche Fortschritte sie in deren Ausbeutung im Laufe weniger Stunden machte; drittens die unschein- bare Farbe des Blüthenstaubes scheint auch hier 2) als Schutz gegen unberufene Gäste zu dienen; hätte er seine gewöhnliche gelbe Farbe, so würde kaum eine Arapui'i gezögert haben, ihm sofort zuzufliegen." Ausserdem scheint mir die vorstehende Beobachtung meines Bruders ein guter Beleg dafür zu sein, dass durch den Zudrang unberufener Gäste der Be- such der eigentlichen Kreuzungsvermittler beschränkt wird. 1) Trigona cagafago II. Müll. Nature Vol. X. p. 31. May 14, 1874 = Ges. Schriften S. 483, 2) Wie bei Heeria (Bot. Jahresber. 1880. I. Abth. S. 181) und einigen anderen Blumen. Biologische Beobachtungen an Blumen Südbrasiliens. 995 3. Das absatzweise Blühen. Dieselbe Cypella hat noch eine andere bemerkenswerthe EigenthümHchkeit. die sie nach meines Bruders Beobachtung noch mit mehreren dortigen Eintags- bhimen ^) theilt, für die aber aus der deutschen Flora meines Wissens kein Bei- spiel bekannt ist. Die Blüthen erscheinen nämlich derart absatzweise, dass an einem Tage Hunderte sich entfalten und dann viele Tage, selbst mehrere Wochen, die Pflanze ganz blüthenlos dasteht oder höchstens eine oder die andere ver- einzelte Blüthe sich entfaltet. So blühten z. B. 1877 in meines Bruders Garten am 24./ II.: über 40 Blumen; 25./11.: i Blume; 28./ 11.: 5; 3./ 12.: 4; 4./ 12.: 5; 5./12.: 47; 12./12.: 4; 13./12.: über 40; 14./12.: 15; 15./12.: 53; i8,/i2.: 3; 20./12.: 3; 21./12.: i; 22./12.: 19; 24./12: 4; 26./12: 15; 30./12.: 369! 31./12. 42). Im vorigen Jahre (1882) hatte nun mein Bruder ausser der bisher bespro- chenen noch eine andere grössere Cypella-Art in seinem Garten, die zu blühen begann, als die Blüthezeit der ersteren bereits fast ganz vorbei war. Doch trieb die kleinere Art nach ihrer eigentlichen Blüthenzeit noch 2 Blüthenstengel, während gleichzeitig die erstere deren 1 1 hatte. So bot sich meinem Bruder die will- kommene Gelegenheit, beide Arten zu kreuzen % zugleich aber auch die Blüthen- tage beider zu vergleichen. Es blühten 1882 ■ 21. 30. 3. 8. 16. 20. 29. 30- 9- 19. 30. 3- 7. 8. 16. am März April Mai Juni Blumen der grossen Cypella Blumen der kleinen Cypella 13 3 15 5 5 38 4 4 29 16 4 19 17 32 4 21 2 I 35 2 3 an den dazwischen liegenden Tagen keine einzige Blume! Die Blüthentage waren bald warm und sonnig, bald Regentage und 2 Mal waren sie so kalt, dass die Blumen sich gar nicht ordentlich öffneten, sondern ungeöffnet verwelkten. Man müsste gleichzeitig genaue Wetterbeobachtungen machen, um diesem so überraschenden Zusammenfallen der Blüthetage der beiden sehr verschiedenen Cypellaarten auf den Grund zu kommen. 4. GeschlechtUche und ungeschlechtliche Fortpflanzung. Im unteren Flussgebiete des Itajahy bringt die kleinere Cypella so gut wie niemals Früchte. Mein Bruder hatte seit etwa 20 Jahren darauf geachtet; auf der Insel Sa. Catharina hatte er nie eine Frucht gesehen; ein einziges Mal sah er einige Früchte an einer Pflanze in seinem Garten, ein zweites Mal etwa 40 km von da flussabwärts. Die Pflanzen vermehren sich dadurch, dass am Ende der i) z. B. bei einer baumartigen Cordia, die auf mehreie stachellose Honigbienen eine besondere An- ziehung ausübt. Ein Baum derselben hatte im Garten meines Bniders im Jahre 1874 seine Hauptblüthen- tage am 11., 17. und 21. Januar; weniger voll blühte er dann noch am 23., 26., 30. und 31. 2) Diese Angaben sind noch eingehender bereits in meiner Arbeit: „Die Wechselbeziehungen zwischen den Blumen etc." in Trewendt's Encyclopädie Bot. Bd. I. S. 41 mitgetheilt und hier nur des Zusammenhangs wegen kurz wiederholt. 3) Die kleine Art ist völlig selbststeril, die grosse fruchtbar mit eigenem Blüthenstaub. 63* _£ Biologische Beobachtungen an Blumen Südbrasiliens. sich niederlegenden Stengel junge Pflanzen sich entwickeln. Eine gute Tage- reise weiter oben am Fluss bringt Cypella reichlich Frucht, Mein Bruder war dadurch schon längst zu der Vennuthung geführt worden, dass diese Cypella selbststeril sei und dass alle Pflanzen des unteren Itajah3^gebietes Theilstücke eines einzigen Stockes seien. Diese Vermuthung fand im Jahre 1877 ihre Bestätigimg durch den Versuch. „Ich hatte im März," schreibt mein Bruder am 8. December 1877, „Pflanzen von oben mitgebracht und habe diese nun mit hiesigen gekreuzt; sowohl die fremden Pflanzen mit hiesigem Blüthenstaub als die hiesige mit frem- dem haben Frucht angesetzt. Gleichzeitige Bestäubung hiesiger Pflanzen mit hie- sigem Blüthenstaub blieb erfolglos. Es sind also wohl alle hiesigen Pflanzen geschlechtslos entstandene Nachkommen einer einzigen Mutterpflanze, die einmal aus ihrer eigentlichen Heimath am oberen Flusse hierher verschlagen worden ist.'' Eine Aufgabe für Lepidopterologen^). Wenn die Raupen verschiedener Schmetterlinge auf nächstverwandten Pflanzen leben und in Merkmalen übereinstimmen, die für ihr Gedeihen ohne Bedeutung sind, so darf man zuversichtlich auf deren nahe Blutsverwandtschaft schliessen. Ein solches Merkmal bietet bei den Nymphalinen-Raupen die An- ordnung ihrer Dornen, Die Dornen selbst sind gewiss den Raupen nützlich und es ist für sie von Bedeutung, ob sie länger oder kürzer, schwächer oder stärker, einfach oder verästelt sind, völlig gleichgültig aber jedenfalls, ob gerade auf einem bestimmten Ringe deren vier, auf einem anderen fünf oder sechs stehen, ob sie hier eine Querreihe bilden, dort nicht. Wenn z. B. die Raupe der Hypanartia Lethe auf einer den Brennnesseln nächstverwandten Pflanze (Boehmeria) lebt und in ihrer Bedornung vollständig übereinstimmt mit den auf Brennesseln lebenden Raupen von Vanessa Urticae und Pyrameis Atalanta ^), so wird man unbedenklich sagen dürfen, dass Butler irrte, als er Hypanartia (= Eurema) von den Vanessiden trennte und mit G3maecia, Victorina u. s, w. zur Gruppe der Timetiden stellte ^). Die Raupe von Gynaecia Dirce lebt hier auf Cecropia peltata; sie hat je 2 Dornen auf Kopf und Vorderbrust (letztere sehr klein), je 4 auf Mittel- und Hinterbrust, je 6 auf den Hinterleibsringen mit Ausnahme des letzten, der 2 Dornen trägt. Unpaare Dornen fehlen ganz. Zudem sind die Dornen abweichend gestaltet, nämlich quirl- förmig. Noch verschiedener als die Raupen sind die Puppen. Auf Victorina komme ich noch zurück. Ebenso berechtigt die völlig übereinstimmende Bedornung der sämmtlich auf Passiflora- Arten lebenden Raupen der Gattungen Heliconius, Eueides, Colaenis und Dione *), diese vier Gattungen als nächst verwandt zu betrachten. Die Raupen der Gattungen Ageronia und Didonis, die so viel im System herumgew^orfen worden sind, bis sie sich endlich als Nachbarn zusammengefunden haben, leben auf nesselnden und kletternden Euphorbiaceen (jene auf Dale- champia- Arten, diese auf einer Tragia) und stimmen fast vollständig in ihrer Bedornung überein, unterscheiden sich z. B. von allen mir hier bekannt gewor- 1) Berl. Entomolog. Zeitschrift 1883. Bd, XXVII, Heft 2. S. 214—216. 2) Weis mann, Studien zur Descendenztheorie II. S. 178, 3) Butler, Catalogue of Diumal Lepidoptera described by Fabricius, 1869, pag. 68. 4) Kosmos II. S. 218 = Ges. Schriften S. 598. 998 Eine Aufgabe für Lepidopterologen. denen Nymphalinen-Raupen dadurch, dass nur der vorletzte und drittletzte Hinter- leibsring je einen unpaaren Dorn tragen ^). Auch die Familie der Acanthaceen nährt eine Reihe überaus ähnlicher Raupen, die sich in ihrer Bedornung kaum durch die bald stärkere, bald schwächere Entwicklung der beiden Dornen des Kopfes unterscheiden. (Dasselbe findet bei den auf Passifloren lebenden Raupen der Heliconier statt.) Bis zur ersten Häutung sind die Räupchen dornlos, aber schon jetzt ausgezeichnet durch eine eigenthümliche Behaarung; ihre ziemlich langen Haare sind nämlich alle nach vorn gekrümmt. Nach der ersten Häutung ist die Vorderbrust dornlos, Mittel- brust und Hinterbrust tragen je 2, die Hinterleibsringe mit Ausnahme des letzten je 3, der letzte Ring 2 Dornenpaare. Ausserdem finden sich auf allen Hinter- leibsringen, mit Ausnahme der letzten, unpaare Dornen und zwar je einer auf dem ersten bis siebenten, dagegen zwei auf dem achten (vorletzten) Ringe, (Die auch sonst in ihrer Bedornung kaum abweichende Raupe von Epicalia Numilia hat zwei unpaare Dornen auf dem drittletzten, nicht aber auf dem vorletzten Ringe ; sie lebt auf einer baumartigen Emphorbiacee, Alchornea erythrosperma.) Wie an die Heliconier-Raupen die in der Bedornung kaum verschiedenen, aber nicht auf Passiflora, sondern auf Compositen (Vernonia, Mikania) lebenden Raupen der Acraeen (A. Thalia und Alalia) sich anschliessen, so an die Raupen dieser Acanthaceen-Falter eine in der Bedornung vollständig mit ihnen übereinstimmende, aber auf Brennnesseln (U r er a) lebende Raupe. Aber während die engste Verwandtschaft der vier Heliconiergattungen unter sich, sowie ihre nahe Verwandtschaft mit Acraea auch an den Schmetterlingen leicht nachweisbar ist (bei Herrich-Schäffer steht Acraea als Familiengenosse unmittelbar neben Heliconius und Eueides), finden sich die Acanthaceen-Falter in den bisherigen Anordnungen weit von einander getrennt und von verschiedenen Forschern in verschiedener Weise verstreut unter die zahlreichen Gattungen der Nymphalinen. Ich habe aus Raupen die folgenden gezogen: Victorina Trayja, Anartia Amalthea, Junonia Lavinia, Phyciodes Janthe und eine zweite Art dieser Gattung. Die ebenso bedornte, an Brennesseln lebende Raupe ist die der Smyrna Blomfildii -). Die genannten Gattungen, die man bis jetzt nirgends nachbarlich vereint findet, ver- theilt Butler (a. a. O.) unter nicht weniger als vier seiner zehn Nymphalinen- gruppen ; er bringt Victorina zu den Timetiden, Anartia und Junonia zu den Vanessiden, Smyrna zu den Diademen und Phyciodes zu den Arg3mniden. Es wird nun Aufgabe der Lepidopterologen sein, die durch völlige Ueber- einstimmung der Raupen, wie mir scheint, über allen Zweifel erhobene nahe Ver- wandtschaft dieser Gattungen auch an den Schmetterlingen nachzuweisen. Blumenau, Sa, Catharina, Brazil, Mai 1883. i) An einem Dalechampia-BlaUe befestigt fand ich eine Puppe, die der von Didonis ähnlich war und einen der Eubagis Myrrhina ähnlichen Schmetterling lieferte. Die Raupen von Eubagis kenne ich nicht. 2) Junonia-Raupen habe ich noch nicht im Freien gefunden ; ich erhielt einige Räupchen aus Eiern, die ich aus dem Leibe der Weibchen hervorgedrückt hatte ; diesen gab ich Blätter der neuerdings als Zier- pflanze in Deutschland eingeführten S tephanophyoum longifolium, auf dem ich Raupen von Anartia Amalthea gefunden hatte; sie frassen sie willig und sind gut dabei gediehen, — Smyrna-Raupen erhielt ich durch Herrn Julius Scheidemantel, der in diesem Jahre zahlreiche Schmetterlinge dieser sonst nicht häufigen Art gezogen hat. Drymonema an der Küste von Brasilien^). Die in den „Tiefsee-Medusen der Challenger-Reise" beschriebene Gattung Drymonema, deren bisher einzige Art, Drymonema Victoria, bei Lesina und Gibraltar gefangen wurde, kommt auch an der Küste von Brasilien vor, wo ich sie dreimal (*'/i 57; ^Vn 60 und Vn 61) am Strande nördlich von Desterro ge- funden habe. Diese Thatsache schien mir der Mittheilung werth, weil sie i) die weite Verbreitung der sehr merkwürdigen Gattung beweist und weil 2) das Vor- kommen am Ufer eines ziemlich seichten, tiefgehenden Schiffen unzugänglichen Meeresarmes gegen die auch von Haeckel noch fraglich gelassene Tiefsee- natur der Drymonemen spricht. Wohl ist wahrscheinlich die brasilianische Art verschieden von der des Mittelmeeres, allein doch ihr so ähnlich, dass kaum eine völlig verschiedene Lebensweise sich annehmen lässt. Meine Quallen waren grösser (etwa 0,2 m, gegen 0,5 m und fast 0,3 m) als die Haeckel's (0,12 bis 0,16 m); das beweist aber nicht nur nicht die Art- verschiedenheit, sondern gibt im Gegentheil der Vermuthung Raum, etwaige kleinere Unterschiede möchten nur Altersverschiedenheiten sein. Haeckel setzt die Länge der Mundarme etwa dem Halbmesser der Scheibe gleich; mir fiel die grosse Länge der Mundarme auf, die bei dem zweiten Thiere „einige Spannen" betrug, also den Durchmesser der Scheibe übertraf; allein der Durchmesser dieses Thieres war 3 bis 4mal grösser als bei Haeckel's Thieren, und dann beobach- tete ich es lebend im Meere, während Haeck el in Weingeist aufbewahrte Thiere vor sich hatte. — Wichtiger scheint folgender Unterschied: bei Drymonema Vic- toria gabelt sich jede der acht „Tentacular-Taschen" dreimal und bildet so 2^=8 Randtaschen. Dagegen gabelte sich bei meinem Drymonema von 0,3 m Durch- messer die „Tentacular-Tasche" viermal und von den sechzehn aus der vierten Gabelung hervorgehenden Aesten der 5., 6., 11. und 12. noch ein fünftes Mal, wodurch also 20 Randtaschen entstanden. Das gibt für die ganze Scheibe 8 X 20+ i6"^)= 176 statt der 80 = 8X8+16^) bei D.Victoria. Ich glaube kaum, dass dies eine blosse Altersverschiedenheit ist; denn mit der verschiedenen Zahl verbindet sich eine verschiedene Lage der Gabelungspuncte. Bei D. Victoria liegt nach Haeckel's Zeichnung die dritte Gabelung etwa eben so weit vom i) Zoolog. Anz. 1883. Bd. VI. p. 220 — 222. 2) Die 16 Randtaschen sind die durch einmalige Gabelung der 8 ,,Ocular-Taschen" entstehenden. IQQQ Drymonema an der Küste von Brasilien. Rande, wie die Nischen für die Sinneskolben; bei unserem Thiere etwa 30 mm weiter. Leider kann ich nicht sagen, wie sich das grössere Thier (von 0,5 m Durchmesser) verhielt; es war zu gross, um es heimzutragen und zufällig hatte ich nicht einmal Messer und I.upe bei mir, als ich es fand. — Da bei Haeckel's Thieren die Fangfäden meist zerrissen waren, mag als Ergänzung seiner Beschreibung hier Platz finden, was ich seiner Zeit darüber niederschrieb: „Die ganze Unterfläche der Scheibe ist mit strahlig verlaufenden, scharfen, schmalen Leisten bedeckt und trägt zahllose Fangfäden, die dem Thiere in mehr als Klafterlänge nachschleppten und wenn sie die Dehnbarkeit ähnlich gebauter Fangfäden anderer Quellen besitzen, werden sie von dem ruhig treiben- den Thiere gewiss auf fünfzig Fuss und mehr sich niedersenken. Kaum ein anderes Thier dürfte in reicherer Zahl und auf grössere Ferne seine Tast- und Fangwerkzeuge ausstrecken und wenn je, so sind bei unserer Qualle die tod- bringenden Schlangenhaare der Gorgo verwirklicht." — Ich hatte danach der Qualle den Namen Trichoplea Gorgo gegeben, den ich nun in Drymonema Gorgo umwandle, Blumenau, Sa. Catharina, Brazil, 7. Januar 1883. Der Anhang am Hinterleibe der Acraea -Weibchen^). Doubleday (Genera of diurnal Lepidoptera p. 138) sagt von Acraea: „the last Segment in the female often furnished with a corneous appendage". — Auch das Weibchen von Acraea Thalia besitzt diesen Anhang. Er hat etwa die Ge- stalt eines Hohlziegel; ist mit einem Ende dicht hinter der Begattungsöffnung befestigt und von da nach vorn gerichtet, meist einen sehr spitzen Winkel mit dem Körper bildend, seltner fast rechtwinklig abstehend. Seit ich, vor langen Jahren, die ersten Schmetterlinge dieser Art aus Raupen gezogen, wusste ich, dass das Weibchen den Anhang nicht mit aus der Puppe bringt, dass derselbe vielmehr, wie bei. Parnassius, ein Zeichen der stattgehabten Begattung ist; doch erst während der letzten Flugzeit bin ich dazu gekommen, mich nach seiner Her- kunft umzusehen. Durch Drücken des Hinterleibes kann man bei den Acraea-Männchen unter dem Hinterrande der letzten Rückenplatte eine sehr ansehnliche Wulst hervor- treiben, welche derjenigen ganz ähnlich ist, die die Weibchen der Maracujaf alter Heliconius, Eueides, Colaenis und Dione) beim Ergriffenwerden an derselben Stelle hervorstülpen. Dieselbe ist bald nackt, bald mit braunen oder schwärz- lichen Schuppen und Haaren bedeckt, die schon bei leisester Berührung sich ab- lösen. Aus Schuppen und Haaren derselben Form zeigt sich der Anhang der Weibchen zusammengesetzt, wenn man ihn nach Behandlung mit heisser Kali- lauge zwischen Glasplatten zerdrückt. — Hunderte von Männchen, die ich dtirauf untersuchte, zeigten fast alle die Wulst entweder noch behaart oder schon völlig nackt ; nur zweimal fand ich die Haare zu kleineren, noch unverbundenen Platten verklebt und zweimal dieselben zu einem dem Anhange der Weibchen ähnlichen, aber noch dünneren und zerbrechlicheren Gebilde verbunden. Wahrscheinlich ergiesst bei der Begattung eines der Geschlechter eine rasch erhärtende Flüssig- keit, die demselben seine spätere Dicke und Festigkeit verleihen. Blumenau, Sa. Catharina, Brazil, i. Mai 1883. i) Zoolog. Anz. 1883. Bd. VI. p. 415, 416. Christian Conrad Sprengel^). Speaking of Christian Conrad Sprengel's discoveries, Dr. H. A. Hagen says (Nature, vol. xxix. p. 2 g): — "In Germany these discoveries were well known to every naturalist during the whole Century. Certainly between 1830 and 1870 at every university in Prussia the same facts were taught as well-known facts of the highest importance, and of course known by every Student." From the com- plete want of papers relating to the facts observed, and the theories proposed by Sprengel in the German botanical and entomological periodicals published before the time of Darwin, strangely contrasting with the profusion of such papers in modern botanical literature, one might have been led to a very different con- clusion, viz. that Sprengel had fallen into almost complete oblivion in Germany also, and that hardly any professor in any of the universities of Prussia and of Germany in general duly appreciated and taught his discoveries before Darwin's time. And this, I think, is really the case. Certainly at the University of Berlin in 1841, neither Lichtenstein, in his lectures on zoology, nor Kunth in those on botany, ever spoke of Sprengel and his work, nor did Erichson in his course on entomology. At the University of Greifswald, in 1842, the professor of natural history, Hornschuch, never mentioned Sprengel's discoveries. In 1848 my brother, Hermann Müller, began the study of zoology and botany at the University of Haue, where he never heard of Sprengel, with whose work he became acquainted only much later through Darwin's books. Thus it appears that between 1840 and 1850, in three at least of the six universities of Prussia, Sprengel's work had fallen into the most complete oblivion. Now it is improbable in the highest degree that the several professors of natural history in these universities should have ceased, unanimously and at the very same time (1841) to teach what, between 1830 and 1840, they had taught "as well known facts of the highest importance." Hagen's Statement, therefore, needs some further proof before it can be accepted. If in Germany Sprengel's discoveries had been "well known to every natu- ralist during the whole Century," the opinion that his treatise had been unduly neglected until it was, as it were, re-discovered by Darwin, could never have prevailed, as it appears to do, among German botanists, and Prof. Eduard Stras- burger could never have written the following lines, with which I may appro- 1) Nature 1883/84. Vol. XXIX. p. 334, 335. Vol. XXX. p. 240, 241. Christian Conrad Sprengel. lOO^ priately conclude this letter: "Until 1860 and some years afterwards in any cata- logue of old botanical books, the work of Conrad Sprengel, published in 17Q3, 'Das entdeckte Geheimniss der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen' might be found at the price of about 15 sgr. (15. bd), and I myself bought it there at that price as a curiosity, for the sake of its stränge title. In the 220 th catalogue of Friedlaender (1873) the price of the same book in 3 thlr. 20 sgr. (iis) This rise in the price of Sprengel's book shows ver}^ strikingly the change through vvhich in the meantime it has passed in our appreciation. For only during the last ten years, after it had remained wliolly unnoticed for nearly sevcnty years, the old book has come to be duly valued. It was Charles Darwin, who by his excellent book on Orchids . . . revived the questions treated by Sprengel" {Jenaer Literatur Zeittmg, 1874, article 140.) Blumenau, Sa. Catharina, Brazil, December 15, 1883. Will you allow me a short reply to Prof. Hagen's letter published in Nature (vol. xxix. p. 572)? It is evident that Prof. Hagen's Statements are very far from proving what he asserted in his former letter, viz. that between 1830 and 1840 Sprengel's discoveries were known to every Student in Prussia, and I think it would be easy to any one resident in Germ any to prove the contrary by simply confronting what the manuals of botany published at that time say about the fertilisation of flowers. Thus, as I learn from Delpino's "Ulteriori Osservazioni" (p. 88), Link ("Elem. Philos. Bot.", ii. 1837, P- ^^2) 3-"^ Treviranus ("Physiol. der Gew.", ii. 1838, p. 343), both of whom, according to Hagen, were entirely acquainted with Sprengel's discoveries, adopt Cassini's erroneous view of the fertilisation of Campanula being effected through the collecting-hairs of the style istead of through the stigmatic papillae; and this must have been almost impossible for any one acquainted with Sprengel's excellent account of Canipamila rotundifolia ("Ent- deckte Geheimniss", p. log). What Prof. Kunth, in his lectures at the Berlin University, taught about the fertilisation of flowers may be seen in his "Lehrbuch der Botanik" (1847, p. 422). Almost every line contains errors splendidly and convincingly refuted by Sprengel. Thus he considers as contrivances serving to aid the self-fertilisation of the flowers the collecting-hairs on the style of Campa- nulacese and Compositae (see Sprengel, pp. log and 370), the pollen-masses of Orchidese and Asclepiadeae being fixed ncar the stigma (Sprengel, pp. 401 and 139), the movements of the stamens of Parnassia, Ruta, and Saxifraga (Sprengel, pp. 166, 236, and 242), as well as the movements of the Stigmas of Nigella, Passi- flora, and Epilobium (Sprengel, pp. 280, 160 and 224). I do not know how to reconcile these errors with Prof. Hagen's statement that Kunth was "beyond doubt acquainted with the facts" discovered by Sprengel. He "beyond doubt" nevcr read Sprengel's book, and I can explain those numerous and crass errors of one of the most celebrated botanists only by the assumption that at that time Sprengel had fallen into almost complete oblivion among German botanists, and remained so tili, as Prof. Möbius justly rcmarks (Nature, vol. xxix. p. 406), "the value of his treatise in its bearing on the theory of selection was first recognised by Charles Darwin." Blumenau, Sa. Catharina, Brazil, May 25, 1884. Anfrage, Chr. K. Sprengel betreffend^). Professor H. A. Hagen in Cambridge, Mass., hat vor kurzem die für \'iele gewiss überraschende Behauptung aufgestellt, in Deutschland seien Chr. K. Spren- gel's Entdeckungen jedem Naturforscher während dieses ganzen Jahrhunderts wohlbekannt gewesen. Sicherlich seien diese Thatsachen zwischen 1830 und 1840 auf jeder preussischen Universität als wohlbekannte Thatsachen von höchster Wichtigkeit gelehrt worden und natürlich jedem Studenten bekannt gewesen ^). Da die Studenten der dreissiger Jahre wohl schon zum grossen Theile aus unserer Mitte geschieden sind, wäre es jetzt höchste Zeit, zu ermitteln, in wie weit Hagen's mit so zuversichtlicher Bestimmtheit ausgesprochene Behauptung richtig ist, und ich möchte hiermit alle, die darüber Auskunft zu geben vermögen, auffordern, es zu thun. Es handelt sich um Feststellung einer für die Geschichte der Pflanzenkunde nicht unwichtigen Thatsache. Für das Jahrzehnt von 1840 bis 1850, während dessen ich selbst und mein Bruder Hermann Studenten waren, trifft Hagen's Behauptung nicht zu; in den botanischen und zoologischen Vorlesungen, die wir in Berlin, Greifswald und Halle gehört, ist niemals von Sprengel, seinen Entdeckungen und seiner Blumen- theorie die Rede gewesen. Ich habe Grund zu vermuten und hoffe in kurzem Beweise dafür bringen zu können, dass es in Königsberg, dem damaligen Wohn- orte Hagen's nicht anders war. Blumenau, Prov. Sa. Catharina (Brasilien), 31./3. 1884. 1) Kosmos 1884. Bd. XIV, S. 320. 2) Nature Vol. XXIX. p. 29 vom 8. November 1883. Butterflies as Botanists^). The caterpillars of Mechanitis, Dircenna, Ceratinia, and Ithomia fecd on different species of Solanacese (Solanum, Cyphomandra, Bassovia, Cestrum), those of the allied genus Thyridia on Brunfelsia. Now this latter genus of plants had been placed unanimously among the Scrophularinse, tili quite recently it was transferred by Bentham and Hooker to the Solanacese. Thus it appears that butterflies had recognised the true affinity of Brunfelsia long before botanists did so. There is yet another and more curious instance of our butterflies confirming the arrangement of plants in Bentham and Hooker's "Genera Plantarum." Ageronia and Didonis were formerly widely separated by lepidopterists, being even con- sidered as constituting distinct families, but now they are to be found beside one another among the Nymphalinae, and the structure of their caterpillars leaves no doubt about their close affinity. The caterpillars of Ageronia feed on Dalechampia, those of Didonis on Tragia. Now these two Euphorbiaceous genera were widel}'^ separated by Endlicher, who placed the former among the Euphorbieae, the latter among the Acalypheae; Bentham and Hooker, on the contrary, place them close together in the same sub-tribe of Plukenetieae, and thus their close affinity, which had been duly appreciated by butterflies, has finally been recognised by bota- nists also. Blumenau, Sa. Catharina, Brazil, June i, 1884. I) Nature 1884. Vol. XXX. p. 240. Oll die larvae and pupae of some Nymphalinae and Heliconinae^). (Letter to Mr. Meldola.) The Secretary read the following extract from a letter from Dr. Fritz Müller to Mr. R. Meldola: — "My brother, Dr. Wilhelm Müller, a young man of twenty-seven years of age, has been with me for nearly a year, and is at present diligently studying the larvae of our Nymplialince. He is likely to make some very interesting ob- servations, and has already reared a considerable number from the egg to the pupa. We now know the larvae of the following genera of Nymplialince: — Protogoiiius, Paphia, Siderone, Prepona , Apatura (?; imago not yet bred), Ageronia (five species), Myscelia, Epicalia, Didonis, Callicore (?; imago not yet bred), Gyncecia, Heterochroa (ten species), Smyrna, Victorina, Junonia, Phyciodes, Hypanartia, and Pyrameis. We also know the larvae of Dione and Colcenis ; but these genera do not belong to the Nymphalinm, but are allied to Eueides and Heliconius. "The larvae of several genera or even groups of genera of Brazilian Lepi- doptera are confined to allied plants. Thus all our species of Heliconius (two), Eueides (two), Colcenis (two), and Dione (two), feed upon Passiflorm ; Phyciodes, Anartia, Junonia, and Victorina on Acanthacece; our five species of Ageronia and Myscelia Orsis feed upon one and the same species of Dalechampia; our species of Epicalia and Didonis feed upon Alchornea and Tragia respectively, plants belonging to the same family (Euphorbiaceo') , and our two species of Siderone feed upon the same Casearia. On the other hand, larvae belonging to other genera feed on plants belonging to very different families. Thus some of the species of Paphia feed on Piperacece (like Protogonius), and others on Lattri- necB; those of Prepona feed on Leguminosce (Juga), Monimice, &c.; the larvae of Heterochroa feed on Rubiacece (five species), Cecropia (two species), Melastomece (one species), Rubus (one species), and Malpighiacece (one species on Tetrapterys). "Many young larvae of the genera Protogonius, Paphia, Siderone, Prepona, Ageronia (except the gregarious larvae of A. Amphinome and A. Fornax), Mys- 1) Proc. Em. Soc. London 1884. p. XXIII— XXIV. On the larvae and pupae of some Nymphalinae and Heliconinae. 1007 celia, Epicalia, Gyncccia, and Heterochroa have the remarkable habit of eating the Space next to a vein of the leaf bare. My brother first called my attention to this. All these larvae have the still more remarkable habit of lengthening the stalk by attaching particles of dirt to it. The small brown larvaä are often diffi- cult to distinguish from the withered brown leafstalk, and must be admirably concealed from many enemies in this manner. But the collector who has once discovered this habit can easily detect the whereabouts of such larvae by the leafstalks, when he would otherwise only be able to detect them by the dosest Observation. "My brother has made some very interesting observations, which I believe to be quite new, on various pupae, which when in the dark are suspended (as is invariably the case in other NympJialinm), but in the light raise themselves more or less. There are some which actually execute lateral movements if a light is thrown upon them from the side. '^ Pantherodes pardalaria was noticed in ,Nature' as drinking and voiding large quantities of water. Herr Heczko, a good observer of living insects, who has been residing here for the last year, has noticed the same habit in Papilio Polydanias. He counted from twenty to twenty-six (usually between twenty-three and twenty-six) evacuations in a minute, and the sand behind the animals was completely soaked. Panther ödes pardalaria was very scarce here last summ er, although is is very common in many seasons. I once saw a whole swarm of these moths sitting on stones grown over with Podostomece in a rapidly-flowing rocky brook. They were looking down just above the water, and were probably engaged in drenching themselves with it." Mr. A. G. Butler did not know whether Dr. Fritz Müller had proved that Dione and Colamis were not Nymphalinae, as they were always classed with them. Die Verzweigung von Stromanthe Tonckat (Aubl.) Eichl.i). Mit I Textfigur. Stromanthe Tonckat 2) gehört zu den stattlichsten der am Itajahy (bei Blumenau in Südbrasilien) heimischen Marantaceen. Ohne Bodenlaub erhebt sich der drehrunde Stengel blatt- und astlos bis gegen 2 m hoch, um sich dann zu einer ansehnlichen, reich verzweigten, schirmartigen Krone zu entfalten. Auf solche hochwüchsigen, wie überhaupt auf alle kräftigeren Schosse wollen dann Eichler's Angaben^) über die Verzweigung dieser Art nicht mehr passen. Da- nach würde Str. Tonckat dreiblättrige Knoten haben und es würde regelmässig nur aus dem untersten dieser Blätter ein Zweig entspringen. Es würde also an jedem Knoten nur eine einfache Gabelung stattfinden. Dagegen gehören hier, von den letzten Verzweigungen abgesehen, Knoten mit weniger als drei Aesten zu den Ausnahmen, und namentlich von dem ersten Knoten kräftiger Schosse pflegen 4 oder 5, ja häufig 6 Aeste auszustrahlen und in seltenen Fällen kann diese Zahl sogar auf 7 oder 8 steigen. Auch sonst bietet Str. Tonckat in ihrer Verzweigung so manches Eigene, dass es der Mühe lohnen mag, dieselbe kurz zu besprechen. Des Mangels des Bodenlaubes wurde bereits gedacht; ältere Pflanzen ent- behren bodenständiger Laubblätter vollständig und es trägt dies nicht wenig bei zu dem eigenartigen Gepräge der Art. Nur ganz junge Pflanzen besitzen eine Bodenlaube; so fanden sich bei einem Pflänzchen, dass erst einen einzigen, 0,06 m hf)hen unverästelten Stengel getrieben hatte, 5 bodenständige Laubblätter; der zweigliedrige Stengel trug 2 Laubblätter am ersten, eins am zwcnten Knotcm. An älteren Pflanzen ist der Stengel eng umschlossen von zwei oder drei boden- ständigen, sprcitelosen Nic^derblättern. Als Uebergang von ersterem zum letzteren Zustande findet man Sprosse jüngerer d. h. wenige Jahre alter Pflanzen, an welchen das oberste dieser bodenständigen Blätter noch eine, bisweilen schon recht kleine 1) Berichte d. Dtsch. Bot. Ges. 1884. Bd. IL Heft 8. S. 379—382. 2) Durch Herrn Prof. E i c h 1 e r gütigst bestimmt. 3) Eich 1er, Beiträge zur Morphologie und Systematik der Marantaceen. Berlin 1884. S. 9 u. 10, Taf. 1, Fig. 4. Die Verzweigung von Strüinanthe Tonckat. loog Spreite trägt. Die Umwandlung der Laubblätter in scheidenartige, spreitelose Niederblätter bleibt nicht immer beschränkt auf das Bodenlaub; sie dehnt sich oft aus auf die Blätter des ersten Stengelknotens. Namentlich geschieht dies häufig bei recht kräftigen, geil auf schiessenden Sprossen alter Pflanzen; bisweilen werden hier die Blätter des ersten Knotens sämmtlich zu Niederblättern, häufiger jedoch nur die unteren, während das oberste oder einige der oberen ihre Spreite bcihalten. Wie alle Laubblätter, tragen auch die bodenständigen Niederblätter in ihren Achseln Knospen, die aber nie sich zu Zweigen zu ent- wickeln scheinen. Die Zahl der am nämlichen Knoten beisammen stehenden Blätter des Stengels ist oft, wie E i c h 1 e r angibt, drei ; doch wenigstens an den unteren Knoten nicht zu schwacher Pflanzen ist sie in der Regel 4 oder 5. Bei ganz kleinen Pflanzen kann sie auch hier, wie es überall an den letzten Verzwei- gungen geschieht, auf 2 herabsinken. Abweichend von Eichlers Angabe, dass Str. Tonckat „regelmässig nur aus dem untersten ihrer zu dreien an dem nämlichen Knoten vereinigten Blätter einen Zweig" mache, dass überhaupt in der Gattung Stromanthe „die Zweige, wo solche überhaupt gebildet werden, nicht aus den Achseln aller Blätter, sondern nur aus den i oder 2 untersten der einzelnen Aggregationen" kommen ^), bleibt bei der hiesigen Str. Tonckat nur selten mehr als ein Blatt, das oberste, und sehr oft auch dieses nicht, ohne Zweig, so dass dem Knoten dann ebenso viel Zweige wie Blätter entspriessen. Grundriss der am ersten Stengelknoten einer Stromanthe Tonckat stehenden Blätter und Zweige. A Stengel, L dessen Laubblätter, a die aus deren Achseln entspringenden Zweige, g deren Grundblätter, l deren grundständige Laubblätter, a die aus den Achseln der letzteren entspringenden Zweige, y deren Grundblätter, X deren grundständige Laubblätter. Bei fünf Stengelblättern und ebensoviel Zweigen findet man also, da das erste Laubblatt der Zweige grundständig ist, nicht weniger als 10 Laubblätter an dem- selben Knoten vereinigt. Bleiben die obersten Blätter des Knotens ohne Zweig, so umschliessen ihre Scheiden den Stengel, und ebenso w^erden die Zweige von ihrem Tragblatt, ihrem spreitelosen Grundblatt und ihrem ersten, grundständigen Laubblatt eng umschlossen ; tragen alle Blätter Zweige, so erscheint der Stengel natürlich nackt und ist daran sofort von den Zweigen zu unterscheiden. Das erste Laubblatt der Zweige ist, in Uebereinstimmung mit Eichler's Angaben, stets in entgegengesetzter Richtung gerollt, wie das Tragblatt. Nur ausnahmsweise wird die Zahl der von einem Knoten ausstrahlenden Aeste noch dadurch vermehrt, dass die Knospen in den Achseln der grund- ständigen Laubblätter des untersten oder der beiden untersten Zweige zu Zweigen auswachsen, und gegen die sonstige Regel können in diesem Falle sogar zwei I) a. a. O. S. 78. Fritz Müllers gesammelte Schriften. 64 lOIO Die Verzweigung von Stromanthe Tonckat. grundständige Laubblätter auftreten und aus ihren Achseln Zweige treiben ; in einem dieser Fälle hatte der unterste dieser Zweige zweiter Ordnung wieder zwei grundständige Laubblätter und so fanden sich hier an dem nämlichen Knoten dreizehn Laubblätter vereinigt, von denen 4 dem Stengel, 5 den 4 Zweigen erster, 4 den drei Zweigen zweiter Ordnung angehörten (Siehe das Diagramm). Bis jetzt sind derartige Zweige zweiter Ordnung nur an dem ersten Stengel- knoten beobachtet worden. Das eigenartige Aussehen der St. Tonckat, das weit mehr, namentlich bei niedrigeren Pflanzen, an Maranta Ruiziana erinnert, als z. B. an Stromanthe lutea (nach Eichler's Beschreibung und Abbildung)^), wird nicht allein durch die so reichliche Verästelung bedingt, sondern in gleichem, wo nicht höherem Grade durch die Richtung der oberen Stengelglieder und der Zweige. Das über einem Knoten liegende Glied des Stengels oder eines Astes bildet nicht die gerade Fort- setzung des nächstunteren und die von dem Knoten ausgehenden Zweige liegen nicht in derselben Ebene mit einem dieser beiden Stengelglieder; man sieht sie die verschiedensten Winkel miteinander und mit dem lothrechten Stamme des Schosses machen. Den einfachsten Fall, der am leichtesten die in diesem schein- baren Wirrwarr waltende Regel erkennen lässt, bietet ein Stamm, von dessen ersten Knoten zwei Zweige ausg'ehen, die das zweite Stengelglied zwischen sich nehmen ; dieses Stengelglied bildet, wie gesagt, nicht die gerade Fortsetzung des Stammes, sondern neigt sich stets etwas nach der Seite der schmalen Blatthälften und, falls die Zweige nicht gleich stark entwickelt sind (der untere, ältere ist meist der stärkere), gleichzeitig nach der Seite des schwächeren Zweiges, bildet also mit diesem einen kleineren Winkel, als mit dem stärkeren Zweige. Ebenso geht die durch die beiden Zweige gelegte Ebene nicht durch den Stamm, sondern ist nach der Seite der breiteren Blatthälften geneigt. Dasselbe wiederholt sich an den übrigen Knoten des Stengels und der Zweige. Bei Knoten mit zahlreicheren Zweigen scheint für die oberen, jüngeren Zweige dieselbe Regel zu gelten, wie für die unteren; jedoch bedingt ihr früheres oder späteres Auftreten, ihre kräftigere oder schwächere Entwicklung so viele Abweichungen, dass ihre Richtung oft völlig regellos erscheint. Die seitliche Verschiebung des oberen Stengelgliedes ist wohl auf den Druck der verschieden stark entwickelten Zweige zurückzuführen, nicht aber die Neigung nach der Seite der schmalen Blatthälften, da diese auch bei astlosen Knoten sich findet. So wich das obere Stengelglied eines dünnen, etwa spannenhohen, astlosen Sprosses, dessen beide Knoten je zwei Laubblätter tragen, 24 <* von der Richtung des unteren ab, nach der Seite der schmalen Blatt- hälften zu. In Folge des stumpfen Winkels, den in immer gleichem Sinne jedes folgende Stengel- oder Zweigglied mit dem vorangehenden macht, entfernen sich dieselben immer weiter von der lothrechten Richtung und dadurch, wie durch die ab- nehmende Länge der aufeinanderfolgenden Glieder, kommt die schirmartige Wöl- bung der Laubkrone von Str. Tonckat zu Stande. Anhangsweise mag noch bemerkt sein, dass an Zweigen, die sich der wage- rechten Richtung nähern, das unter der Spreite liegende Gelenk der linksgerollten I) a. a. O. Taf. I, Fig. 2. Die Verzweigung von Stromanthe Tonckat. lOI I Blätter eine Rechtsdrehung, das der rechtsgerollten eine Linksdrehung erfährt, wodurch in beiden Fällen die schmale Blatthälfte der Spitze des Zweiges sich zu- wendet. Aehnlich verhalten sich die Blätter des Pharus brasiliensis, eines Grases von ganz Marantaceen-ähnlichem Aussehen; auch hier sind die langen Stiele der linksgerollten Blätter rechts, die der rechtsgerolltcn links gedreht und zwar so stark, dass die untere Blattseite nach oben gekehrt wird. Bei Alstroemeria *), deren Blätter bekanntlich ebenfalls umgewendet sind, sind alle Blattstiele rechts gedreht. Blumenau, Prov. Sa. Catharina, Brasilien. i) Ob bei allen Arten? 64- Jugendgeschichte der Wurzelkrebse 7^). (Eine Besprechung.) Die Jngendgeschichte der Wurzelkrebse war bisher nur wenige Tage über das Ausschlüpfen der Jungen hinaus verfolgt worden. Man wusste, dass sie das Ei als mundlose Nauplius verlassen, also mit drei Paar Gliedmassen, von denen das vorderste einfach, die beiden hinteren zweiästig sind, und dass diese Nauplius durch zwei lange, vor dem Auge entspringende Riechfäden und zwei seitliche Stirnhörner, an deren Spitze eine Drüse mündet, zunächst denen der Ranken- füsser sich anschliessen. Man wusste, dass schon nach drei bis vier Tagen die Nauplius durch eine tiefgreifende Verwandlung zu ebenfalls mundlosen muschel- krebsähnlichen Larven werden, welche im Baue ihrer Gliedmassen sich kaum von der sogenannten Cyprisform der Rankenfüsser unterscheiden ; das erste Gliedmassen- paar ist zu eigenthümlichen Haftfühlern geworden, die beiden hinteren Paare sind spurlos verschwunden, der Hinterleib hat sechs Paare zweiästiger Schwimmbeine erhalten, damit hört unsere Kenntniss der Jugendgeschichte der Wurzelkrebse auf; zwischen diesen winzigen, flinken Schwimmern und den fertigen Wurzelkrebsen, die als mund- und gliedmassenlose, wurst-, sack- oder scheibenförmige Auswüchse fast regungslos am Hinterleibe von Krabben, Porzellanen und Einsiedlerkrebsen sitzen und sich durch wurzelartig im Innern des Wirtes verzweigte, geschlossene Röhren ernähren, klaffte eine weite Lücke, welche nun endlich durch die erfolg- reichen Bemühungen des Herrn Yves Delage ausgefüllt worden ist. Derselbe untersuchte im zoologischen Laboratorium zu Roseoff die an dem kleinen Taschen- krebsc (Carcinus Maenas) vorkommende Sacculina Carcini. Die überaus merk- würdigen, zum Theil höchst überraschenden Ergebnisse seiner Untersuchungen liegen bis jetzt nur in kurzen Berichten an die Pariser Akademie vor, die mir durch des Herrn Verfassers Güte zugänglich wurden und denen ich das folgende entnehme. Die muschelförmigen Larven oder die „Cypris", wie sie Yves Delage kurz bezeichnet, beginnen nach mindestens drei Tagen freien Umherschwimmens sich festzusetzen und zwar geschieht dies stets im Dunkeln; übrigens können sie 14 1) Kosmos 1884. Bd. XIV. S. 454—457. 2) Yves Delage, Sur la Sacculine interne, nouveau Stade du developpement de la Sacculina Carcini, und: Sur rembryogenie de la Sacculina Carcini, Crustace endoparasite de l'ordre des Kentrogonides, — In den Comptes rendus der Pasiser Akademie vom 5. Novbr. und 19. Novbr. 1883. Jugendgeschichte der Wurzelkrebse. lOI"^ Tage und mehr frei leben, ohne sich bedeutend zu verändern. Sie heften sich mit einem ihrer Fühler an eine junge, 2 bis 12 mm lange Krabbe, und zwar stets am Grunde eines Haares an irgend einer Stelle des Leibes. Es beginnt dann, ausgenommen an der Anheftungsstelle des Fühlers, die oberflächliche Zellcnschicht des Leibes sich von der Chitinschicht zu lösen und zurückzuziehen ; die Schwimm- beine werden stark nach vorn gezogen und reissen in einem Stücke los: durch den so entstehenden Riss tritt langsam ein grosser Theil des Leibesinhaltes aus. Die Wunde schliesst sich wieder, eine neue Chitinhaut bildet sich, die Cyprishaut mit den ausgestossenen Theilen fällt ab und es bleibt, durch einen der Fühler an ein Haar der Krabbe befestigt, ein längliches Säckchen, dessen Wand aus der Hautschicht der „Cypris", dessen Inhalt fast ausschliesslich aus einem kugligen Häufchen kleiner Zellen besteht, welches sich schon im Innern des Nauplius be- merklich macht und von Delage als Kern (nucleus) bezeichnet wird. Bald bildet sich am Fühlerende der neuen Larve eine steife Spitze, die rasch wächst und nach drei Tagen als hohler Stachel erscheint, der einerseits mit dem Rande einer weit- klaffenden trichterförmigen Oeffnung in die Chitinhüllc der Larve übergeht, während andererseits die (der Kanüle einer Pravazspritze ähnliche) Spitze in den fest- gehefteten Fühler ein und bald bis zur Haut der Krabbe vordringt. Endlich durchbohrt der Stachel die weiche, den Ansatz des Haares umgebende Haut und dringt oft bis über die Hälfte seiner Länge in das Gewebe der Krabbe ein. Durch diesen trichterförmigen Stachel^) bewegt sich nun der gesammte zellige Inhalt des ihm anhängenden Sackes ins Innere des Wirtes und durch ein nach einer bestimmten Richtung hin stärkeres Wachstum gelangt die junge Sacculina an die Stelle, wo sie ihre Entwicklung vollendet, nämlich an die vordere (der Bauchseite zugewendete) Fläche des Darmes. Von der Haut der hier angelangten jungen „inneren Sacculinen", wie Y. Delage diese bisher unbekannte Entwicklungs- stufe nennt, sieht man einen ziemlich dicken Fortsatz ausgehen, der sich im Leibe der Krabbe verliert und offenbar den Weg verrät, den der Schmarotzer zur Er- reichung seines bleibenden Sitzes durchmessen hat. Die jüngsten inneren Sacculinen, die Y, Delage antraf, bestanden aus einem flachen häutigen Sacke, der sich zwischen Darm und Bauchwand des Hinterleibes in der Leibeshöhle der Krabbe ausbreitet. Von seiner ganzen Oberfläche, nament- lich aber von dem unregelmässig gebuchteten Rande gehen schon jetzt Röhren aus, die weithin die Krabbe durchziehen. Die von dünner Chitinschicht über- zogene Wand des Sackes besteht aus grossen, grosskernigen Zellen, die sich in die Röhren fortsetzen. Das Innere des Sackes enthält eine Art schwammigen Bindegewebes aus sternförmigen Zellen. Etwa in der Mitte verdickt sich der Sack plötzlich und bildet eine auf der äusseren Seite vorspringende Geschwulst, in welcher inmitten des schwammigen Gewebes der Kern, d. h. das schon erwähnte kuglige Häufchen kleiner Zellen liegt; diese Zellen sind so angeordnet, dass ein mittlerer Zellenhaufen durch einen schmalen Zwischenraum von einer umhüllenden Schicht getrennt ist. Die ganze Sacculina hat jetzt kaum '/s mm. ihr Kern kaum 0,05 mm Durchmesser und doch sind schon alle Teile der erwachsenen Sacculina i) Nach diesem Stachel (xevTpov) der jungen Brut (yovo?) gibt Y. Delage den Wurzelkrebsen den • Namen „Kentrogoniden". Jugendgeschichte der Wurzelkrebse. vertreten. Der Sack mit seinem schwammigen Gewebe bildet den im Innern der Krabbe verbleibenden Theil (Y. D.'s „membrane basilaire"), der Kern wird zur äusseren Sacculina und zwar die Aussenschicht zum Sack, der innere Zellenhaufen zur Eingeweidenmasse (Eierstock und Hoden). Bevor die Ausbildung dieser Theile vollendet ist, entstehen in dem zwischen Kern und Haut liegenden schwammigen Gewebe zwei aneinanderliegende zellige Wände, die quer zur Längsachse der Krabbe gestellt sind und zwischen sich eine Chitinplatte abscheiden; diese Platte spaltet sich und durch den Spalt tritt der Kern aus der Geschwulst, die ihn um- schloss, nach aussen und ist nun zwischen der Haut der inneren Sacculina und der Bauchwand der Krabbe gelegen. Letzterer rückt er, wachsend, immer näher, bringt sie durch Druck zum örtlichen Absterben und Schwinden, sprengt sie endlich, wenn er die Grösse von 2,5 bis 3 mm erreicht hat und erscheint nun als äussere Sacculina. Aus der Haut der Larve geht also der im Innern der Krabbe verbleibende Theil des Schmarotzers hervor; was man von aussen sieht, ist ein die Geschlechtsstoffe erzeugender Kern („noyau genital"), der sich zur Fort- pflanzung der Art, seine eigene Haut und die des Wirtes durchbrechend, einen Weg nach aussen gebahnt hat. Zur Zeit, wo die Sacculina aussen erscheint, ist die Oeffnung ihrer Bruthöhle („cloaque" Y. D.) durch ein Chitinhäutchen völlig geschlossen. Dasselbe reisst bald und nun kommen junge „Cypris" und heften sich mit ihren Fühlern an den Rand der Oeffnung. Alle jungen Sacculinen haben „Cypris" am Rande der Bruthöhlenöffnung sitzen, selten nur eine, gewöhnlich 2 bis 5, ja bisweilen bis 12! Offenbar sind diese „Cypris" Hilfsmännchen der zwittrigen Sacculina, die auch darin ihre Verwandtschaft mit den Rankenfüssern kundgibt, bei welchen solche Hilfsmännchen („complemental males") mehrfach durch Darwin nachgewiesen worden sind. Soweit die schönen Entdeckungen Yves Delage's, die zum Theil so nahe liegen, dass es für frühere Beobachter der Wurzelkrebse etwas Beschämendes hat, sie nicht gemacht zu haben. Wer, wie ich seinerzeit gethan, volle dreitausend Einsiedlerkrebse einer kleinen, viel von Wurzelkrebsen geplagten Art nach Jugend- formen dieser Schmarotzer abgesucht und dabei schon die jüngsten ganz den Erwachsenen ähnlich, wohlbewurzelt und mit den leeren Häuten von Männchen besetzt gefunden hat, der hätte sich doch wohl sagen müssen: da man aussen am Wirte nie Wurzelkrebse unter einer bestimmten Grösse antrifft (bei dem 5 bis 6 mm langen Peltogaster socialis kaum unter 1,5 mm, bei Sacculina Carcini nach Y. Delage nicht unter 3 mm), so können die früheren, noch unbekannten Ent- wickelungsstufen von der 0,2 mm langen „Cypris" an bis zur Begattungsreife offenbar nur im Innern des Wirtes durchlaufen werden. Diese so einfache Er- wägung hätte sofort zur Entdeckung der „inneren Sacculina" geführt. Hoffen wir, dass Herr Yves Delage, welcher hier der Columbus gewesen, der das Ei auf die Spitze zu stellen gewusst, mit gleichem Geschick und Glück die im Lebens- gange der Wurzelkrebse noch bleibenden Rätsel recht bald löse. Unter diesen steht wohl obenan die Frage nach der Bedeutung und dem Verbleibe der Hilfs- männchen. Diese Hilfsmännchen, deren leere Haut schon Liljeborg gesehen, aber für die des Tieres, dem sie aufsass genommen hatte, werden nach Y. Delage's und meinen Erfahrungen immer nur an den allerjüngsten „äusseren Sacculinen" an- Jugendgcschichte der Wurzelkrebse. I O I 'i getroffen. Findet aber jetzt wirklich schon eine Befruchtung durch dieselben statt? Kommt die Kreuzung mit fremdem Blute, in der doch wohl vornehmlich die Be- deutung der Hilfsmännchen besteht, nur den Eiern der ersten Brut zu gute, während bei allen folgenden Eiablagen nur Selbstbefruchtung der zwittrigen Wurzelkrebse stattfindet ? Oder ergiessen sich die Hilfsmännchen aus ihrer Cyprishaut in ähnlicher Weise in das Zwitterthier wie dieses ins Innere des Wirtes? Leben sie hier schmarotzer- artig fort wie die Hilfsmännchen der Rankenfüsser, um bei jeder Eiablage einem Theile der Eier die Vortheile der Kreuzbefruchtung zu Theil werden zu lassen? — Letzteres ist mir — schon seit zw^anzig Jahren — wahrscheinlicher und ich möchte jetzt in einem Balken, den ich zwischen der Haut des Männchens und dem Leibe des jungen Peltogaster ausgestreckt sah ^) und nicht zu deuten wusste, den Stachel vermuten, durch welchen der lebende Lihalt der Cyprisschale in den Peltogaster einwanderte. I) Archiv für Naturgeschichte, Bd, XXIX (1863), Taf. III, Fig. 6 = Ges. Schriften S. 177. Taf. XXIII, Fig. 6. Die Zwiegestalt der Männchen der nordamerikanischen Flusskrebse ^f). (Bericht.) Die erwachsenen Männchen der zahlreichen Fkisskrebsarten Nordamerikas, welche zur Gattung Cambarus gehören, treten in zwei verchiedenen Formen auf, welche von Hagen mit der ihm eigenen Sorgfalt beschrieben worden sind. Die eine (Hagens „zweite Form") nähert sich durch die minder scharf ausgeprägte Skulptur des Panzers, die Form der Fussklauen u. s. w. den Weibchen und den jugendlichen Männchen; von denen dieser letzteren kaum verschieden ist auch das erste Paar der Hinterleibsanhänge, das bei der Paarung eine wichtige Rolle spielt. Bei der anderen (Hagen's „erster Form") sind diese Anhänge weit stärker entwickelt und ganz abweichend gestaltet, die Skulptur des Panzers schärfer aus- geprägt, die Klauen grösser und kräftiger u. s. w. — Zwischenformen zwischen den zweierlei Männchen fehlen. Einzelne Thiere der ersten Form sind grösser als solche der zweiten und umgekehrt, so dass letztere nicht einfach als Jugend- form der anderen betrachtet werden kann. Die inneren Geschlechtstheile sind minder entwickelt bei der „zweiten Form"; mikroskopisch konnte Hagen, der keine frischen Tiere hatte, sie nicht untersuchen. Hagen vermutete, dass diese Männchen der „zweiten Form" unfruchtbare Thiere sein möchten. Eine unerwartete Lösung hat nun vor kurzem die Frage nach der Bedeutung der zweierlei Krebsmännchen durch Walter Faxon gefunden. Derselbe hatte 1875 aus Kentucky lebende Weibchen und Männchen der ersten Form von Cambarus rusticus erhalten ; sie paarten sich in der Gefangenschaft und nach der Paarung häuteten sich drei Männchen, die nebst den abgeworfenen Häuten in Weingeist gesetzt wurden. Nun findet sich jetzt, dass diese gehäuteten Männchen der „zweiten Form", ihre abgeworfenen Häute der „ersten Form" angehören. Ebenso konnte Walter Faxon ein in der Häutung gefangenes Männchen von Cambarus propinquus aus Wisconsin untersuchen; auch hier war aus einer Haut der „ersten Form" ein Männchen der „zweiten Form" gekrochen. Männchen also, die in der „ersten Form" Geschlechtsreife erlangt hatten, kehren nach der Paarung wieder zurück 1) Kosmos 1884. Bd. XIV. S. 467, 468. 2) Walter Faxon, on the so-called Dimorphism in the genus Cambarus. American Journ. of Science. Vol. XXVII. January 1884. p. 42. Die Zwiegestalt der Männchen der nordamerikanischen Flusskrebse. IOI7 ZU der jugendlicheren, den Weibchen ähnlicheren „zweiten Form". Man darf wohl annehmen, dass sie in dieser Form nicht verharren, sondern vor der nächsten Paarung durch eine neue Häutung zur „ersten Form" zurückkehren, also ab- wechselnd bald in dem einen, bald in dem anderen Gewände auftreten. Die „erste Form" wäre demnach nichts anderes als das Hochzeitsgewand der Männchen. Walter Faxen meint, dass die von mir bei Tanais und Orchestia beobachtete Zwiegestalt der Männchen vielleicht in gleicher Weise wie bei Cambarus zu erklären sein möge. Indessen erwiesen sich in diesen Fällen beiderlei Männchen bei mikroskopischer Untersuchung als geschlechtsreif, und ausserdem haben bei Tanais diese geschlechtsreifen Männchen, wie auch für andere Arten von anderen bestätigt wird, keine Fresswerkzeuge, können also in diesem Zustande nicht lange leben und mithin nicht Formen sein, die dasselbe Thier abwechselnd annimmt. Wird Philodendron durch Schnecken bestäubt ?^f) Aus der Gattung Philodendron sind drei Arten in unserem Urwalde häufig ; zwei derselben (Imbe preto" und Imbe jaguarundi" der Brasilianer) haben ganz- randige, die dritte hat doppeltfiederspaltige Blätter; letztere könnte also wohl das in diesen Blättern wiederholt besprochene Philodendron bipinnatifidum sein oder dürfte doch zu dessen näheren Verwandten gehören. Für diese hiesigen Arten nun scheint mir die von Ludwig vermutete Anpassung an Bestäubung durch Schnecken schon durch ihre für alle drei Arten gleiche Lebensweise ausgeschlossen zu sein. Ihr eigentlicher Wohnsitz ist der Wipfel hoher Urwaldsbäume, den sie nicht durch allmähliches Erklimmen erreichen, auf den vielmehr ihre Samen durch Vögel ausgesät werden. Ihre den Aesten des Baumes oft nur sehr lose anliegen- den Stämme werden durch zahlreiche lange vielverzweigte Wurzeln festgehalten und senden ausserdem Luftwurzeln zur Erde nieder, die unverästelt bleiben, bis sie den Boden erreicht haben. Diese oft in reicher Zahl aus der Krone der höchsten Bäume zur Erde niederhangenden Stricke gehören zu den auffallendsten Erscheinungen unseres Urwaldes. Mit dem Niederstürzen eines Astes oder dem Umbrechen eines Baumes, auf dem sie sich angesiedelt hatten, fallen gelegentlich Philodcndron-Pflanzen mit auf den Boden und können da lange weiter wachsen. Im tiefen Schatten des Urwaldes erinnere ich mich nicht, junge Sämlinge von Philodendron gefunden zu haben, weder am Boden, noch unten an den Bäumen ; ausserhalb des Waldes dagegen siedeln sie sich bisweilen auch auf alten Baum- stümpfen oder auf niedrigem Gebüsche an. So erschienen vor Jahren in meinem Garten Imbe-Sämlinge in den Blattwinkeln eines damals etwa mannshohen Pan- danus. — In einigen feuchten, jetzt mit Gras bewachsenen und als Weideland dienenden Niederungen in der Nähe der Küste unserer Provinz sieht man zahl- reiche stattliche Pflanzen des Philodendron mit doppeltfiederspaltigem Blatte, deren Stämme unmittelbar dem Boden entsprossen zu sein scheinen; doch auch hier hatte in den allerdings nur wenigen Fällen, die ich mir näher ansah, die An- siedelung der jungen Pflanzen auf Baumstümpfen stattgefunden. Die Luftwurzeln, die von den Stämmen dieser Planzen zur Erde nieder oder an benachbartem Ge- sträuch emporsteigen, kennzeichnen dieselben sofort als Baumbewohner und würden 1) Kosmos 1884. Bd. XV. S. 140, 141. 2) Kosmos Bd. XI. S. 347 und Bd. XIII. S. 676. Wird Philodendron durch Schnecken bestäubt? lOIQ verraten, dass sie hier nicht an ihrem eigenthchcn Wohnsitze sich befinden, auch wenn man nicht wüsste, dass vor nicht allzulanger Zeit dichter Urwald all dieses sumpfige Weideland deckte. Bei solchen nahe beisammen auf feuchtem Boden wachsenden Pflanzen, aber auch nur bei solchen, könnte nun wohl gelegentlich Uebertragung des Blüthen- staubes durch Schnecken vorkommen, aber sicher keinerlei Anpassung an diese etwaigen zufälligen Kreuzungsvermittler, da eine solche erst nach langem Fort- leben der Art unter gleichen Lebensbedingungen bei späten Enkelkindern sich ausprägen könnte, die Eltern oder doch die Grosseltern fast aller hier am Boden wurzelnden Philodendron aber gewiss noch auf Bäumen gesessen haben. — Doch kehren wir in den Urwald, die eigentliche Heimat unserer Philodendron- Arten zurück. Selten nur trifft man mehrere Stöcke derselben Art auf demselben Baume, meist muss man einige hundert Schritte — oft viel weiter — gehen, ehe man sie auf einem zweiten Baume wiederfindet. Schnecken sind, obwohl eine ganze Zahl von Arten vorkommt, in unserem Walde sehr selten. Ein einziges Mal sah ich eine Schnecke im Urwalde in Menge auftreten ; während eines Regentages, den ich auf der Höhe der Serra am Wege von Joinville nach S. Bento zubrachte, sah ich auf einer kleinen Strecke längs des Weges alle Sträucher mit einer grossen Nachtschnecke, einem Vaginulus, bedeckt. Hier kann man bei trockenem wie bei feuchtem Wetter wochenlang im Walde umherstreifen, ohne auf Schnecken zu stossen. Ich habe manchen Morgen Urwaldes gefällt und die Kronen der ge- fällten Bäume zusammengehauen, aber entsinne mich nicht, je in einer Baum- krone Schnecken getroffen zu haben. Aber wären auch Schnecken hier so häufig, wie sie selten sind, kröchen sie tausendweise Baum auf und ab und rastlos von Baum zu Baum, wie unendlich gering wäre doch die Wahrscheinlichkeit, dass sie dabei je zu passender Zeit von einem Philodendron tragenden Baume zu einem zweiten gelangten. Und könnten sie selbst von der Blüthe eines Philodendron aus die auf einem hunderte von Schritten entfernten Baume duftenden Blüthen eines zweiten riechen und der Nase nach auf kürzestem Wege erreichen, welche Wahrscheinlichkeit wäre wohl, dass nach solchem Wege auch nur ein Blüthen- staubkörnchen ihnen noch anhaftete? — Ist aber Kreuzung verschiedener Stöcke durch Schnecken so gut wie unmöglich, so ist es auch die Anpassung der Blumen an Befruchtung durch Schnecken ; denn nur der durch die Kreuzung verschiedener Stöcke gebotene Vorteil ist es ja, durch welchen Anpassung an bestimmte Kreuzungs- vermittler der Pflanze nützlich und also auf dem Wege der Naturauslese mög- lich wird. Selbstverständlich beziehen sich vorstehende Bemerkungen nur auf die von mir beobachteten Arten; es ist ja möglich, dass unsere Art mit doppeltfieder- spaltigem Blatt nicht das Philodendron bipinnatifidum ist und dass letzteres in seiner Lebensweise ganz von von unseren Arten abweicht. Auch in diesem Falle dürfte jedoch die Schneckenbefruchtung des Philodendron bipinnatifidum durch Warming's, wie mir scheint, völlig zutreffende Einwendungen mehr als unwahr- scheinhch gemacht sein. Blumenau, Februar 1884. Fühler mit Beisswerkzeugen bei Mückenpuppen ^). Mit 4 Textfiguren. An den Blättern einer Paullinia kommen hier nicht selten Auswüchse vor, welche die Gestalt langgestielter Moosfrüchte haben (Fig. i). Meist sitzen sie, bis- weilen ihrer zwanzig und mehr beisammen, auf der Unterseite der Blätter; nur vereinzelt finden sie sich auch auf der Oberseite. Sie scheinen auf eine einzige Pflanzenart beschränkt zu sein; an keinem anderen der mancherlei nahe ver- wandten rankenden Sträucher aus der Familie der Sapindaceen (Paullinia, Serjania, Urvillea) habe ich sie bis jetzt bemerkt. Der obere dickere Theil der Auswüchse ist drehrund, etwa 5 bis 6 mm lang, bei 1,25 mm Durchmesser; er verjüngt sich nach unten allmählich in einen dünnen, etwa doppelt so langen Stiel. Das obere Ende ist entweder flach abgerundet und trägt dann in der Mitte, wie so oft der Deckel der Moosfrüchte, einen verschieden langen, dünnen Fortsatz — oder es verjüngt sich rasch zu einer kurzen, kegel- förmigen Spitze. Farblose, bis Vs oder V4 mm lange, senkrecht abstehende Haare (in den Abbildungen weggelassen) bedecken ziemlich dicht den oberen Theil, nur weitläufig den Stiel. Die Farbe dieser Auswüchse ist bisweilen ein ziemlich reines, helleres oder dunkleres Blutrot, dass jedoch oft wie durch durchschimmerndes Grün mehr oder minder getrübt ist; bisweilen bildet ein trübes Graugrün oder Gelbgrün die Grundfarbe, auf der dann einzelne rote Längslinien sich abzuzeichnen pflegen. Entfernt man durch einen Querschnitt die Spitze des Auswuchses, so blickt man in einen dünnwandigen, innen glatten Becher, dessen Höhlung den ganzen oberen verdickten Theil einnimmt. In diesem Becher Hegt dann entweder eine bisweilen noch äusserst winzige weisse Made oder man sieht auf das die ganze Lichtung des Bechers füllende vordere Ende einer Puppe. An dem sogenannten Fusse, der bei dieser Art als zweizinkige Chitingabel auftritt, ist die Made leicht als Gallmückenlarve zu erkennen ^). Recht befremdlich aber ist bei dem ersten Blick, den man von oben in den Becher wirft, die Puppe; man könnte versucht sein, sie für die eines Haarflüglers (Phryganiden) zu halten. 1) Kosmos 1884. Bd. XV. S. 300 — 302. 2) Vergl. Brauer, die Zweiflügler des kaiserl. Museums zu Wien. III. 1883. S. 20. Fühler mit Beisswerkzeugen bei Mückenpuppen. I02I Wie die Puppe der Haarflügler, welche beissender Mundtheile später entbehren, vorn am Kopfe zwei kräftige Kinnbacken trägt, die ihr zu Eröffnung ihres Ge- häuses dienen, so springen auch hier vorn am Kopfe zwei ansehnhche kiefer- ähnliche Gebilde vor, die besonders dann durch ihre dunkle Farbe in die Augen fallen, wenn die Puppe selbst noch weiss oder erst leicht gebräunt ist. Zieht man freilich die Puppe aus ihrer Höhle hervor, so erkennt man auch sie sofort als Gallmückenpuppe; jene Scheinkiefer aber erweisen sich als Fortsätze der Fühler. Sie gehen aus von dem in der Puppenlage vorderen Rande der Fühler, dicht an deren Ursprung, und bilden breite, dünne, wie die Seitenansicht (Fig. 2) zeigt, ein wenig nach abwärts aufs Blatt gebogene Blätter. Ihr innerer und ihr äusserer Rand stossen (Fig. 3) in einer fein gezähnelten Spitze zusammen, der innere Rand Fig. I. Mückengallen vom Blatte einer Paullinia, nat. Grösse. — Fig. 2. Puppe in der aufgebrochenen Galle, von der Seite. — Fig. 3, Dieselbe von unten. — Fig. 4. Leere Puppenhaut, aus der Galle hervor- stehend. (2 bis 4 sind 25 mal vergrössert.) ist in seiner Endhälfte mit 3 oder 4 grösseren Zähnen bewehrt (nicht selten ist die Zahl rechts und links verschieden) ; der äussere Rand trägt eine längere Reihe kleinerer Zähnchen. Wie vorauszusehen war, benutzt die Puppe diese Fühlerkiefer, um sich einen Weg zu bahnen aus ihrer rings geschlossenen Galle. Mit senkrecht zur Wand gestellten Kiefern (Fig. 4) durchschneidet sie dieselbe rings herum dicht unter dem oberen Ende des Bechers, schiebt sich dann etwa in halber Länge aus dem Becher hervor und lässt aus ihrem gespaltenen Rücken die fertige Gallmücke entschlüpfen. Der abgeschnittene Deckel fällt entweder ab oder bleibt am Rande des Bechers hängen. Ich theile diese einfache Beobachtung mit auf die Gefahr hin, dass ähnliches den Blattmückenforschern längst bekannt sei. In den mir zugänglichen Schriften finde ich nichts darüber und die Verwendung der Fühler zum Beissen schien mir merkwürdig genug, um auch über den engen Kreis der Mückenfänger hinaus Beachtung zu verdienen. Blumenau, Sa. Catharina, Brazil, 21. Juli 1884. Die Blüthenpaare der Marantaceen ^). Mit 5 Textfiguren. Die Blüthen der Marantaceen stehen, wie bekannt, paarweise in den Achseln der Hochblätter, getragen von einem gemeinsamen Stiel, der sich in zwei verschieden lange Stielchen für die Einzelblüthen zu gabeln scheint. E i c h 1 e r -) betrachtet die beiden Blüthen jedes Paares als einander gleichwerthig und zwar beide als seitlich an einer gemeinsamen Achse. Er bezeichnet dabei als einziges Bedenken gegen diese Auffassung, dass niemals zwischen den beiden Blüthen ein Ende der gemeinsamen Achse sichtbar sei. Ich freue mich, auch dieses Bedenken beseitigen zvi können. Bei zwei Stromanthe-Arten mit reich verzweigter Rispe finde ich ziemlich häufig Blüthenstiele mit deutlich vorspringendem Ende und nicht selten trägt diese Verlängerung der gemeinsamen Achse sogar eine dritte Blüthe. Wahrscheinlich wird man solche Blüthenstiele auch bei anderen Arten mit ähnlichem Blüthenstande finden, sobald man weiss, wo man sie zu suchen hat. Ich untersuchte hauptsächlich eine hier^) einheimische, wohl noch un- beschriebene Art mit sehr grosser lockerer Rispe, die sich vor ihren bekannten Gattungsgenossen unter anderem durch sehr grosse Flügelblätter (äussere Stami- nodien) auszeichnet. Das vorspringende Ende des Blüthenstieles ist bei dieser Art und, so viel ich gesehen, auch bei der zweiten, bei welcher ich es fand, nur an zwei ganz bestimmten Stellen anzutreffen, nämlich: 1. bei endständigen Blüthenpaaren, sowohl der Haupt- als der Nebenzweige, und an dieser Stelle findet man es am häufigsten ; 2. bei Blüthenpaaren, die unmittelbar auf einen Blüthenzweig folgen, und zwar sowohl a) wenn auf ein Hochblatt, aus dessen Achsel ein Zweig entspringt, ein Hochblatt mit Blüthensichel folgt, bei dem ersten Paare dieser Sichel, als auch b) wenn in derselben Hochblattachsel zu oberst ein oder mehrere Zweige und darunter Blüthenpaare stehen, bei dem ersten dieser Paare, — in diesem letzten Falle (2. b) jedoch nur selten. Die endständigen Blüthenpaare mit vorspringendem Stielende pflegen sich dadurch auszuzeichnen, dass wenigstens die erste Blüthe, oft auch die zweite und 1) Ber. d. Dtsch. Bot. Ges. 1885. Bd. III. Heft 2. S. 54—56. 2) Eich 1er, Beiträge zur Morphologie und Systematik der Marantaceen. 1884. S. 35. 3) d. h. in Sa. Catharina (Brasilien). Die Blüthenpaare der Marantaceen. 1023 selbst, wenn eine solche vorhanden, die dritte ein Deckblatt besitzt, welches bei dieser Art sonst, d. h. bei Blüthenpaaren von gewöhnlicher Bildung auch an dieser Stelle (bei Endblüthen) selten ist, und eben so selten bei anderwärts stehenden Blüthenpaaren mit Stielspitze. Das Deckblatt der untersten Blüthe ist dabei in der Regel so lang, dass es die eigene Knospe bis zur Blüthzeit bedeckt (Fig. 5), bisweilen kleiner, bisweilen aber auch gross genug, um die zweite und dritte Blüthe mit zu umhüllen (Fig. 4). Vorblätter kommen weit seltener vor als Deckblätter, immerhin aber viel häufiger bei diesen Blüthenpaaren mit vorspringendem Ende der Achse als bei solchen von gewöhnlicher Bildung, und zwar bald an der ersten Blüthe (Fig. 3), bald an der zweiten (Fig. 2), bald allein (Fig. 3), bald zugleich mit einem Deck- blatt (Fig. 2). Das Ende des gemeinsamen Blüthenstieles zeigt sich nun bald nur als win- ziges Knötchen, das etwa so weit unterhalb des Fruchtknotens der oberen Blüthe lieaft, wie der Ansatz- punkt des Stielchens der unteren Blüthe unter deren Fruchtknoten, — bald als eine an der gleichen Stelle vorsprin- gende kürzere oder län- gere dornartige Spitze (Fig. I und 2), — bald end- lich alsTräger einer über- zähligen dritten Blüthe (Fig. 3 und 4) ; ja, in einem Falle, bei einem endständigen Blüthenstiele (Fig. 5), sprang die gemeinsame Achse unter dieser dritten Blüthe aufs Neue vor und trug am Ende ein schmales Deckblatt; mit einem Deckblatte waren in diesem Falle auch die erste und zweite Blüthe versehen, nicht aber die dritte. Auch wo keinerlei Höcker oder Spitze das Ende der Achse verräth, lassen sehr viele Blüthenpaare unserer Art, und zwar nicht blos an den bezeichneten Stellen, dessen Lage leicht erkennen. Es trägt nämlich das Stielchen der unteren Blüthe an seinem Ursprung und zwar an der der Achse zugewendeten Seite einen kleinen rothen Fleck und ein solcher findet sich sehr oft auch an dem so- genannten Specialstielchen der oberen Blüthe; er bezeichnet den Anfang des wirklichen Specialstielchens dieser Blüthe und somit das Ende der gemeinsamen Achse. Nach diesem Befunde kann auch nicht mehr das leiseste Bedenken gegen die von Eichler behauptete Gleichwerthigkeit der beiden Blüthen jedes Paares bestehen ; ja sie sind noch gleichwerthiger, ihre spiegelbildliche Gleichheit ist noch vollkommener, als Eichler selbst annahm; denn es fälltauch der letzte von ihm (a. a. O. S. 33) zugestandene Unterschied hinweg, dass nämlich die eine Blüthe gewöhnlich ein längeres Specialstielchen habe. Nach dem Gesagten bedarf es keines weiteren Beweises, dass dieses sogenannte Specialstielchen gar kein solches ist, vielmehr in seinem unteren Theile der gemeinsamen Achse des Blüthenpaares ^- . Die Blüthenpaarc der Marantaceen. ^ angehört. Das wirkliche Specialstielchen der oberen Blüthe ist nicht länger als das der unteren. Diese vollkommene spiegelbildliche Gleichheit der beiden Blüthen jedes Paares fand ich auch erhalten bei mehreren kürzlich beobachteten Blüthen einer hiesigen Maranta, bei denen das sonst in dieser Familie stets fehlende dritte Staubblatt des äußeren Kreises blumenblattartig entwickelt war. So oft dasselbe bei der einen Blüthe eines Paares sich zeigte, war es stets auch bei der anderen vor- handen. Eine zweizählige Blume von Hedychium^). Mit I Textfigur. Vor zwei Jahren sah ich an einer grossen blauen Cypella eine zweizähHge Blume, die natürlich einen von den gewöhnlichen, dreizähligen Blumen ganz ver- schiedenen, fremdartigen Anblick bot. Dagegen wich die zweizählige Blume eines Hedychium, auf die ich dieser Tage stiess, in ihrem Aussehen kaum von den übrigen, dreizähligen Blumen desselben Blüthenstandes ab und erst bei näherer A. Grundriss einer zweizähligen Blume von Hedychium (sp. ?). h Honigdrüse. B. Umriss der Lippe dieser Blume, nat. Gr. C. Umriss der Lippe einer dreizähligen Blume desselben Blüthenstandes. Untersuchung wurde ich auf ihre Zweizähligkeit aufmerksam. Das Einzige, was bei Hedychium zunächst ins Auge fällt, sind ja die theils fruchtbaren, theils blumenblattähnlichen Staubblätter ; der Kelch birgt sich zwischen den Deckblättern, die eingerollten, zurückgebogenen Blumenblätter sind ganz unansehnlich; von den drei Staubblättern des äusseren Kreises fehlt aber das eine und von denen des inneren Kreises sind zwei zur Lippe verwachsen, so dass auch bei den gewöhn- lichen Blumen diese beiden Kreise zweizählig zu sein scheinen. So fiel mir die wirklich zweizählige Blume zunächst nur durch ihre ungetheilto Lippe (Fig. B) auf, die beiweitem nicht so breit war, wie die tief zweispaltige Lippe der übrigen Blumen (Fig. C). Die Staubblätter des äußeren Kreises, die beiden „Flügel", I) Ber. d. Dtsch. Bot. Ges. 1885. Bd. IH. Heft 3. S. 114— 115. 5'ritz Müllers gesammelte Schrillen. 65 JQ26 Eine zweizählige Blume von Hedychiuin. o-lichen denen der übrigen Blumen (auch darin, dass sie nach aussen von dem fruchtbaren Staubgefäss, nach innen von der I.ippe entsprangen) ; nur darin wichen sie ab, dass sie nicht einen stumpfen, nach dem Staubgefässe zu offenen Winkel mit einander bildeten, sondern in einer durch die Mitte der Blume gehenden Geraden einander gegenüber lagen. Die beiden Blumenblätter lagen, mit ihnen abwechselnd, vorn und hinten. Die beiden Kelchblätter waren auf der Seite der Lippe fast bis zur Spitze, auf der Seite des Staubgefässes auf etwa zwei Drittel ihrer Länge verwachsen. Vom Fruchtknoten sah ich nur den oberen Theil; der untere war, wie es bei Hedychium oft geschieht, beim Hervorziehen der Blume zwischen den Deckblättern sitzen geblieben; in diesem oberen Theile war der Fruchtknoten einfächerig, da die beiden von den Rändern der Fruchtblätter nach innen vorspringenden Scheidewände nicht bis zur Mitte reichten. Statt zweier Honigdrüsen war, wie sich voraussehen Hess, im Grunde der 9 cm langen Blumen- röhre nur eine vorhanden. Diese zweizählige Blume von Hedychium bietet, wie die von Eichler ^) be- schriebene Blüthe einer Alpinia, einen neuen Beleg für die von Eich 1er ver- tretene Lestiboudois'sche Auffassung der Zingiberaceenblüthe. Da hier fünf zweizählige Blattkreise regelmässig mit einander abwechseln, kann kein Zweifel darüber bestehen, welchem Kreise jedes einzelne in die Zusammensetzung der Blüthe eingehende Blatt zuzurechnen sei, namentlich also kein Zweifel darüber, dass die Lippe dem inneren Staubblattkreise angehört. Die Pflanze, welche diese zweizählige Blume trug, ist von selbst in meinem Garten aufgewachsen ; sie ist dem Hedychium coronarium sehr ähnlich und wahr- scheinlich ein Bastard dieser Art, von der sie sich durch geringere Grösse und nicht so rein weisse Farbe der Lippe und der Flügel unterscheidet. Blumenau, Prov. Sa. Catharina, Brasilien. i) Diese Berichte, Bd. II. S. 417. Endständige Zingiberaceenblüthen^). Mit I Textfigur. Es ist eine alte Erfahrung", für welche Darwin -) zahlreiche Belege beibringt, dass regelmässig-strahlige Blumen („Pelorien") an Stelle der sonst der Art zu- kommenden zweiseitigen, vornehmlich am Ende der Blüthenstengel auftreten. Sieht man mit Kunth 3) den ersten Anlass zur Entstehung unregelmässiger Blumen in einem Drucke gegen die Achse, so erklärt sich ohne Weiteres, ohne dass man an Rückschlag, an Hemmungsbildung oder an überreichen Nahrungszufluss zu denken braucht, die Regelmässigkeit der am Ende der Achse stehenden Blumen, für die kein Grund vorliegt, weshalb sie nicht nach allen Seiten hin in gleicher Weise sich entfalten sollten. Man wird in zweifelhaften Fällen auf diese Erfahrung sich stützen dürfen, um die Frage, ob eine anscheinend endständige Blume dies wirklich sei, je nach deren regelmässig-strahliger oder zweiseitiger Bildung be- jahend oder verneinend zu beantworten. So bei den Hcdychium-Blumen, von denen eine nebenstehend in flüchtigem Umrisse gezeichnet ist. Es gilt für die Zingiberaceen als bis jetzt ausnahmslose Regel, dass ihre Blüthen „stets seitlichen Ursprungs in den Winkeln von Hochblättern" sind^). In der Gattung Hedychium sieht man nicht selten (z. B. bei H. coronarium) die Achse des Blüthenstandes in ein sehr langes, dünnes, nacktes Ende auslaufen, das bald vielfach hin und her gebogen im obersten Hochblatte versteckt bleibt, bald weit über dasselbe hinausragt und bisweilen mit einem behaarten Knopfe abschliesst; in diesem Falle steht die Abwesenheit endständiger Blumen ausser Frage. Dagegen sucht man an anderen Blüthenständen ein und derselben Pflanze vergebens nach einem freien Ende der Achse, und ihrer Stellung nach könnte man dann die erste Blüthe des obersten Wickels als endständig ansehen, wenn dem nicht ihre Zweiseitigkeit widerspräche. In wieder anderen Fällen endlich, die bis jetzt unbeachtet geblieben zu sein scheinen, tritt als erste Blüthe aus dem 1) Ber. d. Dtsch. Bot. Ges. 1885. Bd. III. Heft 4. S. 121 — 123. 2) Darwin, Variation of animals and plants linder domestication. II. p. 345. 3) Ich nenne Kunth, weil ich ihm, meinem Lehrer, diese Ansicht danke, ohne damit den An- sprüchen anderer, die sie etwa früher ausgesprochen haben, zu nahe treten zu wollen. 4) Eichler, Ueber den BUithenbau der Zingiberaceen. Berlin 1884, S. i. I 65* I028 Endständige Zingiberaceenblüthen. obersten Deckblatte eine vollkommen regelmässige Blume hervor. Soweit meine, allerdings noch recht dürftige, auf etwa ein Dutzend dieser Blumen beschränkte Erfahrung reicht, kommen sie nirgends sonst vor, als eben an dieser einen Stelle, die sie als endständige Blumen einnehmen mussten ; sie kommen nie neben einem freien Ende der Blüthenstandachse vor. An einer Pflanze meines Gartens fand ich die regelmässige Blume an drei Blüthen ständen ohne freies Achsenende ; sie fehlte einem vierten, der dagegen eine frei vortretende Achse besass. Unter diesen Umständen glaube ich ihre Regelmässigkeit als Beweis ihrer wirklichen Endständigkeit betrachten zu dürfen. Seit ich vor wenigen Tagen auf sie aufmerksam wurde, habe ich diese Blumen bereits an vier ver- schiedenen Hedychien gefunden, im Ganzen etwa ein Dutzend; sie scheinen also nicht allzuselten zu sein. Da jeder Blüthenstand während seiner durch lange Wochen sich hinziehenden Blüthezeit nur eine ein- zige Endblume bringen kann , die w^ährend ihres zweitägigen Blühens von zahlreichen, weit ansehn- licheren gewöhnlichen Blumen umgeben ist, so kann es kaum befremden, dass man dieselbe bis jetzt über- sehen hat. Die Kelchröhre der Endblume ist in drei gleiche, kurze Zipfel und nicht, wie sonst, auf der einen Seite tiefer gespalten. Die Staubblätter des äusseren Kreises fehlen. Aus der Mündung der walzigen Blumen- röhre ragt als deren Fortsetzung eine (bei der einen Pflanze etwa i8mm lange) Röhre, die oben etwa doppelt so weit ist wie unten und sich in drei gleiche (bei derselben Pflanze etwa 13 mm lange) Zipfel theilt. Diese Zipfel stehen über den Blumenblättern und weisen sich dadurch als dem inneren Staubblatt- kreise angehörig aus. Zu den bereits bei Zingiberaceen beobachteten Fällen, dass ein, zwei oder drei innere Staubblätter fruchtbar entwickelt sind, kommt also hier, um alle Möglichkeiten zu erschöpfen, noch der Fall, dass alle drei des Blüthen- staubes entbehren. Der Griffel, um dessen Ursprung die Honigdrüsen einen voll- ständigen Ring bilden, steigt frei in der Blumenröhre empor und ragt mehr oder weniger weit aus der Staubblattröhre hervor. Fruchtknoten und Blumenblätter verhalten sich wie gewöhnlich. Wenn diese Blumen als rein weiblich, als vollkommen regelmässig und als endständig bemerkenswerth sind, so sind sie es ebenfalls in Bezug auf gewisse, über Entstehung und Bedeutung solcher regelmässigen Endblumen laut gewordene Ansichten. Man hat deren Entstehung dem Umstände zugeschrieben, dass am Ende eines Schosses stehende Knospen reichlicheren Saftzufluss erhielten ; dadurch würde aber doch kaum, wie in diesem Falle, eine im Verhältniss zu den gewöhn- Endständige Zingiberaceenblüthen. I02Q liehen Blumen fast kümmerlich kleine Blume erzeugt werden können. Andere haben in den „Pelorien" Rückschlags- oder Hemmungsbildungen sehen wollen, beides vielleicht in manchen Fällen nicht mit Unrecht; dass aber bei rein weib- lichen Zingiberaceenblumen mit regelmässiger, dreispaltiger Staubblattröhre weder von dem einen, noch von dem anderen die Rede sein kann, bedarf wohl keines besonderen Nachweises. Blumenau, Prov. Sa. Catharina, Brasilien. Das Ende des Blütenstandes und die Endblume von Hedychium ^). Mit Tafel LXV u. LXVI. I. Nutzlose und als solche dem regelnden Einflüsse der Naturauslese entzogene Gebilde sind oft in hohem Grade veränderlich. Belege zu diesem Satze finden sich allerwärts, selten aber wohl eine grössere Mannigfaltigkeit verschiedener Bildungen, als sie am Ende des Blütenstandes von Hedychium vorkommen, und so mag es lohnen, an diesem Beispiele den für Darwin's Lehre nicht unwichtigen Satz 2) zu veranschaulichen. Die Gattung Hedychium ist wie fast die ganze Familie der GewürzHlien (Zingiberaceen) in Indien heimisch; doch sind hier mehrere Arten als Zierpflanzen eingeführt und gedeihen vortrefflich. Einige sind verwildert und haben, durch Schwärmer gekreuzt, zahlreiche Mischlinge hervorgebracht. Sie bedecken hier und da — namentlich gilt dies für H. coronarium — weite Strecken feuchten Landes, alle anderen Pflanzen zwischen sich verdrängend. Der Blütenstand von Hedychium bildet das Ende des einfachen, oft weit über mannshohen, zweizeilig beblätterten Stengels. Bei gewissen Arten (z. B. H. coronarium) gleicht er vor dem Aufblühen einem Tannenzapfen (Fig. i); die breiten, flachen, in eine Schraubenlinie geordneten Deckblätter liegen dachziegel- förmig dicht aufeinander. Bei anderen Arten (z. B. H. coccineum) bildet er eine lange lockere Aehre; die Deckblätter, in dreistrahlige Quirle geordnet, stehen fast rechtwinkelig vom Stengel ab und umschliessen, sich nach oben einrollend, die in ihrem Winkel entspringenden Blüten. Bei diesen oft über fusslangen Aehren pflegen die Blütenanlagen in den Winkeln der obersten Deckblätter und mit ihnen das Ende des Stengels sehr frühe, lange vor der Zeit des Blühens, ab- zusterben. Bei den zapfenartigen Blütenständen dagegen hält sich der Stengel bis zu seiner Spitze frisch, um oberhalb des letzten blütenbergenden Deckblatts in mannigfachster Weise abzuschliessen. Zu bequemerer Uebersicht ordne ich die hier vorkommenden Bildungen in Gruppen, welche indessen ohne scharfe Grenzen ineinander übergehen, eine einzige enggeschlossene Reihe bildend. 1) Kosmos 1885. Bd. XVI. S. 419—432. Taf. I u. II. 2) Vergl. Darwin, Origin of species. 4th Edit. Chap. V. p. 177. Das Ende des Blütenstandes und die Endblume von Hedychium. lO'^I Erste Gruppe (12%^) — Fig. 2, 3.)" Nicht selten steht über dem letzten blütenbringenden Deckblatt noch ein blütenloses, jenem sehr ähnliches Hoch- blatt, welches wie alle jungen Blätter zusammengerollt ist und sich nie entrollt. Es ist bald in gleichem Sinne gerollt wie das vorangehende Deckblatt, bald in entgegengesetztem. Es ist stets von nahezu derselben Eänge wie dieses Deck- blatt. Gewöhnlich ist es bis zur Mitte oder darüber hinaus walzig und von da ab kegelförmig zugespitzt, auch wohl unten etwas dünner als in der Mitte. Ein durch die Mitte geführter Querschnitt (Fig. 2) zeigt eine innere runde Lichtung, um die das Blatt sich schneckenförmig in zwei bis drei einander eng umschliessenden Windungen herumrollt. Selten (4 mal unter 36) ist das Blatt loser gerollt, mit kaum mehr als einer Windung, und in einem dieser P'älle (Fig. 3) war dasselbe etwas flach gedrückt und die Einrollung nicht regelmässig schneckenförmig. Ebenso selten kommt es vor (4 mal unter 36), dass der äussere freie Rand des Blattes sich nicht den inneren Windungen anlegt, sondern sich zwischen das Deckblatt und die in seinem Winkel sitzende Blütengruppe einschiebt. Zweite Gruppe. (5 7o- — Fig. 4, 5, 6.) An diese schneckenfcirmig gerollten, von ihrem Ursprung an offenen Blätter reihen sich in minderer Zahl andere, deren Ränder von unten her mehr oder weniger weit zu einer Röhre verwachsen sind. Unter 15 Fällen reichte die Verwachsung 2 mal nur wenige Millimeter weit, i mal bis zu etwa Vs der Länge (Fig. 4), 2 mal bis zur Hälfte; einmal bis -/a, 3 mal bis etwa ^/4 der Länge (Fig. 5); 2 mal blieben die Ränder nur für etwa 8 mm frei (Fig. 6) und 4 mal waren sie bis auf einen winzigen Schlitz verwachsen, der dicht unter der Spitze auf der dem Blütenstand zugekehrten Seite lag. Auch diese Blätter sind stets von nahezu gleicher Länge mit dem letzten Deckblatte. Man erkennt sie leicht an einer tiefen Längsfurche auf der dem Blütenstande zu- gewendeten Seite; dieselbe zieht sich aufwärts und abwärts von dem Punkte, wo die verwachsenen Blattränder sich trennen, und entsteht durch die Einwärts- biegung' dieser Ränder (s. die Querschnitte in Fig. 4—6). Ist nur der untere Teil des Blattes zur Röhre geschlossen, so kann der obere noch regelmässig schnecken- förmig gerollt sein (Fig. 4); geht die Röhre bis über die Mitte, so pflegt jeder der beiden Ränder des Blattes für sich, ohne den anderen zu decken, nach innen gerollt zu sein (Fig. 5). Diese letzteren, bis über die Mitte geschlossenen Blätter haben meist eine deutliche Keulenform. Selbstverständlich bilden die offenen oder zur Röhre geschlossenen Blätter, die ja seitliche Gebilde sind, nicht das Ende des Blütenstengels. In ^/j der Fälle (3g unter 51) findet man, dass der Scheitel des Stengels in gleicher Höhe mit dem ihn umgebenden Ursprung des Blattes flach (selten leicht gewölbt oder seicht vertieft) endet, ohne weitere Anhangsgebilde zu erzeugen (Fig. 6). Als solche trifft man in den übrigen Fällen: i) ein zartes farbloses Blättchen (6 mal), bald schmal und flach, bald breiter und schneckenförmig gerollt (Fig. 4), von 8 bis 27 mm Länge; 2) einen dünnen nicht hohlen Stift oder Pfaden (2 mal), von 12 bis 35 mm Länge; 3) einen kurzen, i bis 2 mm langen, in der Mitte bauchigen (Fig. 5) oder einen längeren, 4 bis 20 mm langen, walzigen, oben offenen Schlauch I) Nachuntersuchung von 300 ohne Wahl gesammelten Blütenständen von Hedychium coronarium ; ausserdem habe ich in sehr grosser Zahl andere Blütenstände derselben Art sowie anderer Arten und Mischlinge untersucht, ohne über dieselben Buch zu führen. TQ->2 D^ Ende des Blütenstandes und die Endblume von Hedychium. (4 mal). — In den offenen Blättern wurden diese Gebilde verhältnismässig häufiger gefunden (10 mal unter 36) als in den zur Röhre geschlossenen (2 mal unter 15). Dritte Gruppe (7 %• — Fi»- 8 bis 13; Fig. 21,) Ohne scharfe Grenze führen die keulenförmigen, bis auf eine winzige schief endständige Oeffnung geschlossenen Blätter zu einer Reihe keulenförmiger Gebilde über, deren Endglieder (Fig. 13) kaum noch an ihren Ursprung aus Blättern erinnern, während die Anfangsglieder (Fig. 8, 9) nur dadurch von den Endgliedern der vorigen Gruppe sich unter- scheiden, dass sie nicht bis zum Grunde hohl sind, sondern von einem dichten Stiele, dem verlängerten Ende des Blütenstengels getragen werden. Ohne An- fertigung eines Längsschnittes sind sie daher gar nicht zu unterscheiden und auch dann bleibt die Grenzbestimmung ganz willkürlich, wie die Längsschnitte Fig. 6, 8 und 9 zeigen, die man alle drei ebensogut der einen wie der anderen Gruppe einreihen könnte. In gleichem Ma^se, wie der anfangs ganz kurze Stiel sich ver- längert, verkürzt sich die von ihm getragene Keule, während beide gleichzeitig dünner werden. So lange die Länge der Keule nicht unter 2 cm herabsinkt, ist sie entweder vöUig vom Deckblatte umhüllt oder schaut nur soeben mit ihrem Ende hervor. Keulen unter i cm pflegen ganz hervorzutreten oder selbst noch einen Teil des Stieles zu zeigen. Die Gesamtlänge des Gebildes steigt also im allgemeinen mit dem Kleinerwerden der Keule. Die kleineren vorragenden Keulen sind meist nicht mehr frisch grün, sondern bräunlich ; ihr vom Deckblatt verhüllter Stiel ist farblos. Die Oeffnung der Keule ist nicht ganz endständig, sondern liegt, wie es die Entstehung aus einem zur Röhre verwachsenen Blatte mit sich bringt, dicht unter dem Ende und ist dem Deckblatte zugekehrt. Unten endet die Höhle der Keule abgerundet (vgl. die Längsschnitte Fig. 8, 9, 11, 12), oder mit anderen Worten: es endet der Blütenstengel mit einem glatten, etwa halbkugelig vertieften Scheitel, dem nie ein Blättchen oder sonstiges Anhängsel entspriesst. Während wir diese schon in der vorigen Gruppe seltenen Gebilde am Ende des Stengels hier vermissen, tritt nun zum erstenmale ein anderes auf, das in den folgenden Gruppen häufiger wiederkehrt. Ein einziges Mal sah ich am Grunde eines 4 cm langen Stieles, der eine 15 mm lange Keule trug, ein winziges, kaum über 2 mm langes, schuppenförmiges Blättchen (Fig. 21). Vierte Gruppe. (9 7o —Fig. 14, 15, 22, 23, 26.) Eine weitere Verkleinerung der Keule, die dann bald nur noch den Namen eines Knöpfchens verdient, bedingt bei gleichzeitigem Länger- und Dünnerwerden des Stieles wieder ein ziemlich abweichendes Aussehen. Ich habe daher, eine willkürliche Grenze ziehend, alle Fälle, in denen die Keule weniger als 5 mm lang war, in eine besondere Gruppe zusammengefasst. Der Stiel pflegt am Ende fadenförmig dünn zu sein und weit aus dem letzten blütentragenden Deckblatt hervorzutreten, oft i bis 2 cm, selten mehr (Fig. 14); tritt er nur wenig oder gar nicht vor, so liegt der Grund meist (doch nicht immer, vgl. Fig. 15) darin, dass er nicht gerade, sondern wellig oder sonstwie gebogen ist (Fig. 22); so fand sich ein über 7 cm langer, mit einem winzigen Knöpfchen endender Stiel derart gebogen, dass er vollständig in dem etwa um 2 cm kürzeren Deckblatte versteckt lag. Im allgemeinen gilt auch für diese Gruppe die Regel, dass je länger der Stiel, um so kleiner das Knöpfchen am Ende ist. Dieses erscheint zuletzt als eine kaum merkliche Verdickung des Das Ende des Blütenstandes und die Endblume von Hedychium. lO^"^ fadenförmigen Stengelendes (Fig. 22, 23); doch lässt selbst bei kaum millimeter- langem Knöpfchen eine nähere Untersuchung meist noch die Höhle mit der fast endständigen Oeffnung erkennen (Fig. 15). Fünfte Gruppe. (hVo- ~ Fig"- 16 bis 20; 24, 25, 27 bis 29.) Es bleiben als letzte Gruppe dieser Reihe die stift- oder fadenförmig verlängerten Enden des Blütenstandes, die jeder Verdickung, jeder Höhle an ihrer Spitze entbehren. Die längeren, in einen dünnen, walzenrunden Faden auslaufenden Gebilde dieser Gruppe sind bisweilen schwer zu unterscheiden von den ein winziges Endknöpfchen tragenden der vorigen, zumal wenn, wie es in beiden Gruppen nicht selten ge- schieht, die Umrisse des Endes durch mehr oder weniger starke Behaarung ver- hüllt werden. Selbst 6 bis 7 cm lange Fäden können, vielfach gebogen, im Deck- blatte verborgen bleiben, während sie in andern Fällen weit hervortreten, aber auch dann in der Regel in mancherlei Weise gekrümmt sind. Bei Fäden oder Stiften, die kürzer als das Deckblatt sind, ist die Spitze wohl immer haarlos; je kürzer sie sind, um so mehr nehmen sie die Gestalt eines kegelförmigen Stiftes an. — Von wenige Millimeter langen Stiftchen (Fig. 20) bleibt endlich nur noch ein kleiner Schritt bis zum völligen Verschwinden eines frei hervortretenden Stengelendes. Während in der dritten Gruppe nur in einem Falle unter 21 ein winziges Blättchen am Grunde des stielartigen Stengelendes gesehen wurde (Fig. 21), fanden sich in den beiden letzten Gruppen Blättchen an gleicher Stelle in 15 Fällen unter 69. — Ihre Grösse und Gestalt wechselt ausserordentlich; bald sieht man nur ein winziges Schüppchen, kaum 0,7 mm lang und breit — bald ein schmales, flaches, zartes Blättchen von 2 bis über 20 mm Länge (Fig. 22, 24, 25), bald breitere und längere Blätter von festerem Gefüge. Bei breiteren Blättchen pflegen die Blatthälften sich so gegeneinander zu biegen, dass die hohle Seite von dem zugehörigen Stifte abgewendet ist (Fig. 23, 26 bis 29). Mehrfach fand sich dann die gewölbte Seite des Blattes auf grössere oder geringere Länge mit dem Stifte verwachsen, von dem bisweilen nur eine kurze Spitze frei blieb (Fig. 28, 29); ja in einem Falle war der Stift vollständig mit dem Blatte verschmolzen und nur noch als dicker scharfer Kiel der gewölbten Blattseite äusserlich zu erkennen. Damit endet diese lange Reihe vielgestaltiger Gebilde, von denen man irgend eines fast in der Hälfte (47 7o) der Blütenstände von Hedychium coronarium an- trifft, oft sehr verschiedene bei verschiedenen Blütenständen derselben Pflanze. Die Reihe ist so enggeschlossen — (und zwischen die gegebenen Abbildungen hätte sich leicht noch die doppelte oder dreifache Zahl von Zwischen formen ein- schalten lassen) — dass man kaum zweifeln darf, man habe hier die verschiedenen Stufen einer Umwandlung vor sich, welche diese Gebilde im Laufe der Zeiten erlitten haben. Den Ausgangspunkt bildet ein gewöhnliches gerolltes Deckblatt, von dem nächstunteren nur dadurch verschieden, dass es blütenlos ist und daher nie sich entrollt. Von unten her beginnen die Ränder des Blattes zu einer Röhre zu verwachsen (auch bei dem nächstunteren, blütentragenden Deckblatt geschieht dies in ziemlich seltenen Fällen, selbst bis zu 2/3 der Länge). Die Verwachsung schreitet aufwärts fort, bis schliesslich nur noch eine winzige Oeffnung dicht unter der Spitze bleibt; aus dem Blatte ist ein dickwandiger, wassergefüllter, spindel- oder keulenförmiger Schlauch geworden, dessen offene Spitze sich in nahezu jQ, , Das Ende des Blütenstandes und die Endblume von Hedychium. gleicher Höhe mit der des vorangehenden Deckblattes hält. Der Schlauch wird allmählich kleiner und kleiner; aber indem das Ende des Blütenstengels sich zu einem Stiel für denselben verlängert, fährt sein offenes oberes Ende fort, sich auf nahezu gleicher Höhe zu halten. Endlich eiber hebt der bei weiterer Verkleinerung des Schlauches fortdauernd sich verlängernde Stiel jenen immer weiter über das Deckblatt hinaus. Wenn endlich der Schlauch bis zu einem winzigen Knöpfchen verschrumpft ist, hat sich der Stiel zu einem bisweilen über 7 cm langen Faden ausgedehnt. Geht auch dieses Knöpfchen, dieser letzte Rest eines grossen Deck- blattes verloren, so fängt das lange fadenförmige Achsenende, der Stiel des ver- lorenen Knöpfchens an, sich wieder zurückzubilden. Er wird kürzer und kürzer, schrumpft zu einem wdnzigen kegelförmigen Stiftchen ein und schwindet zuletzt vollständig. Sechste Gruppe, (i 7o- "~ Fig. 30 — 32.). Nur dreimal unter dreihundert Blütenständen von Hedychium coronarium wurden oberhalb des die letzten Blüten bergenden Deckblattes und ausserhalb der Vorblätter, welche diese Blüten um- geben, Gebilde angetroffen, die in der eben vorgeführten Reihe der an gleichem Orte auftretenden Endgebilde keine Stelle finden. Auf einem niedrigen Sockel stehend, durch ein zartes Blättchen von aussen gedeckt, bilden sie einen zart- wandigen walzigen (Fig. 31) oder flachgedrückten und dann einseitig bauchig erweiterten (Fig. 32) oder gegen das Ende kolbig anschwellenden (Fig. 30), oben offenen Schlauch. In einem Falle (Fig. 32) stieg in demselben ein dünner Faden fast bis zur Oeffnung empor. So bleiben von den Blütenständen noch etwas über die Hälfte (52^/0), bei denen man an der soeben bezeichneten Stelle vergeblich nach irgend einer den Scheitel des Blütenstengels bezeichnenden Spur sucht. Und doch sind es gerade diese Blütenstände, bei denen man die merkwürdigste aller Endigungs weisen des Stengels zu finden hoffen darf; bei einem vollen Viertel derselben (13 %) ist die erste Blume der durch das oberste Deckblatt geschützten Blütengruppe von ganz abweichendem Bau und kann nach diesem Bau wie nach ihrem Vorkommen gerade an dieser Stelle wohl nur als Endblume gedeutet werden, trotzdem sonst in der ganzen Familie der Gewürzlilien nur seitliche Blumen vorzukommen scheinen ^). Dieser Endblume soll der zweite Teil dieses Aufsatzes gewidmet sein. IL Obwohl einige Arten von Hedychium jetzt in deutschen Gärten nicht selten zu sein scheinen, darf ich doch kaum bei den meisten Lesern des Kosmos eine so eingehende Kenntnis der Anordnung und des Baues ihrer Blumen voraus- setzen, wie sie das Verständnis des folgenden wünschen läßt. Ich schicke daher einige hierauf bezügliche Bemerkungen voraus. Jedes Deckblatt birgt mehrere Blumen, deren Zahl bei den hier vertretenen Arten von 2 bis 8 wechselt, in demselben Blütenstande aber ziemlich beständig ist. Bei grösserer Zahl bilden sie zwei der Achse des Blütenstandes etwa gleich- laufende, miteinander abwechselnde Reihen in der Weise, dass die Reihe der 1) „Die Blüten der Zingiberacecn sind stets seitlichen Ursprungs''. A. W. Eichler, Sitzungs- berichte der Berl. Akad. vom 15. Mai 1884. Das Ende des Blütenstandes und die Endblume von Hedychium. 1035 2., 4- Blume u. s. w. der Achse näher liegt als die der i., 3. u. s. w. (Tai LXVI Fig. 13). Dabei steht in der Regel die erste Blume rechts bei rechtsgerollten, links bei linksgerollten Deckblättern. Jede Blume ist als Knospe von einem dünn- häutigen Vorblatt umschlossen, welches bald offen (Taf. LXVI Fig. 13 F^, V^), bald zu einer Röhre geschlossen ist (Taf. LXVI Fig. 13 Fg); offene und ge- schlossene Vorblätter können im Winkel desselben Deckblattes vorkommen ; wohl nie sind alle geschlossen, nicht selten alle offen. In dem Winkel des Vorblattes der ersten Blume entspringt die zweite, in dem der zweiten die dritte u. s. f. So umschliesst jedes Vorblatt alle folgenden Blumen (Taf. LXVI Fig. 13) und der kleine Blütenstand im Winkel jedes Deckblatts bildet einen Wickel mit ver- schwindend kurzer Scheinachse. Zwischen dem Aufblühen je zweier aufeinanderfolgender Blumen desselben Deckblattes verstreichen bei Hed. coronarium gewöhnlich 4 bis 6 Tage, selten 3 oder 7 oder noch mehr. Die Blumen der verschiedenen Deckblätter erblühen gruppenweise von unten nach oben, bei recht grossen Blütenständen gegen 10 zu gleicher Zeit; sehr selten nur blühen die zweiten Blumen der untersten Deck- blätter gleichzeitig mit oder gar vor den ersten Blumen der obersten. Als Bei- spiel gebe ich für einen sehr kleinen Blütenstand von H. coronarium mit nur 9 Deckblättern die Tage, an denen die vier ersten Blumen dieser Deckblätter auf- blühten : I II III IV V VI VII VIII IX März 1885. 10. t II. 12. i3' H- 15 16. t 17.118, 19. 20. 21. 22, 23- 24. 25' 26. 27, 28. So wird bei einem 7 blutigen Wickel die letzte Blüte erst etwa fünf Wochen nach der ersten blühen, deren Frucht dann schon fast zu voller Grösse heran- gewachsen sein kann. Bei H. coccineum liegt nur ein Tag zwischen dem Auf- blühen je zweier Blumen desselben Wickels und die Zahl der gleichzeitig er- blühenden Blumen ist eine sehr grosse. Die Knospen treten schon am Tage vor dem Aufblühen weit aus den Deck- blättern hervor. Bei H. coronarium und anderen Schwärmer anlockenden Arten öffnen sie sich in den späteren Nachmittagsstunden, halten sich zwei Nächte frisch und beginnen am Morgen des dritten Tages zu welken. Bestäubung beschleunigt das Welken nicht. Die Blumen von Hedychium (Taf. LXVI Fig. i) sind wie die aller Gewürzlilien zweiseitig („median-zygomorph"). Von den sechs Staubblättern, die, in zwei Kreise geordnet, den Monokotylen zuzukommen pflegen, ist ein einziges fruchtbar aus- gebildet; im Schlünde der langen Blumenröhre entspringend ragt der starre Staub- 1036 Das Ende des Blütenstandes und die Endblumc von Hedychium. faden weit hervor und trägt einen einwärts aufspringenden zweifächerigen Staub- beutel. Ihm gegenüber steht ein großes, meist tief zweilappiges Blatt, die „Lippe", zu jeder Seite desselben ein schmäleres Blatt, von Eichler „Flügel" genannt. Dicht unter diesen Blütenteilen spaltet sich die Blumenröhre in drei lange zarthäutige Zipfel, die bis zum Aufblühen die erstgenannten Teile umschließen, dann aber, sich einrollend und unregelmäßig zurückkrümraend, ganz unansehnHche Anhängsel bilden. Diese drei Blumenblätter wechseln ab mit Lippe und Flügeln, während der Staubfaden über einem derselben steht (s. das Diagramm Taf. LXVI Fig. 14). In ihrem unteren Teile ist die Blumenröhre umgeben von einem röhrigen, am Ende dreizähnigen, auf einer Seite mehr oder weniger tief aufgeschlitzten Kelche. Der unterständige Fruchtknoten ist dreifächerig und vieleiig. Der Griffel steigt in einer tiefen Rinne der Blumenröhre empor (s. den Querschnitt Taf. LXVI Fig. 8). die durch ihre übereinandergreifenden Ränder genügend abgeschlossen ist, um den in der Blumenröhre sich sammelnden Honig nicht eindringen zu lassen. Die Rinne setzt sich auf die Innenseite des Staubfadens und zwischen die Fächer des Staubbeutels fort, und erst oberhalb des letzteren tritt der Griffel frei hervor und verdickt sich zur Narbe. Der Honig wird von zwei ansehnlichen Drüsen geliefert (Taf. LXVI Fig. 7), die am Grunde des Griffels über den paarigen Scheidewänden des Fruchtknotens liegen (Taf. LXVI Fig. 14, h). In der Knospe und noch am Morgen vor dem Aufblühen ist der Staubfaden der Achse des Blütenstandes zu, die Lippe von ihr abgewendet. Im Laufe des Tages wächst (bei H. coronarium) die Blumenröhre noch um 2 bis 3 cm und gleichzeitig dreht sie sich um ihre Achse so stark, dass beim Aufblühen Lippe und Staubfaden gerade die umgekehrte Lage zur Achse des Blütenstandes haben (s. die Querschnitte der Blumenröhre neben Taf. LXVI Fig. i). Die Drehung erfolgt stets in der Richtung von Nord nach Ost; wenigstens fand ich in hundert darauf untersuchten Blumen von sieben verschiedenen Arten und Mischhngen keine Aus- nahme. Bei Hedychium coccineum und verwandten Arten findet eine ähnliche Drehung statt, aber nur um etwa go " ; hier bedarf es keiner weiteren Untersuchung, sondern der erste Blick lehrt, dass die Blumenröhre sich ausnahmslos von Nord nach Ost dreht. Diese Drehung steht in enger Beziehung zur Bestäubungsweise der Blumen. Gewürzlilien ohne Drehung der Blumen werden, soweit ich Besucher derselben gesehen, durch Hummeln und Bienen bestäubt (Alpinia durch Bombus und Xylocopa, Costus durch Euglossa); die Lippe ist hier Unterlippe und dient den Besuchern als Landungsplatz und Weg ins Innere der Blume, wo sie ihren Rücken mit Blütenstaub beschmieren. Hedychium coronarium und Verwandte mit duftigen, hellfarbigen, um 180*^ gedrehten Blumen locken Schwärmer an, die frei schwebend saugen, also keines Landungsplatzes bedürfen; die aufwärts ge- wendete Lippe dient als Fahne; der Blütenstaub heftet sich der Unterseite der Besucher an. Endlich Hedychium coccineum mit duftlosen, leuchtend roten, um 90^^ gedrehten Blumen ist in wundervoller Weise der Uebertragung des Blüten- staubes durch die Flügel von Tagfaltern (Callidryas, Papilio) angepasst ^). Der eben geschilderte Blütenbau von Hedychium sowie der der Gewürz- lilien überhaupt hat bis in die neueste Zeit Anlass zu Meinungsverschiedenheiten i) Hermann Müller, Flowers fertilised by the wings of butterflies. Nature, Vol. XIV. No. 347 (June 22. 1876), p. 173. Das Ende des Blütenstandes und die Endblume von Hedychium. I0^7 gegeben. Kelch und Blumenkrone sowie Fruchtknoten und Griffel bieten nichts von dem gewohnten Baue der Monokotylenblüte Abweichendes. Es handelte sich nur um die beiden Staubblattkreise und auch für diese stand es ausser Frage, dass das über einem Blumenblatt stehende fruchtbare Staubgefäss dem inneren und dass die über Kelchblättern stehenden Flügel dem äusseren Kreise angehören. Für jenen Kreis waren also noch zwei, für diesen war noch ein Glied zu suchen. Eine ältere Ansicht (von Robert Brown) ergänzt den inneren Staubblattkreis durch die beiden Honigdrüsen, den äusseren durch die Lippe ^). Dagegen lässt eine neuere Auffassung (von Lestiboudois) die Lippe aus zwei miteinander verwachsenen Staubblättern des inneren Kreises entstehen und das dritte Staubblatt des äusseren Kreises, wie bei den verwandten Marantaceen, vollständig fehlen (s. das Diagramm Taf. LXVI Fig. 14). Erst ganz vor kurzem, in der Sitzung der BerHner Akademie am 15. Mai 1884, hat Eichler letztere Auffassung endgültig als richtig nach- gewiesen. Nun zu dem eigentlichen Gegenstande dieser Mitteilung. Als erste Blume in der von dem obersten Deckblatte geschützten Blütengruppe tritt etwa in jedem achten Blütenstande von Hedychium coronarium (und soviel ich ohne wirkliche Zählung beurteilen kann, nicht minder häufig bei anderen Arten und Mischhngen mit zapfenartigem Blütenstande) statt der gewöhnlichen eine höchst abweichend gebaute Blume auf (Taf. LXVI Fig. 2, 3, 4, Diagramm Fig. 15). Fruchtknoten, Kelch und Blumenkrone sind wie gewöhnlich, nur fehlt oft die einseitige Schlitzung des Kelches. Aber von Staubgefäss, von Lippe, von Flügeln keine Spur! Statt dessen erhebt sich aus dem Schlünde der Blumenröhre eine neue Röhre, die sich nach oben etwas erweitert und dann in drei gleiche, den Blumenblättern gegenüber- stehende Zipfel spaltet. Aus dieser Röhre ragt der Griffel frei hervor. An Blumen verschiedener Arten in meinem Garten sah ich, dass beim Aufblühen die Narbe soeben im Schlünde der oberen Röhre sichtbar wurde, am folgenden Morgen dagegen die Zipfel noch überragte (Taf. LXVI Fig. 3), dass also der Griffel im Laufe der Nacht um etwa 1 5 mm gewachsen war ; bei den gewöhnlichen Blumen findet solches Wachsen nicht statt. Querschnitte durch die Blumenröhre (Taf. LXVI Fig. 9) zeigen eine dreikantige Lichtung ohne Rinne für den frei aufsteigenden Griffel. Honigdrüsen sind drei vorhanden, eine über jeder Scheidewand des Fruchtknotens; bisweilen sind dieselben zu einem den Griffel umschliessenden Ringe verschmolzen, häufiger frei. Da die Zipfel der oberen Röhre den Blumenblättern gegenüber- stehen, können sie nur als blumenblattartig ausgebildete Staubblätter des inneren Kreises gedeutet werden, entsprechen also dem Staubgefässe und der Lippe der gewöhnlichen Blumen. Der äussere Staubblattkreis fehlt vollständig; dasselbe ist bekanntlich bei vielen Gattungen der Familie der Fall. Auch ein Hedychium- Mischhng, den ich vor Jahren durch Bestäubung des H. coccineum mit Blüten- staub einer dem H. coronarium ähnlichen Form mit gelblichen Blumen erhielt, brachte im ersten Sommer, in welchem er blühte, nur Blumen ohne „Flügel" (Taf. LXVI Fig. 6); in späteren Jahren haben seine Blumen eine unerschöpfliche Fundgrube der wunderlichsten Bildungsabweichungen geboten. I) Siehe das Diagramm von Hedychium in Sachs, Lehrb. der Bot. III. Aufl. S. 538. Fig. 398 A und daneben Fig 398 B das nach der entgegengesetzten Ansicht gezeichnete Diagramm von Alpinia. ,^,Q Das Ende des Blutenstandes und die Endblume von Hedychium. IO30 Diese ganz regelmässigen, rein weiblichen Blumen bilden das Endglied einer Reihe von Bildungsabweichungen, die am inneren Staubblattkreise der Zingibera- ceen beobachtet worden sind, und mit ihnen sind so ziemlich alle denkbaren Möglichkeiten erschöpft. Ausser den gewöhnlichen Blumen mit einem fruchtbar ausgebildeten Staubblatte hat A. Gris solche mit 3 und mit 2 fruchtbaren Staub- gefässen bei Zingiber Zerumbct gesehen; ich selbst sah solche mit 2 bei Alpinia und Hedychium, mit 1V2 und mit V2 bei Hedychium; diese letzten, bei denen nur die eine Hälfte des einen Staubblattes fruchtbar ausgebildet ist und ein ein- ziges Staubfach trägt, die andere Hälfte blumenblattartig, verhalten sich hierin wie die Blumen der nächst verwandten Cannaceen und Marantaceen. Dazu kommen also nun noch als letztes und bei weitem merkwürdigstes Glied der Reihe Blumen ganz ohne fruchtbare Staubblätter; als merkwürdigstes nicht nur, weil meines Wissens rein weibHche und regelmässige Blumen im ganzen Verwandtschaftskreise (Musaceen, Zingiberaceen, Cannaceen, Marantaceen) noch nicht gefunden worden sind, sondern mehr noch wegen ihrer Häufigkeit und ihres Auftretens an einer ganz bestimmten Stelle des Blütenstandes. Ihre Häufigkeit legt die Frage nahe, ob sie nicht von irgend welchem Nutzen für das Gedeihen der betreffenden Arten seien. Man wird dieselbe unbedenklich verneinen dürfen. Die Blumen scheinen zwar befruchtungsfähig zu sein ; nach künstlicher Bestäubung habe ich die Frucht- knoten anschwellen sehen. Sie enthalten auch reichlichen Honig, vielleicht sogar, der Zahl der Honigdrüsen entsprechend, mehr als die gewöhnlichen Blumen und dürften so gut wie diese von Schwärmern besucht, aber wohl kaum jemals be- stäubt werden. Ein vergleichender Blick auf Taf. LXVI Fig. i und 2 genügt, um sich zu überzeugen, dass der Körperteil des Schwärmers, welcher beim Saugen des Honigs aus der Zwitterblume deren Staubbeutel streift, bei Ausbeutung der weiblichen Blume nicht leicht mit deren Narbe in Berührung kommen kann. Würden aber auch diese weiblichen Blumen regelmässig befruchtet, so ist nicht abzusehen, welcher Vorteil daraus der Art erwachsen könnte. Eine andere Frage ist die nach dem etwa bestehenden ursächlichen Zu- sammenhang zwischen dem Orte ihres Auftretens und dem Baue unserer Blumen, und diese Frage ist, glaube ich, mit einem einzigen Worte zu beantworten: es sind Endblumen. Moquin-Tandon hat schon vor langer Zeit darauf hingewiesen und Darwin ^) hat es durch neue Beispiele bestätigt, dass sogenannte Pelorien, d. h. regelmässig strahlige Blumen an Pflanzen, die sonst unregelmässige Blumen besitzen, besonders häufig am Ende der Stengel und Zweige vorkommen. Der Grund liegt nahe. Für endständige Blumen, durch welche die Achse mitten hindurch geht, gibt es kein rechts und hnks, kein vorn und hinten; alle Glieder desselben Blattkreises haben genau dieselbe Lage zur Achse, es fehlt jeder Anlass zu einer verschiedenen Ausbildung derselben. Wenn somit eine wirkhche Endblume fast mit Notwendig- keit regelmässig werden muss, so wird man auch umgekehrt in zweifelhaften Fällen die regelmässig strahlige oder zweiseitige Ausbildung einer Blume für oder wider deren Endständigkeit in die Wagschale werfen dürfen. Bei den den Zingiberaceen nahe verwandten Marantaceen z. B. stehen die Blüten stets paar- i) Darwin, Variation of anini. and plants under domestication. II, S. 345. Das Ende des Blutenstandes und die Endblume von Hedychium. lOAQ weise und die obere Blüte des Paares ist scheinbar endständig; ihre Unregel- mässigkeit aber spricht dafür, dass sie seitlichen Ursprungs ist, und in der That habe ich bei zwei Stromanthe-Arten nicht selten das bisher vermisste Ende der Achse wohlentwickelt gefunden ^). Im vorliegenden Falle würde die fragliche Blume ihrer Stellung nach ebensowohl die erste Blume des im Winkel des obersten Deck- blattes stehenden Wickels wie Endblume der Achse des Blütenstandes sein können ; auch die Anordnung der Vorblätter lässt sich in dem einen wie in dem andern Sinne deuten. Da sie aber gerade hier auftritt, wo sie Endblume sein kann, so spricht ihr regelmässig strahliger Bau dafür, dass sie es wirklich ist. Dazu kommt, dass bei den 47 '*/o der Blütenstände, welche deutlich ein in anderer Weise aus- gebildetes Ende des Blütenstengels zeigten, eine Endblume also nicht tragen konnten, nie eine solche regelmässige weibliche Blume an der bezeichneten Stelle gefunden wurde, dass dagegen von den übrigen Blütenständen, bei denen ein anderes nachweisbares Ende des Blütenstengels fehlte, ein volles Viertel eine solche Blume trug. Dass diese Blume nicht zu der vom letzten Dcckblatte be- schützten Gruppe von Zwitterblumen gehöre, dafür spricht auch noch ihr zeitliches Verhalten. Wie oben erwähnt, verstreichen bei Hedychium coronarium und Ver- wandten mindestens drei, gewöhnlich vier bis sechs Tage zwischen dem Auf- blühen je zweier aufeinanderfolgender Blumen eines Wickels; als erste Blume des letzten Wickels müsste also die weibliche Blume mindestens drei Tage vor der ersten Zwitterblume blühen. Sehr gewöhnlich aber blühen diese beiden Blumen gleichzeitig (siehe die Knospen in Taf. LXVI Fig. 5, von denen die dünne walzen- förmige der Endblume, die dickere, spitz kegelförmige der ersten Zwitterblume des obersten Deckblattes angehört), nicht selten die Zwitterblume einen oder zwei Tage vor der weiblichen, ja in einem Falle (Taf. LXVI Fig. 4) traf ich neben der blühenden Endblume die Zwitterblume schon ganz verwelkt; sie musste drei oder vier Tage vor jener aufgeblüht sein. Bedenken gegen die Deutung unserer Blumen als Endblumen könnte es erregen, dass das Vorkommen solcher regelmässiger weiblicher Blumen nicht, wie ich anfangs glaubte, auf die bezeichnete Stelle beschränkt ist, dass sie bisweilen, obschon selten, auch anderwärts auftreten. Es sind dabei drei Fälle zu unter- scheiden. Der erste Fall, der mich sehr befremdete, als er mir zum ersten Male vor- kam, bildet nur eine scheinbare Ausnahme und verwandelt sich, näher betrachtet, in eine wertvolle Bestätigung. An zwei Blütenständen eines gelben Hedychium in meinem Garten folgte auf die erste Endblume eine zweite ganz gleich ge- bildete, dann eine dritte, eine vierte u. s. w. Aehnliche Blütenstände, deren letztes Deckblatt nur „Endblumen" umschliesst, sind mir später auch bei Hedychium coronarium vorgekommen ^}. Wie sollte nun ein und derselbe Blütenstand mehr als eine Endblume haben können? Und doch muss dies der Fall sein, sobald i) Ges. Schriften S. 1022. 2) Es lässt sich dies leicht auch an solchen Blutenständen feststellen, deren Blühen man nicht wie im Garten wochenlang verfolgen kann; denn auch lange vor und nach der Blütezeit sind die beiderlei Blumen leicht zu unterscheiden: nach dem Verblühen an der Zahl der Honigdrüsen, vor dem Aufl^lühen und schon bei ziemlich jungen Knospen an der Gestalt (Taf. LXVI Fig. 5), an dem Querschnitte der Blumenröhre (Taf. LXVI Fig. 8 und 9) sowie an dem schon sehr früh nachweisbaren Staubbeutel der Zwitterblumen. I040 Das Ende des Blütenstandes und die Endblume von Hedychium. auch das Ende des Stengels in ähnlicher Weise wie die im Winkel der Deck- blätter stehenden verkürzten Zweige zu einem Wickel sich ausbildet. Ein Wickel entsteht ja, wenn die Achse mit einer Endblume abschliesst, unter welcher, die Achse scheinbar fortsetzend, ein Zweig entspringt, der seinerseits mit einer Blume endet, unter derselben einen neuen Zweig mit Endblume treibt u. s. f. So sind, wenn man den einzelnen Wickel für sich betrachtet, alle seine Blumen Endblumen. Als seitlich erscheinen sie bei Hedychium nur in Beziehung zur Hauptachse des Blütenstandes, und durch eine auf die Hauptachse zu gerichtete Ebene wird jede Blume in zwei spiegelbildlich gleiche Hälften geteilt. Wird also die Endblume der Hauptachse selbst zur ersten Blume eines Wickels, so sind notwendigerweise alle folgenden Blumen ebenfalls Endblumen. Der zweite Fall ist der, dass in der Blütengruppe des letzten Deckblattes weibliche und Zwitterblumen durcheinander vorkommen ; es scheint das nicht allzu selten zu geschehen. Hier einige bei Hedychium coronarium beobachtete Beispiele : erste zweite dritte vierte fünfte Blume I u. II . . . ? • • • 5 • ■ 5 . • 5 • • • ? III u. IV . . . 2 . . 5 • • ^ . • ? . • . ^ V . . . ? ■ . . $ . • $ • • ? VI . . 9 . . . 5 . • • ? . . ? II u. VIII . . ? . . 2 . • . 5 . • 5 • ■ • 5 IX . . 1 11 . . . $ . T T _ 1 1 • r 1 _, r _ _1 •!_ Bei einem anderen gelben Hedychium folgten auf sechs weibliche Blumen eine siebente Zwitterblume und eine achte weibliche. Es lassen sich für diese Beispiele Anordnungsweisen der Blumen denken, bei denen die weiblichen als Endblumen, die zwitterigen als Seitenblumen erscheinen, doch finden dieselben in der thatsächlichen Anordnung der Vorblätter keine Stütze. Auch scheint es mir keineswegs erforderlich, alle regelmässigen weiblichen Blumen nur aus diesem Grunde als Endblumen zu betrachten. Kommen doch auch sonst „Pelorien" auch bei seitenständigen Blumen vor. Beachtenswert in bezug auf die Deutung der ersten Blume als Endblume ist dabei der Umstand, dass niemals — in Hunderten von Fällen — wenn die erste Blume im letzten Deckblatte eine Zwitterblume war, unter den folgenden eine weibliche gefunden wurde. Einige Male glaubte ich Ausnahmen von dieser Regel gefunden zu haben ; allein es Hess sich dann immer eine anfangs übersehene verkümmerte weibliche Blume als erste Blume nachweisen. Diese verkümmerten weiblichen Blumen boten denn auch mehrfache Zwischenformen zwischen voll entwickelten weiblichen Blumen und der sechsten Gruppe (Taf. LXV Fig. 30 — 32) der am Ende des Blütenstandes auftretenden Gebilde; diese letzteren sind also ebenfalls als verkümmerte Endblumcn aufzu- fassen. Einen dritten sehr seltenen Ausnahmefall bildet das Vorkommen einzelner weiblicher Blumen inmitten der Blütengruppen anderer Deckblätter; selbstver- ständlich können diese nicht als Endblumen betrachtet werden. Bei unregelmässigen Blumen, in denen jedes Blatt seinen besonderen Bau, seine eigentümliche Verrichtung hat, würde meist der Wegfall eines Blattes oder das Einschieben eines neuen die ganze Blüteneinrichtung ernstlich beeinträchtigen ; bei weitem weniger ist dieses bei regelmässigen Blumen zu fürchten. So trifft man denn bei ersteren nur äusserst selten, bei letzteren ziemlich häufig eine Ver- Das Ende des Blütenstandes und die Endblunie von Hedychium. IO41 minderung oder Vermehrung der Glieder jedes Blattkreises. Dies gilt auch für die „Pelorien" und, wie es scheint, in noch höherem Grade. Es wurden end- ständige Pelorien mit sechs Blumenblättern beim Goldregen (Cytisus I.aburnum), sechszählige Pelorien beim Löwenmaul (Antirrhinum majus), vier- und sechszählige regelmässige Endblumen bei Galeobdolon luteum gesehen u. s. w. ^). Auch bei den zweiseitigen Zwitterblumen von Hedychium ist die Dreizahl der Blütenteile unvergleichlich beständiger als bei den regelmässigen weiblichen Blumen. Unter vielen Tausenden zwitteriger Hedychium-Blumen, bei denen ich wochenlang Tag für Tag achtsamen Blickes vorbeigegangen, habe ich nur zwei zweizählige Blumen zu sehen bekommen, dagegen etwa ein halbes Dutzend unter den regelmässigen weiblichen Blumen, von denen ich wohl noch nicht viel über hundert gesehen haben werde, und einmal traf ich eine vierzählige Endblume (Taf. LXVI Fig. 10 Honigdrüsen, Fig. 1 1 Querschnitt des Fruchtknotens dieser vierzähligen Blume). — Die zweizähligen Endblumen haben natürlich, wie die dreizähligen Zwitter- blumen, zwei Honigdrüsen; aber ihr Griffel steht nicht wie bei diesen hinter, sondern zwischen den Drüsen. Die mitzuteilenden Thatsachen sind hiermit erschöpft. Statt ihnen allgemeinere Betrachtungen anzuschliessen, verweise ich den Leser auf das, was Darwin '^) über „Pelorismus" sagt, und überlasse ihm, selbst die dort entwickelten Ansichten an dem vorliegenden Falle zu prüfen, Erklärung 4er Abbildungen auf Tafel LXV. Fig. I. Junger Blütenstand von Hedychium coronarium, in halber Grösse. Fig. 2 bis 32. Oberhalb des letzten blütentragenden Deckblattes stehende Gebilde aus Blütenständen derselben Art, sämtlich in nat. Gr. Fig. 2. Regelmässig links gerolltes Hochblatt. Fig. 3. In abweichender Weise lose links gerolltes Hochblatt. Fig. 4. Rechts gerolltes Hochblatt, im unteren Drittel zu einer Röhre verwachsen, ein kleines rechtsgerolltes Blättchen umschliessend. Fig. 5. Bis zum obersten Viertel zu einer Röhre verwachsenes Blatt; daneben, ausser drei Querschnitten, Längsschnitt durch seinen untersten Teil, um den von ihm umschlossenen Schlauch zu zeigen, der unter dem Längsschnitt I5mal vergrössert dar- gestellt ist. Fig. 6. Bis fast zur Spitze zu einer Röhre verwachsenes Hochblatt; daneben dessen auseinandergebreitete Spitze mit der Endöffnung und Längsschnitt durch den un- teren Teil. Fig. 7. Flachgedrückter Schlauch, an der Spitze offen. Fig. 8, 9. Kurz gestielte hohle, an der Spitze offene Keulen. Fig. IG, II. Kleinere Keulen mit längerem Stiele. Neben 11 ausser den Quer- schnitten die vergr(")sserte Spitze, um die Lage der kurzbehaarten Endöffnung zu zeigen, und Längsschnitt durch das untere Ende der Keule. Fig. 12, 13. Noch kleinere Keulen, mit noch längerem Stiele; neben 12 Längs- schnitt der Keule. Fig. 14. Letztes Deckblatt eines Blütenstandes, aus dem ein langer, am Ende einen kleinen Knopf tragender Faden hervortritt. Fig. 15. Dünner Stift mit winziger Keule am Ende; daneben die Keule und deren Querschnitt vergrössert. i) Darwin, a. a. O. S. 59 und S. 346. 2) a. a. O. S. 58—60. 345—346, Fritz MliUers gesammelte Schriften. Das Ende des Blütenstandes und die Endblume von Hedychium. Fio-. i6, 17. Fadenförmige, aus dem Deckblatte vortretende Stengelenden, mit be- haarten, nicht verdicktem Ende. Fig. 18, ig, 20. Kürzere, vom Deckblatt umschlossene Stifte, mit haarloser Spitze. Fio-. 21. Langgestielte hohle walzige Keule, mit winzigem Blättchen am Grunde des Stieles. Fio-. 22, 23. Fadenförmige Stifte mit kaum merklicher Endverdickung und zartem Blättchen am Grunde. Fio-. 24, 25. Kurze dünne Stifte, von einem schmalen, zarten Blättchen begleitet. Fio-. 26. Kleine, langgestielte Keule; am Grunde des Stieles und mit ihm eine kurze Strecke verwachsen ein ansehnliches Blatt. Fig. 27. Stift, am Gnmde mit einem grossen Blatte verwachsen. Fio-. 28. Stift, fast in ganzer Länge mit dem zugehörigen Blatte verwachsen. Fig. 29. In ähnlicher Weise verwachsener, sehr kurzer Stift. Die Blätter in Fig. 23 und 26 bis 29 sind (wie die Querschnitte zeigen) so gefaltet, dass sie die hohle Seite vom Stifte abwenden. Fio-. 30. Winziger, keulenförmiger, flachgedrückter, am Ende offener, zarter Schlauch, von einem zarten Blättchen begleitet. Daneben das Ende des Schlauches vergrössert. Fio-. 31. Zarter, walziger, oben offener Schlauch; daneben dessen Ende vergrössert. Fio-. 32. Aehnlicher, aber bauchig erweiterter und flachgedrückter Schlauch, in welchem fast bis zur Spitze ein dünner Faden aufsteigt. Erklärung der Abbildungen auf Tafel LXVL Die Abbildungen sind, wo nicht das Gegenteil bemerkt ist, in nat. Grösse. Fig. I. Gewöhnliche Zwitterblume eines Hedychium-Mischlings. Daneben sieben, in je I cm Entfernung geführte Querschnitte durch die Blumenröhre, um deren Drehung zu zeigen. Fis: 2. Endblume derselben Pflanze. Fig. 3. Endblume eines gelben Hedychium. Fio-. 4. Letztes Deckblatt aus dem Blütenstande eines Hedvchium coronarium, mit blühender Endblume und bereits verwelkter Zwitterblume, die ihrer Stellung nach jener im Blühen folgen müsste, wenn sie demselben Wickel angehörten. Fig. 5. Letztes Deckblatt aus dem Blütenstande eines Hedychium coronarium mit zwei gleich weit vom Aufblühen entfernten Knospen, der walzenförmigen einer Endblume und der kegelförmigen einer seitlichen Blume. Fig. 6. Blume eines Hed}chium-Mischlings ohne „Flügel". Fig. 7. Honigdrüsen und unterer Teil des Griffels der Zwitterblume von Hedychium coronarium, vergr. Fig. 8. Querschnitt durch die Blumenröhre derselben Blume, 2^ mm über dem Fruchtknoten, vergr. Der Griffel in einer tiefen, fast zur Röhre geschlossenen Rinne. Fig. 9. Querschnitt durch die Blumenröhre einer Endblume derselben Art, vergr. Fig. lo. Honigdrüsen und unterer Teil des Griffels einer vierzähligen Blume der- selben Art, vergr. Fig. 1 1 . Querschnitt durch den Fruchtknoten dieser Blume, vergr. Fig. 12. Querschnitt durch die drei obersten Deckblätter eines Blütenstandes von Hedychium coronarium. Durchschnitte der Blumen schematisch, doch die Lage der ersten zur zweiten Blume und deren Mittelebene genau angegeben. Vorblätter der Blumen weggelassen. Fig- 13- Querschnitt durch ein seitliches Deckblatt eines Blütenstandes von H. coro- narium, vergr. Vj bis Vj; Vorblätter der fünf Blumen, alle mit Ausnahme von Vg offen. Fig. 14. Diagramm der Zwitterblume von Hedychium. A Achse, h Honigdrüse. Fig. 15. Diagramm der Endblume von Hedychium. A Achse, h Honigdrüse. Blumenau, Sa. Catharina, Brasilien, 31. März 1885. Wie entstellt die Gliederung der Insektenfühler? ^) Die Weise, in der die Fühlerglieder der Insekten sich bilden, ist, soweit mir bekannt, bisher nur bei einer Termitenart (Calotermes rugosus Hag.) verfolgt worden ^). Hier haben die Fühler der jüngsten Larven neun deutlich geschiedene Glieder; das erste und zweite sind walzenförmig, letzteres dünner und bedeutend kürzer; das dritte ist etwa von der Länge des ersten, nach dem Ende sich ver- dickend; von dem vierten an, dem kürzesten von allen, nimmt die Länge der Glieder zu ; die beiden letzten haben etwa die Länge des ersten und dritten. Die dünnen Borsten der Fühler bilden an jedem Gliede einen oberen längeren und einen unteren kürzeren Kranz, zwischen denen noch zerstreute kürzere Borsten stehen. Das dritte Glied zeigt sich anfangs nur undeutlich, später immer deut- licher durch zwei Ringfurchen in drei Stücke geteilt; nur das oberste, dickste trägt einen Borstenkranz, die beiden unteren sind borstenlos. Gegen Ende dieser ersten Altersstufe sieht man einen unter der Haut liegenden Kreis von Borsten am mittleren Stücke auftreten. Nach der Häutung, auf der folgenden Altersstufe, erscheint dann das obere Stück des früheren dritten als kurzes viertes Glied, das mittlere als oberstes borstentragendes Stück des dritten Fühlergliedes. In gleicher Weise, durch Abschnürung neuer Glieder am Grunde des dritten, findet auch weiterhin die Vermehrung der Fühlerglieder statt, deren Zahl bei den geflügelten Tieren dieser Art auf 1 6 steigt. Vor der letzten Häutung finden sich 1 5 borsten- tragende Fühlerglieder, deren drittes durch eine Ringfurche in einen oberen be- borsteten und einen unteren borstenlosen Abschnitt geteilt ist. Auf Grund dieser Entwickelungsweise darf man auch an den Fühlern der Termiten Schaft und Geissei unterscheiden ; ersterer besteht aus den beiden Grund- gliedern, letztere aus der wechselnden Zahl der übrigem. Von der späteren Ent- wickelung auf die frühere innerhalb des Eies zurückschliessend durfte man er- warten, dass die Geissei ursprünglich nur aus einem einzigen Gliede bestehen würde, von dessen unterem Ende sich das vorletzte abschnürt, von diesem das drittletzte u. s. w. Und wirklich sah ich im Ei einer anderen Calotermes-Art zu 1) Kosmos 1885. Bd. XVII. S. 201—204. 2) Fritz Müller, Beiträge zur Kenntnis der Termiten. IV. Die Larven von Calotermes rugosus Hag. Jenaische Zeitschrift für Naturwissenschaft. IX, 1874. S. 241. Taf. X— XIII = Ges. Schriften S. 464. Taf. XL— XLIII. ' 66* ,^.. Wie entsteht die Gliederung der Insektenfühler? 1044 einer Zeit, wo die Beine noch völlig ungegliederte Stummel waren, die Fühler in drei deutliche Glieder (den zweigliederigen Schaft und die eingliederige Geissei) geteilt. Das dritte Fühlerglied ist bei den Termiten nach Grösse und Gestalt das wandelbarste, mag man verschiedene Arten oder die verschiedenen Stände der- selben Art vergleichen. Der Grund mag einfach darin liegen, dass es, wie wir gesehen, das jüngste ist. Bei wenigen anderen Insekten wird es so bequem sein, der allmählichen Ausbildung der Fühlergliederung Schritt für Schritt nachzugehen, wie bei diesen Termiten, bei denen man derselben Gesellschaft alle verschiedenen Altersstufen entnehmen kann und bei denen die geringe Zahl der scharf geschiedenen Fühler- glieder die Untersuchving erleichtert ; ja geradezu hoffnungslos wäre der Versuch bei den Insekten mit vollkommener Verwandlung (Schmetterlingen, Haarflüglern u. s. w.), bei denen die Fühler der Puppe unter der Haut der Larve sich ent- wickeln. Doch stiess ich zufällig bei Untersuchung einer neuen Haarflüglergattung auf einige Tatsachen, die auch für diese Tiere auf eine ähnliche Bildungsweise der Fühlergliederung hinzuweisen scheinen. Den durch ihre schneckenförmigen Larvengehäuse berühmt gewordenen Helicopsychen nächstverwandt und ebensolche Gehäuse bauend, unterscheidet sich diese noch unbeschriebene Gattung Cochliopsyche als geflügeltes Tier auf den ersten Blick durch ihre sehr langen, zarten, vielgliederigen Fühler i), die sie von allen ihren Familiengenossen (den Sericostomiden) entfernen und ihr ein ganz leptoceridenartiges Aussehen verleihen. Es lag mir daran festzustellen, innerhalb welcher Grenzen die Zahl der GHeder dieser bei den Weibchen etwa 60-, bei den Männchen etwa 100 gliederigen Fühler schwanke, und so zählte ich dieselben an einer Anzahl abgeworfener Puppenhäute. An diesen ist das Zählen weit leichter und sicherer als an den ausgeschlüpften Tieren, bei denen die Behaarung das Zählen der Glieder sehr erschwert und nicht immer sicher zu erkennen ist, ob ein oder mehrere Endglieder verloren gegangen sind, was bisweilen schon beim Auskriechen geschieht. Die Gliederzahl schwankte bei den Fühlern der Weibchen zwischen 55 und 62, bei denen der Männchen zwischen 95 und 10 1; trotz dieser hohen Gliederzahl war sie in der Regel die gleiche für die beiden Fühler desselben Tieres ; unter 8 Weibchen fand sich ein einziges, unter 12 Männchen fanden sich 5, bei denen der eine Fühler ein Glied mehr hatte als der andere. In diesen Fällen ungleicher Gliederzahl zeigte sich nun, dass an dem Fühler, der ein Glied weniger hatte, das dritte Glied mindestens ebenso lang war wie das folgende, während an dem Fühler, der ein Glied mehr besass, sowohl das dritte Glied wie das vierte bedeutend kürzer waren als die folgenden. Das dritte und vierte Glied des letzteren schienen zusammen dem dritten GHede des ersteren Fühlers zu entsprechen und durch Teilung eines früheren längeren dritten Gliedes entstanden zu sein. Hier als Beleg (in i2ostel mm ausgedrückt) die an der ab- i) Auch durch die Zahl der Schienenspornen (2. 2. 4 bei Helicopsyche, i. i. 2 bei Cochliopsyche), sowie durch verschiedene Eigentümlichkeiten der Puppe. Wie entsteht die Gliederung der Insektenfühler? lOAS geworfenen Puppenhaut gemessenen Längen der Fühlerglieder, vom dritten an ^), für einige Cochliopsyche-Männchen. fa. 95 Glieder: 29. 25. 29. 32. 33. 34. 35. 33. 32 ... . 14. lo.l ib. 95 Glieder: 33. 25. 29. 33. 33. 34. 33. 32. 31 ... . 14. lo.J jj_ fa. 95 Glieder: 36. 29.34.36.37.37.37.36.36 Ib. 96 Glieder: 21. 22. 31. 35. 36. 37. 36. 36. 36. 34 III. {^" ^^ Glieder: 21. 21. 27. 32. 33. 34. 34. 33 Ib. 97 Glieder: 17. 17. 25. 29. 32. 32. 33. 32. 32 jV. /^' 97 Glieder: 29. 26. 32. 35. 35 . . 17. ii.l . . 16. ii.i Ib. 98 Glieder: 18. 18. 26. 32. 35. 35 J In ähnlicher Weise zeigten bei einer Helicopsyche-Art, bei der die Zahl der Fühlerglieder zwischen 42 und 46 schwankt, die Fühlerglieder der Puppenhaut eines Männchens mit rechts 44-, links 45 gliederigem Fühler vom dritten Gliede an folgende Längen: frechts 44 Glieder: 16. 14. 16. 18. 19. 20. 20 ... . llinks 45 Glieder: 9. 10. 14. 16. 17. 18. 19. 20 ... . Es scheint auch in diesem Falle kaum zweifelhaft, dass das dritte und vierte Glied des rechten Fühlers dem dritten des linken entsprechen und nach Art der Ter- miten durch Teilung eines früher einfachen Gliedes entstanden sind. Bei einer anderen, der verbreitetsten unserer Helicopsyche- Arten, mit kegel- förmigem Larvengehäuse-), welche 38- bis 42 gliederige Fühler besitzt, fand ich bis jetzt stets dieselbe Gliederzahl an den beiden Fühlern desselben Tieres, aber auch hier ähnliche Verhältnisse, wie sie die Fühler der Termiten bieten. Bei diesen ist, wie schon Hagen bemerkt, die Zahl der Fühlerglieder für die einzelnen Arten „nicht ganz konstant; oft findet sich eins mehr oder weniger". Trotzdem bietet diese Zahl meist ein recht gutes Artkennzeichen, wenn man die oben ge- schilderte Entwickelungsweise berücksichtigt; die verschiedene Gliederzahl beruht fast immer darauf, dass eine der letzten Abschnürungen vom dritten Fühlergliede unterbleibt oder auch eine mehr als gewöhnlich eintritt, man findet daher bei überzähligen Fühlergliedern das dritte Glied kürzer, bei fehlenden länger als gewöhnlich. Wie gut diese vor mehr als zehn Jahren für die Termiten nieder- geschriebenen Worte auch auf die in Rede stehende Helicopsyche passen, mögen die folgenden Messungen des dritten und der nächstfolgenden Fühlerglieder von zweien dieser Helicopsychen zeigen, von denen die eine 38-, die andere 42 gliederige Fühler besass. L 38 Glieder: 13. 10. 13. 16. 16 ... . IL 42 Glieder: 7. 10. 10. 13. 13. 15 ... . Ich stehe nicht an, nach den mitgeteilten Tatsachen es wenigstens für wahr- scheinlich zu halten, dass bei den Haarflüglern und vielleicht bei allen Insekten die Entwickelung der Fühlerglieder in ähnlicher Weise vor sich gehe wie bei den Termiten. Blumenau, Santa Catharina, Brazil, 26. Juni 1885. i) Die Länge der beiden ersten Fühlerglieder, die überdies hier nicht in Betracht kommt, ist an den Puppenhäuten meist nicht gut zu messen. 2) Kosmos. Bd. IV. S. 395. Fig. 4 = Ges. Schriften S. 685. Fig. 4. Die Zwitterbildung im Tierreiche^). I. Bedenken gegen die herrschende Ansicht. Einen ersten Angriff haben die über Zwitterbildung herrschenden Ansichten bereits vor vierzig Jahren erfahren, und zwar durch keinen Geringeren als den berühmten dänischen Naturforscher Steenstrup ^) „Hätte", sagt er, „das Geschlecht eines Tieres wirklich seinen Sitz allein in den Geschlechts Werkzeugen, so könnte man sich wohl zwei Geschlechter in einem Tiere vereinigt denken. Allein das Geschlecht ist nicht etwas, das seinen Sitz an einer gegebenen Stelle hat, das sich nur durch ein bestimmtes Werkzeug äussert; es wirkt durch das ganze Wesen, es hat sich entwickelt in jedem Punkte desselben. In einem männlichen Geschöpfe ist jeder, auch der kleinste Teil männlich, mag er auch noch so sehr dem entsprechenden Teile eines weiblichen Geschöpfes gleichen, und in diesem ist gleicherweise auch der kleinste Teil nur weiblich. Eine Vereinigung beider Geschlechtswerkzeuge in einem Geschöpfe wird dasselbe also erst dann zwei- geschlechtig machen, wenn beider Geschlechter Naturen durch den ganzen Körper herrschen und sich in jedem einzelnen Punkte geltend machen können, — etwas, was infolge des Gegensatzes beider Geschlechter nur als gegenseitiges Aufheben, als ein Verschwinden aller Geschlechtlichkeit in einem solchen Geschöpfe sich äussern kann .... Je männlicher das Männliche, je weiblicher das Weibliche hervortritt, je kräftiger jeder Gegensatz ist, desto kräftiger geht Fortpflanzung und Entwickelung vor sich. Wie leicht der geschlechtliche Gegensatz geschwächt werden kann, und infolge davon die freudige vmd kräftige Fortpflanzung gehindert wird, dafür können all die Tiere, die wir mehr oder minder zu unseren Haus- genossen gemacht haben, Säugetiere wie Vögel, zahlreiche Beispiele abgeben; denn deren Geschichte hat uns genugsam gezeigt, dass zur Erzeugung fruchtbarer und kräftiger Nachkommen Kreuzung von Einzelwesen verschiedenen Blutes und Samens erforderlich ist. Aber scheint die bei so manchen Tieren gemachte Er- fahrung und die darauf gegründete Behandlung es ausser allen Zweifel zu stellen, dass der geschlechtliche Gegensatz zwischen den Zeugungsstoffen schon etwas geschwächt wird bei Wesen, die in näherer Blutsverwandtschaft stehen, so scheint eine weit grössere Schwächung oder gar ein völliges Schwinden des geschlecht- lichen Gegensatzes eintreten zu müssen zwischen den Zeugungsstoffen, die von und in einem und demselben Tiere abgesondert werden", (a. a. O. S. 8.) Diese und ähnliche physiologische, sowie andere morphologische Betrachtungen, auf die ich später zurückkommen werde, hatten in Steenstrup Zweifel erweckt, ob denn überhaupt Zwitterschaft im Tierreiche wirklich vorkomme, und ihn veranlasst, die damals allgemein als Zwitter geltenden Tiere einer erneuten Prüfung zu unter- i) Kosmos 1885. Bd. XVII. S, 321—334. 2) Steenstrup, Undersügelser over Herraaphroditismens Tilvocrelse i Naturen. Kjöbenhavn 1845. Die Zwitterbildung im Tierreiche. IO47 werfen. Durch das Ergebnis dieser Prüfung hielt er sich zu der Behauptung berechtigt, dass es überhaupt keine Zwitter gebe. Die ganze Lehre v^om Herma- phroditismus erklärte er (a. a. O. S. 85) als einen blossen Nothbehelf („Nödhjoelp") der Wissenschaft für gewisse Fortpflanzungsverhältnisse, die sie noch nicht in der rechten Weise zu erklären gewusst habe. Steenstrup dürfte durch seine Deutung der Geschlechts Verhältnisse der Blut- egel, Lungenschnecken u. s. w., so scharfsinnig sie auch war, kaum andere mit dem Baue dieser Tiere vertraute Forscher von dem Nichtvorhandensein der Zwitter- bildung bei denselben überzeugt haben und hat wohl selbst seine damalige Auf- fassung derselben längst aufgegeben. Darin aber, meine ich, hatte er vollkommen recht, dass er die Zwitterschaft als etwas dem ursprünglichen Wesen der ge- schlechtlichen Fortpflanzung schnurstracks Zuwiderlaufendes ansah, und wenn nicht die Lehre vom Hermaphroditismus, so darf man wohl den Hermaphroditismus selbst als einen Notbehelf bezeichnen, als ein Auskunftsmittel, durch welches gewisse Tiere den für sie bestehenden Schwierigkeiten einer Kreuzung verschiedener Einzel- wesen und den damit verbundenen Gefahren für den Fortbestand der Art entgingen. Noch heute dürften Steenstrup's vor vierzig Jahren niedergeschriebene all- gemeinere Betrachtungen denen zu ernster Erwägung zu empfehlen sein, die in schroffem Gegensatz zu ihm in der Zwitterbildung die einfachste und ursprüng- lichste Weise der geschlechtlichen Fortpflanzung sehen wollen. Es ist dies, soviel ich weiss, die fast einstimmige Meinung der Zoologen; sie erscheint ihnen so selbstverständlich, dass sie sich kaum bemüht haben, andere Beweise dafür zu geben als, um mich der Worte Steenstrup's (a. a. O. S. g) zu bedienen, „den Gemeinplatz (det Soedvanlige"), den man bei so vielen Gelegenheiten angeführt und fast ebenso oft missverstanden hat, dass die Natur in einem beständigen Fort- schritte vom Einfachen zum Zusammengesetzten, vom Niederen zum Höheren sei, — oder, wie es in diesem Falle lautet, vom Indifferenten, Geschlechtslosen zum Geschlechtlichen, von dem nur zwischen Zeugungsstoffen und Geschlechtswerk- zeugen desselben Tieres stattfindenden geschlechtlichen Gegensatze zu dem zwischen den sich fortpflanzenden Wesen selbst." Doch es wird gut sein, ehe ich meinen Bedenken gegen diese Auffassung, mit der ich mich nie habe befreunden können ^), Worte leihe, einige der hervor- ragendsten Vertreter derselben zu hören. i) Vergl. Hermann Müller, Die Befruchtung der Blumen durch Insekten, 1873. S. 444 Anm. : „Mein Bnider Fritz Müller ist der Ansicht, dass nicht nur bei den Pflanzen, sondern ebenso auch bei den Thieren Getrenntgeschlechtlichkeit das Ursprüngliche war und begründet diese Ansicht in einem Briefe an mich mit folgenden Worten: ,Für die Pflanzen scheint mir namentlich der (schon von Delpino hervor- gehobene) Umstand von Bedeutung, dass die getrenntgeschlechtlichen Gynmospermen nicht nur die untersten, sondern auch die ältesten aller Phanerogamen sind. Für die Thierwelt wird die entgegengesetzte Ansicht gewöhnlich durch die im Allgemeinen richtige Behauptimg gestützt, dass Hermaphroditismus sich gerade bei den niederen Formen der verschiedenen Kreise findet. Man führt die Synapten unter den Echinodermen, die Rankenfüsser unter den Crustaceen, die Protula Dysderi unter den Anneliden an. Ist aber Haeckers Ansicht über den Ursprung der Echinodermen richtig, und sie hat jedenfalls viel für sich, so stehen gerade die Synapten der Urform am fernsten. Bei ihnen mag die Lebensweise unter der Erde zum Herma- phroditismus geführt haben, wie das Festsitzen bei den Rankenfüssern und Protula. Bei den Borsten- würmern sind die Geschlechtstheile der eingeschlechtigen Arten von äusserster Einfachheit, die der herma- phroditischen Regenwürmer höchst complicirt, was jedenfalls nicht die letztere Bildung als die ursprüngliche kennzeichnet. Bei den Rankenfüssern dürften die von Darwin entdeckten sonderbaren 'complemental males' als letzter Rest der früheren Getrenntgeschlechtlichkeit anzusehen sein.'" und Kosmos Bd. I, 1877, S. 509. 1048 Die Zwitterbildung im Tierreiche. 1870 sagt Gegenbaur^): „Das Verhalten der eicr- und samenbereitenden Organe zueinander zeigt sich sehr verschiedenartig und muss gleichfalls vom Standpunkte der Differenzierung aus beurteilt werden. Wir sehen nämlich, dass in den unteren Abteilungen beiderlei Organe miteinander vereinigt sind .... Mit einer Verteilung von beiderlei Organen auf verschiedene Individuen vollendet sich die geschlechtliche Differenzierung Wenn der hermaphroditische Zustand als der niedere anzusehen ist, so wird die geschlechtliche Trennung von ihm aus abzuleiten sein. Diese Aenderung erfolgt durch Verkümmerung des einen oder des anderen Apparates, so dass Zwitterbildung für die Trennung der Geschlechter die Unterlage abgibt. Diese Differenzierung durch einseitige Rück- bildung muss für die verschiedenen Ausbildungszustände statuiert werden, so dass sie nicht bloss für an sich niederstehende Organe auftritt. Die Entwickelung zeigt nämlich, dass auch an sehr hoch sich ausbildenden Apparaten eine primitive Vereinigimg der Geschlechtsorgane existiert und dass das Individuum auf einem gewissen Entwickelungsstadium hermaphroditische Bildung darstellt". 1874 spricht HaeckeP) von der „hochwichtigen Erkenntnis, dass das älteste und ursprünglichste Geschlechtsverhältnis die Zwitterbildung war und dass aus dieser erst sekundär (durch Arbeitsteilung) die Geschlechtstrennung hervor- ging. Die Zwitterbildung ist bei den niederen Tieren der verschiedensten Gruppen vorherrschend; . . . auch alle älteren wirbellosen Vorfahren des Menschen, von den Gastraeaden bis zu den Chordoniern aufwärts, werden Zwitter gewesen sein. Ein hochwichtiges Zeugnis dafür liefert die merkwürdige, erst vor wenigen Jahren durch Waldeyer's Untersuchungen festgestellte Tatsache, dass auch bei den Wirbeltieren, beim Menschen ebenso wie bei den übrigen Verte- braten, die ursprüngliche Anlage der Geschlechtsorgane herma- phroditisch ist." Derselben Auffassung begegnen wir 1880 bei Claus ^): „Die einfachste und ursprünglichste Form des Auftretens von Geschlechtsorganen ist die hermaphro- ditische . . . Wir finden den Hermaphroditismus in allen Tierkreisen, besonders verbreitet aber in den niederen, und zwar erscheinen vorzugsweise langsam be- wegliche (Landschnecken, Würmer), oder vereinzelt vorkommende (Ein- geweidewürmer) oder gar festgeheftete, der freien Ortsveränderung entbehrende Tiere (Cirripedien, Tunicaten, Austern) hermaphroditisch. Der Herma- phroditismus geht bei einseitiger Ausbildung der einen Form von Geschlechts- organen unter gleichzeitiger Verkümmerung der anderen in die Trennung der Geschlechter über (Distomum filicolle und haematobium), bei welcher nicht selten Spuren einer hermaphroditischen Anlage zurückbleiben, wie solche auch noch wenigstens für die Ausführungsgänge der höchsten Tiere (Säugetiere) nachweisbar sind. Mit der Trennung der männlichen und weiblichen Geschlechtsteile auf ver- schiedene Individuen ist die vollkommenste Stufe der geschlechtlichen Fort- pflanzung auf dem Wege der Arbeitsteilung erreicht." Gewiss erreicht das geschlechtliche Leben seine höchste Vollendung unter den Tieren mit getrenntem Geschlechte, und in diesem Sinne mag man wohl sagen, die Getrenntgeschlechtlichkeit sei für die Tiere „die vollkommenste Stufe 1) Gegenbau r, Grundzüge der vergleichenden Anatomie. II. Aufl. 1870, S. 66. 2) Haeckel, Anthropogenie. 1874, S. 657. 3) Claus, Grundzüge der Zoologie. 4. Aufl. 1880, S. 46. Die Zwitterbildung im Tierreiche. IO4Q der geschlechtlichen Fortpflanzung"; man mag auch einräumen, dass Zwitterbildung ..bei den niederen Tieren der verschiedensten Gruppen vorherrsche". Aber ist des- halb von dem niederen, und bei niederen Tieren vorherrschenden Zustande der Zwitterschaft die geschlechtliche Trennung h(')her stehender Tiere abzuleiten, muss deshalb „Zwitterbildung für die Trennung der Geschlechter die Untcrkige" abgeben? Gewiss stellt freies, selbständiges Leben eine höhere Stufe des Lebens dar als Sesshaftigkeit und Schmarotzertum und unter den niederen Tieren der ver- schiedensten Gruppen sind festsitzende Tiere sowie an oder in anderen Tieren lebende Schmarotzer überaus häufig. Aber ist desshalb aus dem sesshaften oder schmarotzenden Leben niederer das freie, selbständige Leben höherer Tiere ab- zuleiten, muss deshtüb jenes für dieses die Unterlage abgeben? Die eine Folgerung scheint mir so berechtigt zu sein wie die andere. Das Vorkommen der Zwitterbildung gerade unter den niederen Tieren der ver- schiedensten Gruppen würde als Stütze für die Ursprünglichkeit der Zwitterschaft nur dann dienen können, wenn niedere Formen immer die ursprünglicheren wären, wenn die Entwickelung der Lebewelt stets schnurstracks und unentwegt aufwärts ginge. Das ist bekanntlich nicht der Fall ; ja nicht selten sind gerade die aller- niedersten Tiere einer Gruppe die der Urform am allerfernsten stehenden, wie die berühmte Binnenschnecke (Entoconcha) der Synapten und die nicht minder selt- samen Wurzelkrebse, deren wunderbare Entwickelung zu enträtseln erst vor kurzem Yves Delage's eiserner Beharrlichkeit gelungen ist. Für die Frage, ob Zwitterschaft oder Trennung der Geschlechter das Ursprüngliche sei, ist es voll- kommen gleichgültig, ob die Zwittertiere zu den niederen, es kann einzig in Betracht kommen, ob sie zu den ursprünglicheren Formen ihrer Gruppen gehören. Halten wir von diesem Gesichtspunkte aus Umschau unter denselben. Unter den Wirbeltieren kennt man nur einige wenige Arten von Fischen (Serranus, Chrysophrys) als Zwitter; diese aber gehören nicht etwa zu den uralten Ganoiden oder Selachiern, sondern zu den Knochenfischen, und zwar hier wieder nicht zu der älteren Abteilung mit offener, sondern zu der jüngeren mit ge- schlossener Schwimmblase. Die Manteltiere (Tunicaten) sind sämtlich Zwitter, ebenso die meisten der fast stets freier Ortsbewegung entbehrenden Moostierchen (Bryozoen), während die Armfüssler (Brachiopoden), die schon unter den ältesten Versteinerungen sich finden, meist getrennten Geschlechts zu sein scheinen. Ueber die verwandt- schaftlichen Beziehungen der beiden letzten Gruppen weiss man nichts ; die Mantel- tiere scheinen mit den Wirbeltieren in naher Beziehung zu stehen und werden von Anton Dohrn als herabgekommene, entartete Nachkommen von Fischen betrachtet. Von den Weichtieren sind die Kopffüssler sämtlich getrennten Geschlechts, die Flossenfüssler sämtlich Zwitter, während unter Schnecken und Muscheln sowohl Zwitter als getrenntgeschlechtliche Arten vorkommen. Die Stammesgeschichte gerade dieser beiden Gruppen liegt noch so im argen, dass kaum zu sagen ist, ob unter den älteren oder jüngeren Formen die eine oder die andere Weise der Geschlechtsverteilung vorherrsche. Doch verdient es erwähnt zu werden, dass die grosse Mehrzahl der Land- und Süsswasserschnecken Zwitter sind, während das Umgekehrte für die Schnecken des Meeres gilt. Insekten und Tausendfüsse sind getrennten Geschlechts, ebenso die Arachniden, mit Ausnahme der zwütterigen Faultierchen (Tardigraden), die Die Zwitterbildung im Tierreiche. weit mehr den Eindruck verkommener als ursprünglicher, auf niederer Stufe stehen gebliebener Geschöpfe machen. In der vielgestaltigen Klasse der Kruster treffen wir Zwitter nur unter schmarotzenden oder festsitzenden Arten. Für einige Fischasseln (Cymothoiden) haben Bullar und Paul Mayer nachgewiesen, dass jedes Tier in seiner Jugend männlich, im Alter weiblich ist, und dasselbe Verhalten hat Kossmann kürzlich für die hauptsächlich, an Rankenfüssern und Wurzelkrebsen schmarotzenden Cryptonisciden wahrscheinlich zu machen gesucht. Wenn irgendwo, so liegt es für diese zwitterigen Asseln auf der Hand, dass ihre Zwitterschaft nicht eine von fernen Ahnen ererbte, sondern eine erst in sehr neuer Zeit erworbene Eigen- tümlichkeit ist; denn in ersterem Falle müssten ja nicht nur die gemeinsamen Urahnen aller Kruster, es müssten auch noch die der höheren Krebse (Malacostraca), die der Asseln, ja noch die der Fischasseln, wie der Bopyriden Zwitter gewesen sein! — Während unter den Asseln Zwitterschaft nur als seltene Ausnahme auf- tritt, herrscht dieselbe fast allgemein bei den Rankenfüssern und, soviel bekannt, ganz allgemein bei den von diesen abzuleitenden Wurzelkrebsen. Diese Wurzel- krebse, eierstrotzende Schläuche, ohne Gliederung und Gliedmassen, ohne Augen, ohne Mund und Darm, pflanzenartig durch im Leibe von Krabben und Krebsen sich verzweigende Wurzeln sich ernährend, wird kaum jemand, obwohl sie die niedersten aller Kruster sind, als deren Urform besonders nahestehend ansehen wollen. Aber auch die festsitzenden Rankenfüsser entfernen sich in rück- schreitender Umwandlung mehr als irgend eine andere Gruppe von der Urform der Kruster, so dass selbst ein Cuvier sie den Mollusken einreihen und noch 1840 Milne Edwards sie von den Krustern ausschliessen konnte. — Unter den ge- stielten Rankenfüssern oder Entenmuscheln (Lepadiden) finden sich einige Gattungen (Ibla, Scalpellum), bei denen ein Teil der Arten zwitterig, der andere getrennt- ereschlechtlich ist; trotz der Zwitterschaft kommen auch bei ersteren wie bei letz- teren zwerghafte, schmarotzerartig an dem Zwittertier oder dem Weibchen fest- sitzende Männchen vor, die von Darwin entdeckt wurden und deren Bedeutung er in einer überaus fesselnden und überzeugenden Erörterung nachwies. Er nannte die Männchen der Zwittertiere Hilfsmännchen („complemental males"). Eben solche zwerghafte Hilfsmännchen, und zwar von cyprisähnlicher Gestalt, wurden bei den Wurzclkrebsen schon vor mehr als zwanzig Jahren gefunden und als Männchen erkannt, aber unbeachtet gelassen oder geleugnet, bis Yves Delage vor kurzem ihr regelmässiges Vorkommen bestätigte. Wie ich selbst schon seit lange ^) diese Hilfsmännchen als letzten Rest der früheren Getrenntgeschlechtlichkeit der Rankenfüsser ansah, so spricht sich auch Yves Delage dahin aus 2), dass bei Sacculina und wahrscheinlich bei allen zwitterigen Krustern Trennung der Ge- schlechter der ursprüngliche Zustand sei in der ontogenetischen und der phylo- genetischen Entwickelung. Wir kommen zu dem Kreise der Würmer, dessen einzige bezeichnende Eigentümlichkeit die ist, keine einzige bezeichnende Eigentümlichkeit zu besitzen, diesem Augiasställe, in den man alles wirft, was nirdends anderswo Platz findet. 1) H. M ü 1 1 e r , Befruchtung der Blumen durch Insekten S. 444 Anm. = Ges. Schriften S. 1047 Anm. 2) Archives de Zool. exp. et g6n. ^' Serie. Tom. IL 1884. p. 704. Die Zwitterbildung im Tierreiche. lO^I Die Band- und Saiigwürmer, die man als die niadersten Würmer zu betrachten pflegt, deren höchst verwickelte, meist mit Wanderungen durch verschiedene Tiere verknüpfte, die mannigfaltigsten Zwischenformen durchlaufende Jugend- geschichte jedoch beweist, dass sie nichts weniger als ursprüngliche Formen dar- stellen, sind fast ausnahmslos Zwitter; nur wenige Distomeen (Distomum filicolle, haematobium) haben getrenntes Geschlecht, welches selbstverständlich in diesem Falle als neuer Erwerb, als aus der Zwitterbildung naher Vorfahren hervorgegangen anzusehen ist. Dasselbe dürfte für die vereinzelten getrenntgeschlechtlichcn Strudel- würmer (Convoluta u, s. w.) gelten, welche Gruppe sonst, mit Ausnahme der Familie der Mikrostomeen, Zwitterbildung zeigt. Die Stellung dieser Familie scheint mir noch zweifelhaft; gehören diese getrenntgeschlechtlichen Mikrostomeen wirklich zu den Rhabdocölen und nicht vielmehr, wie Max Schnitze wollte, zu den Schnur- würmern (Nemertinen), so stellen sie jedenfalls nicht das Endglied in der Ent- wdckelungsreihe der Strudelwürmer vor, sondern weit eher eine Urform, von der Strudelwürmer und Schnurwürmer nach verschiedenen Richtungen sich abgezweigt haben. Die Schnurwürmer sind fast durchweg getrennten Geschlechts; die wenigen zwitterigen Borlasien haben keinerlei Anspruch, als besonders ursprüngliche Formen zu gelten. Wie die Schnurwürmer sind auch die Rundwürmer getrennten Ge- schlechts; eine höchst beachtenswerte Ausnahme macht Ascaris nigrovenosa, bei welcher zwei verschiedene geschlechtliche Generationen miteinander wechseln ; die eine lebt schmarotzend in der Lunge der Frösche und ist zwitterig, die andere (also die Kinder der Zwitter) lebt frei in feuchter Erde oder schlammigem Wasser und ist getrennten Geschlechts; ihre Kinder sind dann wieder schmarotzende Zwitter. Rädertiere und Sternwürmer (Gephyreen) sind getrennten Geschlechts; man kennt für beide keine zwitterige Urform, von der sie sich ableiten Hessen. Endlich „im Kreise der Anneliden (Ringelwürmer) stehen sich die beiden Hauptabteilungen der freilebenden Chätopoden (Borstenwürmer) und der an Parasitismus angepassten Hirudineen (Blutegel) gegenüber. Letztere sind nicht etwa als Gliedorwürmer einer niederen Organisationsstufe zu betrachten, vertreten vielmehr wenigstens in einigen Organisationssystemen, wie Darm, Zirkulationsapparat und Geschlechts- organen komplizierte Gestaltungsverhältnisse, welche am nächsten mit den Oligo- chäten (Regenwürmern u. s. w.), von denen die Flirudineen abzuleiten sein dürften, übereinstimmen." (Claus, a. a. O. S. 458.) — Nur die Blutegel sind Zwitter, ebenso unter den Borstenwürmern die mit äusserst wenigen Ausnahmen in der Erde oder in süssem Wasser lebenden Oligochätcn (Regenwürmer, Naiden), während die ausschliesslich dem Meere angehörigen Polychäten fast ausnahmslos getrennten Geschlechts sind; selbstverständlich können die getrenntgeschlechtlichcn Meeres- bewohner nicht von ihren im süssen Wasser oder in der Erde lebenden zwitterigen Verwandten abgeleitet werden. Unter den freilebenden Polychäten ist kaum eine zwitterige Art einer hochstehenden Gattung (Nereis massiliensis) bekannt geworden. Dagegen kennt man mehrere Zwitter unter den in festsitzenden Kalkröhren hausenden Scrpuliden (aus den Gattungen Protula, Spirorbis u. s. w.); diese Lebens- weise beweist ebenso wie der Bau der Serpuliden, bei denen schärfer als bei irgend welchen freilebenden Ringelwürmern eine „heteronome" Gliederung des Leibes ausgeprägt ist, dass man in ihnen nicht der Urform besonders nahestehende Die Zwitterbildung im Tierreiche. 1052 *" Tiere suchen darf. Eine solche der gemeinsamen Stammgruppe der Ringelwürmer nächststehende Wurmform dürfte man eher mit Hätschele in der merkwürdigen Gattung Polygordius erblicken ; leider bietet sie für die vorliegende Frage keinen Anhalt, da ihre Arten teils Zwitter, teils getrennten Geschlechts sind. Es bleibt uns noch die in bezug auf ihre Geschlechtsverhältnisse merk- würdigste und lehrreichste aller Wurmgattungen, Myzostoma. Man hat diese an Haarsternen (Comatula) schmarotzenden Tiere bei den Saugwürmern, den Tardi- o-raden den Borsten Würmern, den Blutegeln, den Krustern herumgeworfen; nun werden sie wohl endlich an der ihnen durch die neueste Arbeit von John Beard ano-ewiesenen Stelle unter den Borsten Würmern Ruhe finden. Unter den zahl- reichen Arten dieser seltsamen Schmarotzer finden sich nun i) solche mit voll- kommen getrenntem Geschlechte; — 2) getrenntgeschlechtliche Arten mit Spuren von Zwitterbildung; — 3) Zwitter mit Männchen (wie bei Ibla, Scalpellum und den Wurzelkrebsen), endlich 4) Zwitter ohne Männchen. Nach einer meisterhaften, echt Darwin'schen Geist atmenden Erörterung, die auch die geschlechtlichen Ver- hältnisse anderer Tiere berücksichtigt, kommt John Beard zu dem Schlüsse, dass in der eben gegebenen Reihenfolge die Geschlechtsverhältnisse der verschiedenen Arten auseinander hervorgegangen seien und dass — „Hermaphroditism, probably all hermaphroditism had its origin in a unisexual condition" ^) (Zwitterbildung, wahrscheinlich jede Zwitterbildung, hatte ihren Ursprung in einem eingeschlecht- lichen Zustande). Unter den Stachelhäutern (Echinodermen) sind Crinoiden, Seesterne, Seeigel und Seewalzen (Holothurien) getrennten Geschlechts und nur die niedersten von allen, die wurmähnlich im Boden wühlenden Synapten sind Zwitter. Aber wie man nun avich über die Herkunft und den strahligen Bau der Stachelhäuter denken möge, ob man sie mit Haeckel als Wurmstöcke betrachte oder mit Claus die strahlige Gestaltung mittels asymmetrischer Wachstumserscheinungen" (? F. M.) allmählich entstehen lasse, nachdem die bilateralen freischwimmenden Ahnen sich mit der Rückenseite festgesetzt hatten — ■ in den Synapten wird niemand etwas anderes als eine gewaltig herabgekommene Gruppe sehen wollen, die mehr als alle anderen sich von dem Urstachelhäuter entfernt hat und der meisten von dessen bezeichnendsten Eigentümlichkeiten, der Ambulacralfüsschen, des kalkigen Hautpanzers, der strahligen Anordnung der Geschlechtsteile u. s. w. verlustig ge- gangen ist. Unter den Cölenteraten endlich treffen wir den fast einzig dastehenden P'all, dass eine grosse Klasse freischwimmender Tiere, die Rippenquallen, aus Zwittern besteht. Jedenfalls aber sind diese Rippenquallen nicht der Urform der Cölenteraten besonders nahestehende Tiere, sie sind vielmehr das Endghed einer Entwickelungsreihe, aus welchem keine weiteren getrenntgeschlechtlichen Formen hervorgegangen sind. Sie selbst aber werden von Flaeckel ^) aus getrennt- geschlechtlichen Schirmquallen abgeleitet. Von den Rippenquallen abgesehen, kommen unter den freischwimmenden Cölenteraten Zwitter nur als ganz vereinzelte Ausnahmen vor (Chrysaora), während sie unter den festsitzenden nicht selten sind. i) Mitteilungen aus der zool. Stat. zu Neapel. Bd. V. 1884. S. 578. 2) Kosmos, Bd. V. S. 348. Die Zwitterbildung im Tierreiche. lO'v'^ Nirsfends haben wir bei unserer Umschau einen Anhalt für die Annahme gefunden, dass bei den Urahnen irgend welchen Tierkreises Zwitterschaft ge- herrscht und für eine spätere Trennung der Geschlechter die Unterlage abgegeben habe. Wohl aber sind wir vielfach auf einen den Zwittern der verschiedensten Gruppen gemeinsamen Umstand gestossen, der darauf schliessen lässt, dass es sich bei ihrer Zwitterschaft um eine nicht gemeinsam ererbte, sondern als An- passung an ähnliche Lebensverhältnisse erworbene Uebereinstimmung handle, also um Konvergenz, wie man jetzt die erworbene im Gegensatz zur ererbten Aehn- lichkeit zu nennen liebt. — Wie auch Claus hervorhebt, findet sich die Zwitter- schaft besonders bei Schmarotzern, bei festsitzenden Tieren und solchen, bei denen durch Leben in der Erde, durch Langsamkeit ihrer Bewegungen u. s. w. das Zu- sammentreffen verschiedener Einzelwesen erschwert ist. Besonders lehrreich ist in dieser Beziehung Ascaris nigrovenosa, wo bei derselben Art freilebende getrennt- geschlechtliche mit schmarotzenden zwitterigen Brüten wechseln. In der Regel werden nicht alle Teile eines Lebewesens in gleichem Grade sich von ihrer Urform entfernt haben und bei verwandten Arten oder Gruppen wird hier der eine, dort der andere Teil weiter fortgeschritten sein, sich stärker umgewandelt haben. Wenn eine wandelbare Art in neue Formen auseinander geht, so werden eben dadurch mehrere ihrer verschiedenen Nachkommen an gleichem Orte sich erhalten und zu neuen Arten sich festigen können, dass die einen in der einen, andere in anderer Richtung besondere Vorteile über die übrigen gewinnen. Bei hochentwickelten Tieren können einzelne Teile auf recht niederer Stufe verharren, bei im ganzen recht ursprünglichen Tieren einzelne Teile sich weit von der Urform entfernt haben. So wird es gut sein, auch bei der vor- liegenden Frage uns nicht auf die Betrachtung der ganzen Tiere zu beschränken, sondern auch die der geschlechtlichen Fortpflanzung dienenden Teile selbst ins Auge zu fassen. Es wäre ja nicht undenkbar, dass wenn auch nicht die Zwitter selbst, so doch ihre Geschlechtswerkzeuge eine ursprünglichere, einfachere Form aufwiesen, die als Unterlage für die höher entwickelten, zusammengesetzteren Werkzeuge ihrer getrenntgeschlechtlichen Verwandten dienen könnten. Leider zeigt schon der flüchtigste BHck das gerade Gegenteil. Zu Anfang der vierziger Jahre waren in Berlin mehrere junge Forscher mit der Entwirrung und Deutung der überaus verwickelten Geschlechtsteile der zwitterigen Lungenschnecken be- schäftigt und ich hatte Gelegenheit, mir von Paasch seine bewundernswerten Präparate zahlreicher Arten zeigen und erklären zu lassen; als ich später am Meere getrenntgeschlechtliche Schnecken zergliederte, war ich überrascht zu sehen, um wie viel einfacher bei diesen die Verhältnisse liegen. Unvergleichlich grösser noch ist der Gegensatz zwischen den zwitterigen Regenwürmern und Blutegeln einerseits, den getrenntgeschlechtlichen Ringelwürmern des Aleeres andiTseits, oder zwischen den zwitterigen Strudelwürmern und den getrenntgeschlechtlichen Schnurwürmern (Nemertinen). Wer sich vor vierzig Jahren mit dem Baue der Blutegel und Regenwürmer, dem Gegenstande meiner ersten Zergliederungsver- suche, beschäftigt hat, wird sich erinnern, dass damals in der reichhaltigen Litteratur über ihre Geschlechtsteile nichts als die äusserste Verwirrung zu finden war, trotzdem so tüchtige Forscher wie Treviranus, Henle, Filippi, Morren u. s. w. sich um die Aufklärung der verwickelten Verhältnisse bemüht hatten. Dagegen ist , Die Zwitterbildung im Tierreiche. nichts Einfacheres, Ursprünglicheres zu denken als die Geschlechtsverhältnisse bei den Ringelwürmern des jMeeres. Die Keimstoffe entstehen an den Wandungen oder Scheidewänden der Leibeshöhle und meist sind diese Keimstätten einzig durch die an ihnen erzeugten Keimstoffe ausgezeichnet und daher nur zur Zeit, wo diese sich bilden, unterscheidbar ; Samen oder Eier fallen dann in die Leibes- höhle und werden durch die sogenannten Segmentalorgane entleert. Ebenso ein- fach gestalten sich die Verhältnisse bei den Schnurwürmern ; es liegen hier rechts und links vom Darme einfache Schläuche, die bei den einen mit Eiern, bei den anderen mit Samenfäden gefüllt sind und durch eine Oeffnung der Leibeswand nach aussen münden. Welcher Gegensatz gegenüber den zwitterigen Strudel- würmern, bei denen- die männlichen Teile aus Hoden, Samenblase und ausstülp- barem Begattungswerkzeug, die weiblichen aus Keimstock, Dotterstock (also sogar die Bildung der Eier geschieht hier durch zweierlei verschiedene Teile), Samen- tasche, Scheide und Eierbehälter bestehen. Und ähnlich ist es in anderen Fällen ; selbst bei den Synapten, die in fast jeder anderen Beziehung zu grösster Einfach- heit herabgesunken sind, ist, was die Geschlechtsteile betrifft, „eine Differenzierung im Vergleiche zu Seesternen und Seeigeln in sehr gründlicher Weise an dem gröberen Verhalten aufgetreten" (Gegenbaur). — Dieser Gegensatz zwischen der äussersten Einfachheit der Verhältnisse bei getrenntgeschlechtlichen Tieren und ihrer hohen Ent- und Verwickelung bei deren zwitterigen Verwandten ist natür- lich eine allbekannte Thatsache und mehrfach ausdrücklich hervorgehoben. So sagt Gegenbaur (a. a. O. S. 280} von den Geschlechtsw^erkzeugen der Würmer „Die niedersten Zustände bieten wieder hermaphroditische Einrichtungen, die aber nicht selten mit grossen Komplikationen sich verbinden, wodurch sie weit über die viel einfacher sich verhaltenden Einrichtungen der getrenntgeschlechtlichen Würmer sich erheben." Es freut mich, dass Gegenbaur selbst diesen Satz geschrieben hat und dass nicht ich es als notwendige Folgerung aus der herrschenden Ansicht auszusprechen habe, dass nach derselben nicht selten die niedersten Zustände sich weit über die höchsten erheben. Aus der Zwitterbildung soll das getrennte Geschlecht „auf dem Wege der Arbeitsteilung" hervorgegangen sein. Ob nicht gerade dieses so oft gebrauchte, und beinahe möchte man mit Steenstrup einfügen: fast ebenso oft missverstandene Schlagwort : „Arbeitsteilung" dazu verleitet hat, in der Zwitterschaft den früheren, unvoUkommneren, in der Verteilung der Geschlechter auf verschiedene Einzelwesen den späteren, vollkommneren Zustand zu sehen? Das Wort genügte; inwiefern aus dieser „Arbeitsteilung" den Tieren ein Vorteil über ihre zwitterig gebliebenen Verwandten erwachse, der den offenbaren Nachteil der erschwerten Befruchtung überwiege, unterliess man zu fragen. Arbeitsteilung, „Differenzierung", gilt ja als untrügliches Merkmal des Fortschritts und sie ist ohne Frage dessen mächtigster Hebel. Doch sollte man dabei Eines nicht vergessen, Arbeitsteilung setzt ein Zusammenwirken mehrerer voraus, seien es Einzelwesen oder Teile desselben Tieres, und mit dem Fortschritt des Ganzen ist stets der Rückschritt dieser Ein- zelnen, seien er Teile oder Tiere, verbunden. Die zu Schwimmglocken, Deck- schuppen, Nährtieren, Geschlechtstieren u. s. w. „spezialisierten" Einzeltiere der Schwimmpolypen (Siphonophoren) haben eine tiefgreifende Rückbilduog erfahren und stehen unvergleichlich tiefer als der „unspezialisierte" Urahn, der alle diese Die Zwitterbildung im Tierreiche. 105"^ Verrichtungen in einer einzigen Person zusammenfasste. Die geschlechtslosen, äugen- und flügellosen Soldaten von Calotermes, die nichts verstehen, als mit ihrem dicken harten Kopfe die Gänge im Holze, in denen sie mit ihren Ge- schwistern leben und die sie selbst nie verlassen, gegen P'einde zu verstopfen, bieten ein anderes schlagendes Beispiel des durch Arbeitsteilung bedingten Rück- schritts. Doch wozu nach Beispielen ins Weite schweifen? Liegt doch dem Zoologen das Schöne so nahe. Wimmelt es doch in der Heerschar der Zoologen von ,.Spezialisten", die sich in irgend einen dunklen Gang einwühlen, um ihn nie wieder zu verlassen, und die dabei den Blick fürs allgemeine, die Schwingen der Phantasie, die wissenschaftliche Zeugungskraft mehr oder minder einbüssen, ohne dass aus dieser grausamen Selbstverstümmelung der Wissenschaft ein nur halb- wegs entsprechender Vorteil erwüchse. FreiHch von Arbeitsteilung kann hier kaum mehr die Rede sein ; sie ist zur Zersplitterung geworden. Dem beugt nun zwar bei Tieren und Pflanzen die Naturauslese vor, aber doch sollte man nicht ohne weitere Belege jede Arbeitsteilung, jede Differenzierung als Fortschritt be- grüssen. Doch kehren wir von dieser Abschweifung zum vorliegenden Falle zurück. „Vom Standpunkte der Differenzierung aus beurteilt" würde nicht in der Verteilung der beiden Geschlechter auf zwei verschiedene Einzelwesen „die vollkommenste Stufe der geschlechtlichen Fortpflanzung auf dem Wege der Ar- beitsteilung erreicht" sein, sondern vielmehr im Trimorphismus der Pflanzen, bei dem die Geschlechtswerkzeuge auf drei verschiedene Einzelwesen verteilt sind, bei dem dreierlei verschiedene Griffel und Narben, dreierlei verschiedene Staub- gefässe und Blütenstaubkörner zur geschlechtlichen Fortpflanzung der Art zu- sammenwirken. „Auf dem Wege der Arbeitsteilung" also soll der Uebergang aus Zwitter- bildung in Trennung der Geschlechter erfolgt sein durch „Verkümmerung des einen oder des anderen Apparates". Es ist wahrscheinlich, dass ein solcher Vor- gang auch im Tierreiche wiederholt stattgefunden hat (z. B. bei den von Claus als Beispiel angeführten Distomum filicolle und haematobium), wie er ja im Pflanzenreiche häufig genug vorkommt. Für die Mehrzahl der Fälle aber, in denen wir nebeneinander getrenntgeschlechtliche und zwitterige Arten kennen ist ein derartiger Uebergang kaum denkbar. Es genüge, ein einziges Beispiel näher zu betrachten. Unter den Ringelwürmern haben wir in der Gattung Protula neben getrenntgeschlechtlichen auch zwitterige Arten. Bei letzteren erzeugen bestimmte Leibesringe Samenfäden, während in bestimmten anderen, dahinter- hegenden Ringen Eier entstehen; so folgen z. B. bei einer an der Küste von Santa Catharina lebenden Art auf fünf männliche ebensoviele weibliche Ringe. Wäre aus dieser Zwitterbildung die Getrenntgeschlechtlichkeit der Ringelwürmer durch Verkümmerung, hier der männhchen, dort der weiblichen Geschlechtsteile hervorgegangen, so sollte man erwarten, dass die Männchen ihre Keimstoffe in bestimmten, weiter vorn, die Weibchen die ihrigen in andern, weiter hinten ge- legenen Ringen erzeugten. Ein solches Verhalten ist meines Wissens noch bei keiner einzigen Art angetroffen worden; vielmehr entstehen bei fast allen Arten die Keimstoffe beider Geschlechter in der ganzen Länge der Leibeshöhle. Ein früherer Zwitterzustand, aus welchem dieses Verhalten auf dem von der herrschen- den Ansicht beliebten Wege sich herleiten liesse, hätte in gleichzeitiger Bildung /- Die Zwitterbildung im Tierreiche. von Samen und Eiern in allen Leibesringen bestehen müssen, würde also ein ganz anderer gewesen sein als der, den uns die heute lebenden zwitterigen Ringol- würmer zeigen. — Der Versuch, aus der Zwitterbildung der Synapten das ge- trennte Geschlecht der übrigen Stachelhäuter, aus der Zwitterbildung der Ranken- füsser das getrennte Geschlecht der übrigen Kruster „durch Verkümmerung des einen oder des anderen Apparates" herzuleiten, würde zu noch grösseren Wider- sprüchen und Schwierigkeiten führen, die ich im einzelnen nachzuweisen wohl unterlassen darf. Es wäre schhesslich noch das „hochwichtige Zeugnis" zu besprechen, welches für die herrschende Ansicht die Thatsache bieten soll, dass auf einer gewissen Entwickelungsstufe die Geschlechter einander gleichen, dass „auch in sehr hoch sich ausbildenden Apparaten eine primitive Vereinigung der Geschlechtsorgane besteht", oder dass „die ursprüngliche Anlage der Geschlechtsorgane hermaphro- ditisch ist" und „nicht selten Spuren einer hermaphroditischen Anlage zurück- bleiben", selbst bei den höchsten Tieren. Es sind dabei zweierlei Gebilde scharf auseiander zu halten, nämlich i) solche einander entsprechende Teile, die in beiden Geschlechtern zu voller Entwickelung kommen, wie namentlich die Keimdrüsen, und 2) solche Teile, die nur in einem Geschlechte zu voller Tätigkeit reifen, im anderen später verkümmern oder auf niederer Entwickelungsstufe stehen bleiben, wie die Milchdrüsen der Säugetiere. Für beide Fälle kann ich mich einer Er- örterung enthalten, da sie schon von anderen und besser, als ich es vermöchte, gegeben ist. Was die Gebilde der ersten Art betrifft, so war für Steenstrup (a. a. O. S. 11) ihre Entwickelung aus einer und derselben Anlage einer der Hauptgründe seines Zweifeins an dem Vorkommen des Hermaphroditismus, und auch ich betrachte dieselbe als „hochwichtiges Zeugnis" nicht für, sondern wider die herrschende Ansicht. Ich gebe Steenstrup's Gedankengang fast ganz in seinen eigenen Worten wieder : „Mit der vergleichenden Anatomie kommt die Lehre vom Hermaphroditis- mus in gleichen Zusammenstoss, wie mit der Physiologie. Im vorangehenden haben wir bereits das von der vergleichenden Anatomie und der Entwickelungs- geschichte gefundene Ergebnis ausgesprochen, dass die Fortpflanzungswerkzeuge nur zwei entgegengesetzte Entwickelungen einer und derselben Grundlage sind, und die Richtigkeit dieses Satzes unterliegt wohl keinem Zweifel. Aber wie soll dieser Satz in Einklang gebracht werden mit der Lehre vom Hermaphroditismus, der just behauptet, dass beiderlei Geschlechtswerkzeuge nebeneinander bestehen und sich nicht aus einer und derselben materiellen Grundlage entwickeln, sondern jedes aus seiner eigenen? Können beide zusammen im entwickelten Zustande vorkommen, so können sie ebensowenig ursprünglich dasselbe Werkzeug gewesen sein, wie die zusammen vorkommenden Lungen und Kiemen gewisser Tiere die Annahme zulassen, dass diese beiden Formen der Atemwerkzeuge Spaltungen eines und desselben Grundwerkzeuges der Atmung seien. Oder, um die Beispiele ein wenig anders zu stellen : lässt die vergleichende Anatomie irgend einen Zweifel darüber, dass die Vorderbeine der Säugetiere die Flügel der Vögel sind, dass der flache Schnabel der Ente derselbe Teil ist wie der dünne des Kolibri, oder dass der Kamm und der gebogene Schwanz des FI ahn es dieselben Teile sind wie die kleinen Stirnläppchen und der gerade Schwanz des Huhnes? Alle diese Werk- Die Zwitterbildung im Tierreiche. 10"^ 7 zeuge sind Beispiele der Spaltung eines Einzigen in zwei verschiedene Formen, aber just darin liegt die Unmöglichkeit, das gleichzeitige Vorkommen von beiderlei Entwickelungen einräumen zu können. Nie können Flügel und Vorderbeine an demselben Tiere gleichzeitig auftreten u. s. w. Aber ob dieser Gegensatz in der Entwickelung zwischen Klasse und Klasse, Gattung und Gattung, Art und Art oder zwischen den beiden Geschlechtern derselben Art besteht, die Wahrheit, dass beide Gegensätze nicht zusammen vorkommen, bleibt gleich unumstösslich." Ich habe dem kaum etwas hinzuzusetzen. Dass bei der Mehrzahl der getrennt- geschlechtlichen Tiere, wenn nicht bei allen, die Keimdrüsen der beiden Ge- schlechter einander entsprechende, aus derselben Grundlage in entgegengesetzter Richtung sich entwickelnde Teile sind, wird wohl allgemein zugestanden. Nun aber sind bei der Mehrzahl der Zwitter Hoden und Eierstock verschiedene, von- einander getrennte Gebilde. Diese Zwitter konnten also nicht die Unterlage abgeben für die Trennung der Geschlechter; denn wenn bei ihnen hier der Hoden, dort der Eierstock schwand, so waren bei den auf diese Weise entstandenen Weibchen und Männchen die übrigbleibenden Keimdrüsen, gegen das „hoch- wichtige Zeugnis" der Entwickelungsgeschichte , nicht einander entsprechende Teile. Es bleiben also als „Unterlage" für die Trennung der Geschlechter nur die Zwitter mit Zwitterdrüsen und auch für mehrere von diesen (z. B. die Synapten) ist die UnWahrscheinlichkeit, dass in ihnen eine ursprünglichere Form der Ge- schlechtsverhältnisse erhalten sei als bei ihren nicht zwitterigen Verwandten, so gross, dass sie an Unmöglichkeit grenzt. Was die Gebilde der zweiten Art betrifft, so hat bereits Ernst Krause i) die Widersprüche, die unlöslichen Schwierigkeiten, in die sich die herrschende An- sicht verwickeln muss bei dem Versuche, das Vorkommen der „rudimentären" Gebilde des einen Geschlechts, die voll entwickelten Teilen des anderen ent- sprechen, phylogenetisch zu erklären. — Ernst Krause hat bereits diese Schwierig- keiten und Widersprüche in so lichtvoller Weise dargelegt und so richtig, wie ich glaube, den einzigen Weg bezeichnet, welcher zu deren Lösung führen kann, dass jedes weitere Wort überflüssig wäre. Ich bin am Schlüsse des ersten, negativen Teiles meiner Betrachtungen angekommen. Ist es mir, wie ich hoffe, gelungen, in unbefangenen Lesern das Vertrauen in die Ursprünglichkeit der Zwitterbildung etwas zu erschüttern, so werden sie mit mir fragen: wie konnte eine auf so schwachen Füssen stehende Lehre unter den Zoologen bis heute sich unerschüttert halten, ja fast als selbst- verständlich hingenommen werden? Der Grund liegt, wie mir scheint, einfach darin, dass in der Zoologie bisher fast ausschliesslich die Morphologie, die Be- trachtung der Form, als Grundlage phylogenetischer Spekulationen gedient hat, und eine solche ist ja auch die Frage nach der ursprünglichen Gestaltung der Geschlechtsverhältnisse. Kaum Anton Dohrn hat seit Jahren — ein einsamer Rufer in der Wüste — betont, dass derartige Fragen auf diesem Wege nicht zu lösen sind, dass bei ihnen das entscheidende Wort nicht der Morphologie gebührt, die höchstens Tatsachen feststellen, nie sie erklären kann, sondern der Physiologie. I) Kosmos, Bd. I. 1877. S. 496. Fritz Müllers gesammelte Schriften. ^7 jQj-o Die Zwitterbildung im Tierreiche. Umgekehrt wie die Zoologen sind die Forscher verfahren, die in letzter Zeit sich mit den Geschlechtsverhältnissen der Pflanzen beschäftigt haben, Danvin, Hildebrand, Delpino u. s. w., und — last not least — mein Bruder Hermann. Sie alle haben die physiologische Frage in den Vordergrund gestellt; um die mor- phologische Deutung der einzelnen Teile der von ihnen untersuchten Blumen haben sie sich nur in zweiter Reihe bekümmert. Ihre erste Frage war in jedem einzelnen Fall: welchen Nutzen bringt diese oder jene Aenderung des Baues der Blume unter den besonderen Lebensverhältnissen der Pflanze ? Ihr Leitstern war nicht ein allgemeines Schlagwort, sondern das bekannte Knight-Darwin'sche physiologische Gesetz. Und das Ergebnis? Für die Tierwelt habe ich es eben zu beleuchten ver- sucht. Für die Pflanzenwelt ist es eine Blumentheorie, die, wenn auch im einzelnen des Ausbaues fähig und bedürftig, doch in ihren Grundzügen vollkommen ge- sichert dasteht und schon jetzt den Bau zahlloser Blumen verstehen lässt wie auch den Entwickelungsgang der Blumenwelt uns vorführt und, was die' Hauptsache, erklärt. Der Erfolg hat für den von den Pflanzenforschern eingeschlagenen Weg entschieden. (Fortsetzung folgt ^).) i) Diese Fortsetzung ist nie erschienen. Der Herausgeber. Einige Nachträge zu Hildebrand's Buch. Die Verbreitungsmittel der Pflanzen^). Mit 4 Textfiguren. IL Marantaceen. 5. Ctenanthe vom Berge hinter der katholischen Kirche in Blumenau. Die eigentümlichen langen zungenförmigen Springfedern, mittels welcher die Samen der noch unbeschriebenen Ctenanthe mit weissgestreiften Blättern aus dem Affenwinkel (a. a. O. S. 280 Taf. I fig. 25 — 29 = Ges. Schriften S. 985 Taf. LXIV) die Fruchthaut sprengen und sich aus den umschliessenden Deckblättern hervor- heben, wurden von Eichler auch bei Ctenanthe setosa und Luschnathiana, von mir bei dieser letzteren Art und Ct. Kummeriana gefunden. So durfte man wohl mit Eichler erwarten, dass sie „ein für Ctenanthe konstanter Charakter" sein würden. Dies ist jedoch nicht der Fall. Bei einer anderen, ebenfalls noch unbeschriebenen Ctenanthe, die in Menge auf dem Berge hinter der katholischen Kirche in Blumenau wächst, gleicht die der Verbreitung der Samen dienende Ausrüstung weit mehr derjenigen der in Blatt, Blüte und Frucht so fern stehenden Gattung Calathea (a. a. O. Taf. LXIV fig. i — 14) als derjenigen ihrer ebengenannten Gattungsgenossen. Der Mantel breitet sich in zwei grosse seitliche Flügel aus, wodurch die Frucht gesprengt und der Samen aus den umhüllenden Deckblättern hervorgetrieben wird. Aehnliche Verschiedenheiten innerhalb derselben Gattung finden sich auch sonst bei Marantaceen. Während bei unserer Maranta (a. a."0. S. 984) bei der Reife der Frucht die drei Klappen derselben sich vollständig von einander trennen und mit dem Samen zu Boden fallen, trennen sich nach Eichler bei der täuschend ähnlichen M. arundinacea wie bei mehreren Strom an the- Arten zwei der Klappen nur bis zur Hälfte oder garnicht von einander. Fig. I. Samen einer Ctenanthe, 3 mal vergr. I) Kosmos 1885. Bd. XVII. S. 438—442. — Siehe Kosmos 1883. Bd. XIII. S. 275 u. Bd. XIV. S. 472. = Ges. Schriften S. 979 und 987. Taf. LXIV. 67* TQßQ Die Verbreitungsmittel der Pflanzen. 6. StromantheTonckat In meiner früheren Mitteilung über Marantaceenfrüchte gedachte ich bei- läufig einer Art, deren Früchte beim Reifen sich rot färben (S. 986). Es ist dies die Stromanthe Tonckat, Ich habe sie seitdem viel gesehen und eben jetzt trägt sie in meinem Garten reichliche Früchte. Wie zu vermuten stand, dient die rote Farbe der Früchte zum Anlocken der die Verbreitung der Samen vermittelnden Vögel, und zwar geschieht dies in ganz eigenartiger Weise. Die Frucht um- schliesst einen einzigen glänzend schwarzen Samen, dem unten ein ansehnlicher schneeweisser Mantel („arillus") ansitzt. Sobald die vorher schwärzHchen Früchte sich röten, spreizt sich der bis dahin dicht an den Samen gepresste Mantel aus- ^^ einander, sprengt die Frucht, reisst den Samen ^^V J^^^^^ ^^^ ^^^'^ treibt ihn aus der geöffneten Frucht Ä-' ^ ^y/^^^^.^}y hervor. Nun ist es eine wohl allgemein geltende «\ <^^^^^ Regel, dass glänzende oder besonders lebhaft ^-^^^ N^ ^^^^"^^^^^ gefärbte Samen beim Oeffnen der Frucht nicht ^0\ ^*^s^^^ I \| ZU Boden fallen, sondern an ihr sitzen bleibend ^^^^■■' ^ ^^ sich den Vögeln zur Schau stellen. Hier wird Fig. 2. Früchte von Stromanthe Tonckat. it-^^ii^ ii o jji_u a. Unreife Frucht, h Reife Früchte mit das Festhalten des losen Samens dadurch be- vortretendem Samen, c Frucht nach Ent- wirkt, dass die drei Klappen der Frucht sich femung des Samens. ^.^^^^ vollständig von einander trennen ; meist öffnet sich nur eine Naht bis zum Grunde, die anderen beiden nur im oberen Drittel oder bis zur Mitte. So wird zwar Raum für den Austritt des kleineren glänzend schwarzen Samens, nicht aber für den umfangreicheren Mantel, der von den ihn umschliessenden bauchigen Klappen zurückgehalten wird. Doch lässt er sich leicht mit dem Samen hervorziehen und im Walde thun dies die Vögel so fleissig, dass man da nur verhältnismässig selten die Samen zu sehen bekommt. Nach der Entfernung der Samen schliesst sich die Frucht wieder und gleicht nun in ihrer Gestalt wieder einer unreifen Frucht; statt zu welken oder abzufallen, bleibt sie frisch und nimmt meist ein noch lebhafteres Rot an. So wiederholt sich an den Früchten der Stromanthe Tonckat, was man an zahlreichen Blumen beobachtet, dass sie nach der Bestäubung frisch bleiben, sich lebhafter färben und fortfahren, Bienen und Schmetterlinge anzulocken^). III. Campelia. Im Wüchse den allen Blumenliebhabern wohlbekannten Gattungen Comme- lyna und Tradescantia sich anschliessend, entfernt sich Campelia weit von diesen ihren Verwandten durch die der Verbreitung der Samen durch Vögel angepasste Frucht. Die langen Blütenstiele tragen einen von zwei Deckblättern gestützten dichtgedrängten Blütenstand. Nach dem Welken der weissen Blumen beginnen 1) Das prächtigste Beispiel solcher farbenwechselnder Blumen bieten wohl einige baumartige Mela- stomeen (Pleroma), deren grosse, anfangs rein weisse Blumen später tief purpurrot werden. So Pleroma Sellowianum, das ich im Mai 1868 am Berge von Boa Vista (auf dem Wege von Desterro nach Lages) in Blüte sah, und der Jaguaritäo, der im Norden der Provinz Santa Catharina häufig ist. Bei S. Francisco und Joinville bedeckt er ganze Hügel, die gegen Weihnachten in Weiss und Purpur prangen. Weihnachts- blume heisst er dort bei den Deutschen. Die Verbreitungsmittel der Pflanzen. 1061 die Kelchblätter sich fleischig zu verdicken und eine anfangs blass violette, dann immer dunkler werdende und bei der Reife in glänzendes Schwarz übergehende Farbe anzunehmen. Es gibt nichts Hübscheres als einen solchen Blütenstand, der in der Mitte schon reife, glänzend schwarze Beeren trägt, denen nach beiden Seiten immer hellere folgen, während an beiden Enden noch weisse Blumen sich entfalten. Soweit hat unsere Campelia kaum etwas besonders Merkwürdiges; was sie beachtenswert macht, ist der Umstand, dass die Entwickelung des Kelches zu einer saftigen, farbigen Beere auch dann eintritt, wenn die Blumen unbestäubt, die Früchte also samenlos bleiben. In dem hier gezeich- neten Fruchtstande waren alle 24 Früchte taub und in der Regel finden sich nur sehr wenige samenhaltige Früchte zwischen zahlreichen tauben. Wie die geschlechtslosen Blumen des Schneeballs den Blütenstand augenfälliger machen und durch Anlockung von Insekten die Bestäubung der fruchtbaren Blumen fördern, so wird hier durch taube Früchte die Augen- fälligkeit des Fruchtstandes gesteigert und die Wahr- scheinlichkeit der Verbreitung der Samen durch Vögel erhöht. Aehnliches kommt auch bei anderen wildwachsenden Pflanzen vor. An dem Fruchtstande einer Butia-Palme fand ich alle von mir untersuchten Samen taub ; aber alle Blüten hatten sich zu im übrigen vollkommen ausgebildeten „ % , .1,0 Fig- 3- Reifer Frucht- wohlschmeckenden gelben rrüchten entwickelt. Später stand von Campelia, untersuchte Fruchtstände derselben Pflanze hatten gute Samen. Man sollte demnach, scheint mir, die Samenlosigkeit so mancher Früchte angebauter Pflanzen nicht ohne weiteres auf Rechnung des Anbaues setzen, nament- lich nicht bei solchen Arten, wo, wie bei den Bananen, die Fruchtbildung ohne vorherige Bestäubung erfolgt. IV. Streptochaeta. Dieses seltene Gras, dessen Blütenbau so seltsam ist, dass Endlicher zweifelte, ob es richtig beschrieben sei ^), steht auch in seiner Ausrüstung für die Verbreitung der Samen einzig da nicht nur unter den Gräsern, sondern in der ganzen Pflanzen- welt, Die Blüten stehen, meist ihrer fünf bis acht, in einer einfachen Aehre, die sich so langsam aus der sie umschliessenden Scheide hervorschiebt, dass mehr als zwei Wochen zwischen dem Hervortreten der ersten, obersten und der letzten, untersten Blüte verstreichen können; so trat bei einer Aehre die erste Blüte am IG., die sechste und letzte am 25. Dezember v. J. hervor. Meist ehe noch die Blüte vollständig der Scheide entstiegen ist, treten aus ihrer Spitze die drei ein- fach fadenförmigen Griffel hervor und biegen sich nach aussen ; sie halten sich frisch, bis ihnen nach Tagen die Staubbeutel folgen. Bei einer vierblütigen Aehre, die als Beispiel dienen mag, erschienen Griffel und Staubgefässe an folgenden Tagen : i) Endlicher, Gen. plant. No. 911. „Gramen brasiliense admodum paradoxum, vix rite descriptum". lotz Die Verbreitungsmittel der Pflanzen. April 1885: Erste Blüte Zweite „ Dritte „ Vierte „ 7. 8. 9. 10. II. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. ig. 20. 21. 22. ? . . -6 c^ Den Stempel und die Staubgefässe umgeben zwei miteinander abwechselnde Kreise von je drei spelzenartigen Blättern; den inneren Kreis betrachtet Doli als Blumenkrone, den äusseren als Kelch, Um den äusseren Kreis herum zieht sich ein Kranz kurzer steifer gezähnelter Deckblätter, deren Zahl und Stellung schwer festzustellen ist, da sie mehr oder weniger miteinander verwachsen. Von den drei äusseren Spelzen sind die beiden von der Achse des Blütenstandes abgewendeten kürzer als die inneren und laufen in eine etwas nach aussen gebogene Spitze aus; die dritte Spelze dagegen, die äusserste von allen, die der Achse anliegt, setzt sich in eine überaus lange, schraubenförmig ge- wundene Granne fort (daher der Name der Gattung), die sich an der Spitze der Aehre befestigt. Die Spindel der Aehre nämlich verlängert sich über die oberste Blüte hinaus und endigt in einen keulenförmigen Knopf, der dicht mit in mannigfacher Weise (S för- mig, hakenförmig u. s, w.) gebogenen, dicken steifen Haaren bedeckt ist. Zwischen diese verwickeln sich nun die schraubenförmigen Grannen. Die Grannen der obersten Blüten wachsen oft weit über den Endknopf der Aehre hinaus, um dann zu ihm zurück- zukehren. Zu dieser Umkehr werden sie, wie man an Knospen sieht, dadurch ge- zwungen, dass die sie umschliessende Scheide ihnen nicht gestattet, weiter aufwärts zu wachsen. Wie bei Ranken von Kletter- pflanzen, die eine Stütze gefunden, scheinen auch von den überaus zahlreichen Umläufen der schraubig gewundenen Granne ebensoviele nach rechts wie nach links zu laufen ; eine genaue Zählung ist kaum auszuführen. Bald folgen sich die Wendepunkte ziemlich rasch, bald sind lange Strecken der Schraube in gleicher Richtung gewunden. Wenn die Samen reif sind, lösen sich die Aehrchen und hängen nun an ihren langen Grannen von dem Endknopfe der Aehre nieder, bis ein vorüber- streifendes Pelztier sie entführt. Mir selbst ist es einmal begegnet, als ich in meinem Walde eine Streptochaeta ausgrub, an der ich gar keine Früchte bemerkt Fig. 4. Reife Aehre von Streptochaeta d Deckblatt oder Scheide. Die Verbreitungsmittel der Pflanzen. IO63 hatte, dass ich daheim in meinem Barte eine solche Frucht entdeckte. Ein Bart- haar hatte sich fest zwischen die inneren Spelzen und die beiden kürzeren mit der Spitze auswärts gekrümmten äusseren Spelzen geklemmt und so das Aehrchen losgerissen. Von den meisten Ausrüstungen zur Verbreitung der Samen, welcher Art diese auch sein mögen, ist zur Zeit des Blühens noch nichts zu sehen. Bei Strepto- chaeta dagegen ist die ganze Vorrichtung schon lange vor der Blütezeit voll- ständig ausgebildet und dies scheint mir das nicht am wenigsten Bemerkenswerte an diesem Falle. 2. August 1885. Wurzeln als Stellvertreter der Blätter^). Blatt- und stengellose Orchidee mit grünen Wurzeln (Aeranthus ?). Daneben eine Blume vergrössert. Mit I Textfigur, Dass, wo Blätter fehlen, Stengel deren Dienste übernehmen, ist nichts Ungewöhn- liches; Kakteen und blattlose Wolfsmilch- arten bieten allbekannte Beispiele. Dass aber auch Wurzeln die Blätter vertreten können, scheint man bis jetzt nicht beachtet zu haben, obwohl Pflanzen, bei denen dies geschieht^ seit lange bekannt sind. Es sind auf Bäumen lebende Orchideen aus den Gattungen Aeran- thus und Angrecum, also Verwandte des durch die erstaunliche Länge des lionig- bergenden Spornes berühmt gewordenen Angrecum sesquipedale. Den Beschreibern dieser blatt- und stengellosen Pflanzen sind bereits deren sehr zahlreiche, lange, oft viel- fach durcheinander geschlungene Wurzeln aufgefallen und Lindley hat darauf hin für Aeranthus Lindenii die Vermutung aus- gesprochen, dass diese blatt- und stengellose Pflanze, die mit fusslangen Blumen vom rein- sten Weiss prangt, ein echter Schmarotzer sei. Wenigstens für eine am Itajahy vor- kommende kleinblumige Art trifft diese Ver- mutung nicht zu. Sie gedeiht fröhlich auch auf trockenen Zweigen und ihre Wurzeln sind grün. Beides beweist, dass sie sich selbständig ernährt, und die grüne Farbe der Wurzeln zeigt, wo man die Stellvertreter der Blätter zu suchen habe. I. August 1885. I) Kosmos 1885. Bd. XVII. S. 443. Biologische Beobachtungen an brasiHanischen Orchideen'). Auf der Hauptversammlung des botanischen Vereins der Provinz Branden- burg zu Landsberg a. W. am 15. Juni 1886 teilte Herr P. Magnus folgende, ihm von Prof. F. Ludwig zugesandte biologische Beobachtung des Herrn Fritz Müller-Blumenau an brasilianischen Orchideen mit: Bekanntlich erhalten sich bei vielen Orchideen, namentlich den meisten Van- deen die Blumen viele Wochen, ja monatelang frisch, wenn sie nicht befruchtet werden, beginnen aber sofort zu welken, sobald sie bestäubt werden. Es ist dies nicht befremdlich, nachdem man in anderen Fällen eine direkte Beeinflussung der Blüte durch den übertragenen Blütenstaub kennen gelernt hat. Sehr merkwürdig ist aber das eigentümliche Verhalten rein männlicher Blumen von Catasetum. Hier tritt, wie Fritz Müller schon vor 20 Jahren beobachtete und neuerlich von neuem beobachtet hat, dies Welken sofort ein, sobald die Blütenstaubmassen ent- fernt werden. Merkwürdig ist weiter das Ergebnis des folgenden Versuches. Fritz Müller bestäubte eine in seinem Garten reichlich blühende Miltonia Regnellii mit dem Blütenstaub eines grünblumigen Catasetum und brachte gleich- zeitig in die Narbenkammer einiger Catasctumblumen Pollinien von Miltonia. Während die übrigen Blumen des Catasetum etwa 3 Tage nach Entfernung der Pollinien wie gewöhnlich welk abfielen, blieben Blütenstiele und Fruchtknoten der mit Miltoniapollen versehenen etwa 3 Wochen frisch, die Fruchtknoten be- gannen sogar ein wenig zu schwellen, sie fielen erst gleichzeitig ab mit den Miltoniablumen, die mit Catasetumpollen bestäubt worden waren. Es würde sich hiernach der Mühe lohnen, einmal auf die Narbe von Catasetum Pollen näher verw^andter Gattungen, wie Stanhopea oder Gongora zu bringen. I) Verh. des Bot. Vereins der Prov. Brandenburg 1886. Bd. XXVIII. S. IV. Notes on Fig-Insects^). Dr. Fritz Müller communicated the following notes on Fig-Insects: — "In his valuable paper on fig-insects (Feigen-Insecten. Wien, 1885), Gustav Mayr has described thirty-seven species, which some years ago I had gathered on the River Itajahy. Among these there are four new genera (Namiocerus, Pliysothorax, Critogaster, and Ganosomä) established on wingless males, while there is but one genus (Tetragonaspis) of which females only are described. Thus Gustav Mayr was led to think that without doubt one sex only of several genera was represented among the insects at his disposal. This, however, is not the case. By carefully collecting the insects from a large number of figs, and examining separately those taken from each fig, I have been able to refer all of these genera of wingless males to females of other genera. "Ganosomä is the wingless male of Tetragonaspis, as was already suspected by G. Mayr, G. robustiim being the male of T. flavicollis, and G. attemiatiim (pro parte) that of T. gracilicornis. "Critogaster is the wingless male of Trichatdus, C. singularis being the male of T. versicolor, female {T. versicolor, male, I suspect to be the winged male to C nuda). When I formerl}^ collected the fig insects of PJiarmacosycea, to which the genera letraptis and Critogaster appear to be limited, I had met with this one species of Trichaiilus only; now I have found the females of Critogaster piliventris and C nuda also. In these two species there are at the same time winged and wingless males, the latter being by far more numerous; of C. nuda I found one winged male to about ten females; of C piliventris I have met with but one winged male among hundreds of females; of C. singu- laris (Trichaiilus versicolor) , though this is by far the most common species of the three, I have seen none. "Pliysothorax disciger is the wingless male of Diomorus variabilis. Dio- morus produces very large galls, not connected, as far as I can judge, with the flowers of the fig. From these galls I raised numerous females and winged males of Diomorus, a few Physothorax, and one extremely curious male, intermediate in any respect (colour, antennce, wings, &c,) between the winged males of Dio- morus and the almost wingless Physothorax. I may add that the structure of I) Trans. Entom. Soc. London 1886. Proc. p. X — XII. Notes on Fig-Insects. 1 1 67 the hind legs and of tlie genital armature of the male is quite the same in the two forms. The wingless males (Physothorax) are incomparably less frcqiient in this species than the winged ones. "As Plesiostigma bicolor, of which G. Mayr dcscribed winged males, is nearly allied to Diomorus, I think it to be rather probable that Physothorax anmiliger should be the wingless male of this species. I did not see, this year, either of these two forms; perhaps they may be only aberrant forms of the Poly- morphie Diomorus variabilis, of which I have even seen two wingless females. "Naittiocertis biarticulaUts is the wingless male of a Diomorus, distinguished from D. variabilis by its ovipositor being shorter than the body, while it is con- siderably longer in D. variabilis. The galls, of which I have seen but very few as yet, are pedunculated, while those of D. variabilis, of which I have gathcred more than 800, are always sessile with a broad basis. I have not yet seen the winged male of this Diomorus. "Of the genus Heterandrium G. Mayr describes two species of wingless males (H. longipes and H. nudiventre), which he could not refer to any female. Now H. longipes is the wingless male of Colyostichus longicaudis, and H. nudi- ventre that of C. brevicaiidis. "Thus we have among the fig-insects of the Itajahy at least seven trimorphic species, consisting of females, winged and wingless males, viz., Critogaster mida, C. piliveiitris, Diomorus variabilis (Physothorax disciger), Heterandriutn uni- anmdatum, H. longipes (Colyostichus longicaudis), H. nudiventre (C. brevi- caudis), and Aepocerus inflaticeps (the female of which is A. emarginatus). To these probably may be added Diomorus sp. ( Nannoceriis biarticidatus) and Plesiostigma bicolor (Physothorax annuliger) . "In the Old World but one trimorphic species of fig-insects has as yet been found, viz., Crossogaster triformis, G. Mayr." Neue Beobachtungen über Feigenwespen ^). (Mitgeteilt von F. Ludwig.) Die interessanten Beobachtungen von Fritz MüUer über die Feigen- wespen des Itajahy in Brasilien, über welche wir in Bd. V Nr. 24 S. 745 ff. ^) dieser Zeitschrift berichtet haben, sind inzwischen durch neue wichtige Forschungs- ergebnisse desselben Biologen vermehrt und zu einem gewissen Abschluss ge- bracht worden. Fritz Müller teilt uns unter dem Datum des 7. Febr. d. J. das Folgende mit: „Die Feigen und mehr noch ihre Bestäubungsvermittler und sonstigen In- sassen haben mich während der letzten Monate fast ausschliesslich beschäftigt, und es haben schon die recht zeitraubenden und langweiligen Untersuchungen der letztern einen über Erwarten günstigen Erfolg gehabt. So hatte G. M a y r aus den Feigen eines Baumes nicht weniger als 20 verschiedene Arten beschrieben, darunter 9 S ohne ? und 4 $ ohne c^; dadurch, dass ich aus 40 Feigen dieses Baumes die Wespen gesondert sammelte und die jeder Feige gesondert unter- suchte (es waren im ganzen über 2000 Wespen), gelang es mir, fast für alle diese Fälle die zusammengehörigen J und $ herauszufinden. Der Ueberschuss der d erklärt sich daraus, dass in mehrern Fällen dasselbe $ zweierlei d hat: geflügelte, die ihm sehr ähnlich sind, und ungeflügelte, dienicht die geringste Aehnlichkeit mit ihm haben. So ist Physothorax disciger das flügellose S von Diomorus variabilis (? d), Heterandrium longipes das flügellose S von Colyostichus longicaudis ($ 3); Aepocerus inflaticeps, von dem G. Mayr geflügelte und ungeflügelte d beschrieben, gehört zu A. emarginatus, von dem er nur $ beschrieb u. s. w. — Aus einer andern Feigenart hatte G. Mayr nach flügellosen d die Gattung Nannocerus aufgestellt; dazu gehört nun als ? ein Diomorus (wie zu Physothorax disciger). — Mit dem rein systematischen Teile wäre ich somit nun ziemlich im klaren; aber es bleiben noch die schwierigem biologischen Fragen : in welcher Beziehung steht jede der zahlreichen Wespenarten zur Feige und zu den übrigen Insassen der Feige? — Es scheint, dass für einige 1) Biol. Centralbl. 1886/87. Bd. VI. S. 120. 2) Bezieht sich auf den Bericht im Kosmos Bd. XVIII. 1886. S. 55 ff. = Ges. Schriften S. 1070. Neue Beobachtungen über Feigenwespen. I06q der von Blastophaga brasiliensis bewohnten Feigen nicht diese der hauptsächlichste Bestäubungsvermittler ist, sondern eine Art der Gattung Tctragonaspis (wie G. M. die $) oder Ganosoma (wie er die S nannte). — Dann gibt es in den Feigen mehrerer Urostigma- Arten grosse Gallen, die gar nichts mit den Blüten der Feige zu thun zu haben scheinen, und die in mehrern Arten von Diomorus erzeugt werden, als dessen Schmarotzer dann Aepocerus- Arten auftreten. — Aber für die Mehrzahl der zahlreichen Feigenwespen habe ich noch keine Ahnung, was sie eigentlich in der Feige wollen und bedeuten." Feigenwespen ^). Bericht über „Feigeninsekten von Gustav Mayr". Die Untersuchungen des Grafen Solms-Laubach 2) und Paul Mayer's^) über den Feigenbaum und die Feigeninsekten haben einen würdigen Abschluss gefunden in der systematischen Bearbeitung der von diesen beiden Herren und auf deren Anregung gesammelten Insekten durch Professor Gustav Mayr in Wien ^). Erst jetzt, nachdem mit geübtem Blicke der auf diesem Gebiete so bewährte Meister das verwirrende Gewimmel wunderlicher Formen gesichtet, geordnet und beschrieben hat, ist eine sichere Grundlage geboten für weitere Forschungen über diese eine kleine Welt für sich bildenden Feigenwespen, über ihre Beziehungen zu den Feigen und zu einander ; erst jetzt wird es möglich, eine ganze Reihe sie betreffender Fragen zu stellen und in Angriff zu nehmen. „Die in Feigen vorkommenden Insekten sind" (nach G. Mayr) „in drei Kategorien zu teilen, und zwar gehören zur 1. die Gallenerzeuger, welche in den Fruchtgallen den Larven- und Puppenzustand zubringen. Hierher gehören wahrscheinlich alle Agaoninen, sicher aber mindestens die Arten der Gattimg Blastophaga. Zur 2. Kategorie gehören die parasitischen Hymenopteren, welche von den Larven, resp. Puppen der Agaoninen leben, indem sie ihre Eier in die Frucht- gallen legen und die daraus entstehendon Larven sich von den Larven der Aga- oninen ernähren. Zur 3. gehören die Feigenbesucher, nämlich jene Insekten, welche im ent- wickelten Zustande in das Innere der Feigen eindringen, sich wahrscheinlich von dem Safte derselben und schon auch von den zu Grunde gegangenen Männchen der Feigenbewohner nähren und die Feigen wieder verlassen", so z. B. Ameisen, Käfer (Nitiduliden, Staphylinen) Tausendfüssler, Milben u. s. w. Zu diesen drei von Gustav Mayr unterschiedenen Gruppen kommen noch 4. Insekten, welche wie die der beiden ersten Gruppen in der Feige ihre Ver- wandlung durchmachen, aber weder als Gallenerzeuger noch als deren Schmarotzer, 1) Kosmos 1886. Bd. XVHI. S. 55—62, 2) Siehe Kosmos Bd. XI, S. 306—315 (= Ges. Schriften S. 912 ff.) und S. 342—346 (= Ges. Schriften S. 922 ff.). 3) Siehe Kosmos Bd. XII. S. 310—314 (= Ges. Schriften S. 934 ff.). 4) Feigeninsekten, beschrieben von Dr. Gustav Mayr. Wien, 1885. (Aus den Verhandl. der k. k. zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien.) Feigenwespen. jq- j überhaupt nicht in den Früchten, sondern im Fleische der Feige leben. Schon in ganz jungen, selbst in noch unbestäubtcn Feigen kommen Käfer- und Zwei- flüglerlarven vor, die meist deren verfrühtes Abfallen bewirken, und in den zu Boden gefallenen reifen Feigen wimmelt es bald von allerlei Larven von Käfern, Mücken und Schlupfwespen. Wahrscheinlich gehören die in Gustav Mayr's Abhandlung beschriebenen Hautflügler allesamt den ersten beiden Gruppen an. Es wurden 67 in 2 1 Gattungen verteilte Arten unterschieden, die sämtlich, mit Ausnahme eines einzigen Braco- niden, zu den Chalcidiern gehören. Von den Gattungen sind 15 neu, von den Arten 63, darunter 25 aus der alten Welt, 38 vom Itajahy. Da bei vielen Feigen- wespen Männchen und Weibchen so ausserordentlich verschieden sind, dass „die Untersuchung der Tiere allein nicht die geringsten Anhaltspunkte zur Zusammen- stellung der beiden Geschlechter" zu bieten vermag, mussten vorläufig eine Reihe von Männchen und Weibchen als besondere Gattungen beschrieben werden. Dadurch wird die endgültig festzuhaltende Zahl der Gattungen und Arten sich etwas niedriger stellen; aber dennoch, welche verlockende Aussicht für Arten- jäger, wenn man bedenkt, dass bis jetzt kaum der zwanzigste Teil der bekannten Feigenarten, und selbst von diesen die meisten höchst ungenügend auf ihre Wespen untersucht worden sind! Ob sie Gallenerzeuger oder Schmarotzer von solchen seien, ist für die Mehr- zahl der Feigenwespen noch nicht zu entscheiden. Gallenerzeuger sind ohne Frage die Gattungen Blastophaga, Tetrapus, Crossogaster und Sycophaga, von denen die beiden letzten auf die alte Welt beschränkt sind und zwar Crossogaster nur auf der Insel Socotra gefunden wurde, während Tetrapus der südamerikani- schen Feigengattung Pharmacosycea eigentümlich zu sein scheint. Ausser der altbekannten Blastophaga grossorum, dem tfjvjv der alten Griechen, beschreibt G. M. noch 14 Arten dieser Gattung aus der alten Welt, von denen Java — Dank dem Aufenthalte des Grafen Solms auf dieser Insel — nicht weniger als neun lieferte. Blastophaga grossorum bewohnt mehrere über ein weites Gebiet (Kleinasien, Persien, Afghanisten, Nil, Abessinien) verbreitete, nahe verwandte Feigenarten ; dagegen wurde keine der übrigen altweltlichen Blastophagen in mehr als einer Feigenart angetroffen. Anders am Itajahy. Hier wurde ein und dieselbe Blastophaga (Bl. brasiliensis) in sieben verschiedenen Feigen (Ficus II, III, IV, V, VI, VII, IX) gefunden; sind auch drei derselben (II, IV, VI) so ähn- lich, dass sie vielleicht zur selben Art gerechnet werden können, so bleiben doch mindestens fünf scharf geschiedene und zum Teil weit verschiedene, an gleichem Orte wachsende Feigenarten auf eine einzige Blastophaga als wichtigsten Be- stäubungsvermittler angewiesen. Eine zweite Blastophaga (Bl. bifossulata) fand sich in einer einzigen, durch das im Grunde eines tiefen Trichters gelegene Auge sehr ausgezeichneten Feigenart (Ficus VIII). In der letzten der hier auf ihre Wespen untersuchten Feigen, der Pharmacosycea radula oder einer nächstver- wandten Art (Ficus I) ist Blastophaga durch die bis jetzt einzige Art der nahe- stehenden Gattung Tetrapus (T. americanus) vertreten. Von den flügellosen Männchen der Blastophagen wird angenommen, dass sie die Feige, in der sie geboren, nimmer verlassen, und das mag wohl auch als Regel gelten; doch fehlt es nicht an Ausnahmen, Am 29. April 1881 hatte ich jQ_2 Feigenwespen. gegen zweihundert Feigen der von Blastophaga bifossulata besuchten Art (Ficus VIII) heimgebracht; in einem kleinen Glase, in dem während des Vormittags eine Anzahl dieser Feigen aufbewahrt worden war, waren in dieser Zeit viele Blastophaga-]\Iännchen (aber noch keine Weibchen) aus den Feigen gekrochen und krochen am Boden des Glases umher; in einem zweiten Glase fanden sich ebenfalls (neben Weibchen) viele Mäimchen ausserhalb der Feigen. Ebenso habe ich später aus Feigen einer anderen Art (Ficus VII) Männchen von Blastophaga brasiliensis herauskommen sehen und sogar einzelne aussen auf den noch am Baume sitzenden Feigen angetroffen. Ich bezweifle nicht, dass sie von Feige zu Feige wandern ; bei den zwei betreffenden Feigenarten pflegen die jungen Zweige dicht mit Feigen besetzt zu sein und ohne solche Wanderungen würden viele Männchen ohne Weibchen, viele Weibchen ohne Männchen bleiben müssen, da das Verhältnis der Geschlechter in den einzelnen Feigen ein sehr schwankendes ist. So waren unter den am 29. 4. 81 gesammelten Feigen zwei, in welchen neben zahlreichen Weibchen sich kein einziges Männchen fand, und zwei andere, in denen auf etwa hundert Männchen nur gegen zwanzig Weibchen kamen. Dass ich einmal (11. 4. 81) eine nur Blastophaga-Männchen enthaltende Feige (von Ficus VII) gefunden, ist schon früher (Kosmos XII, S. 3 1 3 = Ges. Schriften S. 938) erwähnt worden. Ausserdem würde ohne Wandern der Männchen, wenigstens bei kleinfrüchtigen Feigenarten, bei denen in jede Feige nur ein einziges Blastophaga- Weibchen einzudringen pflegt, fast immer engste Inzucht zwischen Geschwistern stattfinden müssen. So untersuchte ich von Ficus II 265 unreife Früchte und fand davon 5 % ohne Blastophaga- Weibchen, also durch irgendwelche andere Wespe befruchtet, 8470 ^^ je einem, 11% mit je zwei Blastophaga- Weibchen ; unter 382 unreifen Früchten von Ficus VII waren drei, also kaum i 7o> ohne Blastophaga- Weibchen, 86 "/o mit je einem, i3 7o rnit mehr als einem (zwei bis vier) Weibchen. Wenn man zugleich berücksichtigt, dass an den betreffenden Zweigen von Ficus VII höchstens 5 7o der überhaupt angelegten Feigen unbefruchtet geblieben oder aus irgendwelcher anderen Ursache abgefallen waren, so beweisen diese Zahlen, dass die Blastophaga-Weibchen nicht ohne Wahl in jedes beliebige offene Auge einer blühenden Feige eindringen, sondern fast immer diejenigen Feigen zu er- kennen und zu meiden wissen, von denen schon ein anderes Weibchen Besitz genommen hat. Dies hat den dreifachen Vorteil: i. dass möglichst viele Feigen bestäubt werden; 2. dass die Brut des Weibchens reichliches Futter findet; 3. dass in der Feige möglichst viele Samen reifen können. Der damit verbundene Nachteil, dass dann in der reifen Feige nur leibliche Brüder und Schwestern sich finden, dürfte wenigstens zum Teil durch das Wandern der Männchen von Feige zu Feige beseitigt werden. Von der Gattung Blastophaga hat man bis jetzt nie mehr als eine einzige Art in derselben Feigenart angetroffen, während aus manchen anderen Gattungen von Feigenwespen zwei oder mehr Arten dieselbe Feigenart aufsuchen; so wurden in der Ficus glomerata des botanischen Gartens in Buitenzorg zwei Sycophaga- Arten, in der von Schweinfurt auf Socotra gesammelten Ficus salicifolia zwei Sycoryctes- Arten gefunden; unter den aus Ficus III am Itajahy gesammelten Wespen unterschied G. Mayr zwei Arten von Heterandrium und vier von Tetra- gonaspis, ja unter den Wespen aus Ficus V sechs Arten der Gattung Aepocerus. Feigenwespen. 1073 Neben Blastophaga hausen in vielen Feigenarten schlanke Wespen mit sehr langer Leg'escheide ; so in Ficus carica die schon von Hasselquist als Cynips caricae, von Cavolini als Ichneumon ficarius beschriebene Philotrypesis caricae. Keiner der südbrasilianischen Feigenarten scheinen diese Bewohner zu fehlen ; nur bei einer Art (Ficus IX), von der ich erst drei der winzigen Feigen unter- suchen konnte, habe ich sie noch nicht gesehen. Eine dieser Wespen (Tetrago- naspis flavicollis) wurde in sieben verschiedenen Feigenarten (Ficus II bis VIII) angetroffen, von denen mehrere noch eine bis drei andere Arten derselben Gattung beherbergten. Im ganzen unterschied Gustav Mayr unter den Feigenwespen vom Itajahy sechs Tetragonaspis- Arten ; eine siebente wurde auf Java in Ficus glomerata gefunden. Mit diesen Tetragonaspis leben immer flügellose Männchen zusammen, für welche G. M. die Gattung Ganosoma errichtet hat; er selbst hält es jedoch „für sehr wahrscheinlich, dass Ganosoma das Männchen von Tetrago- naspis sei", und es kann darüber wohl auch kein Zweifel bestehen. Von Ficus VII habe ich im Sommer 1 880/8 1 hunderte verschiedenen Bäumen entstammende Feigen untersucht und darin ausser Blastophaga nie andere Wespen gefunden als Tetragonaspis flavicollis $ und Ganosoma robustum J; jene würde des Männ- chens, dieses des Weibchens entbehren, wenn sie nicht als Mann und Weib zu- sammengehörten. (Später, im Winter 1881, habe ich in Ficus VII noch zwei andere Wespen getroffen, darunter ein Heterandrium, dessen ich Erwähnung thue, weil ich einmal (13. Juni) eines der langbeinigen flügellosen Männchen aussen auf einer noch am Zweige sitzenden Feige herumstelzen sah; aus den heim- gebrachten Feigen kroch eine grössere Zahl solcher Männchen heraus.) Wie in Ficus I (Pharmacosycea radula?) die Gattung Blastophaga durch Tetrapus, so ist Tetragonaspis durch Trichaulus ersetzt und Ganosoma durch Critogaster. Die letzten beiden Gattungen flügelloser Männchen unterscheiden sich vornehmlich dadurch, dass die Mundteile von Critogaster weniger verkümmert sind, dass er noch Unterkiefer und Unterlippe besitzt, die bei Ganosoma fehlen. Die nahe Verwandtschaft dieser flügellosen Männchen legt die Vermutung nahe, dass Critogaster ebenso zu Trichaulus gehöre, wie ohne Frage Ganosoma zu Tetragonaspis, und ich glaube, dass dies wirklich der Fall ist trotz der Bedenken, die sich einer solchen Annahme entgegenstehen lassen. Ein erstes Bedenken könnte der Umstand erwecken, dass bei Trichaulus geflügelte, dem Weibchen ungemein ähnliche Männchen vorkommen. Allein da unter den Feigenwespen schon mehrere Arten bekannt geworden sind, bei denen neben wohlgeflügelten Männchen andere ohne Flügel oder mit Flügelstummeln sich finden (Crossogaster triformis von Socotra, Heterandrium uniannulatum, Aepo- cerus inflaticeps vom Itajahy), so hat ein neues Beispiel solchen Vorkommens nichts Befremdendes mehr. Ein zweites, schwerer wiegendes Bedenken liegt in der grossen Verschiedenheit der flügellosen Critogaster ; sie ist so bedeutend, dass Gustav Mayr drei besondere Arten für sie errichtet hat. Das Weibchen von Trichaulus würde also ausser den geflügelten, ihm sehr ähnlichen, noch dreierlei ungeflügelte, ihm ganz unähnhche Männchen besitzen. Aber haben nicht in der- selben Ordnung der Hautflügler viele Ameisen neben geflügelten Weibchen noch zwei- oder dreierlei ungeflügelte? Diesen Bedenken gegenüber lassen sich Fritz Müllers gesammelte Schriften. "° IQjA Feigenwespen. als, wie mir scheint, durchschlagende Beweise für das Zusammengehören von Trichaulus und Critogaster folgende Thatsachen anführen : i . die geflügelten Männ- chen von Trichaulus sind überaus selten, kaum eines auf Hunderte von Weibchen, können also sicher nicht zur Befruchtung auch nur eines kleinen Bruchteiles der Weibchen ausreichen; 2. niemals wurde in einer Feige Trichaulus ohne Crito- gaster oder Critogaster ohne Trichaulus gefunden ; entweder sind beide vorhanden oder beide fehlen (selbstverständlich gilt dies nicht für Feigen, aus denen die Weibchen schon ausgeflogen sind); 3. in Ficus I kommen überhaupt keine an- deren weiblichen Wespen vor als Tetrapus americanus und Trichaulus versicolor. Diesem dritten Beweise könnte man nach Durchsicht der Mayr'schen Abhandlung entgegenhalten, dass ja auch aus anderen Feigen mancherlei Männchen gesammelt wurden, zu denen die Weibchen fehlen ; so aus Ficus V nicht weniger als sieben (2 Physothorax, i Plesiostigma, i Heterandrium und 3 Aepocerus). Indessen sind diese beiden Fälle völlig verschieden. Ficus V ist ein hoher Urwaldsbaum, der erst Frucht bringt, wenn er seine Krone über seine Umgebung emporgehoben; seine Früchte sind daher völlig unzugänglich; man ist angewiesen auf die, welche schmausende Papageien herabwerfen ; so habe ich erst einmal Gelegenheit gehabt. Feigen dieser Art zu untersuchen. Aus den meisten waren die geflügelten Wespen schon v'ollständig verschwunden, nur wenige waren noch geschlossen. So war es nun natürlich, dass für viele flügellose Männchen die geflügelten Weibchen ver- misst wurden. Ficus I ist dagegen ein sehr häufiger und vielfach ausserhalb des Waldes wachsender Baum mit meist leicht zugänglichen Früchten, so dass ich von verschiedenen Bäumen eine sehr grosse Zahl noch geschlossener Früchte sammeln konnte. In diesen mussten sich für die flügellosen Männchen jeden- falls (wenn auch nicht notwendig immer in derselben Feige) auch die geflügelten Weibchen finden. Ueber die Bedeutung der Vielgestaltigkeit der Männchen selbst nur eine Vermutung auszusprechen, wäre voreilig, bevor nicht durch weitere Beobachtungen festgestellt ist, ob es sich überhaupt um drei scharf geschiedene oder um nur eine sehr veränderliche Form handelt, und für den ersten Fall, ob die drei Formen stets zusammen in derselben Feige oder aber getrennt in verschiedenen Feigen desselben oder verschiedener Bäume leben. Ficus I (Pharmacosycea radula?) stellt sich allen übrigen Feigenarten des Itajahy nicht nur darin gegenüber, dass die den letzteren gemeinsamen, auch in der alten Welt vertretenen Gattungen Blastophaga und Tetragonaspis durch zwei andere, bis jetzt nur in jener einzigen Art gefundene Gattungen, Tetrapus und Trichaulus ersetzt sind, sondern auch darin, dass Tetrapus americanus und Tri- chaulus versicolor ihre beiden einzigen Wespen sind, während bei allen anderen Arten (von der so gut wie noch nicht untersuchten Ficus IX abgesehen) neben Blastophaga und Tetragonaspis noch mehr oder weniger zahlreiche andere Wespen hausen. Dieser Gegensatz lässt sich wohl nur dadurch erklären, dass Ficus I sich schon frühe von dem gemeinsamen Stamme unserer übrigen Feigen ab- gezweigt habe, und in der That hat auch Miguel auf Grund des Blütenbaues jene Art und einige ihr nahestehende, ebenfalls in Südamerika heimische als eigene Gattung Pharmacosycea den übrigen, der Gattung Urostigma zugeteilten Feigenwespen. loy^ Feigen Süd-Amerikas gegenüberstellt. Neuerdings zweifeln zwar Bentham und Hooker ^), ob Pliarmacos3xea von Urostigma zu trennen sei; doch möchte ich in dieser Frage die Stimme der Feigenwespen selbst so gewiegten Botanikern gegen- über für entscheidend halten. Dass und weshalb ich Philotr}^pesis (= Ichneumon ficarius Cavol.), Trichaulus und Tetragonaspis nicht für Schmarotzer von Blastophaga, sondern für Gallen- erzeuger halte, habe ich bereits in der Besprechung von Paul Mayer's Feigen- insekten gesagt (Kosmos XII, S. 312 = Ges. Schriften S. 936); spätere Be- obachtungen haben mich in dieser Ansicht nur bestärkt. Ueber unsere zahlreichen anderen Feigenwespen wage ich kaum etwas zu sagen. Dass sie nicht alle Schmarotzer von Blastophaga oder Tetragonaspis sein können, zeigen schon ihre Grössenverhältnisse. Offenbar kann ein Schmarotzer keine grössere Masse haben als die Wespe, von deren Larve er sich genährt hat, ja nicht einmal gleich grosse. Neben Blastophaga brasiliensis, deren Weibchen bis 1,5 mm, deren Männchen bis 1,3 mm lang wird, und neben Tetragonaspis flavicollis, deren Weibchen bis 2 mm, deren Männchen (Ganosoma robustum) bis 1,9 mm Länge erreicht, leben nun in Ficus II: Diomorus variabilis ($: 1,8 — 2,4; S: 1,3 — 2,1 mm), Decatoma longiramulis (?: 2,1; S; 1,7 — 2,1 mm) und Aepocerus excavatus ($: 3 — 3,2; cf: 2,2 mm). So wenig nun auch wegen des bald schlankeren, bald gedrungeneren Leibes die Länge zweier Arten allein auf das Verhältnis ilirer Masse schliessen lässt, so bietet sie doch im vorliegenden Falle genügenden Anhalt, um mit voller Bestimmtheit sagen zu können, dass Aepocerus excavatus, der Riese unter unseren Feigenwespen, sich nun und nimmer an einer Larve von Blastophaga oder Tetragonaspis zu seiner mehrfach grösseren Leibesmasse heran gefüttert haben kann, und um es auch für die genannten Arten von Dio- morus und Decatoma als höchst unwahrscheinlich bezeichnen zu dürfen, dass sie Schmarotzer von Blastophaga oder Tetragonaspis seien. Von allen Feigen wespen des Itajahy sind Blastophaga und Tetrapus die einzigen, welche zum Eierlegen in die jungen blühenden Feigen hineinkriechen und so eine reichliche Bestäubung der weiblichen Blüten bewirken. Auch Tetra- gonaspis und Trichaulus können durch die der Legescheide anhaftenden Blüten- staubkörner eine wenn auch meist sehr dürftige Bestäubung zuwege bringen. Dasselbe mag für andere nicht schmarotzende Arten gelten. Im allgemeinen aber wird die ganze bunte Gesellschaft, die sich z. B. in Ficus V neben Blasto- phaga und Tetragonaspis sammelt, den Feigen mehr schädlich als nützlich sein. Von den Schmarotzern, die nützliche Wespen vernichten, ist dies selbstverständ- lich; für die nicht schmarotzenden Arten gilt es für alle Fälle — und es ist dies die weit überwiegende Mehrzahl — in denen sie neben Blastophaga sich einnisten ; denn einer durch letztere genügend bestäubten Feige können sie nichts nützen, schaden aber durch Verzehren von Früchten, die ohne sie Samen gebracht hätten. So würde es für jede Feigenart sehr vorteilhaft sein, diese unnützen, schädlichen Gäste von sich fern zu halten. Ficus I (Pharmacosycea radula?) scheint dies vollständig" erreicht zu haben, da bis jetzt keine anderen Bewohner als Tetrapus und Trichaulus in ihr gefunden wurden ; die reifen und der Reife nahen Feigen I) Bentham und Hooker, Genera plantarura. Vol. III. p. 368. 68" 1076 Feigenwespen. dieser Art haben einen eigenen, für mich höchst widerlichen Geruch; ob es ein ähnlicher, menschlichen Nasen unmerkbarer Geruch der jungen Feige, ob es die besondere Beschaffenheit ihres Milchsaftes^), ob es etwas anderes ist, was unwill- kommene Gäste fern hält, ich weiss es nicht. Ziemlich frei von solchen Gästen hält sich auch Ficus VII; monatelang hatte ich Feigen verschiedener Bäume zu hunderten untersucht, ohne andere Bewohner zu finden als Blastophaga und Tetragonaspis ; später sind mir allerdings noch zwei andere Arten vorgekommen. Bei dieser Art dürfte eine dickliche, überaus herbe und saure Flüssigkeit, die zeitig in die Höhle der jungen Feige abgeschieden wird, Schutz gegen unberufene Gäste gewähren. Blumenau, Sa. Catharina, Brasilien. 26. September 1885. i) Die Milch dieses Feigenbaumes („leite de figueira") dient in Brasilien als Heilmittel gegen die durch Dochmius duodenalis veranlasste Bleichsucht, das sogenannte „mal da terra". Critogaster und Trichaulus^). Zweck dieser Zeilen ist, eine irrige Vermutung zu berichtigen, die ich in dem Berichte über G. Mayr's „Feigeninsekten" ^) ausgesprochen habe. Es hat sich die Vermutung" bestätigt, dass die Critogaster als flügellose Männchen zu Trichaulus gehören; dagegen gehören nicht alle drei Critogaster- Arten zu dem einen Trichaulus versicolor, den ich allein vor fünf Jahren gefunden hatte, sondern jede der drei Critogaster-Arten hat ihre eigenen geflügelten Weib- chen und Männchen, Ich untersuchte im Laufe des letzten Sommers Feigen von acht Pharma- cosycea-Bäuraen. Von dem die Blastophaga unserer übrigen Feigenarten ver- tretenden Tetrapus abgesehen, bestanden die Tausende geflügelter Wespen aus- schliesslich aus Trichaulus, die flügellosen Männchen ausschliesslich aus Critogaster. Um die Wespen der einzelnen Feigen vollzählig zu erhalten und gesondert untersuchen zu können und damit einen sicheren Prüfstein für die Zusammen- gehörigkeit der verschiedenen Formen zu gewinnen, wurden Feigen, in welchen eben die flügellosen Männchen auszukriechen begannen, die Weibchen also noch nicht ihre Gallen, viel weniger also die Feige verlassen hatten, gesondert auf- bewahrt, bis alle Gallen leer waren. Es ergab sich zunächst, dass wie voraus- zusehen, Trichaulus versicolor zu Critogaster singularis, der bei weitem häufigsten Art dieser flügellosen Männchen gehört, dass diese beiden Formen sich stets bei- sammen finden. Am 15. November erhielt ich zum erstenmale aus einer Feige, in welcher ausser 2 Critogaster singularis sich 7 Cr. piliventris fanden, über ein Dutzend auf den ersten Blick von Trichaulus versicolor zu unterscheidende Weibchen. Bei Trichaulus versicolor, dem Weibchen von Critogaster singularis, glänzt fast die ganze Oberseite des Leibes in prächtigem metallischem Grün oder Blau; der Unterleib trägt eine Stachelscheide von etwa doppelter Körperlänge. Bei den Weibchen von Critogaster piliventris entbehrt der gelbe Leib fast vollständig jenes schönen Metallglanzes; die schwarze Stachelscheide hat etwa dreifache Körperlänge; der Hinterleib zeigt eine eigentümliche sattelartige schwarze Zeich- nung und beim lebenden Tiere bieten auch die lebhaft roten Augen ein augen- 1) Kosmos 1886. Bd. XIX. S. 54—56. 2) Kosmos, 1886. Bd. XVIII. S. 55 = Ges. Schriften S. 1075. j^_o Critogaster und Trichaxilus. fälliges unterscheidendes Merkmal, Zahlreiche spätere Beobachtungen haben das stets gemeinsame Vorkommen dieser Weibchen und des Critogaster piliventris bestätigt. Schon am folgenden Tage (i6. ii. 85) sollte ich auch die Weibchen der dritten, seltensten Art, Critogaster nuda, kennen lernen; sie sind in der Färbung denen von Cr. singularis, d. h. Trichaulus versicolor sehr ähnlich, aber sofort an ihrer kaum Körperlänge erreichenden Stachelscheide zu erkennen. Sehr häufig finden sich alle drei Arten oder doch wenigstens zwei in der- selben Feige. In den Feigen von dreien der acht Bäume fehlte Critogaster nuda und natürlich auch das zugehörige Weibchen; ein anderer Baum zeichnete sich durch besondere Häufigkeit dieser Art aus. Geflügelte Männchen habe ich in diesem Sommer von Critogaster singularis (=: Trichaulus versicolor) unter Tausenden von Weibchen kein einziges, von Cr. piliventris ein einziges unter mehreren hundert Weibchen gefunden, während bei Cr. nuda auf etwa 10 Weibchen ein geflügeltes Männchen kam. Dass ich vor fünf Jahren flügellose Männchen aller drei Arten, Weibchen dagegen nur von einer Art fand, wird daher rüliren, dass an den Bäumen, von denen ich damals Feigen pflücken und geflügelte Wespen sammeln konnte, nur diese eine Art vorkam; die Männchen der beiden anderen Arten werden von Bäumen stammen, unter denen ich Feigen auflas, aus welchen die geflügelten Wespen bereits ausgeflogen waren. Blumenau, 30. April 1886. Bericht^) über: „Die Geschlechterdifferenzierung bei den Feigenbäumen von Graf zu Solms-Laubach"^). Die vor drei Jahren im „Kosmos" (Bd. ii, S. 342 = Ges. Schriften S. 922) angeregte Frage, ob die Essfeige eine durch Anbau erzielte Rasse des wilden Caprificus sei oder ob Feigenbaum und Caprificus als schon vor dem Anbau ent- standene weibliche und männliche Form ihrer Art zu betrachten seien, hat früher, als zu erwarten stand, ihre Antwort gefunden und es sind dadurch die im „Kos- mos" vertretenen Anschauungen ganz und voll bestätigt worden. Wir danken den Beweis hierfür dem Grafen zu Solms-Laubach, dem, wie er selbst sagt, „begreif- licherweise mehr als anderen daran gelegen sein musste, diesen Beweis geführt zu sehen", und der ja auch durch jahrelange, eingehende Beschäftigung mit dem Gegenstande wie kein anderer befähigt war, diese Frage zu lösen. „Der geforderte Beweis", sagt Graf Solms, „lag vor, sobald es gelang, eine solche divergente Geschlechtsentwickelung auch nur bei einer wilden, notorisch niemals von Kultur tangierten Ficus-Spezies aufzufinden. Welcher Gruppe diese angehöre, war dabei gleichgültig, da die monophyletische Abstammung aller Feigenbäume wohl nicht zweifelhaft sein kann." Während seines halbjährigen Aufenthaltes auf Java hat nun Graf Solms soviel als irgend möglich den Feigenbäumen seine Aufmerksamkeit gewidmet und es ist ihm gelungen, nicht nur eine, sondern eine ganze Reihe von Arten mit ähnlicher Verteilung der Geschlechter zu finden, wie sie im „Kosmos" für den gewöhnlichen Feigenbaum wahrscheinlich zu machen gesucht wiu'de, und zwar war bei diesen Arten die „Geschlechterdifferenzierung" in so verschiedener Weise ausgebildet, dass sie einen Schluss erlauben auf den Weg', den bei dieser Differenzierung die Feigenbäume durchlaufen. Ich gebe diesen wahrscheinlichen Entwickelungsgang fast ganz mit Graf Solms' eigenen Worten. Den relativ ältesten Feigentypus stellt Ficus (Urostigma) elastica dar. Hier stehen die männlichen und weiblichen Blüten regellos durcheinander; die letzteren scheinen alle wesentlich gleich beschaffen, so dass es vom Zufall abhängen dürfte, 1) Kosmos 1886. Bd. XVIII. S. 62—63. 2) H. Graf zu Solms-Laubach, Die Geschlechterdifferenzierung bei den Feigenbäumen. Bot. Zeitung 1885, No. 33—36. Taf. V. lo8o Bericht über: „Die Geschlechterdifferenziening bei den Feigenbäumen von Graf zu Solms-Laubach". ob aus ihren Fruchtknoten Früchte oder wespenbergende Gallen entstehen. Der- artige Geschlechtsanordnung bezeichnet Graf Solms als synözisch. In solchen synözischen Infloreszenzen geht nun die Differenzierung nach zwei verschiedenen Richtungen vor sich: es bildet sich einmal die Scheidung einer vorderen männ- lichen und einer hinteren weiblichen Region in der Feige heraus, wie solches die meisten Formen von Ficus und Urostigma zeigen. Und gleichzeitig werden die weiblichen Blüten in Gallen- und in Samenblüten geschieden, letztere durch lange Griffel mit wohlent\vickelter Narbe, erstere durch kürzere Griffel und mehr oder minder verkümmerte Narbe ausgezeichnet. Zunächst stehen dieselben noch regellos beisammen, so z. B. bei Ficus (Sycomorus) glomerata h. Bog. ^) — Nach dem, was die Untersuchung des eben genannten Baumes ergab, scheint es, als ob diese Scheidung mit Ueberverlängerung derjenigen Griffel beginne, die dem Einstich des Insekts entzogen werden sollen ; als ob anderseits, bei den Gallenblüten, die Verkümmerung der Narbenfläche, die nun nicht mehr nötig, erst später, in stufen- weiser Progression fortschreitend, hinzukomme. Wie sich weiterhin aus synözischer Anordnung vollkommene Geschlechtstrennung entwickelt, wie wir sie in der Cystogyne-Gruppe, bei F. hirta und diversifolia finden, ist leicht zu verstehen. In einem Falle geht eben durch sich steigernde Griffelverlängerung aller weiblichen Blüten die Möglichkeit der Gallenerzeugung verloren ; im anderen Falle wurden die Samenblüten unterdrückt, wobei es fraglich, ob dies stets durch Verkümmerung der Narben oder auch so zu stände kommt, dass infolge der reichlichen Gallen- bildung alles disponible Nährmaterial für diese verbraucht wird. Die männlichen Feigen würden ohne Gallenblüten funktionslos werden, sie bergen deren immer eine wechselnde Zahl; die weiblichen Feigen behalten diesen ihren Geschlechts- charakter, mögen sie nun männliche Blüten enthalten oder nicht, da diese doch, wenn vorhanden, beim Mangel des Insekts zu absoluter Funktionslosigkeit ver- urteilt sind. Als unnütz sind sie denn auch fast durchweg in Verlust geraten und kommen nur mehr gelegentlich in Form von Rückschlägen zur Entwickelung (F. Carica fem., F. variegata var. h. Bog.). Am allerweitesten geht die Differen- zierung in dieser Richtung bei F. diversifolia, bei welcher die beiderlei weiblichen Blüten schon ursprünglich in verschiedener Zahl und Form hervorgebracht werden. Dies die Hauptergebnisse der erfolgreichen javanischen Feigenforschungen des Grafen Solms. Leider muss ich mir versagen, auf die einzelnen Arten näher einzugehen, deren sehr anziehende Schilderung ohne die begleitenden Abbildungen wenigstens für die schwer verständlich bleiben würde, die nicht schon aus eigener Anschauung mit dem Gegenstande vertraut sind. Ich verweise daher in betreff derselben auf die vortreffliche Abhandlung selbst und empfehle sie dringend allen, die einen tieferen Einblick in diese wunderbaren Wechselbeziehungen zwischen Feigen und Wespen und in die Weise zu gewinnen wünschen, in der die Feigen einen ursprünglich einfach ihre Früchte zerstörenden Schmarotzer für ihre Kreuzung sich immer vollkommener dienstbar gemacht haben. Blumenau, Sa. Catharina, Brasihen. ii. November 1885. i) hortorum Bogoriensium. Der Herausgeber. Zur Kenntnis der Feigenwespen ^) I. Mit dem angenehmen Gefühle, durch mich angerichtetes Unheil wieder gut zu machen, theile ich die nachstehenden Ergebnisse meiner diesjährigen Be- schäftigung mit unseren Feigenwespen mit. Vor fünf Jahren hatte ich auf den Wunsch meines Freundes Paul Mayer in Neapel Wespen aus hiesigen Feigen- arten gesammelt; dieselben sind durch Gustav Mayr in vortrefflicher Weise bearbeitet worden. Nach halbjähriger, fast täglicher Benutzung dieser Arbeit darf ich mir, obschon völlig Laie auf dem Gebiete der Hautflügler, dieses Urtheil wohl erlauben. Es wurden 38 neue Arten aus hiesigen Feigen beschrieben und auf dieselben 10 neue Gattungen begründet; aber zu 15 Arten fehlen die $, zu 8 Arten die d', 5 Gattungen wurden nur auf d, eine nur auf ? begründet. Wer da weiss, welch buntes Gewimmel verschiedener Arten die Feigen desselben Baumes beherbergen können, — aus den Feigen eines einzigen Baumes beschrieb G. Mayr 20 Arten! — und wie verschieden die flügellosen d von ihren ? zu sein pflegen, so dass ihre Untersuchung nicht den mindesten Anhalt bietet, um sie als zusammengehörig zu erkennen, wird dies begreiflich finden ; aber das ändert nichts an der Thatsache, dass mein Sammeln mehr Verwirrung als Klärung in die Kenntnisse der Feigenwespen gebracht und einen unerträglich unbefriedi- genden Zustand geschaffen hat. Dem nach Kräften abzuhelfen, schien mir Pflicht und es ist mir der Hauptsache nach im Laufe des letzten Sommers gelungen, I. Critogaster und Trichaulus. Zuerst boten sich mir, in den letzten Monaten des vorigen Jahres, ein halbes Dutzend Bäume mit reifenden Früchten von Ficus I zur Untersuchung. (Leider kann ich auch jetzt die Namen der Feigenarten noch nicht geben und bezeichne sie mit den früher von mir, sowie in den Arbeiten von P. Mayer und G. Mayr benutzten Zahlen; ich kann nur sagen, dass Ficus I zur Untergattung Pharma- cosycea gehört, alle übrigen zur Untergattung Urostigma.) Aus dieser Feigenart hat G. Mayr 5 Wespen beschrieben: Tetrapus americanus, Trichaulus versicolor, Critogaster singularis, Cr. piliventris und Cr. nuda. Die drei letzten Arten bestehen aus flügellosen d. Ich fand nun auch dreierlei $ der Gattung Trichaulus, und da von der häufigsten dieser drei Arten, dem Tr. versicolor, unter Tausenden von ? kein einziges ge- I) Entom. Nachr. 1886. XU. No. 13. p. 193 — 199. iQgf Zur Kenntnis der Feigenwespen. flügeltes d gefunden wurde, trotzdem ich gerade auf diese geflügelten S meine besondere Aufmerksamkeit richtete, da sich bei einer zweiten Art unter mehreren hundert $ nur ein einziges geflügeltes S fand, während bei der dritten Art etwa auf lo ? ein geflügeltes S kam, und da keinerlei sonstige ? vorkamen, zu denen die Critogaster als d hätten gehören können, so durfte als sicher angenommen werden, dass die Critogaster flügellose S von Trichaulus sind. Obwohl in der Regel mindestens zwei, sehr häufig alle drei Arten in derselben Feige vor- kamen, gelang es auch bald zu ermitteln, welche Arten als S und $ zusammen- gehören. Trichaulus versicolor gehört zu Critogaster singularis; das ? von Cr. n u d a ist ähnlich gefärbt wie Tr. versicolor, aber durch die sehr viel kürzere Stalchelscheide auf den ersten Blick zu unterscheiden; umgekehrt hat das ? von Cr. piliventris eine auffallend lange Stachelscheide und ist an seiner ganz abweichenden hellen Färbung und Zeichnung sofort zu erkennen. In den Feigen des zuletzt von mir untersuchten Baumes fehlte Critogaster nuda mit dem zugehörigen $ vollständig. Dass ich vor fünf Jahren alle drei Arten flügelloser S, geflügelte Wespen dagegen nur von Critogaster singularis (^Trichaulus versicolor) sammelte, erklärte sich daraus, dass auf den Bäumen, deren Feigen ich pflücken und von denen ich daher geflügelte Wespen sammeln konnte, eben nur Cr. sin- gularis vorkam; Cr. piliventris und nuda stammten jedenfalls aus am Boden aufgelesenen Feigen anderer Bäume, aus denen die geflügelten Wespen bereits ausgeflogen waren. — Um Aenderung der vorhandenen Namen möglichst zu vermeiden, empfiehlt es sich, die Gattung Critogaster beizubehalten und Trichaulus fallen zu lassen; letzterer auf die sehr lange, dünne Stachelscheide hinweisender Name passt ja auch kaum auf die $ von Critogaster nuda. Cr. nuda ist, beiläufig bemerkt, die Art, bei der die geflügelten S häufiger sind. — 2. Ganosoma und Tetragonaspis. Die Gattung Ganosoma wurde auf flügellose d, die Gattung Tetrago- naspis auf $ begründet. G. Mayr hat es bereits „für sehr wahrscheinlich" er- klärt, „dass Ganosoma das S zu Tetragonaspis sei", und es kann in der That darüber kein Zweifel bestehen. Ich habe wiederholt und bei verschiedenen Urostigm a- Arten einzelne Feigen gefunden, in denen keinerlei andere Wespen vorkamen, als Ganosoma und Tetragonaspis und kaum jemals vermisst man die eine der beiden Formen in Feigen, in denen die andere sich findet. Ueberaus häufig kommen mehrere Arten in ein und derselben Feige vor, und festzustellen, welche Ganosoma-Form jeder der sechs von G. Mayr unter- schiedenen Tetragonaspis- Arten als S zugehöre, würde mehr Zeit und Mühe kosten, als ich darauf verwenden möchte. Ganosoma robustum gehört zu Tetragonaspis flavicollis und das S von T. gracilicornis ist unter den von G. Mayr als G. attenuatum zusammengefassten P'ormen zu suchen. 3. Nannocerus, Physothorax und Diomorus. Diomorus variabilis entwickelt sich nicht, wie Blastophaga, Tetra- gonaspis und anderes kleines Gesindel, in den Fruchtgallen der Feigen, sondern Zur Kenntnis der Feigenwespen. Io8'^ in mehrfach grösseren Gallen, die von der Wand der Feige in deren Innenraum hineinwachsen. Aus den ersten solchen Gallen, die ich gesondert aufbewahrte, kroch neben D i o m o r u s auch ein Physothorax disciger und dasselbe ist später wiederholt geschehen. Das legte die Vermuthung nahe, Physothorax möge das flügellose S von Diomorus sein; die grosse Aehnlichkeit der zwei- zähnigen Hinterschenkel und die vollständige Uebereinstimmung, die Physo- thorax disciger und das geflügelte cS von Diomorus variabilis in der Bildung des Hinterleibsendes zeigen, konnten diese Vermuthung nur bestärken. Fast zur Gewissheit wurde sie durch die Untersuchung der Insassen von 40 Feigen von Ficus V, von denen die jeder einzelnen Feige gesondert aufbewahrt worden waren. In 11 Feigen wurde je ein, in einer wurden zwei Physothorax ge- funden und zwar nur zweimal ohne Diomorus-?; aus diesen beiden Feigen waren überdies offenbar die geflügelten Wespen grossentheils schon ausgeflogen. Selbst- verständlich konnten die winzigen Physothorax, die aus grossen Diomorus- gallen erhalten wurden, sich nicht in diesen entwickelt haben; sie mussten, wenn jene Vermuthung richtig war, in dieselben eingedrungen sein, um sich da mit dem Weibchen zu begatten. Ich sollte das Glück haben, solches Eindringen selbst zu sehen und damit den letzten Zweifel über das Zusammengehören der beiden Formen zu beseitigen. In den Feigen eines zweiten Baumes von F i c u s V fand sich neben Diomorus variabilis eine zweite aus sehr abweichend ge- stalteten Gallen hervorgehende Art dieser Gattung ; an einer dieser Gallen be- merkte ich (am 4. März) ein winziges Loch; ich schnitt sie auf und fand neben dem darin eingeschlossenen $ einen von Ph. disciger verschiedenen Physo- thorax. Bei dieser zweiten Di omorus- Art, die sich von D. variabilis durch längere Stachelscheide und dunkle Beine auf den ersten Blick unterscheiden lässt, scheinen die geflügelten d seltener, die flügellosen (Ph3^sothorax) häufiger zu sein als bei D. variabilis. Ich sammelte aus den Feigen des betreffenden Baumes von D. variabilis 128 $ und 51 geflügelte d, von der zweiten Art 39 $ und 6 geflügelte S; dagegen lieferte eine einzige Feige, die etwa ein halbes Dutzend grosse Diomorus gallen der zweiten Art enthielt, nicht weniger als fünf flügellose d (Physothorax) dieser Art. Aehnliche, wenn auch nicht überall von Diomorus herrührende, grosse Gallen kommen auch bei anderen Feigenarten vor; so bei Ficus II. Am 23. Januar fand ich in einer der Reife nahen Feige dieser Art, aus der noch keine Wespen ausgeflogen, erst wenige aus den Gallen ausgekrochen waren, drei solche grosse Gallen; aus denselben erhielt ich ein Pärchen von Aepocerus sp. und ein $ von Diomorus, das sich durch die Stachelscheide, die kürzer als der Körper war, und durch dunkle Schenkel und Schienen von D. variabilis unterschied. Ausserdem krochen aus den Gallen dieser Feige 3 Ganosoma, 3 Tetragonaspis, 7 Heterandrium nudiventre, 6 Colyostichus S, 5 Col3^ost. brevicaudis ?, 9 Colyostichus fallax n. sp. ? (s. u,), und ein Nannocerus biarticulatus ! Für dieses flügellose d war kein anderes $ da, als Diomorus, für Diomorus kein d als Nannocerus und ich zweifle um so weniger, dass sie als Mann und Weib zusammengehören, da Nannocerus, namentlich auch durch die wunderlichen dunklen Blasen an der Mittelbrust, sich iqQa Zur Kenntnis der Feigenwespen. eng an Physothorax anschliesst. Er ist nur auf dem von Physothorax eingeschlagenen Wege ein gut Stück weiter gegangen; bei Physothorax disciger sind von den 13 Fühlergliedern des Diomorus noch neun geblieben, bei Nannocerus ist die Zahl bis auf zwei gesunken. 4. Heterandrium longipes, H. nudiventre u. Colyostichus. Heterandrium longipes und nudiventre sind flügellose cJ von Co- lyostichus. Das hat, — wenn man sich der nahen Verwandtschaft der beiden kaum zu scheidenden Gattungen erinnert und an Heterandrium uniannu- latum mit seinem, den genannten beiden Arten äusserst ähnlichen, flügellosen S denkt, — so wenig Ueberraschendes, dass es kaum eines langen Beweises bedarf. Es genügt zu sagen, dass in den Feigen eines Baumes von Ficus V Heteran- drium longipes, in denen zweier Bäume von Ficus VII H. nudiventre sehr häufig war; dass mit ihnen, wo noch keine Wespen ausgeflogen, stets Colyo- stichus 9 vorkamen, dass sich keinerlei sonstiges für sie passendes ? fand und dass in einer Feige von Ficus VII sich überhaupt keine anderen Wespen ent- wickelt hatten als ? und geflügelte cj' von Colyostichus brevicaudis, sowie Heterandrium nudiventre. Zu den beiden von G. Mayr beschriebenen Colyostichus- Arten kommt noch eine dritte, die mich lange in der Irre herum- geführt hat. Am 23. Jan. fand ich, wie erwähnt, eine Feige von Ficus II, die ausser anderen Wespen 7 Heterandrium nudiventre, 6 geflügelte Colyo- stichus c?, 5 ? von Colyost. brevicaudis und 7 $ eines Colyostichus enthielt, den ich nach seinem ganzen Aussehen für C. longicaudis nahm. Da ich nun aus Ficus V als flügelloses d dieser letzteren Art Heterandrium longipes kannte, hielt ich H. nudiventre für das d von Co 1. brevicaudis. Aber am 10. Februar traf ich in einer zweiten Feige desselben Baumes, aus der noch keine Wespen ausgeflogen, neben einzelnen Blastophaga, Ganosoma und Tetragonaspis, 2 $ von Heterandrium biannulatum, 7 Heteran- drium nudiventre, 18 $ und 2 geflügelte S der für Colyostichus longi- caudis gehaltenen Art, aber keinen Col. brevicaudis, Nähere Untersuchung ergab nun, dass diese Colyostichus $ sich von den des Col. longicaudis aus Ficus V nicht nur durch noch längere Stachelscheide, sondern auch im Baue der Fühler unterschieden. Bei den ? von Col. longicaudis sind alle 5 Fadenglieder gleich lang, bei denen von Col. brevicaudis ist das 2. Faden- glied äusserst winzig, ringförmig; bei denen der neuen Art, die ich Col. fallax nenne, ist dieses zweite Fadenglied merklich, wenn auch nicht bedeutend kleiner (kürzer und dünner) als das erste und dritte. — Damit schien die Sache erledigt ; Heterandrium nudiventre war flügelloses d nicht von Colyostichus brevicaudis, sondern von Col. fallax. Allein im März traf ich in den Feigen zweier Bäume von Ficus VII Colyostichus brevicaudis ungemein häufig, (z. B. in 17 unter 20 Feigen, deren Insassen ich aufzeichnete) und mit ihm als flügel- loses d Heterandrium nudiventre. Colyostichus fallax gab es nicht in diesen Feigen, C. longicaudis war äusserst selten. Bis jetzt weiss ich diese flügellosen d des Colyostichus brevicaudis aus Ficus VII nicht von denen des Col. fallax aus Ficus II zu unterscheiden. Zur Kenntnis der Feigenwespen. 1085 5. Aepocerus emarginatus und inflaticeps. Von Aepocerus emarginatus hat G. Mayr nur ?, von A. inflati- ceps nur geflügelte und flügellose, oder vielmehr stummelflüglige S beschrieben. Beide sind bis jetzt nur in Ficus V gefunden worden und waren häufig in den im December vorigen Jahres durchsuchten Feigen dieser Art. Sie kamen stets mit einander vor und es ist nicht zu zweifeln, dass sie zusammen geh()ren. Einmal sah ich ein flügelstummliges d von A. inflaticeps zwar nicht in Begattung mit A. emarginatus, aber doch auf dessen Rücken sitzen und so von ihm herum- getragen werden. Die reiche Zahl neuer Arten, die G. Mayr nach den von Paul Mayer, Graf Solms und mir gesammelten Feigen wespen beschreiben konnte, wird kaum verfehlen, die Aufmerksamkeit der Artenjäger auf dieses vielverheissende Ernte- feld hinzulenken. Wer sich für längere Zeit in einer an Feigenarten reichen Gegend aufhält, möge dann auch demselben sich zuwenden ; er wird auf mancherlei wundersame neue Formen und auf eine Fülle merkwürdiger Beobachtungen über- deren Lebensverhältnisse rechnen dürfen. Flüchtige Reisende aber sollten, und mit diesem Rathe und Wunsche will ich schliessen, was sie etwa gelegentlich von Feigenwespen finden, lieber wegwerfen als heimtragen, sie würden damit weniger nützen als Verwirrung stiften. Mein eigenes erstes und deshalb ziemlich ungeschicktes und zielloses Sammeln ist dafür ein abschreckendes Beispiel. Zur Kenntnis der Feigenwespen ^) IL Durch die Güte des Herrn Dr. Emil A. Göldi erhielt ich Feigenwespen, die derselbe Ende Januar bei Aldeia de Pedra (Provinz Rio de Janeiro) von einem am Ufer des unteren Parahyba wachsenden Baume gesammelt hatte. Es waren zwei Arten der Gattung Critogaster (= 1'richaulus), die wahrscheinlich beide verschieden sind von den drei am Itajahy vorkommenden Arten. Die eine, Critogaster flavescens, erinnert durch ihre helle gelbliche Farbe an C r. piliventris; sie unterscheidet sich von ihr durch völligen Mangel des grünlichen Metallglanzes, der bei letzterer noch einige Stellen von Brust und Hinterleib ziert, durch einen kleinen schwarzen Fleck an der Seite des Hinterleibes, wo an gleicher Stelle Cr. piliventris einen grossen, unten breiteren, birnförmigen Fleck be- sitzt, durch geringere Grösse (Cr. flavescens etwa i,6 — Cr. piliventris etwa 2,5 mm lang), vor allem aber durch die weit kürzere Stachelscheide, die kaum um die Hälfte länger ist als der Körper, dagegen bei Cr. piliventris etwa dreifache Körperlänge erreicht und bis über 7 mm lang wird, also 3mal so lang wie bei Cr. flavescens. Die zweite Art, Cr. Göldiana, ist der Cr. nuda sehr ähnhch in Färbung, wie durch die kurze etwa mit dem Körper gleich lange Stachclscheide (in den gemessenen Stücken zwischen Vt und '/c der Körperlänge schwankend) ; ich weiss für jetzt nur die stets weit geringere Grösse (1,7 mm; bei Cr. nuda 2,5 mm) und den auffallend schlankeren Körper als Unterschied anzugeben und muss die Ent- scheidung, ob es wirklich eine von Cr. nuda verschiedene Art sei, Fachmännern überlassen. — Von Cr. flavescens wurde zwischen den ? auch ein geflügeltes, den $ ganz ähnliches d gefunden, dagegen unter den zahlreichen $ von Cr. Göl- diana vergeblich nach einem solchen gesucht. Ausserdem fanden sich eine An- zahl flügelloser J denen von Cr. piliventris sehr ähnlich und anscheinend alle derselben Art an gehörig. Bei der überraschenden Menge verschiedener Wespen, die am Itajahy aus wenigen Feigenarten gesammelt wurden, — zu den von G. Mayr beschriebenen sind inzwischen noch mehrere neue Arten und selbst Gattungen gekommen, — steht zu erwarten, dass in dem weiten, an Feigenarten so reichen Brasilien noch I) Entom. Nachr. 1887. Bd. XIII. No. 11. S. 161 — 163. Zur Kenntnis der Feigenwespen. 1087 viel des Neuen auf diesem Gebiete zu finden ist. Also nicht, weil es sich um neue Arten handelt, sondern weil er für mehrere an die Naturgeschichte der Feigenwespen sich knüpfende Fragen besonders werthvoll ist, schien mir G ö 1 d i's Fund eine kurze Besprechung zu verdienen. Da ist zunächst die Frage nach dem Bestehen eines Zusammenhanges zwischen den verwandtschaftlichen Beziehungen der verschiedenen Feigenwespen und denen der von ihnen bewohnten Feigen. Die Feigenbäume Südamerikas vertheilen sich unter die beiden Gruppen oder Untergattungen Urostigma und Pharmacosycea, erstere mit einem einzigen, letztere mit zwei Staubfäden in den S Blumen. In den Feigen der U rostigma- Arten wurden am Itajahy Blastophaga und Tetragonaspis nebst verschiedenen anderen Wespen- gattungen gefunden; in denen unserer Pharmacosycea war Blastophaga durch Tetrapus, sowie Tetragonaspis durch Critogaster vertreten, und neben diesen beiden Gattungen kamen bis jetzt keinerlei andere Wespen vor. Da das Auskriechen der Wespen mit dem Blühen der d Blumen zusammenfällt, war es leicht, an den von Göldi übersandten Feigen festzustellen, dass sie zu Pharmacosycea gehören. Es gewinnt dadurch die von mir ausgesprochene Vermuthung bedeutend an WahrscheinHchkeit, dass Critogaster (=Trichaulus) eine der Pharm acosycea-Gruppe eigenthümliche Wespengattung sei. Eine zweite wichtige Frage ist die, w^elche Feigenwespen als Gallenerzeuger, welche als Schmarotzer der Gallenerzeuger zu betrachten seien. Aus Gründen, die ich hier nicht wiederholen will, hielt ich Critogaster und Tetragonaspis für Gallenerzeuger. Diese Ansicht erhält durch Gold i's Fund eine unerwartete Bestätigung. In allen den zahlreichen von ihm untersuchten Feigen wurden nur die oben erwähnten Critogaster, dagegen kein einziger Tetrapus gefunden. Dass all die zahlreichen Gallenblüthen in all den zahllosen Feigen eines ganzen Baumes zuerst mit Tetrapus- Eiern belegt, und dass die Tetrapus-Larven allesammt durch schmarotzende Critogaster verzehrt worden seien, wäre eine Annahme, deren an Uninöglichkeit grenzende Unwahrscheinlichkeit ohne Weitere^ einleuchtet. — Soviel ich weiss, ist bis jetzt ein einziger ähnlicher Fall bekannt geworden. Wie Paul Mayer i) berichtet, erzählt Leclerc, Arzt am Fort Napoleon in Kabylien, von einem Baume von Ficus Carica, auf dem sich nur Philotrypesis befand, die dort unsere Critogaster und Tetragonaspis vertritt. Eine weitere Frage ist die nach der Bedeutung der verschiedenen Frucht- gallen erzeugenden Wespen für die Bestäubung der Samenblüthen der Feigen. Die wichtigsten und wirksamsten Bestäubungsvermittler sind ohne Frage die Agaoninen (Blastophaga, Tetrapus u. s. w.), die einzigen, deren ? in die jungen Feigen hineinkriechen, während Philotrypesis, Critogaster, Tetra- gonaspis U.S.W, nur die Stachelscheide in das Auge der Feige einführen. Tetragonaspis scheint nach meinen bisherigen Erfahrungen fast nie Be- stäubung zu bewirken ; die Stachelscheide ist bei dieser Gattung nackt oder doch fast haarlos, so dass nur selten Blüthenstaub an ihr haften wird. Bei Crito- gaster ist die Stachelscheide dicht behaart und daher viel geeigneter zur Ueber- i) Mittheilungen aus der zool. Station zu Neapel. III. S. 586. jqOü Zur Kenntnis der Feigen wespen. tragung von Blüthenstaub und dem entsprechend habe ich in Feigen, die nur von Critogaster singularis bewohnt waren, stets gute, wenn auch wenig zahl- reiche Samen gefunden. — In den ersten Feigen, die mir Göldi mit den Wespen schickte, suchte ich vergebHch nach Samen; später war er so freundhch, mir seinen ganzen ansehnlichen Feigenvorrath zu überlassen, in welchem ich eine verhältnissmässig sehr geringe Zahl guter, keimhaltiger Samen antraf; da die Samen, wie die Feigen selbst, sehr klein sind (letztere von etwa 9 mm Durchm.), mag ich manchen Samen übersehen haben; jedenfalls aber ist die Bestäubung der Feigen eine bei weitem dürftigere gewesen, als man bei der dichtbehaarten Stachelscheide der beiden Arten hätte erwarten sollen. Blumenau, Santa Catharina, Brazil, 23/3. 87. Besprechung-^) von „Brooks, The law of Heredity"^). Den Versuchen Darwin's, durch seine Pangenesis, Haeckel's, durch seine Perigenesis der Plastidule die Thatsachen der Vererbung dem Verständnis näher zu bringen, hat W. K. Brooks einen neuen nicht minder geistvollen und wohl- durchdachten, aber auch, fürchte ich, nicht minder erfolglosen Versuch folgen lassen. Nach einleitenden Betrachtungen (Kap. I) und einem geschichtlichen Rückbhcke (Kap. II u. III), in welchem die Ansichten von Bonnet und Haller, von Buffon, Haeckel, Jäger und Darwin besprochen und deren Mängel nach- gewiesen werden, entwickelt Verf. (Kap. IV) seine eigene „neue Theorie der Ver- erbung", die mit seinen eigenen Worten (S. 8i) wiedergegeben werden mag. „Die Vereinigung von zwei geschlechtlichen Elementen gibt Veränderlichkeit. Kon- jugation ist die ursprüngliche Form der geschlechtlichen Fortpflanzung. Hier sind die Funktionen der beiden Elemente gleich und die Vereinigung den Körpern zweier Eltern entstammender Teile sichert einfach die Veränderlichkeit der Nach- kommen. „Bei allen vielzelligen Lebewesen sind das Ei und die männliche Zelle all- mähhch in verschiedenen Richtungen spezialisiert worden. „Das Ei ist eine Zelle, welche allmählich einen verwickelten Bau erworben hat und welche materielle Teilchen irgend einer Art enthält, die jede der erblichen EigentümHchkeiten der Art vertreten. „Das Ei ist gleich anderen Zellen fähig, seinesgleichen zu erzeugen, und von ihm gehen nicht nur während seiner Entwickelung die vielgestaltigen Zellen des Lebewesens aus, sondern auch ihm selbst gleiche Zeilen. „Die Eierstockseier der Kinder sind diese letzteren Zellen oder deren direkte unmodifizierte Nachkommen. „Jede ZeUe des Körpers ist, in morphologischem Sinne, ein unabhängiges Einzelwesen. Sie hat das Vermögen, zu wachsen, durch Teilung ähnhchen Zellen den Ursprung zu geben und winzige Keime abzuscheiden („to throw off minute germs"). Während der Entwickelung der Art hat sie durch Naturauslese unter- scheidende Eigenschaften und Leistungen erworben, welche den Bedingungen, 1) Kosmos 1886. Bd. XVIII, S. 67—73. 2) Baltimore 1883. „a study of the cause of Variation and the origin of living Organismus." Fritz Müllers gesammelte Schriften "9 Q Besprechung von „Brooks, The law of Heredity". unter denen sie sich befindet, angepasst sind. Solange diese Bedingungen un- verändert bleiben, verrichtet sie ihre eigentümlichen Leistungen als Teil des Körpers; aber wenn durch eine Veränderung in ihrer Umgebung ihre Leistung gestört wird und ihre Lebensbedingungen ungünstig werden, scheidet sie kleine Teilchen ab, welche die Keimchen („gemmules") dieser besonderen Zelle sind, „Diese Keimchen können sich in alle Teile des Körpers verbreiten. Sie können zu einem Eierstocksei oder zu einer Knospe vordringen, aber die männ- liche Zelle hat allmählich als ihre besondere und unterscheidende Leistung das eigentümliche Vermögen erworben. Keimchen an sich zu ziehen und anzu- sammeln. „Wenn das Ei befruchtet wird, so vereinigt sich jedes Keimchen mit dem Teilchen des Eies, welches bestimmt ist, in dem Kinde diejenige Zelle hervorzu- bringen, die der, welche das Keimchen erzeugte, entspricht; oder sonst vereinigt es sich mit einem engverwandten Teilchen, das eine engverwandte Zelle hervor- zubringen bestimmt ist. „Wenn diese Zelle im Körper des Kindes sich entwickelt, wird sie ein Mischling („hybrid") sein und deshalb Neigung haben abzuändern. „Da die Eierstockseier der Kinder durch direkte Ererbung alle Eigenschaften des befruchteten Eies teilen, werden die Lebewesen, die aus ihnen schliesslich hervorgehen, Neigung haben, in gleicher Weise abzuändern. „Eine Zelle, die so abgeändert hat, wird fortfahren. Keimchen abzuscheiden und so die Veränderlichkeit auf den entsprechenden Teil im Leibe aufeinander- folgender Generationen von Nachkommen zu übertragen, bis eine günstige Ab- änderung durch Naturauslese festgehalten wird. „Da das Ei, aus welchem das so auserlesene Lebewesen hervorging, dieselbe Abänderung durch direkte Vererbung auf dessen Eierstockseier übertragen wird, wird die betreffende Eigentümlichkeit zu einer erblichen Eigentümlichkeit der Rasse und wird von den ausgewählten Einzelwesen und ihren Nachkommen ohne Keimchen fortgepflanzt und übertragen werden. „Nach dieser Ansicht ist der Ursprung einer neuen Abänderung weder rein zufällig noch auch dem direkten und bestimmten umwandelnden Einflüsse ver- änderter Lebensbedingungen zuzuschreiben. Ein Wechsel in der Umgebung einer Zelle veranlasst sie, Keimchen abzuscheiden und so auf die Nachkommen die Neigung zu übertragen, in dem von dem Wechsel betroffenen Teile abzuändern. „Das Vorkommen einer Abänderung ist bedingt durch die direkte Einwir- kung äusserer Bedingungen, aber der besondere Charakter derselben ist es nicht. Meine Ansicht über die Ursache der Abänderung liegt, wie man sieht, mitten inne zwischen der von Darwin angenommenen und der von Semper und anderen Lamarckianern vertretenen." Da der Ausgangspunkt der Theorie, die Annahme, dass den männlichen und weiblichen Zeugungsstoffen eine verschiedene Rolle bei der Vererbung zu- komme, der herrschenden Ansicht zuwiderläuft, dass jedes Geschlecht alle seine Eigentümlichkeiten auf die Nachkommen übertragen könne, sucht Verf. zunächst (Kap. V) darzuthun, dass diese Ansicht unbewiesen und unbeweisbar sei; er fasst seine hierauf bezüglichen Erörterungen in folgender Weise zusammen (S. 117): „Eine sorgfältige Prüfung der Gründe, welche verschiedene Forscher zu dem Besprechung von „Brooks, The law of Heredity". I qq i Glauben veranlasst haben, jedes der beiden geschlechtlichen Elemente könne jede beliebige Eigentümlichkeit übertragen, führt zu dem Schlüsse, dass dessen Wahrheit nicht bewiesen ist. Es ist unmöglich, sie durch die Erscheinungen der Kreuzung zu beweisen, da die einzigen Tiere, die man zur Kreuzung bringen kann, im wesentlichen gleich und nur in kleineren Punkten verschieden sind. Die Homologie zwischen Ei und männlicher Zelle ist kein Grund, ähnliche Leistungen derselben vorauszusetzen, und die zwischen ihnen bestehenden Ver- schiedenheiten sollten uns glauben lassen, dass ihre Leistungen nicht die gleichen sind. Es ist kein Grund, anzunehmen, jedes Geschlecht übertrage seine gesamte Organisation, um dadurch die latente Uebertragung sekundärer Geschlechts- merkmale erklären zu können, da diese Uebertragung einfacher erklärt werden kann durch die Annahme, dass jeder Embryo alle bezeichnenden Eigentümlich- keiten seiner Art ererbe, aber nicht notwendig entwickle. Rückschlag und Generationswechsel lassen eine ähnliche Erklärung zu. Wir können deshalb schliessen, dass es keinen Beweis dafür gibt und geben kann, dass jedes ge- schlechtliche Element alle Eigentümlichkeiten der Eltern übertrage, und dass a priori kein Widersinn in der Voraussetzung liegt, die männlichen und weib- lichen Zeugungsstoffe seien ungleich in ihrer Leistung und in verschiedenen Richtungen spezialisiert." Zur Darlegung der diese letztere Voraussetzung stützenden Beweismittel übergehend führt Verf. zunächst als die wichtigsten (Kap. VI) die von der Bastard- zeugung gebotenen vor. „Das Studium der Bastarde und der Kreuzungen ist von besonderem Werte für uns, da es uns ein, freilich etwas unvollkommenes Mittel bietet, in dem Baue der Kinder das zu erkennen, was es jedem der Eltern dankt. Bei der gewöhnlichen geschlechtlichen Fortpflanzung von Tieren oder Pflanzen derselben Rasse sind die Eltern, von den Geschlechtsverschiedenheiten abgesehen, fast genau gleich, und da fast jede Eigenheit im Baue des Jungen nur eine beiden Eltern gemeinsame Eigenheit wiederholt, so verrät uns nichts, ob sie eher von dem einen oder dem anderen ererbt ist. Werden verschiedene Rassen oder Arten gekreuzt, so ist der Fall etwas verschieden. Freilich sind die beiden Eltern einander noch sehr ähnlich, denn nur sehr nahe verwandte Arten können zur Kreuzung gebracht werden. Immerhin sind sie verschiedener von- einander als Einzelwesen derselben Art und das Studium der Kreuzungen und der Bastarde bietet daher ein Mittel, um in gewissen Grenzen den Einfluss des einen Erzeugers von dem Einflüsse des anderen zu trennen. Dies gilt jedoch nur in bezug auf neu erworbene Eigentümlichkeiten, denn der grössere Teil der Geschichte zweier verwandter Arten ist derselbe gewesen, und gemeinsam ist ihnen alles bis auf das, was von jeder erworben wurde, seit sie sich von ihren gemeinsamen Ahnen trennten. Kreuzung lässt uns nicht sehen, ob diese ge- meinsamen Merkmale von einem der Erzeuger oder von dem anderen oder von beiden übertragen werden oder nicht; aber sie bietet uns diese Aufklärung für Merkmale, welche in der einen Art auftreten, aber nicht in der anderen, und ist deshalb das beste zu unserer Verfügung stehende Mittel, den Einfluss jedes Er- zeugers auf die Nachkommenschaft zu erforschen" (S. ii8). Von diesem Gesichts- punkte aus betrachtet Verf. der Reihe nach die Kreuzung als Ursache der Ab- änderung, — die im Vergleiche mit der ersten Generation grössere Veränderlichkeit 69* jQQ, Besprechung von „Brooks, The law of Heredity". der Nachkommen der Mischlinge, — den Einfluss des Geschlechtes der Eltern auf die Veränderlichkeit der IMischlinge, — ■ die wechselseitige Kreuzung (reci- procal hybrids), — beleuchtet dann die Schwierigkeiten, die seiner Theorie er- wachsen aus der Uebertragung von Eigenschaften beider Eltern, die im Kinde nebeneinander bestehen, ohne zu verschmelzen, und schliesst mit einer Erörterung der Kreuzung als Ursache des Rückschlages. Es folgen dann die aus den Erscheinvmgen der Abänderung (Kap. VII), aus den sekundären Geschlechtsmerkmalen (Kap. VIII u. IX) und aus den geistigen Verschiedenheiten von Mann und Weib (Kap. X) entnommenen Beweise. Nach dieser umfangreichen Gründung seiner Theorie weist Verf. (Kap. XI) darauf hin, dass dieselbe eine Ergänzung der Lehre von der Naturauslese bilde und für manche Schwierigkeiten der letzteren eine einfache Lösung biete. Ein zusammen- fassender Rückblick (Kap. XII) bildet den Schluss des Buches. Merkwürdigerweise hat Verf. die Hauptstützen seiner Theorie und namentlich alle einigermassen direkten Beweise derselben auf einem Gebiete gesucht, dem der Pflanzenmischlinge, auf welchem ihm eigene Erfahrungen vollständig abzu- gehen scheinen ^). — Die Veränderlichkeit der Mischlinge reiner Arten wird von Gärtner, dessen Versuche sich auf mehr als zweihundert Arten und über mehr als zwanzig Jahre (1825 bis 1848) erstreckten, aufs entschiedenste in Abrede ge- stellt: „Wir haben es als konstantes Gesetz der Bastardzeugung gefunden, dass die aus der ursprünglichen Bastardbefruchtung mit zwei reinen Arten erzeugten Samen lauter Samenpflanzen von gleicher Gestalt hervorbringen und dass, so oft man auch die Bastardbefruchtung mit den nämlichen Arten wiederholen mag, immer wieder dieselben Bastardpflanzen gebildet werden" (Bastarderzeugung, S. 235). Eine Ausnahme bilden nur seit längerer Zeit angebaute Arten, die ja auch ohne Mischung mit anderen keine gleichförmige Nachkommenschaft zu liefern pflegen, für die es also keiner neuen Theorie bedarf, um die Veränder- lichkeit ihrer Mischlinge zu erklären. Meine eigenen, allerdings wenig ausge- dehnten Erfahrungen lehren dasselbe; nur zweimal sah ich aus der Kreuzung zweier Arten Mischlinge hervorgehen, die merklich von einander verschieden waren ^). In dem einen Falle war die Mutterpflanze das von mir am Capivary entdeckte Abutilon Darwinii und zwar eine Pflanze, deren aus Samen derselben Frucht gezogene Geschwister selbst nicht unerhebliche Verschiedenheiten zeigten, der Vater aber war eine hier nicht heimische Gartenpflanze, das Abutilon striatum. Mehr als dreissig andere Abutilon-Bastarde waren vollkommen gleichförmig. In dem anderen Falle waren beide Eltern Gartenpflanzen (Hedychium) und die Mutterpflanze vielleicht nicht einmal eine reine Art. Dass die Abkömmlinge der Mischlinge in der Regel mehr oder minder veränderlich sind, gibt auch Gärtner zu; die meisten Bastarde, sagt er, „bringen aus den Samen der zweiten und der weiteren Generationen verschiedene, von dem normalen Typus abweichende Formen, d. i. Varietäten hervor; .... sie arten auf verschiedene Art aus" (a. a. O. S. 422). Dass dieses Verhalten aber ohne des i) Selbst Gärtner's grundlegendes Werk ,,Ueber die Bastarderzeugung im Pflanzenreich" ist dem Verf. nur durch die wenigen in Darwin's „Variation" gegebenen Mitteilungen bekannt geworden, wie ein letzterem Buche entlehntes irrtümliches Citat beweist. 2) Siehe Ges. Schriften S. 405 ff. Besprechung von „Brooks, The law of Heredity". lOQ^ Verf. neue Theorie „absolut unerklärlich" sei, wie dieser meint, kann wohl kaum zugestanden werden. Im Gegenteil liegt die Erklärung sehr nahe und ist auch bereits von Darwin gegeben worden : „Bastarde in der ersten Generation stammen ab von Arten, welche (lang angebaute ausgenommen) in ihren Fortpflanzungs- werkzeugen nicht irgendwelchen störenden Einfluss erlitten haben und sie sind nicht veränderHch; aber bei den Bastarden selbst sind die Fortpflanzungswerk- zeuge ernsthch gestört und ihre Nachkommen sind in hohem Grade veränderlich" ^). Bei den meisten Bastarden ist bekanntlich (und sie sind oft an diesem Merkmale als solche zu erkennen) der Blütenstaub unvollkommen ausgebildet; die einzelnen Körner sind von ungleicher Grösse, einzelne ganz taub und verschrumpft. Wenn nun auch, gegen des Verf. Meinung, der Blütenstaub alle Eigentümlichkeiten des Vaters überträgt, so wird man doch diese Leistung nur von gesundem Blüten- stäube erwarten dürfen; in verschiedenem Grade unvollständig ausgebildeter Blütenstaub wird dies nicht vermögen, er wird ein vielgestaltiges Gemisch von Abkömmlingen erzeugen. Dass diese Erklärung die richtige sei, wird bestätigt durch Gärtner's Erfahrung, dass „mehrere ausgezeichnetfruchtbare Bastarde sich gleich den reinen Arten von selbst mit unverändertem Typus fort- pflanzen" (a. a. O. S. 421); Gärtner selbst sucht die Erklärung dieser Fälle darin, „dass die Integrität und Kraft der Befruchtungsorgane und die daraus folgende Fruchtbarkeit die Entstehung verschiedener Typen aus einer Zeugung verhindert" (a. a. O. S. 445). Dasselbe beweisen über dreissig von mir gezogene Abutilon- Mischlinge, die vollkommen fruchtbar waren, vollkommen ausgebildeten, gleich- förmigen Blütenstaub besassen und deren Abkömmlinge keine Spur von Ver- änderlichkeit zeigten. Für den Einfluss des Geschlechtes der Eltern auf die Veränderlichkeit der Bastarde beruft sich Verf. ebenfalls auf Gärtner, aus dessen Versuchen allerdinsfs hervorgeht, dass, wenn „hybride Ovula und Pollen von einer reinen Art mit- einander in Wirksamkeit kommen, daraus eine geringe Zahl von verschiedenen Typen hervorgehen. Kommen nun Eichen von einer reinen Art mit dem Pollen eines Bastards in Berührung, so entsteht eine bedeutend grössere Anzahl von verschiedenen Typen" (a. a. O. S. 513). Die einfache Ursache ist wie im vorigen Falle in dem nicht vollkommen ausgebildeten, nicht gleichförmigen hybriden Pollen zu suchen. Dass dem so sei, zeigte eine ganze Reihe von Abutilon- Mischlingen, die durch Bestäubung sei es einer der Stammarten, sei es einer dritten Art mit Blütenstaub eines Mischlings erhalten wurden. Die betreffenden, als Väter dienenden Mischlinge waren vollkommen fruchtbar, hatten gesunden, gleichförmigen Blütenstaub und vollkommen gleichförmig waren auch die durch diesen Blütenstaub erzeugten Nachkommen. Eine weitere Stütze seiner Theorie findet Verf. in der wechselseitigen Kreuzung zweier Arten. „Wenn das Männchen der Art A mit dem Weibchen von B gekreuzt wird, so ist der Abkömmling ein ganz anderes Wesen als das, welches von A als Mutter dem Vater B geboren wird" (S. 126). Schade nur, dass dies nur für einige wenige Tiere nachgewiesen ist, dass dagegen Gärtner, der sich auf „Tausende von Erfahrungen" berufen durfte, als allgemeines Gesetz l) Darwin, Orgin of species. 4th. Edit pag. 332. jQQ- Besprechung von „Brooks, The law of Heredity". für die Pflanzenwelt ausspricht (a. a. O. S. 222), dass bei Wechselkreuzungen „die aus der einen wie aus der anderen Befruchtung erhaltenen Samen Pflanzen von der vollkommensten Aehnlichkeit hervorbringen: so dass die verschiedene Ent- stehung und Abstammung bei der sorgfältigsten Untersuchung der beiderlei Bastarde in Beziehung auf ihre Bildung und Typus nicht den geringsten Unter- schied darbietet und auch der geübteste Kenner einer hybriden Art nicht im Stande ist, den Ursprung des Bastards nach dem Geschlechte der Eltern zu unter- scheiden." Und dies gilt nicht nur für einfache Bastarde, es gilt auch für die aus der Verbindung solcher Bastarde mit ihren Stammeltern hervorgegangenen Mischlinge. (Gärtner a. a. O. S. 505.) So sind die Mischlinge A. AB, A. BA und AB. A vollkommen gleich, wie Gärtner durch verschiedene Beispiele nach- weist und wie auch ich an Abutilon-Mischlingen bestätigt fand. „Nicht die Art der Verbindung oder die Ordnung, in welcher die Arten miteinander verbunden werden, bestimmt die Formen und Typen, sondern der quantitative Beitrag, welchen der eine oder der andere Faktor zur Verbindung hergibt." — Diese Thatsachen sind verhängnisvoll für des Verf. Theorie, derzufolge eine solche Uebereinstimmung aus Wechselkreuzung hervorgehender Mischlinge unmöglich wäre. Hätte die Art A die Eigenschaften a -\- a -\- C, die Art B die Eigen- schaften ß -{- b -\- C, wobei a, ß jüngst erworbene, vorzugsweise durch das Männ- chen, a, b ältere, ausschliesslich durch das Weibchen übertragbare, die Arten unterscheidende, C die ältesten für beide Arten gemeinsamen Eigenschaften be- zeichnen mögen, so würden die Kinder von A^ und BS die Eigenschaften ß + a + C", die Kinder von B'^, AS die Eigenschaften 6 % löreihig: S. 2 2 reihig: . 12 reihig: . i4reihig: löreihig: l 48,0 f 48,6 48,5 37,8 35.4 37.3 41,6 41.8 Die durchschnittliche Reihenzahl des hier gebauten Maises liegt wahrschein- lich zwischen i o und 1 2 ; alle von mir zur Saat gewählten Kolben hatten eine höhere Reihenzahl. Je höher diese Reihenzahl, um so weniger zahlreich waren in der Ernte die mit der Mutterpflanze übereinstimmenden Kolben; 2 2reihige Saat gab nur i 7o 2 2reihige Kolben. Fritz Müllers gesammelte Schriften. 70 ^A Ein Züchtungsversuch an Mais. Bei einem Versuche mit Sreihiger Saat, der mir infolge ungünstiger Witterung nur sehr wenige Kolben brachte, wurden mehr loreihige und i2reihige Kolben geerntet als 8reihige. Drittens steigerte sich in fast allen Fällen die Zahl der dem Mutterkolben gleichreihigen Kolben im Vergleich zur vorhergehenden Ernte. Aus löreihigem Mais wurden 1867 18,7% löreihiger und 6,8% i Sreihiger Kolben erhalten; 1868 gaben löreihige Kolben dieser Ernte 22^!^ löreihiger und i8reihige Kolben der- selben Ernte 12,3% i Sreihiger Kolben, Aus I Sreihiger Saat erwuchsen 1867: i2,6^/q, „ „ „ dieser Ernte 1868: iS,2 7o und „ „ „ dieser zweiten Ernte i86g: iS,6% i Sreihiger Kolben. Die einzige Ausnahme machte der 1869 ausgesäte 2oreihige Mais: derselbe hatte 4,4% der iSöSer Ernte gebildet, lieferte aber nur 2,8^0 20 reihiger Kolben. Im allgemeinen zeigt sich, dass, je höher die Reihenzahl des Saatkolbens ist, um so mehr in der Ernte die Kolben mit niederer Reihenzahl zurücktreten, die mit höherer Reihenzahl sich mehren und dass sogar Kolben mit höherer Reihen- zahl auftreten, als sie der Mutterkolben hatte und als überhaupt in der ganzen Ernte, welcher der Saatkolben entnommen wurde, vorkamen. Als I Sreihiger, aus löreihiger Saat gezogener Mais 1868 gesät wurde, sank in der Ernte im Vergleich zur vorhergehenden die Häufigkeit der 10-, 12- und i4reihigen, es stieg dagegen die der 16-, 18- und 2oreihigen Kolben und es traten 22reihige Kolben auf, die in der vorhergehenden Ernte gefehlt hatten. Als 1869 2 2reihige Saat aus dieser letzten Ernte gepflanzt wurde, verschwanden in der folgenden Ernte die loreihigen Kolben ganz, es minderten sich die 12- und i4reihigen, es mehrten sich die 16-, 18-, 20- und 2 2reihigen und es erschien ein einzelner 26reihiger Kolben! Ausser bei den eben mitgeteilten Versuchen sind mir während langer Jahre unter dem hier gebauten Mais überhaupt niemals Kolben mit mehr als 20 Reihen vorgekommen ^)." Soweit meine Aufzeichnungen vom Jahre 1870. Ich will nur hinzufügen, dass das von Francis Galton vor etwa 10 Jahren für die Grösse der Pflanzensamen und neuerdings für die Körperhöhe der Menschen nachgewiesene Gesetz, nach welchem die Kinder von Eltern, die in irgend welcher Richtung vom „Typus" ihrer Rasse abweichen, weit entfernt, in gleicher Richtung weiterzugehen, vielmehr im Durchschnitt dem Typus sich wieder nähern und dabei um so mehr sich von ihren Eltern entfernen, je mehr diese selbst vom Typus abgewichen waren, — ich will nur hinzufügen, dass dieses Gesetz in den eben mitgeteilten Thatsachen eine ausnahmslose Bestätigung findet. Die typische 2) Reihenzahl des hier gebauten Maises wird zwischen den Grenzen 10 und 12 liegen. Die Untersuchung von 7358 Maiskolben lieferte nun i) Auch in späteren Jahren nicht; sie scheinen auch sonst sehr selten zu sein. Darwin sagt vom Mais: „the seeds are arranged in the ear in froni six to even twenty rows or are placed irregulariy". Ani- mals and plants under domestication, I. p. 321. 2) „The type is an ideal form towards which the children of those who deviate from it tend to regress." Francis Galton, a. a. O. p. 509. Ein Züchtungsversuch an Mais. I 107 nach der oben gegebenen Uebersicht in bezug auf das Galton'sche Gesetz folgen- des Ergebnis: Reihenzahl Durchschnittliche Minderzahl bei den der Eltern Reihenzahl der Kinder Kindern 14 12,61 1,39 16 14,08 bis 14,15 1,85 bis 1,92 18 14,90 bis 15,57 2,43 bis 3,10 20 15.76 4,24 22 16,15 5.85 Bei Sreihiger Saat war in Gemässheit desselben Gesetzes die durchschnittliche Reihenzahl der Kinder grösser als die der Eltern. Blumenau, Santa Catharina, Brazil, Mai 1886. 70' Einige neue Beispiele langer Lebensfähigkeit von Samen und Rhizomen^). (Mitgeteilt von Prof. Dr. F. Ludwig.) Die folgenden brieflichen Mitteilungen von Dr. Fritz Müller (Blumenau in Brasilien) über die Entwicklung von Samen und Rhizomen, die jahrelang in der Erde gelegen haben, scheinen mir, soviel derartige Beobachtungen auch bereits publiziert sein mögen, einer weitern Verbreitung wert zu sein. Sie mögen daher hier zum Abdruck gelangen. F. Müller schreibt mir (D. 31, VII, 1886): „1854 kaufte ich am Ufer des Itajahy ein seit etwa 12 Jahren verlassenes Stück Land, auf dem inzwischen wieder stattlicher Wald (besonders Inga semialata) aufgewachsen war; als ich den Wald gefällt und gebrannt, sprosste am Flussufer wie gesät Ricinus auf von einer Varietät, die weiter oben am Flusse nicht gebaut wurde; die Samen hatten seit der frühern Ansiedlung in der Erde geruht. Ebenso erschienen einzelne Sämlinge von M a n d i o c. Merkwürdiger noch war mir das massenhafte Auftreten eines Caladium („Mangarito"), das seiner wohlschmeckenden Knollen wegen gebaut wird; beim Waldhauen war es nicht da; es wäre der ansehnlichen Blätter wegen nicht zu übersehen gewesen; nach dem Fällen und Brennen des Waldes erschien es in solcher Menge, dass ich ein grosses Feld damit bepflanzen konnte. Die Rhizome mussten im Schatten des jungen Waldes auch jahrelang geruht haben. Ebenso kam eine Dioscoree („Card mimosa") zum Vorschein, die nirgends in der Nachbarschaft gebaut wurde, und deren Knollen von der frühern Ansiedlung her sich erhalten haben mussten. — Einen ähnlichen Fall erlebte ich später mit Gloriosa superba; ich erhielt, als ich von Desterro hierher zurückgekehrt war, von meinem Freunde Dr. Blumenau eine Knolle dieser Pflanze und pflanzte sie an einen Posoqueria-Stamm, wo sie im ersten Jahre einen kräftigen Stengel trieb, ohne zu blühen. Das Land um die Posoqueria vergraste inzwischen, die Gloriosa kam im nächsten Jahre nicht wieder. Etwa 8 Jahre später — die Posoqueria war längst abgehauen — legte meine Frau an dieser Stelle einen Gemüsegarten an, das Unkraut wurde aus- gerissen, der Boden für Luft und Licht zugänglich gemacht, und zwischen den I) Biologisches Centralbl. 188G/87. Bd. VI. S. 513-514. Einige neue Beispiele langer Lebensfähigkeit von Samen und Rhizomen. i lOO Kohlköpfen kam auf einmal nach 7 — Sjähriger Ruhe ein kräftiger und reichlich blühender Gloriosa-Schoss hervor. — Im Schatten des Waldes werden hier in sehr geringer Tiefe Wärme und Feuchtigkeit des Bodens nur sehr langsam und innerhalb ziemlich enger Grenzen wechseln, und es scheint, dass unter so gleich- förmigen Bedingungen viele Samen unglaublich lange liegen können, ohne ihre Keimkraft zu verlieren. Nach dem Fällen des Urwaldes bedeckt sich bald der Boden mit jungen Pflanzen, nach denen man ringsum vergeblich sich umsieht; ich entsinne mich z. B. eines solchen von mir gefällten Urwaldstückes, auf dem in zahlloser Menge Schizolobium aufkeimte, dessen Samen auch der stärkste Wind kaum über hundert Schritt weit fortführen kann, und der nach Beschaffenheit des Waldes hier seit Menschengedenken kaum gestanden haben konnte." Die Nymphen der Termiten^). Herr Dr. H. v.J bering hat in diesen Blättern^) über die von Lespes bei Termes lucifugus entdeckten „nymphes de la deuxieme forme" oder die „Nymphen mit kurzen Flügelscheiden", wie ich sie mit Hagen nannte, eine von der mei- nigen sehr abweichende Ansicht ausgesprochen. Die von meinem hochgeehrten Kollegen angeführten Thatsachen sind richtig, wenn auch nichts weniger als neu ; bei gewissen Eutermes-Arten findet man im Winter Tausende von Nymphen mit kurzen Flügelscheiden, unter denen sich leicht d' und $ unterscheiden lassen, wie schon durch Bat es bekannt ist. Im Frühjahr kann man, wie H. v. J. sah, aus diesen Nymphen durch Häutung solche mit langen Flügelscheiden und aus diesen zu Anfang des Sommers, wie derselbe richtig vermuthet, die geflügelten S und ? hervorgehen sehen. Die einfachste Folgerung aus diesen Thatsachen ist nun wohl die, dass die winterlichen Nymphen mit kurzen Flügelscheiden nichts anderes sind, als eine Jugendform der Frühlingsnymphen mit langen Flügelscheiden, dass es sich einfach um verschiedene Altersstufen derselben Generation handelt, nicht aber um „ein Alterniren verschiedenartig entstandener Imagines-Generation." — Es liegt ja auf der Hand, dass geflügelte ? und d aus Nymphen mit kurzen Flügelscheiden nicht entstehen können ohne eine Zwischenform mit langen Flügel- scheiden und den im Frühjahr beobachteten Nymphen letzterer Form müssen solche mit kurzen Flügelscheiden vorausgegangen sein. Es bieten, scheint mir, H. V. J.'s. Beobachtungen keinerlei Grund für die Annahme weder von Hetero- gonie oder Generationswechsel, noch von Saisondimorphismus, noch auch für die Vermuthung, es möge „ein Theil der Sommerlarven parthenogenetisch sich ver- mehrende Imagines liefern." Meines hochgeehrten Kollegen Ansicht beruht wohl auf einem Missver- ständniss, zu dem ich selbst Anlass gegeben haben mag, indem ich mit Hagen die „nymphes de la deuxieme forme" von Lespes als „Nymphen mit kurzen Flügelscheiden" bezeichnete; allein es war ja durch Bat es und Lespes längst bekannt und im Grunde selbstverständlich, dass alle Nymphen kurze Flügel- scheiden haben, bevor sie lange bekommen und es schien kaum zu befürchten, dass jene allerdings nicht einwurfsfreie Bezeichnung missverstanden und auf die 1) Entom. Nachr. 1887. Bd. XIII. No. 12. S. 177, 178. 2) Bd. XIII. 1887. No. I. S. 1—4. Die Nymphen der Termiten. 1 1 1 1 Jugendzustände der gewöhnlichen Nymphen bezogen werden könnte; Hess doch Hagen' s Monographie keinen Zweifel darüber, dass es sich um Thiere handelte, die ihr Lebelang kurze Flügelscheiden behalten. Solche Nymphen oder die aus denselben hervorgehenden Königinnen ohne Flügelschuppen (oder „Ersatzweib- chen", wie ich sie nannte) sind H. v. J, noch nicht vorgekommen ; doch hätte ihn das kaum gegen meine Ansicht „misstrauisch machen" dürfen, da deren Vor- kommen für eine ganze Zahl von Arten durch Hagen sicher gestellt ist. Wäh- rend sie im südlichen Brasilien überaus selten zu sein scheinen, scheinen sie um so häufiger im nördlichen vorzukommen, da nach einer Mittheilung Hagen 's alle Königinnen, die er aus Brasilien und überhaupt aus Amerika gesehen (von Termes flavipcs, morio?, similis?, arenarius), offenbar Nymphen waren. Das eine der von mir abgebildeten ^) Ersatzweibchen (fig. A) erklärt H. v. J. für „einen zur Geschlechtsfunction herangebildeten Arbeiter". Da das Thier sich von den Arbeitern durch seine doppelte Grösse, seine braune Farbe, abweichende Bildung des Thorax, den Besitz von Netzaugen u. s. w. unterscheidet, und in all diesen Stücken mit dem anderen (fig. B) abgebildeten, von H. v. J. als „ächte Nymphe mit kurzen Flügelscheiden" anerkannten Ersatzweibchen übereinstimmt und nur durch kürzere Flügelansätze von ihm abweicht, kann ich auch dieser Deutung nicht zustimmen, und halte es nach wie vor für eine „nymphe de la deuxieme forme". Blumenau, Santa Catharina, Brazil, 23/3. 1887. i) Siehe Ges. Schriften S. 460. Ueber die Gattung Chlmarrha^). Die Gattung Chimarrha wird jetzt wohl allgemein zu den Rhyacophiliden gestellt; so von Hagen, Brauer und Mac Lachlan. von diesem letzten freilich mit ernsten Zweifeln, ob sie nicht besser bei den Hydropsychiden stände; „es ist wahrscheinlich," fügt er hinzu (Revision and Synopsis of the Trichoptera of the European Fauna, pag. 431), „dass ihre wahre Stellung unsicher bleiben wird bis zur Entdeckung ihrer Jugendzustände." Von einer hiesigen Art, auf welche die von Kolenati (Gen. et spec. Trichopterorum II pag. 206) mitgetheilte kurze Beschreibung der Ch. morio passt, fand ich nun kürzlich eine Puppe. Und gerade die Puppe musste ja sofort ent- scheidende Antwort geben. Bei Rhyacophiliden und Hydrophiliden ruht die Puppe regungslos in ihrem rings geschlossenen Gespinnste, das bei ersteren frei in einem aus Steinchen roh zusammengefügten Gehäuse liegt. Die Puppen der Hydro- psychiden dagegen, wie die aller übrigen Haarflügler, liegen in einem vorn und hinten mit sieb-, spalt-, oder kreisförmiger Oeffnung versehenen Gehäuse, durch welches sie vermittelst ununterbrochener wellenförmiger Bewegungen des Hinter- leibes einen stetigen Strom frischen Wassers hindurchtreiben. Die Puppe nun, aus welcher später die Chimarrha auskroch, befand sich in einem aus kleinen Steinchen gebauten, einem grösseren Steine mit breiter Fläche ansitzenden Gehäuse, dem ähnlich, welches Pictet (PI. XVII fig. 3) für Hydro- psyche guttata abbildet. Sorgfältig abgelöst zeigte es sich auf der dem Steine anliegenden Seite mit einer dünnhäutigen, weisslichen, durchscheinenden, von der Larve gesponnenen Wand geschlossen (bei den Rhyacophiliden hat das Puppen- gehäuse unten keine Wand), durch welche hindurch man deutlich die einer besonderen Hülle entbehrende Puppe und ihre fortwährenden Athembewegungen gewahrte. Chimarrha ist also keine Rhy acophilide, sondern eine Hydropsychide. Das wurde auch durch die Untersuchung der Puppe selbst oder vielmehr ihrer abgeworfenen Haut bestätigt, worauf ich vielleicht ein ander- mal zurückkomme. — Ich wiU nicht versäumen, bei dieser Gelegenheit den schon von Mac Lachlan bezeichneten Merkmalen, durch die sich Chimarrha von den Rhyacophiliden entfernt und den Hydropsychiden anschliesst (Mangel zahnförmiger Vorsprünge an der Bauchseite des Hinterleibes, Gestalt der Kiefertaster, Mittel- I) Entom. Nachr. 1887. Bd. XIII. No. 15. p. 225—226. Ueber die Gattung Chimarrha. 1 1 1 3 zelle [„median cellule" Mc. Lachlan] der Vorderflügel), noch ein, soviel ich weiss, bis jetzt unbeachtet gebliebenes hinzuzufügen. Wie bei allen mir bekannten Hydropsychiden findet sich auch bei Chimarrha in der cellula thyridii ein eben solcher trüber Fleck, wie er bei der Mehrzahl der Haarflügler in der zweiten Endgabel vorkommt. Ausser bei Hydropsychiden sah ich diesen Fleck der cellula thyridii nur noch bei der Gattung Phylloicus aus der Calamoceras-Gruppe der Leptoceriden (mit der Mittelzelle dürften alle Arten dieser Gruppe auch den frag- lichen Fleck besitzen), und bei der Sericostomatiden-Gattung Grumicha. Den Rhyacophiliden fehlt er. Von den vier Sectionen, in welche Mac Lachlan 1879 ^^^ Familie der Rhyacophiliden theilte, hat er selbst 1884 die vierte (Beraea und Beraeodes) aus- geschieden; dasselbe Schicksal trifft jetzt die erste (Chimarrha). Als Ersatz für diesen neuen Verlust, den die Familie erleidet, will ich zum Schlüsse darauf hin- weisen, dass auch Europa ausser den beiden übrigbleibenden Sectionen wenigstens eine Art aus einer dritten sehr eigenthümlichen, in Südamerika überaus häufigen, weit verbreiteten Gruppe besitzt, deren Larven in freien, beweglichen Steinhäuschen leben. Die Larven, die Puppen und ihre Gehäuse hat Pictet schon vor mehr als fünfzig Jahren gefunden, beschrieben und abgebildet (PI. XV. fig. 5. 6. c. d.); die geschlechtsreifen Thiere der schweizer Art scheinen bis heute unbekannt geblieben zu sein. Sollte man in jener Gegend einen kleinen schwarzen Haar- flügler mit I, 4, 4 Schienenspornen und einem fast ganz mit Agraylea überein- stimmenden Geäder der Vorderflügel fangen, so wird man in ihm den europäischen Vertreter unserer südamericanischen Steinhäusler vermuthen dürfen. Blumenau, Santa Catharina, Brazil, 29/5. 87. Die Larve von Chimarrha^). Mit I Textfigur. Wenige Monate nach der Puppe habe ich auch die Larve von Chimarrha kennen gelernt oder vielmehr erfahren, dass eine mir seit zwei Jahren bekannte Larve zu Chimarrha gehört. Eine kurze Mittheilung über diese Larve wird denen willkommen sein, die sich bemühen wollen, endlich auch die Jugendzustände der europäischen, vom Norden des Erdtheils bis nach Portugal verbreiteten Chimarrha marginata aufzufinden. Die Larve lebt frei, d. h. ohne Gehäuse oder Bau, unter Steinen an rasch fliessenden Stellen kleiner Urwaldsbäche ; sie ist eine der lebendigsten, beweglichsten Haarflüglerlarven, schwimmt auch geschickt durch schlängelnde, meist seitliche, seltner auf- und ab- gehende Bewegung. Von der Mittelbrust an ist sie ganz farblos und durchsichtig; erst wenn sie ausgewachsen sich zur Verpuppung mästet, be- ginnt auch dieser Theil des Leibes durch den Fett- körper undurchsichtig zu werden und sich blass- gelblich zu färben. Kopf und Vorderbrust sind bräunlich-gelb, glänzend, durchscheinend, etwa wie dunkler Bernstein. Kiemen fehlen. Beine und Hinterleibsende haben nichts, was sie vor anderen Hydropsychiden-Larven besonders aus- zeichnete. Um so eigenartiger ist der Kopf, be- sonders der Stirnrand, die Oberlippe und die Fühler. Vom Stirnrande springt eine dunkle harte Chitinplatte vor, die durch eine fast bis zum Grunde einspringende, rechts von der Mittellinie liegende Bucht in einen schmäleren rechten und einen etwa doppelt so breiten linken Theil geschieden wird. Die Oberlippe, die fast vollständig unter diese Chitin- platte zurückgezogen, aber auch wieder ganz ungewöhnlich weit vorgeschoben werden kann, trägt zwei seitliche Zipfel, denen ähnliches ich bei keiner anderen Haarflüglerlarve gesehen habe. Die Fühler, an der gewöhnlichen Stelle hinter der Einlenkung der Kinnbacken gelegen, bilden kleine, fast halbkuglige Vorderster Theil des Kopfes einer Chimarrha-Larve mit weit vorgestreck- ter Oberlippe, von oben (45 : i). i) Entom. Nachr. 1887. Bd. XIIL No. 19. S. 289—290. Die Larve von Chimarrha. 1 1 1 5 Hügel, die ausser einem winzigen Haare zwei Riechfäden von ungewöhnlicher Länge tragen. — Falls, wie zu vermuthen, die Larve der europäischen Art der brasilischen in der Bildung des Kopfes ähnlich .ist, wird sie an diesen so auf- fallenden Merkmalen leicht zu erkennen sein. Ich will nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit zu bemerken, dass die hiesigen Chimarrha- Arten ^) sich in einigen nicht ganz unwesentlichen Stücken von Ch. marginata unterscheiden. Die Klauen der Vorderfüsse des S sind nicht ungleich; den Vorderflügeln fehlt der kahle Fleck; die beiden Queradern, welche Discoidal- und Medianzelle schliessen, bilden mit der zwischen ihnen Hegenden Querader eine zusammenhängende, fast gerade Linie, so dass das Flügelgeäder weit mehr dem von Wormaldia subnigra^) als dem von Chimarrha marginata-^) gleicht; die Flügel sind breiter und in der Ruhe erscheinen die Thiere nicht besonders schmal und lang ; sie haben ganz das Aussehen einer Smicridea. Doch lässt, wie mir MacLachlan schrieb, namentlich die so eigenthümliche Bildung der Kiefertaster keinen Zweifel, dass sie mit Chimarrha nächst verwandt sind. Vielleicht wäre es angemessen, für diese brasilischen Arten eine eigene Gattung Chimarrhodes zu errichten. Blumenau, 26. Juli 1887. i) Ausser der schwarzen Ch. morio (?) kenne ich eine gefleckte Art, vielleicht die Ch. maculata Hag., die, soviel ich vi^eiss, noch nicht beschrieben ist. 2) MacLachlan, Revision and .Synopsis, PI. XLL 3) a. a. O. PI. XLV. Eine deutsche Lagenopsyche^). Mit I Textfigur. Unter mancherlei Puppenhäuten und Larvengehäusen deutscher Haarf lügler, die mir mein Bruder Wilhelm Müller im vorigen Jahre schickte, fand sich auch eines jener zierlichen flaschenförmigen Gehäuse (siehe den Holzschnitt), die ich unter dem Namen Lagenopsyche rsKnr?50 m\ vergr.: 15 : i. L. Spirogyrae gegebene Beschreibung. beschrieben habe (Zeitschr, f. wiss, Zool. XXXV. S. 69-71. Taf. V, fig. 27, 28 = Ges. Schriften S. 728 ff. Taf. LV). Dasselbe gleicht in Gestalt und Grösse völlig denen der beiden hiesigen Arten und, die Farbe ausgenommen, passt darauf Wort für Wort die a. a. O. für Ob auch die Farbe stimme, kann ich nicht sagen, da ich von der deutschen Art nur ein seit lange in Weingeist liegendes, von L. Spirogyrae nur frische Gehäuse vor mir habe; jenes ist bräun- lich und zwar wie bei der genannten Art vorn, am Halse der Flasche, weit dunkler als an dem fast farblosen Hinterende ; diese sind bräunlich- oder schwärz- lich-violett 2), bald heller, bald dunkler, bisweilen bis zum Vorderende fast farblos, bisweilen bis zum Hinterende fast tintenschwarz und nicht selten trifft man hellste und dunkelste Gehäuse nebeneinander auf demselben Blatte. Wie am Gehäuse finde ich auch an der darin steckenden Larve, soweit ich sie vergleichen kann, ohne sie herauszunehmen, keinen Unterschied von der unserer L. Spirogyrae. Ohne Frage gehen aus diesen so ähnlichen und zum Verwechseln ähnliche Gehäuse bauenden Larven nicht minder ähnliche Haarflügler hervor. Ist nun wohl die deutsche Art schon bekannt und benannt oder ist sie wie die Larve bisher unbeachtet geblieben? Und in ersterem Falle: welche Art ist es? Erst jetzt kann ich auf diese Fragen wenigstens mit einer Vermuthung ant- worten. Im September 1878 hatten Gewitterregen aus dem Bache, in welchem ich sie zuerst in Menge fand, die L. Spirogyrae sammt ihrer Futterpflanze fort- 1) Entom. Nachr. 1887. Bd. XIII. No. 22. S. 337—340. 2) Nicht „dunkelroth", wie a. a. O. das „roxo escuro" meiner portugiesisch geschriebenen Arbeit wiedergegeben ist — ein Irrthum, der nicht dem Uebersetzer, sondern dem von ihm benutzten Wörter- buche zvn Last fällt. Eine deutsche Lagenopsyche. 1 1 I 7 geschwemmt und seitdem habe ich sie hier vergebHch gesucht, bis ich vor wenigen Wochen auf zwei neue Fundorte stiess, wo sie leider in den letzten Tagen dasselbe Schicksal erlitten haben. An einem dieser beiden Fundorte war sie so häufig, dass auf der Unterseite eines einzigen Blattes von Hetheranthera reniformis (von etwa 3 cm Durchm.) über hundert Puppenhäute zusammengedrängt waren. So wurde mir reiche Gelegenheit, die geschlechtsreifen Thiere mit Mac Lachlan's Beschreibungen der europäischen Arten zu vergleichen. Lagenopsyche besitzt Punktaugen, 0*3 «4 Schienenspornen, in eine lange Spitze auslaufende Flügel und den Vorderflügeln fehlt ein Basalanhang; sie ge- hört also nach der von Eaton (Trans. Lond. Ent. Soc. 1873 p. 132), wie nach der von MacLachlan (Revision and Synopsis p. 504) gegebenen Uebersicht der Hydroptilidengattungen zur Gattung Oxyethira. Auch sonst passt auf sie fast vollständig die von Mac Lachlan (a. a. O. p. 520) entworfene Schilderung dieser Gattung. Einige Unterschiede, — namentlich im Flügelgeäder, in dessen Dar- stellung übrigens Eaton (a. a. O. PI. 2 fig. 5) und MacLachlan (a. a. O. PI. LIX) von einander abweichen, — scheinen zu unerheblich, um Lagenopsyche als eigene Gattung neben Oxyethira aufrecht zu erhalten. Da nun aus Deutschland bisher eine einzige Oxyethira bekannt geworden, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die von meinem Bruder gefundene Larve dieser Ox. costalis angehöre. Hoffentlich werden deutsche Trichopterologen bald darüber Gewissheit geben. — Nach Eaton (a. a. O. p. 145) findet sich diese Art an Teichen, die mit Polygonum amphibium bewachsen sind; an den Blättern dieser und anderer Wasserpflanzen wird man in stehenden oder langsam fliessenden Gewässern nach den flaschenförmigen Puppengehäusen zu suchen haben. Wer sie da finden sollte, versäume nicht, von gleichem Orte Spirogyra oder andere fadenförmige Algen mit heimzunehmen und sie nach den dazu gehörigen Larven zu durchsuchen. Gerade bei Lagenopsyche, oder, wie sie nun heissen muss Oxyethira Spirogyrae sind namentlich die jüngsten Larven sehr merkwürdige, sonderbare Thierchen, ganz verschieden von den älteren Larven. Diese Wand- lungen des Baues im Laufe des Larvenlebens stehen im Zusammenhang mit der verschiedenen Lebensweise der jugendlichen und der erwachsenen Larven. Wahr- scheinlich bei allen Hydroptiliden leben die Larven anfangs frei und bauen sich erst, wenn ziemlich erwachsen, ein Gehäuse. Nach Eaton ist dies bei Stactobia der Fall (MacLachlan, Revision and Synopsis p. 516) und es gilt für alle mir hier bekannt gewordenen Arten der Familie, von denen man immer nur Gehäuse von nahezu gleicher Grösse findet. Bei Oxyethira Spirogyrae würde man ohne eingehende Untersuchung und ohne Kenntniss der Zwischenformen jüngste und älteste Larven gar nicht als zusammengehörig erkennen. Während kurz vor der Verpuppung der Hinterleib etwa viermal länger ist als Kopf und Brust zusammen und in der Mitte auch eben so vielmal dicker, bildet er bei den jüngsten von mir gesehenen 0,3 mm langen Larven kaum die Hälfte der Leibeslänge; er ist vorn am dicksten, aber auch hier schmäler als der auffällig grosse und dicke Kopf und verschmälert sich stetig bis zum Hinterende, welches zwei Borsten von weit mehr als Leibeslänge (sie sind 0,5 mm lang) trägt. Die Beine sind im Wesentlichen wie bei der er- wachsenen Larve und ihre Länge mag auch etwa in demselben Verhältniss zu ^ ^ ^ o Eine deutsche Lagenopsyche. Kopf und Brust stehen ; natürlich aber scheinen sie bei der Kleinheit des Hinter- leibes viel länger zu sein und erinnern an Spinnenbeine; verhältnissmässig länger als später sind die schlanken, spitzen, nur schwach gebogenen Klauen besonders der Mittel- und Hinterbeine; sie sind jetzt länger als irgend ein anderes Glied des Beines. Mit ihrer Hilfe klettern die Thierchen sehr geschickt zwischen den Spirogyrafäden. Dabei helfen auch die „Klammerhaken" der Afterbeine („Anal- beine" Brauer; „Nachschieber" Hagen), die jetzt schlank, spitz und nur schwach gebogen, also den Fussklauen ganz ähnlich sind, wenn auch mehrfach kürzer. Am Ende des Larvenlebens dagegen sind diese „Klammerhaken" an die Seiten des halbkugligen letzten Leibesringes gerückt und zu kurzen, breiten, am Ende gerandeten, hinterwärts zweizähnigen Hornplatten geworden. Anfangs also erinnern sie an die der freilebenden Hydropsychiden, zuletzt an die der Gehäuse tragenden Leptoceriden und Sericostomatiden. Blumenau, Sa. Catharina, Brazil 19/9. 87. Nebenspreiten an Blättern einer Begonia^). Mit I Textfigur. Eichler ^) hat Blätter einer Michelia Champaca meines Gartens beschrieben mit zwei hintereinander gelegenen, gleichsinnig gerichteten Spreiten. Einen zweiten Fall derartiger Verdoppelung der Blattspreite, der freilich im Uebrigen sehr wenig Aehnlichkeit mit jenem ersten hat, sah ich vor kurzem bei einer hiesigen Begonia, einer stattlichen bis über mannshohen Art mit reichen weiss- blumigen Blüthenständen und unterwärts meist rothen, selten grünen Blättern, deren Namen ich nicht kenne. Die Nebenspreite entspringt von der Oberseite des Blattes, fast immer an dessen Grunde, da wo die Blattnerven strahlig auseinanderlaufen, und steht nahezu senkrecht auf der Blattfläche, der sie ihre Unterseite zuwendet. Sie ist von läng- lich eiförmigem Umrisse und bildet nur ein unbedeutendes Anhängsel des grossen Blattes. Bei zehn Messungen schwankte ihre Länge zwischen 5 und 5 1 , die Breite zwischen 3 und 18 mm; die Breite betrug 7ii bis Vii. i^n Durchschnitt V5 der Länge. Im Allgemeinen ist die Nebenspreite verhältnissmässig um so breiter, je kürzer sie ist. Ausser den wohlausgebildeten Nebenspreiten kommen noch ganz winzige, kaum i bis 3 mm lange, übrigens ganz ähnliche Anhängsel vor, — Zweimal sah ich eine kleine Nebenspreite aus der ersten Gabelung des zur Blatt- spitze verlaufenden Nerven entspringen ; in einem dieser Fälle war ausser der hier stehenden, 1 1 mm langen, 6 mm breiten Nebenspreite noch eine winzige, 3 mm lange, i mm breite, am Grunde des Blattes vorhanden. — Ich sagte schon, dass die Unterseite der fast senkrecht auf dem Blatte stehenden Nebenspreite sich der Blattfläche zuwendet ; der Punkt des Blattumfanges, dem sie sich zukehrt, ist nicht immer derselbe; meist stellt sich die Nebenspreite nahezu in eine durch den zur Spitze gehenden Blattnerven senkrecht auf die Blattfläche gelegte Ebene (6mal unter 10 Fällen); doch kann sie auch in einer auf dieser senkrechten Ebene liegen, ihre Unterseite der Spitze des Blattes zuwendend (imal unter 10 Fällen), oder zwischen diesen liegende Stellungen einnehmen; nach den übrigen drei Vier- theilen des Umkreises sah ich die Unterseite der Nebenspreite noch nicht gerichtet. Da bei manchen Begonien aus abgeschnittenen Blättern bei passender Be- handlung junge Pflänzchen spriessen, so lag die Vermuthung nahe — und das war 1) Ber. d. Dtsch. Bot. Ges. 1887. Bd. V. Heft i. S, 44—47- 2) Diese Berichte, Bd. IV, S. 37. I I20 Nebenspreiten an Blättern einer Begonia. in der That mein erster Gedanke bei deren Anblick — , die Nebenspreiten möchten die ersten Blätter solcher Pflänzchen sein, die hier schon auf noch mit der nur Mutterpflanze verbundenen Blättern sich entwickelten, wie man es so oft auf den Blättern mancher Farne sieht. Indessen die Nebenspreite entfaltet sich gleichzeitig mit dem Hauptblatte und wächst dann nicht weiter; gerade die ältesten, an den unteren Blättern stehenden waren meist die allerkleinsten, die jüngsten an den oberen Blättern die grössten; mit dem Hauptblatte welkt auch die Nebenspreite. Ueberhaupt scheint nach einigen, allerdings noch nicht entscheidenden Versuchen, bei dieser Art Sprossung aus Blättern nicht vorzukommen. */, nat. Gr., nach getrockneten Blättern gezeichnet. Ich fand an einer einzigen Pflanze 23 mit Nebenspreite versehene Blätter und zwar an sechs ihrer sechszehn Stengel; jene sechs Stengel, die höchsten, ältesten und kräftigsten, hatten zusammen 201, die übrigen zehn Stengel zusammen 137 Blätter. Einer der sechs Stengel hatte nur ein einziges Blatt mit Nebenspreite und zwar an einem Seitenzweige; alle übrigen kamen an Blättern der aus dem Wurzelstocke aufsteigenden Hauptstengel vor und zwar in folgender Vertheilung : [I, II . . . bezeichnen die Stengel, i, 2, 3 . . . die Blätter, von oben nach unten gezählt, # wohlentwickelte, + winzige, nicht über 3 mm lange Nebenspreiten, o Mangel derselben, ? dass das betreffende Blatt schon abgefallen, wo 2 Zeichen übereinander stehen, bezieht sich das obere auf den Grund des Blattes, das untere auf die erste Gabelung des zur Spitze laufenden Blattnerven]. I 2 3 4 5 6 7 8 9 10 II 12 I # # + + + + ? ? n # # + ? ? ? in # # # IV # # # # V # # # + Nebenspreiten an Blättern einer Begonia. 1 1 2 I Man darf wohl annehmen, dass gleichweit vom Gipfel der Hauptstengel entfernte Blätter nahezu gleich alt seien, und dann ist es beachtenswerth, dass bei allen fünf Stengeln das viertletzte und mit einer Ausnahme auch das fünft- letzte eine Nebenspreite trug, dass dieselbe überall dem obersten und mit einer Ausnahme auch den beiden nächstunteren fehlte; dass unterhalb des zehnten Blattes von oben keine Nebenspreite gefunden wurde und dass die Nebenspreiten an der Gabelung des Hauptnerven beide am siebenten Blatte von oben vorkamen. Es ist das ein neues Beispiel für das gleichzeitige Vorkommen der nämlichen Bildungsabweichung an verschiedenen Zweigen oder Sprossen derselben Pflanze oder selbst verschiedener Pflanzen, wie ich solches schon bei mehreren anderen Pflanzen beobachtet habe (Feijoa, Abutilon, Fuchsia). Die Begonia, an der ich die Nebenspreiten fand, habe ich vor mindestens zwölf Jahren aus dem Walde in meinen Garten versetzt; ich bin fast sicher, dass dieselben seitdem jetzt zum ersten Male aufgetreten sind. Beim Jäten, beim Be- trachten der Blumen, beim Sammeln von Samen u. s. w. hätten sie mir, wenn früher vorhanden, kaum entgehen können. Späterer Zusatz. Die an der Pflanze meines Gartens jetzt so zahlreichen Nebenspreiten scheinen sonst ziemlich selten zu sein. Ich suchte heute eine Stelle im Walde auf, wo an dem vom linken Garcia-Ufer steil aufsteigenden Berghange die Begonia in grösster Menge wächst und von wo ich vor Jahren die Pflanze meines Gartens heimgebracht; ich fand an nur zwei Pflanzen Blätter mit Neben- spreite, an der einen eines, an der andern sechs. Fast alle diese Nebenspreiten Sassen am viertletzten Blatte ihres Stengels, an dem sie ja auch in meinem Garten besonders häufig waren. Es scheinen also die der Entwickelung von Neben- spreiten günstigen Bedingungen zu gleicher Zeit hier im Garten und dort im Walde am wirksamsten gewesen zu sein. Die Nebenspreiten waren von 4 bis 12, im Durchschnitt 8 mm lang und 4 bis 8, im Durchschnitt 5,5 mm breit, also kürzer und breiter als in meinem Garten, mehrere trugen am Ende eine scharf abgesetzte, bis 2 mm lange pfriemenförmige Spitze. Nur drei standen, wie in meinem Garten alle, fast senkrecht zur Blattfläche, zwei bildeten mit ihr einen Winkel von etwa 30 °, und zwei waren ihr fast gleichlaufend. Besondere Erwähnung verdient ein Fall, in welchem aus demselben Punkte sich zwei Nebenspreiten fast senkrecht erhoben, beide der Blattfläche ihre Unterseite, einander ihre Oberseite zuwendend, die grössere nämlich (4 mm lang und ebenso breit) kehrte ihre Unterseite dem an einem der abgebildeten Blätter mit a, die kleinere, kaum halb so lange dem mit b bezeichneten Blattnerven zu. Blumenau, Santa Catharina, Brasilien. Fritz Müllers gesammelte Schriften. 7' Schiefe Symmetrie bei Zingiberaceenblumen^). Mit 3 Textfiguren. Wenn man einen noch vom Vorblatte der ersten Blume umschlossenen Wickel eines Blüthenstandes von Alpinia nutans quer durchschneidet, so sieht man, dass die fruchtbaren Staubgefässe der beiden ersten, oft einzigen Blumen nicht nach derselben Seite hin liegen, wie es bei allen Blumen eines Wickels von Hedychium der Fall ist. Das Staubgefäss der zweiten Blume ist weder, wie bei Hedychium, der Achse des gesammten Blüthenstandes zugewendet, noch auch der Abstammungsachse dieser Blume, d. h. dem Stiele der ersten Blume; eine die zweite Blume in zwei spiegelbildlich gleiche Hälften theilende Ebene geht durch keine dieser beiden Achsen. Das wäre also eine Ausnahme von der jetzt wohl als allgemeine Regel angenommenen „medianen Zygomorphie" der Zingi- beraceen und eine recht auffällige Ausnahme, wenn wirklich sonst „schiefe Sym- metrie in der Familie der Zingiberaceen nirgends" vorkäme ^). — Indessen scheint es mir, dass schon in seinen Blüthendiagrammen Eichler selbst, ohne es als solches zu deuten, ein Beispiel solcher schiefen Symmetrie gegeben hat; ich meine den „empirischen Grundriss der Partiahnflorescenz von Hedychium" =^), den ich nach zahlreichen Durchschnitten, die ich durch Blüthenstände dieser Gattung gemacht, als genau und naturgetreu bestätigen kann. Ich gebe hier in Fig. 3 (auf der folgenden Seite), genau nach Eichler's Grundrisse, die Lage der vier ersten Blumen eines Wickels von Hedychium coronarium. „Median-zygomorph" nennt Eichler bekanntlich Blüthen, bei denen die Ebene, durch welche dieselben in zwei spiegelbildlich gleiche Hälften getheilt werden (die „Symmetrale"), zusammenfällt mit der durch Blüthe und Abstammungsachse gelegten Ebene (der „Mediane") *). Nach dieser Begriffsbestimmung sind nun von den vier Hedychium-Blumen II und IV offenbar nicht median-zygomorph; sie entspringen ja nicht von der Hauptachse des Blüthenstandes, durch welche ihre Symmetrale geht; vielmehr ist die Achse von I Abstammungsachse für II, die Achse von III Abstammungsachse von IV; die Mediane von II geht durch I, 1) Ben d. Dtsch. Bot, Ges. 1887. Bd. V. Heft 2. S. 99—101. 2) Eichler in diesen Berichten, II, p. 419. 3) Blüthen-Diagramme, I, p. 171, Fig. 100. 4) Blüthen-Diagramme, I, p. 6. Schiefe Symmetrie bei Zingiberaceenblumen. 1123 die von IV durch IIL Bei medianer Zyg-omorphie müsste sonach das fruchtbare Staubgefäss von II nach I, das von IV nach III, nicht aber beide nach der Hauptachse zu liegen. In den von mir untersuchten Fällen fand ich die Stellung der Blüthen bedingt durch die Abstammungsachse, die Gestaltung aber der Staubblätter durch die Hauptachse; Kelch, äussere Staubblätter und Fruchtblätter stehen zur Abstammungsachse nach 7i> Blumenkrone und innere Staubblätter nach Y2. — fruchtbar ausgebildet aber wird stets das der Hauptachse nächste innere Staub- blatt Bilden die auf einander folgenden Medianen der Blüthen eines Wickels, -^ig- I- Querschnitt durch einen ablüthlgen Wickel von Alpinia nutans. In den Blüten ist nur die Lage der fruchtbaren Staubblätter angegeben, v'- v^ Vorblätter. Fig. 2. Diagramm dieser beiden Blüthen, die Lage des Staubgefässes und der Fruchtknotenfächer zeigend. Fig. 3. Lage der vier ersten Blumen eines Wickels von Hedychium coronarium nach Eichler (Blüthen-Diagramme I, S. 171, Fig. 100). wie in dem von Eichler (und in einem von mir) ^) gezeichneten Falle von Hedy- chium, mit einander Wickel von 60", so sind die fruchtbaren Staubgefässe aller Blumen der Hauptachse zugewendet und erwecken so für den ersten Blick den Anschein medianer Zygomorphie. Bei einer Alpinia, — derselben, von welcher Eichler Blumen mit zwei frucht- baren Staubgefässen beschrieben hat, — führt die Beeinflussung der Blumen durch zwei verschiedene Achsen zu einer endlosen Menge wunderlichster Bildungs- abweichungen 2), welche alle die eben ausgesprochene Regel bestätigen und über die ich in kurzem ausführlich berichten zu können hoffe. I) Kosmos, 1885, Bd. I, Taf. II, Fig. 13 == Ges. Schriften Taf. LXVL \2) Unter 311 zweiten Blüthen der seitlichen Wickel waren nur 116 gewöhnliche einmännige, aber auch schiefstehende Blumen; die ersten Blumen sind alle normal und median-zygomorph; unter mehr als hundert dritten Blumen fand sich eine einzige zweimännige, alle anderen waren normal, doch ein klein wenig schiefstehend. 7i Keimung der Bicuiba^). Mit Tafel LXVII. Vor längerer Zeit — ich hatte eben Klebs' „Beiträge zur Morphologie und Biologie der Keimung" gelesen — machte mich mein Enkel Hans Lorenz im Walde auf einen Bicuiba-Sämling aufmerksam. Derselbe passte in keine der von Klebs für die Dicotylen aufgestellten Abtheilungen, denn weder bildeten sich, wie in dessen erster Abtheilung, die Keimblätter, aus dem Samen hervortretend, zu Laubblättern aus, noch auch blieben sie, wie in der zweiten Abtheilung, unter der Erde ; sie wurden vielmehr durch ein ungewöhnlich langes Hypocotyl mit dem Samen hoch in die Luft emporgehoben. Um mir den Verlauf der Keimung näher anzusehen, sammelte ich in diesem Sommer eine Anzahl Bicuiba-Samen und theile hier mit, was ich fand. Unsere Bicuiba, ein hoher Urwaldsbaum ^), ist ein Gattungsgenosse der Muskat- nuss ; wie diese von der sogenannten Muskatblüthe, ist der Same der Bicuiba von einem zerschlitzten Mantel umgeben; derselbe ist fleischig, von nicht üblem Geschmack (doch wie die Samen selbst, gewürzlos) und von lebhaft rother Earbe. Wie andere auffällig gefärbte oder von auffällig gefärbtem Mantel umgebene Samen fallen auch die der Bicuiba nach dem Aufspringen der zweiklappigen ein- samigen Frucht nicht zu Boden, sondern bleiben sitzen und locken mancherlei Vögel, besonders verschiedene Arten von Jacü (Penelope) in die Krone des fruchtbeladenen Baumes. Dass durch diese Vögel die Samen wirklich ver- breitet werden, bewies mir eine in der Nähe meines Hauses, mindestens einige hundert Meter vom nächsten Baume niedergefallene Bicuiba. (Kinder, die sie aus dem Walde mitgebracht haben könnten, waren in der Zeit, wo ich sie fand, nicht in meinem Hause.) Der Same hat die Gestalt einer Muskatnuss, ist etwa 25 mm lang bei etwa 15 mm Durchmesser. Seine äussere, bei der Muskatnuss des Handels nicht mehr vorhandene Schale, die sich leicht ablöst, ist kaum 74 ^^™ dick, aber ziemlich hart und spröde; sie ist glatt und bei frischen Samen blass bräunlich; am Boden liegend verliert sie bald ihre äusserste Schicht und erscheint dann schwärzlich. 1) Ber. d. Dtsch. Bot. Ges. 1887. Bd. V. Heft 10. S. 468—472. Taf. XXII. 2) In Kew als „Myristica Bicuhyba Schott (?)" bestimmt. Keimung der Bicuiba. 1 1 2 '^ Dicht unter dem oberen Ende des Samens ist ein von einem flachen Walle um- randetes Grübchen : der Hagelfleck („chalaza"), von dem aus sich eine seichte Furche (die „rhaphe") nach dem am unteren Ende liegenden Nabel hinzieht, an welchem ein winziges, oft leichter zu fühlendes als zu sehendes Spitzchen vor- springt (Fig. 2, n). Nach Entfernung der äusseren Schale zeigt sich der Same von einer nicht ablösbaren matt bräunlichen Haut überzogen, in welcher unregel- mässig, doch vorwiegend in Längsrichtung seicht eingedrückte Linien verlaufen. Von diesen Linien aus sendet die Haut in das den ganzen Samen füllende über- aus ölreiche Endosperm plattenförmige gelbbraune Fortsätze, welche vielfach gebogen und nicht selten miteinander verschmelzend dasselbe in allen Richtungen durchziehen. Besonders mächtige Platten pflegen von der Raphe auszugehen; im oberen Theil des Samens zeigt sich dessen ganzer Querschnitt durch ein oft sehr dichtes Gewirr dieser Platten zerklüftet (Fig. 14a, 15 a), im unteren Theile pflegt die Mitte mehr oder weniger von ihnen frei zu bleiben. Es sei noch bemerkt, dass ein einfacher Längsschnitt (Fig. 3) diese in den Samen einspringenden Fort- sätze seiner Haut nicht als breite Platten zu zeigen pflegt, weil sie, vielfach gebogen, nur theilweise in die Schnittfläche fallen; um sie einigermassen voll- ständig zu sehen, muss man den rundum nur massig tief eingeritzten Samen aus- einander brechen (Fig. 4). Das weisse ölreiche Endosperm schmeckt sehr an- genehm ; ich wüsste keine Nuss von lieblicherem Geschmack zu nennen ; die Haut dagegen und die von ihr nach innen gehenden Fortsätze sind bitter und so kann man leider nur sehr winzige Stückchen ohne bitteren Beigeschmack erhalten. Möglicherweise mag diese Bitterkeit als Schutz dienen, doch sicher nicht gegen alle Feinde; eine auffallende Zahl, etwa die Hälfte der gesammelten Samen fand ich entweder von einer Schmetterlingsraupe oder von Fliegenmaden bewohnt. Der Keimling {k in den Abbildungen) ist ausserordentlich klein, kaum 2 mm lang, wovon noch nicht die Hälfte auf die unter etwa rechtem Winkel auseinander- weichenden Keimblätter kommt; der untere Theil (Hypocotyl und Würzelchen) ist rübenförmig und seine Spitze ist nur durch eine dünne Endospermschicht von der Samenhaut getrennt. Im Walde werden diese wie andere grössere Samen kaum je unter die Erde kommen ; sie keimen unter einer dünnen Decke modernden Laubes oder auch völlig unbedeckt; doch vermögen sie, wie ich in meinem Garten fand, auch wenn 0,1 m tief eingegraben, aus der Erde herauszukommen. Die ersten keimenden Samen fand ich in diesem Jahre im November; die Zeit des Reifens wird etwa ein Vierteljahr früher sein. Bei der Unnachgiebigkeit der äusseren Schale sind die ersten Anfänge des Keimens äusserlich nicht zu bemerken ; sie verrathen sich beim Ablösen der Schale dadurch, dass diese jetzt fester dem quellenden Samen sich anpresst und beim Durchschneiden solcher Samen findet man (Fig. 7, 8, 9), dass der Keimling im Wachsen begriffen ist. Gleichzeitig fängt auch das dem Keimling vorliegende und ihn umgebende Endosperm an zu schwellen und wird dabei etwas durchscheinend und gelblich; das schwellende Endosperm erhebt sich, der Spitze des Würzelchens gegenüber, zu einem kleinen Hügel (Fig. 8, g), während früher an gleicher Stelle der geschälte Samen etwas abgeflacht zu sein pflegt (Fig. 4, 7). Dieser Endospermhügel durchbricht dann die innere Samen- haut (Fig. 10, b) und zersprengt die äussere Schale in einem Kranz von Zähnen z: Keimung der Bicuiba. (Fig. loa). Solche strahlig vom Nabel ausgehende Risse sind das erste äussere Zeichen der Keimung. Seinerseits wird nun der Endospermhügel vom Würzelchen durchbrochen und bildet um dieses, sowie später um das Hypocotyl (Fig. ii) und schliesslich um die Stiele der Keimblätter (Fig. i8) eine aus dem Samen vorragende Scheide. Wenn das Würzelchen etwa 4 bis 5 mm aus der Endospermscheide hervorgetreten ist, beginnt es sich abwärts zu krümmen (Fig. 11); (bei Versuchen an etwas älteren Wurzeln hatte nach Lage Veränderung die Spitze in Tagesfrist wieder loth- rechte Stellung angenommen.) Schon jetzt ist die Wurzel scharf vom Hypocotyl abgegrenzt durch, wenn auch nur geringe, Verschiedenheit in Flirbung und Glanz, nach Kurzem färbt sich die Wurzel braun und das Hypocotyl erhält kleine spitze Wärzchen, so dass der Unterschied sofort ins Auge fällt. Wenn die Wurzel einige Centimeter Länge erreicht hat, beginnt die Seiten- wairzel zu treiben ; Wurzelhaare habe ich nicht gesehen. Sobald durch die Seiten- wurzeln der Sämling genügend befestigt ist, beginnt ein rasches Wachstum des Hypocotyls. Ist der Same von Erde bedeckt, so tritt es mit dem gewöhnlichen Katzenbuckel aus derselben hervor, zieht den Samen nach und wächst zu einer Höhe von 8 — 10 cm und selbst darüber empor. Inzwischen sind auch, bald früher, bald später, die Stiele der Keimblätter aus dem Samen hervorgetreten (Fig. 13) und zwischen ihnen erhebt sich (Fig. 16), zwei junge Blätter tragend, der junge Stengel. Sobald diese ersten Blätter sich entfalten, ergrünen und die Ernährung der Pflanze übernehmen, lösen sich die Stiele der Keimblätter und fallen mit dem Samen zu Boden. Seltener sieht man den Samen noch an Pflanzen, die schon vier bis fünf Blätter getrieben haben. Bis dahin hatte die Pflanze von den im Endosperm aufgespeicherten Nährstoffen und der durch die Wurzel aufgenommenen Flüssigkeit gelebt und vom ersten Beginn der Keimung an fahren bis dahin die Keimblätter fort zu wachsen und immer grössere aufsaugende Flächen in alle Winkel des zerklüfteten Endosperms zu senden. Schon die Figuren 10, 11 und 1 2 zeigen, wie dieselben unregelmässige Lappen zu treiben und sich wellenförmig zu biegen und zu kräuseln beginnen. Vorgeschrittene Entwickeln ngsstufen zeigen die Querschnitte Fig. 14 und 15 {b und c) während die in Fig. 17 dargestellten, aus dem Samen der Fig. 16 herausgeschälten Keimblätter vielgefaltet fast den ganzen Samen füllen, dessen Endosperm fast völlig aufgezehrt ist. Die in den Samen eindringenden F'ortsätze seiner Haut mögen bei der Auf- saugung der im Endosperm aufgespeicherten Nährstoffe förderlich sein sowohl durch die Zerklüftung des Endosperms, als dadurch, dass sie die wachsenden Keimblätter zu jener hochgradigen Flächenentwickelung durch Faltung und Kräuselung zwingen. Auch wo sonst ein „albumen ruminatum" vorkommt, pflegt (z. B. bei den Anonaceen) ein äusserst winziger Keimling in unverhältnismässig grossem Endosperm zu liegen. Erklärung der Abbildungen auf Tafel LXVIL Fig. 6 bis 9 sind 3 mal vergrössert, alle übrigen in nat. Grösse. — ch = Chalaza. e == Endosperm. h = Hypocotyl. ah = äussere, ih = innere Haut des Samens, k = Keimling, kb = Keimblätter, n = Nabel, r/i = Rhaphe. si = Stiel der Keimblätter, w ^ Wurzel. Keimung der Bicuiba. 1127 Fig. I und 2. Bicuiba-Samen von verschiedenen Seiten. Fig. 3. Längsdurchschnittener Samen. Fig. 4. Längsdurchbrochener Samen. Fig. 5. Querschnitt durch die Mitte eines frischen Samens. Fig. 6. Keimhnge frischer Samen. Fig. 7 — 9. Keimlinge aus Samen, die noch keine äusseren Zeichen der Keimung bieten. Fig. 10. Samen mit vortretendem Endospermhügel. a mit, b ohne die äussere Schale, c im Längsschnitt. Fig. 1 1 . Samen mit vortretendem Würzelchen und Hypocotyl. a mit, b ohne die äussere Schale, c der herausgeschälte Keimling. Fig. 12. Ein weiter entwickelter Keimling, a dessen Spitze nach Entfernung der Keimblätter. Hervorheben des Hypocotyls über die Erde. Querschnitte einer Bicuiba mit 2 cm langem Hypocotyl und 3 cm langer (^i 8. <: 13 mm unter dem oberen Ende. Querschnitte einer Bicuiba mit 3 cm langem Hypocotyl und 4 cm langer b b, c 10 mm unter dem oberen Ende. In allen diesen Querschnitten ist die Rhaphe nach unten gewendet. Fig. 16. Bicuiba-Sämling, der seine ersten Blätter entfaltet. Eig. 17. Spitze desselben mit aus dem Samen herausgeschälten Keimblättern. Fig. 18. Abgefallener Samen eines älteren Sämlings. Die wagerechte Linie in Fig. 12, 13 und 16 bezeichnet die Oberfläche des Bodens. Blumenau, Santa Catharina, Brazil. Fig. 13- Fig. 14. Wurzel. a 3. Fig. 15- Wurzel. a 4, Die Eier der Haarflügler^). Ueber die Eier der Haarflügler findet man meist nur dürftige und einander widersprechende Angaben. Claus z B., nach dessen Meinung die Haarflügler ge Wissermassen die Schmetterlinge unter den Sechsfüsslern mit unvollkommener Verwandlung sind, sagt: „das ? legt die Eier klumpenweise in einer Gallerthülle eingeschlossen an Blättern und Steinen in der Nähe des Wassers ab." Derselben Angabe begegnet man bei Gerstäcker, der zugleich P i et et's Angabe zurück- weist, nach welcher das ? die Eier ins Wasser fallen lässt. Andere lassen die $ behufs der Eiablage ins Wasser gehen und munter darin herumschwimmen. Jede dieser Angaben dürfte für gewisse Arten richtig sein. Ich vermag keinen Grund zu sehen, weshalb ich mit Gerstäcker die Angabe Pi et et's anzweifeln sollte. Es war nicht Pi et et's Art, als Thatsache hinzustellen, was er nicht gesehen. Zudem erzählt Gerstäcker selbst, dass die $ der Perliden die Eier klumpenweise an der Bauchseite tragen, „um sie während des Fliegens ins Wasser fallen zu lassen," — was übrigens, beiläufig bemerkt, nicht für alle Per- liden gilt. Warum also ein ähnliches Verhalten für gewisse Haarflügler in Ab- rede stellen? Dass die ? mancher Arten nicht nur ins Wasser gehen, sondern da auch herumschwimmen, würden schon die verbreiterten Schienen und Fussglieder der Mittelbeine vieler $ beweisen, auch wenn es Hyndman nicht schon vor langer Zeit bei Phryganea grandis gesehen hätte. Dass auch $ ins Wasser gehen, die keine zum Schwimmen verwendbaren Beine besitzen, zeigen ihre an der Unter- seite von Steinen befestigten Eier, wohin sie nur das ? selbst gebracht haben kann. Uebrigens giebt auch Brauer (Neuropt. austriaca) an, dass das $ bei manchen Arten unter's Wasser taucht. Leider finde ich in den mir zugänglichen Schriften so gut wie keine An- gaben darüber, bei welchen Gattungen und Arten die eine oder andere Art der Eiablage beobachtet worden sei. Nur verhältnismässig selten dürfte es vorkommen, was Gerstäcker und Claus als allgemeine Regel hinstellen, dass die Eier ausserhalb des Wassers abgelegt werden; denn es bedarf für diesen Fall ganz besonderer örtHcher Verhältnisse, die es den zarten, ausser Wasser ganz unbehilf- lichen Lärvchen ermöglichen, ins Wasser zu gelangen. Solche Oertlichkeiten i) Entom. Nachr. 1888. 14. Jahrg. No. 17. S. 259 — 261, Die Eier der Haarfiüglcr. II 20 bieten z. B. stets feuchte Felswände kleinerer oder grösserer Wasserfälle oder einzelne aus Stromschnellen hervorragende Steine; an solchen Stellen habe ich Eier von Chimarrha, von einer Macronema-Art und von einer Rhyacophilide (neue Gattung, verwandt mit Ptilocolepus) g^efunden. Einen anderen passenden Ort bieten die Blätter von Gesträuch, das sich über das Wasser herüberbiegt; solche Blätter werden ja bekanntlich auch, wie mein Bruder Wilhelm Müller hier bestätigen konnte, von gewissen Laubfröschen zur Ablage ihres Laichs benutzt. Dasselbe thut eine hiesige Leptoceride (von mir vorläufig zu Setodes gestellt in Zeitschr. f. wiss. Zool. XXXV. S. 79 = Ges. Schriften S. 750); zwei ihrer Laich- klümpchen, von 0,85 mm Durchmesser fand mein Bruder am ^.jz. 84 an einem etwa fusshoch über dem Spiegel eines Waldbachs befindlichen Blatte. Nach dem Auskriechen der Larven wird das gallertige Laich so dünnflüssig, dass es mit den Lärvchen ins Wasser niedertropft. Es würde mich nicht in dieser Ansicht irre machen, wenn auch andere wie ich selbst fast ebenso oft oder öfter Haarflüglereier ausser Wasser gefunden haben sollten, als im Wasser; denn jene fallen ohne Weiteres ins Auge, diese wollen gesucht sein. Man kann Stunden lang im Wasser waten, hunderte von Steinen herausholen und mustern ohne auf eine einzige Eiergruppe zu stossen. Mehrfach findet man angeführt, als gälte es für alle Haarflügler, dass die $ ihre Eierklumpen am Hinterleibe mit sich herumtragen (Westwood, Introd. to modern classif. of insects, C. Vogt, Zoologische Briefe). Jedenfalls kann dies weder gelten für die mit Legeröhre versehenen $ von Anomalostoma, zahlreichen Hydropsychiden, Rhyacophiliden und Hydroptiliden, noch auch für diejenigen $, die überhaupt keine gallertigen Eierklumpen legen, und zweifel- haft erscheint es mir für die $ mancher anderen Arten, an deren Hinterleibe ich keine dem Tragen der Eier dienende Stelle bemerken konnte. Wie ich eben andeutete, kommt auch das bisher allgemein als allen Haar- flüglern zukommende Eigenthümlichkeit betrachtete Ablegen der Eier in einer Gallerthülle nicht allen Arten zu. Eine Ausnahme bilden alle Hydropsy- chiden, deren Eier ich bis jetzt kennen lernte (3 Macronema, i Smicridea und I Chimarrha). Sie kleben ihre Eier mit spärlichem, nicht gallertartig aufquellendem Kitt, mehr oder minder dicht gedrängt, in einer einfachen Schicht den Steinen auf, wie es die Parniden thun, deren kugelige dottergelbe Eier in unseren Bächen unter Steinen nicht selten gefunden werden. Die Eier besitzen eine feste, lederartige, fast undurchsichtige Schale und zeichnen sich ausserdem vor anderen mir bekannten fast kugligen Haarflüglereiern durch ihre längliche Gestalt aus; sie sind bei Chimarrha 0,25 mm lang, 0,2 mm dick, bei den drei Macronema- arten 0,6 mm lang und beziehungsweise 0,4 — 0,33 und 0,3 mm dick. Noch weit länger fand ich die dem Leibe der Mutter entnommenen Eier einer Oestropside (0,8 mm lang, 0,25 mm dick). Larven von Mücken und Haarflüglern mit zweierlei abwechselnd thätigen Athem Werkzeugen^). Mit 3 Textfiguren. Ich kann mich nicht entsinnen, von Insectenlarven gelesen zu haben, die bald durch Luftröhrenkiemen, bald durch offene Luftlöcher athmen, je nachdem sie im Wasser oder ausserhalb desselben sich befinden. Dies ist der Fall bei mehreren Arten von Psychodi den- Larven, die hier an den feuchten Fels- wänden der zahlreichen grösseren und kleineren Wasserfälle unserer Waldbäche oft in grosser Menge vorkommen. Es sind kleine, bis 2 oder 3 mm lange, schwarze, asselähnliche Thierchen, die eine Reihe von acht grossen bauchständigen Haftscheiben besitzen und dadurch an die Blepharoceriden erinnern, denen auch ihre flach schildförmigen Puppen sich anschliessen. Am Ende des Hinter- leibes haben diese Larven zwei grosse von einem Haarkranze umgebene runde Luftlöcher, in welche die beiden Hauptstämme der Luftröhren ausmünden. Kurz vor seiner Mündung entsendet jeder der beiden Luftröhrenstämme bauchwärts einen ziemlich starken Ast, dessen drei Zweige in ebensoviele am After vorstreck- bare fingerförmige Blindschläuche eintreten, um in ihnen sich in zahlreiche zarte Zweigelchen zu zertheilen. Eine auch in anderen Stücken ziemlich abweichende Art (Fig. C) scheint nicht drei, sondern nur zwei Paare solcher Afterschläuche zu besitzen. Bringt man die Thierchen in ein Glasgefäss mit Wasser, so halten sie sich meist in der Nähe des Wasserspiegels auf, bald über denselben hinauskriechend, bald wieder ins Wasser zurückkehrend. Verlassen sie das Wasser, so werden die Afterschläuche eingezogen und wieder vorgestreckt, sobald sie unter Wasser sind. Bisweilen nehmen sie bei der Rückkehr ins Wasser zwischen den die Luft- löcher kranzförmig umsäumenden Haaren noch eine Luftblase mit ins Wasser; doch habe ich dies, wenn ich mich recht entsinne (ich habe mich seit sieben Jahren nicht mehr mit diesen Larven beschäftigt), nur bei einer einzigen Art beobachtet. Aehnliche in der Aftergegend vorstreckbare fingerförmige oder in seltenen Fällen baumartig verästelte Blindschläuche kommen bekanntlich auch manchen anderen im Wasser lebenden Larven von Zweiflüglern, Käfern und Haarflüglern zu ; I) Entom. Nachr. 1888. 14. Jahrg. No. 18. S. 273—277. Larven von Mücken und Haarflüglern mit zweierlei abwechselnd thätigen Athemwerkzeugen. i i a i doch kenne ich darunter keine, die gleichzeitig offene Luftlöcher besässe. Bei den Haarflüglern scheint sie zuerst Pictet gesehen zu haben; er betrachtet sie als eine Eigen thümlichkeit der Hydropsychiden und beschreibt sie als vier um den Enddarm gelagerte Blindsäckc („tubes en coecum, sacs en coecum"), die das Thier willkürlich vorstrecken und zurückziehen kann und denen man kaum eine andere Verrichtung als die des Athmens zuschreiben könne. Derselben Meinung ist Palmen (Zur Morphologie des Tracheensystems. S. 49 Anm.) ; sie möchten, meint er, bei der Puppe von Rh3^acophila „compcnsatorisch die Function der eingehenden oder verschwundenen Kiemen übernehmen". Weitere Angaben über die Afterschläuche der Haarflügler kenne ich nicht. Ich selbst fand sie bei Arten aus allen hier vorkommenden Haarflüglerfamilien, also ausser bei Hydro- psychiden und Rhy acophiliden auch bei Hydroptiliden , Lepto- ceriden und Sericostomatiden. Die Limnophiliden und Phryganiden sind bekanntlich in Brasilien nicht vertreten. Hinterleibsende von Psychodidenlarven. Fig. A. Jüngere, frisch gehäutete Larve, von der Seite, 90 : i. a die drei Afterschläuche, b das Luftloch der linken Seite. Fig. B. Aeltere Larve derselben Art, mit geöffneten Luftlöchern, von oben, 90 : I. Fig. C- Larve einer anderen Art, eben ins AVasser zurückgekrochen, mit Luftblase zwischen dem Haarkranz der Luftlöcher und vorgestreckten After- schläuchen (ff), 45 : I. b die beiden Haupt- stämme der Luftröhren. A a Die Zahl der Afterschläuche wechselt bisweilen selbst innerhalb derselben Haarflüglergattung, Sechs sah ich bei Itauara (Rhyacophiliden) ; es sind zwei seitliche Paare, ein oberer und ein unterer Schlauch. Fünf finden sich bei Pelto- psyche (Hydroptiliden) und verschiedenen Hydropsychiden (Chimarrha, einer Macro- nema-Art und einer wahrscheinlich zur Tinodes-Gruppe gehörenden Larve). Bei diesen Hydropsychiden fehlt der untere unpaare Schlauch, bei Peltopsyche dagegen der obere, und der untere ist nicht fingerförmig wie die vier seitlichen, sondern kegelförmig. Vier Afterschläuche, die beiden seitlichen Paare, traf ich bei Arten von Macronema, Smicridea (Hydrops3^chiden) und Helicopsyche (Sericostomatiden). In Zweifel blieb ich über die Zahl der Afterschläuche bei Grumichella (Lepto- ceriden); es sind die fünf bei Chimarrha vorkommenden vorhanden und wahr- scheinlich noch zwei kleinere, mehr nach aussen liegende Paare. Bei Hydro- psychiden scheinen die Afterschläuche nie zu fehlen; bei verschiedenen Lepto- ceriden (Marilia, Tetracentron, Phylloicus) habe ich mich bis jetzt vergeblich danach umgesehen. Was nun die Bedeutung dieser Afterschläuche bei den Haarflüglerlarven betrifft, so habe ich lange gezögert, mich der Ansicht von Pictet und Palmen anzuschliessen, dass sie der Athmung dienen. Unter den Afterschläuchen der von mir untersuchten Larven könnten höchstens diejenigen von Itauara darauf Anspruch machen, als Luftröhrenkiemen zu gelten ; es verzweigen sich in ihnen TT 72 Larven von Mücken und Haarflüglern mit zweierlei abwechselnd thätigen Athemwerkzeugen. einige Luftröhrenäste, aber selbst bei ihnen sind diese Verzweigungen sehr dürftig, wenn man sie vergleicht mit den in zahllose, dichtgedrängte, zarteste Reiserchen aufgelösten Luftröhren, die sich bei denselben Larven in der Rückenhaut des Hinterleibes ausbreiten. Bei den meisten anderen Arten sind die Afterschläuche so gut wie luftröhrenlos; oft gelingt es kaum, ein feinstes Zweigelchen in sie hinein zu verfolgen. Nirgends ist dieser Gegensatz zwischen Luftröhrenkiemen und Afterschläuchen augenfälliger als bei einer unserer Macronemalarven, die so gesättigt grünes Blut hat, wie ich es kaum bei grünblütigen Ringelwürmern zu sehen bekommen; bei ihr erscheinen die mit zartesten Luftröhren vollgepfropften Kiemen weiss, die vier blutgeschwellten Afterschläuche sattgrün. Wenn also in diesem und ähnlichen Fällen die Afterschläuche wirklich der Athmung dienen, kann es nur so geschehen, dass an ihrer Oberfläche das Blut selbst, ohne Vermittlung von Luftröhren, seine Gase mit denen des Wassers aus- tauscht. Sie würden nicht Luftröhrenkiemen, sondern Blutkiemen sein, wie die der Krebse u. s. w. — Obwohl ich so wenig wie P i c t e t für die Afterschläuche eine andere Deutung zu finden wusste und obwohl Hautathmung bei zarthäutigen im Wasser lebenden Insectenlarven sicher vorkommt, waren doch solche Blut- kiemen bei Insecten etwas so Unerwartetes, dass ich mich ohne zwingende Gründe zu dieser Deutung zu greifen sträubte. Solche Gründe boten mir im Laufe des vorigen Jahres Beobachtungen an Larven einer Macronema-Art, die sich in mehreren Stücken weit entfernt nicht nur von ihren Gattungsgenossen, sondern, so viel bekannt, von allen übrigen Hautflüglern. Sie ist bis jetzt die einzige Art, bei deren Puppe die Kinnbacken schon eben so verkümmert sind, wie sonst bei dem geschlechtsreifen Thiere. Sie ist die einzige, deren Larve den zur Athmung nöthigen Wasserstrom nicht wie sonst durch Bewegung des Hinterleibes, sondern durch Bewegung der Kiemen selbst unterhält. Eine jüngere, etwa lo mm lange, noch sehr durchsichtige Larve dieser Art mit wohlgefülltem Verdauungsrohr, die also wochenlang ohne neue Nahrung ausdauern konnte, wurde am ig. Juni v. J. in eine 8 mm weite, 45 mm hohe mit reinem Flusswasser gefüllte Glasröhre gesetzt. Sie begann sofort, nach kurzem Umherkriechen, an einer Wand des Glases eine etwa 25 mm lange, gleich- weit von Boden und Wasserspiegel entfernte, etwa 4 — 5 mm weite Röhre aus ganz lose gewebten Fäden zu spinnen. Darin sass sie dann oft lange Stunden fast regungslos, den Kopf bald auf-, bald abwärts gewendet, den Rücken meist der Wand des Glases zugekehrt; nur die an den ersten sieben Hintcrleibsringen sitzenden Kiemen waren in selten unterbrochener rascher Bewegung. Die von aussen und vorn nach innen und etwas nach hinten gerichteten Schläge der einzelnen Kiemen folgten sich so rasch von vorn nach hinten, dass man das Bild einer rasch von vorn nach hinten laufenden Welle erhielt, deren Länge etwa der halben Länge der Kiemengegend gleichkam. Die Larve besitzt vier schlanke fingerförmige Afterschläuche, die ich weit häufiger zurückgezogen als vor- gestreckt sah. Wenn vorgestreckt' biegen sie sich in flachem Bogen nach vorn und schlagen mit der Spitze langsam, wie tastend (etwa einmal in der Secunde) an den Rücken des vorangehenden Ringes. Oft treten sie nur auf wenige Secunden vor; doch sah ich sie auch bis über fünf Minuten ununterbrochen spielen. Bisweilen sieht man die meist so lebhafte Bewegung der Kiemen sich Larven von Mücken und Haarflüglern mit zweierlei abwechselnd thätigen Athemwerkzeugen. II 33 verlangsamen oder selbst für einige Zeit völlig stille stehen; in diesen Fällen sah ich stets die Afterschläuche hervortreten ; so sah ich am 30. Juni die Afterschläuche über drei Minuten lang lebhaft spielen, während die Kiemen des auch sonst regungslosen Thieres vollkommen ruhten. Einen nicht minder schlagenden Beleg dafür, dass die Afterschläuche als Stellvertreter der Kiemen eintreten können, lieferte eine am 28. Juni gefangene Larve, deren Kiemen beim Heimtragen stark durch Schmutz verklebt und in ihrer freien Bewegung für längere Zeit behindert waren; während dessen waren die Afterschläuche vorgestreckt und in steter Be- wegung. Bei den jüngsten, aus Eiern gezogenen Larven dieser Macronema-Art, die der Kiemen noch entbehren, scheinen die Afterschläuche nie eingezogen zu werden. Ebenso scheint es nach Beobachtungen an einer anderen, der schon erwähnten grünblütigen Art kurz vor der Verpuppung za sein, wo die Larve fast regungslos liegt und den Kiemen der durch die Bewegungen des Hinterleibes unterhaltene Athemstrom fehlt; ich fand bei der Mehrzahl der Larven, die ich bereits zur Verpuppung geschlossenen Gehäusen entnahm, die Afterschläuche vor- gestreckt. (Vielleicht bezieht sich auf solche zur Verpuppung bereite Larven auch Palmens Angabe, dass die Schläuche bei jüngeren Larven meist „im After" (!?) versteckt liegen, bei älteren aber weit ausgeschoben werden.) Diese Beobachtungen nöthigen wohl zu der Annahme, dass die Afterschläuche der Haarflüglerlarven wirklich der Athmung dienen. So haben wir, wie bei den Psychodidenlarven unserer Wasserfälle, zweierlei Athmungswerkzeuge : Luftröhren- kiemen und Blutkiemen, die einander ergänzen und abwechselnd in Thätigkeit treten können ^). Blumenau, Santa Catharina, Brasilien, 6. Juni 1888. i) Palm^n's Vermuthung, es möchten auch bei der Puppe von Rhyacophila die Afterschläuche „compensatorisch die Function der verschwundenen Kiemen übernehmen", muss als in der Luft schwebend betrachtet werden, bis überhaupt Afterschläuche bei Haarfiüglerpuppen nachgewiesen sind. Ich habe noch keine zu sehen bekommen und meines Wissens auch sonst Niemand. Zweimännige Zingiberaceenblumen ^). Mit 2 Textfiguren. Vor einigen Jahren hat Eichler in diesen Berichten (II, S. 419) zweimännige Blumen einer Alpinia ^) beschrieben, die ich ihm geschickt hatte. Um zu erfahren, ob diese Blumen auf eine bestimmte Stelle des Blüthenstandes beschränkt seien und ob daraus etwa ihre abweichende Bildung zu erklären sei, wie es mit den regelmässig dreistrahligen, rein weiblichen Endblumen der Zingiberaceen der Fall ist, pflanzte ich einige Stücke des Wurzelstocks in meinen Garten. Hier habe ich in den letzten anderthalb Jahren über hundert Blüthen stände, also manches Tausend Blumen untersuchen können und darunter über 600 zweimännige ge- troffen. Der Blüthenstand dieser Alpinia ist eine aufrechte, ziemlich lose Wickel- traube; die Wickel bestehen meist aus zwei bis drei Blumen; nicht selten, be- sonders im oberen Theile des Blüthenstandes oder an kleineren Blüthenständen, kommt nur eine Blume zur Ausbildung, während umgekehrt bei recht kräftigen Blüthenständen, die über spannenlang werden und über vierzig Wickel tragen können, auch vier- und sogar fünfblumige Wickel auftreten. Zweimännige Blumen fand ich nun fast ausschliesslich unter den zweiten Blumen der Wickel. Diese zweiten Blumen sind, auch wenn sie einmännig und den ersten und dritten völlig gleichgebildet sind, von letzteren meist auf den ersten Blick durch ihre schiefe Stellung zu unterscheiden. Bei den ersten und dritten Blumen steht die Ebene, welche dieselben in zwei spiegelbildlich gleiche Hälften theilt, genau oder nahezu senkrecht; die fast wagerecht vorgestreckte Lippe liegt nach unten, das fruchtbare Staubblatt nach oben. Bei den zweiten Blumen dagegen steht diese Theilungsebene (oder die, welche ihr in den nicht seltenen ungleichseitigen Blumen entspricht) mehr oder weniger schief; bei ein- 1) Ber. der Dtsch. Bot. Ges. 1888. Bd. VI. Heft 2. S. 95—100. 2) Die Art wurde mir in Berlin nach einem getrockneten Blüthenstande als eine Form von Alpinia nutans bestimmt; doch bezweifele ich die Richtigkeit dieser Bestimmung nicht nur wegen der sehr grossen Verschiedenheit in fast allen Theilen zwischen ihr und der gewöhnlichen, überall in Brasilien verbreiteten Alpina nutans, sondern mehr noch wegen der vollständigen Unfruchtbarkeit, welche beide Formen bei Kreuzung zeigen. Zweimännige Zingiberaceenblumen. 1 1 "^ ^ männigen Blumen ist sie nach rechts oder links geneigt, je nachdem die zweite Blume rechts oder links von der ersten steht, bei zweimännigen Blumen um- gekehrt. Die schiefe Stellung der zweiten Blumen erklärt sich daraus (vergl. diese Berichte V, S. 99 = Ges. Schriften S. 1120), dass das Vorblatt der ersten Blume, d. h. das Deckblatt der zweiten, seitlich steht, dass jede Blume ihrer Ab- stammungsachse eines ihrer inneren Staubblätter zuwendet und dass von diesen Staubblättern dasjenige sich fruchtbar ausbildet, welches der Hauptachse des Blüthen- standes am nächsten liegt. Nur in dem ganz besonderen Falle kann also eine zweite Blume gerade stehen, wenn, wie bei Hedychium coronarium, das Vorblatt der ersten Blume um 30^ nach hinten gerückt ist. — Zweimännige zweite Blumen entstehen dadurch, dass auch die Abstammungsachse, (der Stiel der ersten Blume), ihr Recht behauptet, dass auch das ihr zugekehrte Staubblatt sich fruchtbar aus- bildet. Weshalb einmännige und zweimännige zweite Blumen in der oben an- gegebenen Weise sich schief stellen, erhellt ohne Weiteres aus beistehenden Grundrissen. A B CO I Co I ©; .® ^ l t Grundrisse zweiblüthiger Wickel von Alpinia. A zweite Blume einmännig, links von der ersten. £ zweite Blume zweimännig, rechts von der ersten. / Lippe, v Vorblatt der ersten Blume. Die Bedeutung der eigenthümlichen Erscheinung, dass bei den Zingiberaceen nicht durch die Abstammungsachse der Blume, sondern durch die Hauptachse des Blüthenstandes die fruchtbare Ausbildung eines der inneren Staubblätter be- dingt wird, liegt wenigstens für unsere Alpinia auf der Hand. Die breite wage- rechte Lippe der ersten und dritten Blumen bietet den Besuchern (Euglossa, Centris, Bombus u. s. w.) einen bequemen Landungsplatz, auf dem sie, den Blüthen- staub mit ihrem Rücken abstreifend, zu dem Eingange der honigbergenden Blumenröhre vorrücken. Würde bei den zweiten Blumen das seitlich gelegene der Abstammungsachse zugewendete innere Staubblatt sich fruchtbar, die beiden anderen sich zur Lippe ausbilden, so wäre die Stellung der letzteren für die Be- sucher die möglichst unbequeme, während sie jetzt, wenn schon etwas schief, doch kaum weniger bequem bleibt als eine genau wagprecht stehende. Die nicht seltene gleichzeitige fruchtbare Ausbildung eines zweiten Staubblattes, durch welches die Blume für die Bestäubung noch ungeschickter wird, als sie es bei dessen alleiniger Ausbildung sein würde, mag sich als Rückschlag auffassen lassen ; denn das ursprüngliche Verhalten dürfte bei den Zingiberaceen oder deren Vorfahren das sonst in ähnlichen Fällen gewöhnliche gewesen sein, dass die Lage der unpaaren Blüthentheile durch die Abstammungsachse bedingt wurde. Der bei unserer Alpinia noch nicht ausgeglichene Wettstreit zwischen Ab- stammungsachse der Blume und Hauptachse des Blüthenstandes macht sich nicht TT-if) Zweimännige Zingiberaceenblumen. nur in dem häufigen Auftreten zweimänniger zweiter Blumen geltend, (bis i6. Dezember 1887 fanden sich unter 1979 zweiten Blumen 579, also etwa 30 pCt. zweimännige); er spricht sich aus in einer endlosen Menge anderer, nicht immer leicht zu deutender Bildungsabweichungen, die sich meist darauf zurückführen lassen, dass sich die der Hauptachse näher liegenden Theile des inneren Staub- blattkreises vorwiegend fruchtbar, die ihr ferner liegenden vorwiegend blumen- blattartig ausbilden. Es kann z. B. das zweite d. h. das der ersten Blume zu- gewendete Staubgefäss mit der Lippe vereinigt bleiben, — es kann nur in seiner hinteren Hälfte fruchtbar, in der vorderen lippenartig sich entwickeln (so dass nur 1Y2 fruchtbare Staubgefässe vorhanden sind), es kann an seinem vorderen Rande von einem breiteren oder schmäleren, farbigen oder farblosen Saume ein- gefasst sein u. s. w. Auch bei einmännigen zweiten Blumen ist ein solcher Saum am vorderen Rande des Staubfadens nicht selten; auch bei ihnen kommt es vor, wenn auch sehr selten, dass nur die hintere Hälfte des Staubblattes fruchtbar, die vordere blumenblattartig ist, so dass hierin die Blume an die Marantaceen erinnert; bisweilen ist die Lippe mehr oder weniger tief gespalten und dann oft der hintere Lappen schmäler und blasser als der vordere u. s. w. Das Vorblatt der zweiten Blume steht vorn ; das ihr zugewendete Staubblatt der dritten Blume ist also gleichzeitig ihrer Abstammungsachse und der Haupt- achse des Blüthenstandes zugekehrt; ein Widerstreit der beiden Achsen findet somit bei den dritten Blumen nicht statt. Die dritten Blumen sind daher fast immer einmännig und durch eine senkrechte oder nahezu senkrechte Ebene in spiegelbildlich gleiche Hälften theilbar, Unte^ fast tausend dritten Blumen fand ich nur neun zweimännige. Wodurch bei ihnen das Auftreten von zwei frucht- baren Staubblättern bedingt wird, weiss ich nicht. Zwei dieser zweimännigen dritten Blumen standen nicht vor, sondern hinter der zweiten ; es kommt nämlich bisweilen bei zweiten Blumen vor, dass sie zwei Vorblätter besitzen, von denen das zweite hinten, dicht unter oder selbst auf dem Fruchtknoten steht ; die Blumen sind in diesem Falle fast immer in wunderlichster Weise verkrüppelt. Nur zweimal sah ich aus dem Winkel des hinteren Vorblattes eine dritte Blume entspringen, (eine derselben vom Fruchtknoten der zweiten); beide waren zweimännig. Eine dritte von den neun zweimännigen dritten Blumen gehörte einem Wickel an, dessen erste Blume zwei Vorblätter besass. — Vielmal seltener noch als unter den dritten kommen zweimännige Blumen unter den ersten Blumen der Wickel vor. Unter etwa 3000, die ich bis jetzt in meinem Garten untersuchte, habe ich nur drei gefunden. Alle drei fanden sich am zweiten Wickel des betreffenden Blüthenstandes und alle drei besassen zwei Vorblätter. Ausser diesen drei Fällen habe ich nur noch einmal, am fünften Wickel eines Blüthenstandes, eine erste Blume mit zwei Vorblättern gefunden; sie war einmännig, von gewöhnlichem Bau, aber es fand sich an demselben Wickel eine der so seltenen zweimännigen dritten Blumen. Da, in runden Zahlen, unter 3000 ersten Blumen 120 am zweiten Wickel stehende, 4 mit 2 Vorblättern versehene und drei zweimännige sich fanden, lässt sich mit der Gewissheit nahe- kommender Wahrscheinlichkeit sagen, dass das Vorkommen am zweiten Wickel und der Besitz zweier Vorblätter in ursächlichem Zusammenhange steht mit der Zweimännigkeit der ersten Blumen, Zweimännige Zingiberaceenblumen. 11^7 Zwei von jenen drei zweimännigen ersten Blumen zeigten gleichzeitig noch eine andere von mir sonst nicht wiedergesehene und meines Wissens bei Zingi- beraceen noch nicht beobachtete Eigenthümlichkcit : sie waren vicrzählig ^). Die 4 Kelchblätter liegen vorn und hinten, rechts und links; mit ihnen abwechselnd die Blumenblätter und die inneren Staubblätter, von denen die beiden hinteren fruchtbar, die beiden vorderen zur IJppe verschmolzen sind. Der Kelchspalt dessen Lage bei den Blumen dieser Alpinia sehr veränderlich ist, findet sich bei beiden Blumen unter dem vorderen rechten Blumenblatte. Bei der einen der beiden Blumen sind beide hintere Staubblätter des inneren Kreises zu regel- rechten Staubgefässen ausgebildet, der Griffel ist, wie meist in zweimännigen Blumen, frei. Von den zahnformigen Staubblättern des äusseren Kreises fehlt natürlich das vordere, die beiden seitlichen Zähne sind einfach, der hintere zwischen den beiden Staubgefässen stehende bis zum Grunde gespalten (was bei zweiten Blumen nicht selten vorkommt). Bei der zweiten vierzähligen Blume ist nur eines der beiden hinteren inneren Staubblätter als regelrechtes Staubgefäss ausgebildet, das zwischen den Fächern des Staubbeutels den Griffel festhält; das andere, auf der Seite des zweiten Vorblatts liegende ist lippenartig, doch nur zwei Drittel so lang als die Lippe. Es ist wie die Lippe gefärbt und gezeichnet und trägt auf seiner vorderen Hälfte einen win- Lippenartiges Staubblatt mit winzigem Staubbeutel aus einer 4 zähligen Blume von Alpinia ; daneben eines der zahnformigen äusseren Staubblätter. zigen, kaum 5 mm langen, einfächerigen Staubbeutel mit wohlentwickeltem Blüthen- staube. Von den zahnformigen Staubblättern des äusseren Kreises sind nur zwei vorhanden die zu den Seiten des Staubgefässes stehen. Ist die Erklärung, die ich für das häufige Vorkommen zweimänniger Blumen unter den zweiten Blumen der Wickel gab, richtig, so wird man sie in gleicher Häufigkeit auch unter den vierten Blumen erwarten dürfen; denn das Vorblatt der dritten Blume, aus dessen Winkel die vierte entspringt, steht seitlich und zwar auf derselben Seite wie das der ersten. Die vierte Blume liegt also zu ihrer Abstammungsachse und zur Achse des Blüthenstandes genau wie die zweite. Man könnte selbst vermuthen, dass sich bei den der Hauptachse schon ferner gerückten vierten Blumen der Einfluss der Abstammungsachse stärker geltend machen werde, als bei den zweiten. In meinem Garten habe ich bis vor Kurzem keine vierten Blumen zu sehen bekommen, da die Pflanzen noch zu jung sind, um recht kräftige Stengel und Blüthenstände zu treiben. Erst in letzter Zeit habe ich da zehn vierte Blumen untersuchen können; von diesen waren fünf einmännig, vier zweimännig und eine rein weiblich. (Auch unter den ersten, zweiten und dritten Blumen kommen rein weibliche Blumen, besonders gegen die Spitze des Blüthenstandes hin, nicht selten vor; dieselben sind nicht immer regel- mässig strahlig wie die Endblumen, die bei unserer Alpinia ebenso häufig sind wie bei Hedychium coronarium.) In gleicher Häufigkeit traf ich zweimännige vierte Blumen an vier grossen Blüthenständen einer alten Pflanze, die ich vor i) Zweizählige Blumen, sowohl ein- wie zweimännige, sind unter den zweiten Blumen der Wickel nicht allzu selten; auch kommen merkwürdige Mittelformen zwischen zwei- und dreizähligen Blumen vor. Fritz Müllers gesammelte Schriften. 7^ , j T Q Zweiraännige Zingiberaceenblumen. wenigen Tagen untersuchen konnte; von 54 Knospen vierter Blumen waren 29 einmännig und 25 zweimännig; unter den 73 noch vorhandenen zweiten Blumen dieser vier Blüthenstände, (die Mehrzahl der zweiten Blumen war schon ab- gefallen) befanden sich nur fünf zweimännige! — Ueber zweimännige Blumen anderer Zingiberaceen kann ich so gut wie nichts sagen ; ich selbst habe solche nur von Hedychium coronarium gesehen und zwar äusserst selten. Die Lippe, die aus einem einzigen Staubblatte besteht, ist natürlich schmäler als gewöhnlich, und der blumenblattartigen äusseren Staub- blätter sind drei statt zwei vorhanden. Der Griffel ist frei und ragt bei einer von mir gezeichneten Blume nur wenig über den Eingang der Blumenröhre hinaus. Die Stellung derselben im Blüthenstände habe ich nicht untersucht. Bei Zingiber roseum haben Berg und Schmidt eine zweimännige Blume gefunden ; nach ihrer von Eichler ^) wiedergegebenen Zeichnung war es eine rechts von der ersten stehende zweite Blume eines Wickels. Der Grundriss einer von mir gefundenen Blume von Alpinia passt vollständig auf diese zweimännige Blume von Zingiber roseum. Blumenau, Sa. Catharina. i) Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1884. Bd. XXVI. Taf. 5. Fig. 11. Ueber ein abweichendes Verhalten einer in Europa gezogenen Urena lobata bezüghch der Ausbildung der Ameisen-Nektarien ^). (Mitgeteilt von F. Ludwig.) Im December 1887 sandte mir Fritz Müller frische Samen der Urena lobata aus Blumenau in Brasilien, die ich sofort nach ihrer Ankunft im Gewächshaus zur Aussaat brachte. Fritz Müller hatte mir von 7 nervigen Blättern geschrieben, deren stärkstes an der Basis ein Ameisen-Nektarium trüge ; ein Exemplar, welches allein von mir zur weiteren Entwickelung gebracht wurde und noch gegenwärtig in meinem Besitz ist, erzeugte erst im Gewächshaus, dann in den wärmeren Tagen des Juli und August im Freien zahlreiche Blätter, die aber fast ausnahmslos 9 nervig waren und auf der Rückseite mit grosser Regelmässigkeit 3 Nektarien erzeugten, auf dem Mittelnerv (an der Basis) ein grösseres und auf den beiden stärksten Seitennerven etwas kleinere, welche stets üppig den klaren Honigsaft ausschieden. (In meinem Zimmer wurde derselbe emsig von der Stubenfliege, im Freien von Ameisen aufgesucht). Delpino bezeichnet die chinesische Urena lobata (Funzione mirmecofila nel regno vegetale I. p. 18) nach De Candolle „folliis 7nerviis uniglandulosis". Auf meine Veranlassung hin durchsuchte Fritz Müller nochmals die Exemplare seines Gartens, aus dem die Samen stammen. Er schreibt darüber folgendes. „Ich habe eben mit meinem Enkel die Pflanzen meines Gartens durchsucht und wir haben überall nur eine Drüse und 7 Nerven finden können. Bei einem strauchigen gelbblühenden Hibiscus unserer Küste wechselt die Zahl der Drüsen, die dieselbe Lage haben wie bei Urena, zwischen I und 3. — Vor Jahren habe ich mir einmal auf der Insel Säo Francisco eine Anzahl Sträucher darauf angesehen. Nicht selten fanden sich beide Zahlen an demselben Strauch; in andern Fällen waren auf weite Strecken nur Sträucher mit I drüsigen, auf andern nur solche mit 3 drüsigen Blättern zu finden. An der Urena, die wir eben untersuchten, war auch nicht eine Drüse, mit Ausnahme einiger ganz alten Blätter, ohne Cremogaster. — Die Zahl der Drüsen ist übrigens auch an den Blättern vieler anderer Pflanzen (Citharexylon, Xanthoxylum, Alchornea Iricura etc.) sehr veränderlich." — Von den 21 Urena- Arten, welche I) Biolog. Centralblatt. 1888/89. Bd. VIII. S. 742, 743- IIAO Ueber abweichendes Verhalten bezüglich der Ausbildung der Ameisen-Nektarien. Delpino nach De Candolle (Prodr. syst. nat. I. p. 441) aufführt, sind nur die 4 Arten U. scabriuscula und U. repanda (Indien), U. Lapago (Amboina) und U. multifida (Maskarenen) mit i — 3 Nektarien versehen, 8 Arten besitzen je i Nek- tarium, eine Art U. sinuata (Indien) 3 Nektarien und den übrigen Arten fehlen die Nektarien. Wir begnügen uns hier damit, auf das merkwürdige Verhalten des Gewächs- hausexemplares aufmerksam gemacht zu haben, ohne die Frage zu entscheiden, ob die günstigen Ernährungsverhältnisse die Vermehrung der Nektarien (mit der der Nerven) herbeigeführt haben (die dann später freilich in der gleichen Zahl unter denkbar ungünstigsten Verhältnissen ausgebildet wurden), oder ob die in ungewohnte Verhältnisse versetzte Urena, durch diese Abänderung des Wohn- ortes zur Variation veranlasst, die zur Erhaltung der Art in der Heimath un- entbehrlichen Schutzmittel in gesteigertem Masse zur Ausbildung brachte. — Ueber eine eigenthümliche, anscheinend durch Migration bedingte Abänderung in der Zahl der Blüthentheile einer sonst in dieser Beziehung sehr konstanten Pflanze, der Hypoxis decumbens, habe ich an anderem Orte ^) berichtet. i) Siehe Ges. Schriften S. 1147 u. 1161. Neue Beobachtungen über das absatzweise Blühen von Marica^). (Mitgeteilt von F. Ludwig.) Ueber die Bestäubungseinrichtungen und Bestäubungsvermittler der präch- tigen Iridee Cypella, oder, wie sie jetzt in Benth. et Hooker Gen. pl. heisst, Marica, welche auf der brasilianischen Insel St. Catharina und an andern Orten des Itajahygebietes häufig ist, hat Hermann Müller nach brieflichen Mitteilungen seines Bruders in dem Ber. d. D, Bot. Ges. Bd. i S. 165 — 169 = Ges. Schriften S. 992 ausführlicher berichtet. Daselbst wurde auch einer Eigentümlichkeit der Pflanze gedacht, welche dieselbe zwar mit mehreren brasilianischen Eintagsblumen teilt, für die jedoch in der deutschen Flora kein Beispiel bekannt sein dürfte. Die Blüten erscheinen nämlich derart absatzweise, dass an einem Standort an einem Tage Hunderte sich entfalten und dann viele Tage, selbst mehrere Wochen, die Pflanze ganz blütenlos dasteht und höchstens eine oder die andere vereinzelte Blüte entfaltet. So blühten 1877 i"^ Garten Fritz Mülle r's von einer Marica am 24. XI: über 40 Blumen; 25. XI: i Blume; 28. XI: 5; 3. XII: 4; 4. XII: 5; 5. XII: 47; 12. XII: 4; 13. XII: über 40; 14. XII: 15; 15. XII: 33; 18. XII: 3; 20. XII: 3; 21. XII: i; 22. XII: 19; 24. XII: 4; 26. XII: 15; 30. XII: 369; 31. XII: 4. Bei einer baumartigen Cordia waren 1874 die Hauptblühtage am 11., 17. und 21. Januar, während weniger volle Blüte noch am 23., 26., 30. und 31. Januar eintrat. 1882 machte Fritz Müller ganz gleiche Beobachtungen an Marica, wobei die Blütentage eine auffällige Unabhängigkeit vom Wetter zeigten, indem sie bald warm und sonnig, bald Regentage, bald so kalt waren, dass die Blumen ungeöffnet verwelkten. Diese Beobachtungen hat Fritz Müller neuerlich wieder aufgenommen, und aus seinen darauf bezüglichen Mitteilungen dürfte das Folgende von Interesse sein. Ausser der zuerst beobachteten Marica- Art wurde zunächst noch eine zweite beobachtet, die in anderer Jahreszeit blüht, so dass die Blütezeit beider nur selten auf eine kurze Dauer zusammenfällt. Geschieht dies aber, so sind die Tage, an I) Biolog. Centralbl. 1888/89. Bd. VIII. S. 226, 227. 11 A 2 Neue Beobachtungen über das absatzweise Blühen von Marica. denen sie ihre Blumen entfalten, für beide Arten dieselben. Die beiden Arten lieferten Bastarde und durch I^euzung derselben mit den reinen Arten auch Enkel der Stammarten. Einige derselben blühen fast das ganze Jahr hindurch, und auch ihre Blütentage fallen mit denen der Stammeltern zusammen. Vor einigen Monaten fand nun Fritz Müller eine dritte Art, die noch im Dezember des vorigen Jahres in seinem Garten blühte; sie ist im Wüchse verschiedener von den beiden andern, als diese unter sich, und erweist sich auch hierdurch als ihnen ferner stehend. Auch die Blütentage dieser dritten Art fallen nach den bisherigen Beobachtungen zusammen mit denen der erwähnten Bastarde und der einen ihrer Stammarten, die jetzt blüht. Bei der Unabhängigkeit der Blütentage vom Wetter dürfte es schwer sein, eine Erklärung zu finden für dieses in ganz unregel- mässigen Zwischenräumen und dann nicht nur für alle Pflanzen derselben Art, sondern selbst für verschiedene Arten und deren Bastarde gleichzeitig stattfindende Blühen, obwohl der biologische Vorteil eines solchen schubweisen gleichzeitigen Blühens zahlreicher Exemplare derselben Art vor einer ununterbrochenen und daher spärlichem Blütenentfaltung auf der Hand liegt. Abweichend gebildete Blumen von Marica^). Mit 4 Textfiguren. Die nachstehend verzeichneten, von der gewöhnlichen Bildung abweichenden Blumen wurden in meinem Garten an zwei hier heimischen Arten von Marica und an zwei Mischlingen dieser Arten beobachtet. Die eine dieser Arten, im folgenden mit B bezeichnet, vielleicht M. glauca, hat blaue Blumen; man trifft sie häufig als Gartenpflanze; wildwachsend sah ich sie in der Nähe der Serra am Rio Tayo, einem Nebenflusse des Itajahy. Die zweite Art (W), mit rein weissen Kelchblättern, wahrscheinlich M. Northiana, ist weit im Küstengebiete der Provinz Santa Catharina verbreitet ; ich traf sie an verschiedenen Stellen der Insel Santa Catharina, wie auch am Itajahy bis etwa loo km landeinwärts. Von den Mischlingen hat der eine (BW) zur Mutter B, zum Vater W, der andere (BW. B) ersteren Mischling zur Mutter und B zum Vater. Für keine der zu erwähnenden Blumen ist die Lage ihrer Theile zur Ab- stammungsachse festgestellt worden, weil dies ohne Zerstörung des ganzen Blüthen- standes nicht thunlich war; doch wird die Annahme als wahrscheinlich gelten dürfen, dass wo nur ein Glied eines Kreises fehlte, dies das unpaare, bei Kelch-, Staub- und Fruchtblättern nach vorn, bei den Blumenblättern nach hinten liegende gewesen sei. Die nach der Zahl der vorhandenen Blüthentheile geordneten regelwidrigen Blumen, die mir bis jetzt vorgekommen, sind folgende: 1. BW. 2. Juni 1886. Die in Fünf zahl vorhandenen Kelch-, Blumen- und Staubblätter bilden regelmässig mit einander abwechselnde Kreise. Griffel sind sieben vorhanden, jeder wie gewöhnlich mit zwei Narben; nur einer derselben scheint genau über einem Staubblatt zu stehen, wenigstens haftet nur einem der Staubbeutel eines Staubgefässes an. Die vier übrigen Staubgefässe liegen schlaff im Grunde der Blume. 2. W. ig. September 1888. Eines der Blumenblätter hat vollständig Grösse, Gestalt und Farbe der Kelchblätter und über ihm steht ein von den drei übrigen nicht verschiedenes Staubgefäss. So scheint auf den ersten Blick die Blume 4 Kelchblätter und Staubgefässe, 2 Blumenblätter und 3 Griffel zu haben. — Man könnte diesen Fall als Rückschlag betrachten. Noch jetzt sind bei vielen I) Ber. d. Dtsch Bot. Ges. 1889. Bd. VII. Heft 5. 197—200. , , , , Abweichend gebildete Blumen von Marica. I 144 & Familien genossen beide Kreise der Blüthenhülle gleichgebildet und so waren sie CS sicher auch bei mehr oder minder fernen Ahnen von Marica; von dieser Ur- form aber haben sich offenbar die Kelchblätter weit weniger entfernt als die so eigenartig gesjtalteten Blumenblätter. Noch weiter zurückliegende Vorfahren werden auch den jetzt allen Irideen fehlenden inneren Stau bblattk reis besessen haben, Bemerkenswerth scheint es nun, dass mit der Rückkehr eines Blumen- blattes zur Form der Kelchblätter auch das seit weit längerer Zeit verlorene über ihm stehende Staubgefäss sich wieder eingestellt hat. 3. BW. B. 12. Mai 1888. Blume regelmässig bis auf den Mangel eines Kelchblattes. 4. B. 30. März 1888. Blume regelmässig bis auf den Mangel eines Frucht- blattes. Dieser Mangel ist zur Zeit des Blühens so wenig augenfällig, dass es mehrfach vorgekommen und unbeachtet geblieben sein mag. Indessen habe ich bei den sehr zahlreichen Prüchten, die B zu bringen pflegt, nie eine zweifächrige gefunden ausser den Fällen, in denen schon die Blume als zweigrifflig erkannt worden war. 5. BW. B. 22. März 1889. Die Blume hat je drei Kelchblätter und Staub- gefässe, aber nur je zwei Blumenblätter und Griffel. Betrachtet man das fehlende Blumenblatt als das unpaare hintere, so liegen die beiden vorhandenen Griffel nach vorn und hinten. Während bei den gewöhnlichen Blumen der Frucht- knoten von sechs Längsfurchen durchzogen ist, drei tieferen, die auf die Grenze, und drei seichteren, die auf die Mitte der Fruchtblätter fallen (vgl. Fig. i), zeigt der Fruchtknoten dieser regelwidrigen Blume (Fig. 2) nur fünf gleich tiefe und gleich weit von einander entfernte Furchen, von denen eine nach vorn liegt. Das hintere Fruchtfach ist weit grösser als das vordere und sein grösster Durchmesser quergerichtet. 6. BW. 12. November 1888. Es fehlt der Blume ein Blumenblatt und ein Staubgefäss und zwar nicht das zwischen den vorhandenen Blumenblättern liegende, sondern, diese beiden als nach vorn liegend betrachtet, das rechte hintere. Die Blume ist also nicht in zwei spiegelbildlich gleiche Hälften theilbar und sie ist fast die einzige der hier verzeichneten, bei der dies nicht der Fall ist. 7. B. 5. April 1888. Die Blume hat drei Kelchblätter, alle übrigen Kreise sind zweizählig. Leider habe ich versäumt, die gegenseitige Lage der Blüthen- theile aufzuzeichnen. 8. Regelmässig zweizählige Blumen. Die häufigste aller Bildungsabweichun- gen, häufiger als alle anderen zusammengenommen. Sie wurde 11 mal beobachtet, 8mal bei B (2mal in früheren Jahren; 1888 am 30. März und 2mal am i. April; 1889 am 22. März und 2mal am 25. März) und dreimal bei BW (7. Juli 1886, 9. October und 28. October 1888). 9. B. 5. April 1885. Je zwei Kelch- und Fruchtblätter, je ein Blumen- und Staubblatt, zwei mit einander abwechselnde dreizählige Kreise bildend. Das Blumenblatt steht zwischen beiden Griffeln, ihm gegenüber, zwischen den beiden Kelchblättern steht das Staubgefäss, oder es liegt vielmehr schlaff am Boden der Blume, da kein Griffel über ihm steht, dem sein Staubbeutel sich anlegen könnte. Die drei Blätter der Blüthenhülle von gewöhnlicher Grösse, Gestalt und Farbe. Abweichend gebildete Blumen von Marica. I 1 4 S 10. B. 25. März i88g. Blüthenhülle aus drei gleichweit von einander ent- fernten Blättern, einem Kelchblatt einem Blumenblatt und einem Zwitterding, von welchem die dem Kelchblatt zugekehrte Hälfte völlig wie ein Blumenblatt, die dem Blumenblatt zugekehrte wie ein Kelchblatt gefärbt ist. Zwei Staubgefässe, das eine über diesem letzten Blatte schlaff am Boden liegend, das andere über dem Kelchblatt stehend, mit dem Staubbeutel an dem einzigen Griffel haftend. Fruchtknoten einfächerig, die wandständige Samcnleiste von dem Kelchblatt ab- gewendet, das Fruchtblatt also über dem Kelchblatt stehend. Aeusserlich zeigt der Fruchtknoten sechs Längswülste, von denen die beiden über dem Kelchblatt stehenden etwa so breit sind, wie die übrigen zusammen (Fig. 3). 11. B. 22. März 1888. Meines Wissens der erste bekannt gewordene Fall, in welchem sämmtliche Blüthenkreise einer sonst dreizähligen Blume nur durch je ein Blatt vertreten sind. Ein einziges Kelchblatt, ihm gegenüber ein Blumen- blatt, beide von gewöhnlicher Gestalt, Grösse und Farbe. Ueber dem Kelchblatt ein Staubgefäss, dessen Staubbeutel wie gewöhnlich am Griffel haftet. Der ein- zige Griffel wendet seine Narben dem Kelchblatt zu, steht also wie gewöhnlich J. b 2. 3. 4. .Cy): .(!). ^0' ©) s K JC ^^ Querschnitte durch Fruchtknoten von Marica. Die Lage der Kelchblätter {k), der Blumenblätter {b), und der Staubgefässe (s) ist durch Buchstaben angedeutet. Fig. i üst einer regelmässig dreizähligen Blume entnommen. Fig. 2 gehört zu der unter 5, Fig. 3 zu der unter 10, Fig. 4 zu der unter 1 1 beschriebenen Blume. über ihm. Der mit sechs Längswülsten versehene Fruchtknoten (Fig. 4) ist ein- fächerig, die wandständige Samenleiste dem Blumenblatte zugewendet. Die An- ordnung der Blüthentheile ist somit, wenn man das den Irideen verloren gegangene innere Staubblatt einfügt, regelmässig zweizeilig; es ist, als wenn die zweizeilige Anordnung der Laub- und Hochblätter sich bis in die Blume hinein fort- gesetzt hätte. Die in meinem Garten wachsenden Marica-Artcn scheinen dem Auftreten von Bildungsabweichungen in sehr verschiedenem Grade unterworfen zu sein. Bei der weissen Art (W), die jährlich tausende von Blumen bringt, — im vorigen Jahre an einem einzigen Tage über 600 — , hat sich im Laufe von 20 Jahren eine einzige regelwidrige Blume gezeigt, dagegen 13 bei der blauen Art (B), die erst später in dem Garten eingeführt wurde und die weit weniger zahlreich ver- treten ist. Bei zwei anderen erst in den letzten Jahren eingeführten hiesigen Arten, von denen ich freilich auch erst wenige hundert Blumen gesehen, habe ich noch keine Bildungsabweichung angetroffen. Bemerkenswerther, als das mehr oder minder häufige Vorkommen regel- widriger Blumen bei verschiedenen Arten ist das zeitliche Verhalten derselben, namentlich das der zweizähligen Blumen, der einzigen, die in gTösserer Zahl auf- traten. Im vorigen Jahre blühten vom 17. März bis zum 17. August 1627 Blumen jj.^ Abweichend gebildete Blumen von Marica. der blauen Marica; darunter waren drei regelmässig zvveizählige und eine im übrigen zweizählige mit drei Kelchblättern, und diese wurden sämmtlich an drei auf einander folgenden Blüthentagen, (30. März, i. April und 5, April) gefunden. In diesem Jahre brachte dieselbe Art wieder drei regelmässig zweizählige Blumen und wieder an zwei auf einander folgenden Blüthentagen {22. März und 25. März). Ausserdem brachte der ^4 Blut der blauen Art enthaltende Mischling BW. B gleichzeitig {22. März) eine Blume, die nur zwei Blumen- und Fruchtblätter hatte. — Dieses gleichzeitige Auftreten seltener Bildungsabweichungen an verschiedenen Stengeln derselben Pflanze oder verschiedenen Pflanzen derselben Art, von welchen ich schon früher einige Beispiele gegeben und andere seitdem beobachtet habe, weist darauf hin, dass jene Bildungsabweichungen bedingt sind durch äussere Einflüsse. Im vorliegenden Falle lässt sich sogar sagen, dass es jährlich wieder- kehrende, mit dem Wechsel der Jahreszeiten in Zusammenhang stehende Ein- flüsse sind, die bei der blauen Marica das Auftreten solcher Bildungsabweichungen begünstigen. Die 1 1 regelwidrigen Blumen, sämmtlich eine Verminderung der Blüthentheile zeigend, für die ich den Tag des Blühens angeben kann, erschienen am 5. April 1885, am 30. März, i. April und 5. April 1888, am 22. März und 25. März 1889, also fast vollkommen gleichzeitig in drei verschiedenen Jahren. Blumenau, Sa. Catharina, Brasilien. Beobachtungen an Hypoxis decumbens^). (Mitgetheilt von F. Ludwig.) Mit 7 Textfiguren. Hypoxis decumbens, ein gelbes an eine deutsche Gagea erinnerndes Stern- blümchen, ist in Brasilien eins der gemeinsten Unkräuter, das fast das ganze Jahr blüht. Fritz Müller hat seit mehr als 30 Jahren viele Tausende von Blumen zu A. Regelmässig ßzählige Blume. ß. Das hintere Blumenblatt fehlt, der darüber stehende Staubfaden, in der Knospe nicht völlig durch die Kelchblätter gedeckt, ist selbst blattartig und aussen grün geworden, doch fnichtbar geblieben. C. Die hinteren Kelchblätter sind einander näher gerückt; das jetzt in der Knospe gedeckte hintere iimere Staubgefäss nicht blattartig, die beiden hinteren Fruchtfächer sind in eins verschmolzen. D. Das hintere innere Staubblatt ist verschwunden (bisweilen ist dabei der Fruchtknoten noch drei- fächerig). E. Die hinteren Kelchblätter sind fast bis zur Spitze verwachsen, die darüber stehenden Staubfäden sind genähert. F. Die hinteren Kelchblätter sind völlig verwachsen, die entsprechenden .Staubfäden stehen dicht beisammen. G. Regelmässig 2zählige Blüthe. Eine letzte Spur der Dreizähligkeit verrüth sich bei diesen zu- weilen im Aufspringen der Frucht. Nachdem der obere Theil derselben deckelartig abgefallen, öffnet sie sich allmählich von oben nach unten fachspaltig und die 3 — oder bei 2zähligen Blumen 2 — Theile der Wand lösen sich von der Mittelsäule. Bisweilen nun bildet sich an der hinteren Wand 2zähliger Früchte noch ein ganz schmaler dritter Streifen. I) Flora 1889. Heft i. S. 55—56. jj.g Beobachtungen an Hypoxis decumbens. Gesicht bekommen, die aber ausnahmslos 6 blättrig waren. Im August vorigen Jahres fand derselbe auf einem etwa 2 m langen, 0,25 m breiten Streifen am Rande eines Felsens einige Blumen, von denen eine 5, die anderen 4 Blätter hatten. Er grub alle Pflanzen aus, die er fand, um sie in seinen Garten zu pflanzen ; es waren etwa 30, von denen aber nur 25 unverletzt blieben. Alle waren noch jung und anscheinend gleich alt; die meisten hatten noch nicht geblüht. Wahrscheinlich stammten alle aus Samen derselben Frucht, die der Fluss an den stromaufwärts gerichteten Rand des Felsens, wo sie wuchsen, angetrieben haben mag. Sie haben sämmtlich seitdem geblüht und zwar alle sowohl 4- wie 6 blättrige, die Mehrzahl auch einige 5 blättrige Blumen gebracht. Zweizählige Blumen sind ja nun schon gar manche bei Monokotyledonen gesehen worden. Das Merkwürdige dieses Falles ist aber ausser dem Vorkommen bei einer ganzen Gesellschaft an gleichem Orte wachsender Pflanzen das Auftreten einer ganzen Zahl von Mittel- formen, die allmählich von Dreizähligkeit zur Zweizähligkeit führen. — Wir geben hier Diagramme einiger solcher Mittelformen nach Zeichnungen Fritz Müller's. Am häufigsten sind unter denselben die mit 5 Blättern und ebensovielen Staub- fäden {D), doch auch diese noch vielmal seltener als die Endformen A und G. Vom 3. September bis zum 28. November blühten an 24 Pflanzen im Garten Fritz Müller's 6 blättrige Blumen [Ä): 246, 4 blättrige (G): 177, 5 blättrige [D): 21, von sonstigen Zwischenformen zusammen 15. Abänderung des Blüthenbaues von Hedychium coronarium in Folge ungenügender Ernährung^). Mit Tafel LXVIII. „These facts (of bud-variation) prove that those authors . • . are in error, . . . who attrlbute all va- riability to the mere act of sexual union." Darwin, Origin of species. Hoff mann 2) hat als Ergebnis durch lange Jahre fortgesetzter Versuche ausgesprochen, dass durch dürftige Ernährung in vielen Fällen der Blüthenbau der Pflanzen geändert werden könne und dass die so erworbenen Abände- rungen mehr oder weniger erblich seien. Gestützt auf die Thatsache, dass in keinem der zahlreichen Versuche Hoffmann's schon in der ersten Generation, sondern erst im Laufe mehrerer, oft zahlreicher Generationen die beobachteten Veränderungen auftraten, will Weissmann ^) dieselben nicht als erworbene gelten lassen. „Nicht der Körper der Pflanzen ist in Hoffmann's Versuchen direct durch die äusseren Einflüsse geändert worden, sondern das Keimplasma der Keimzellen, und dieses hat dann in den folgenden Generationen auch Ver- änderungen des Körpers hervorgerufen." — Es mag im Anschluss hieran ein Fall der Mittheilung werth sein, in welchem Pflanzen, die Jahre lang nur regelrechte Blumen gebracht hatten, in Folge äusserer Einflüsse und hauptsächlich wohl in Folge ungenügender Ernährung äusserst mannigfaltige und tiefgreifende Ab- änderungen im Baue ihrer Blumen zeigten, wie sie weder bei ihnen selbst, noch bei ihren Eltern und Verwandten früher jemals gesehen wurden. Vor etwa dreiviertel Jahren säuberte ich ein Stück Land, das über zehn Jahre unbebaut gelegen und sich wieder mit Gesträuch und Bäumen von allerlei Art bedeckt hatte. Es blühten dort auch seit mehreren Jahren einige Pflanzen von Hedychium ^oronarium, deren Samen wohl Vögel dorthin verschleppt hatten. Ich habe an ihnen nie andere als vollkommen regelrechte Blumen ge- sehen. — Stämme, Aeste und Gezweig der Bäume und Sträucher und mit ihnen auch die Stücke der ausgerodeten Wurzelstöcke von Hedychium wurden in ein 1) Flora 1889. S. 348—352. Taf, XVI. 2) Biolog. Centralbl. VII. S. 667. 3) Biolog. Centralbl. VIII. S. 106. T T -o Abänderang des Blüthenbaues von Hedychium coronarium in Folge ungenügender Ernährung, grosses, durch einen Erdsturz entstandenes Loch geworfen, das sie ganz füllten und über dem sie noch einen mannshohen Haufen bildeten. Dieser wurde nach einigen Monaten mit dürren Araucaria- Zweigen und Palmblättern durchspickt und in Brand gesetzt und ist soweit niedergebrannt, dass jetzt das Loch kaum noch zur Hälfte mit verkohltem und moderndem Astwerk gefüllt ist. Dabei sind denn auch die Wurzelstöcke von Hed3"chium meist zu Grunde gegangen; nur wenige, nahe dem Rande des Loches liegende Stücke haben diese Feuerprobe lebend überstanden und wieder schwächliche Sprosse getrieben. Von diesen Sprossen haben nun vier vor Kurzem geblüht. Die Blüthenstände waren sehr dürftig, kaum halb so lang wie gewöhnlich, mit höchstens etwa einem Dutzend Deckblättern; die sonst meist 7— Sblüthigen Wickel hatten höchstens drei Blumen, meist nur zwei oder eine. Der erste Blüthenstand entfaltete am 18. März seine fünf ersten Blumen, alle in hohem Grade missgebildet (Fig. 1—5). Die erste (unterste) dieser Blumen (Fig. i) zeigte Kelch und Blumenkrone regelrecht gebildet; über letztere ragte eine 15 mm lange Staubblattröhre hinaus; sie trug am Ende drei etwa 2 cm lange schmalere Blätter und dicht unter diesen ein einziges, gleich langes, aber über doppelt so breites Blatt. Abgesehen von diesem „Flügelblatt" glich sie den bei Hedychium nicht eben seltenen Endblumen i). Der zweiten Blume (Fig. 2) fehlten die Blumenblätter. Die 6 cm lange Staub- blattröhre trug am Ende ein missgebildetes Staubgefäss und zwei auffallend grosse Blätter, von denen schwer zu sagen ist, ob sie als „Flügelblätter" oder als bis zum Grunde gespaltene „Lippe" zu betrachten sind. Das Mittelband des Staub- gefässes war längs des einen Randes von einem eingerollten häutigen Saume eingefasst, während sich am anderen Rande ein dürftiges, nur untauglichen Blüthenstaub enthaltendes Staubfach fand, — ob ein einzelnes Fach, oder eine zweifächrige „Theca" — kann ich nicht sagen. Weit ungewöhnlicher als diese beiden war die dritte Blume (Fig. 3). Der Kelch ist nach oben erweitert statt wie sonst die Blumenröhre mehr oder weniger eng zu umschliessen. Die Blumenröhre trägt nur ein einziges Blumenblatt; von ihrem Rande entspringen mit langem dünnem Stiele drei Blätter: eines mit 15 mm langem Stiele und etwa doppelt so langer lanzettlicher Spreite, ein zweites mit etwas kürzerem Stiele und um eben so viel längerer Spreite, die fast bis zur Mitte in 2 sehr ungleiche Zipfel gespalten ist. Der Stiel des dritten Blattes (1.5 mm lang) theilt sich in drei kürzere (4 — 7 mm lange) und dünnere Stiele, von denen jeder eine etwa 15 mm lange, 4 mm breite lanzettliche Spreite trägt. Durch eine seichte Rinne, welche die der Mitte der Blume zugewendete Seite des Stieles durchzieht, verräth sich dieses dritte Blatt als unpaares Staubblatt des inneren Kreises und demselben Kreise dürften auch die beiden anderen angehören. Der Griffel, von dem bei den ersten beiden Blumen nichts zu sehen war, überragte hier die Blumenröhre um etwa 3 cm. Die vierte Blume (Fig. 4) besass ausser dem Kelche nur noch ein einziges Blatt, einen dünnen 8 cm langen Faden, dessen oberes Drittel eine sehr schmale, lanzettliche Spreite bildete. I) Berichte der Deutsch, bot. Ges. III. S. 121. = Ges. Schriften S. 1027. Abänderung des Blüthenbaues von Hedychium coronarium in Folge ungenügender Ernähning. 1 1 5 I Die fünfte Blume endlich (Fig. 5) trug am Ende einer 54 mm langen Röhre zwei ungestielte Blätter, -das eine etwa 25 mm lang, 3 mm breit, das andere ihm gegenüberstehende etwa 30 mm lang, 8 mm breit, jenes wahrscheinlich dem fruchtbaren Staubgefäss, dieses der Lippe entsprechend. Blumenblätter fehlen. In Ucbereilung habe ich, überrascht durch diese wunderlichen Blumen, den Blüthenstand abgeschnitten, statt die Entfaltung der späteren Blumen abzuwarten und konnte diese daher nur als Knospen untersuchen. In zweien der zwölf Wickel fand sich statt der Blumen nur ein 3 cm langer dünner Faden mit kleinem keulenförmigem Endknopf, umschlossen von einem 2 cm langen dünnhäutigen Vorblatt. Von den 13 vorhandenen Knospen zeigte die Mehrzahl keine Spur von Blüthenstaub ; nur 4 Knospen besassen ein regelrecht gebildetes Staubgefäss und waren auch sonst, soweit ihr jugendlicher Zustand erkennen Hess, von gewöhn- licher Bildung. Auffallenderweise waren diese Knospen gerade die 4 jüngsten des ganzen Blüthenstandes. Dieser Umstand mag darin seine Erklärung finden, dass der Pflanze, sei es aus dem inzwischen stärker vermoderten Astwerk, auf dem der Wurzelstock lag, sei es aus der Wand des Loches, die ihre Wurzeln inzwischen erreicht haben mochten, neuerdings wieder reichlichere Nahrung zu- geflossen war. Der zweite Blüthenstand hatte (von den untersten wie immer blüthen- losen abgesehen) nur 6 Deckblätter mit 4 dreiblüthigen und 2 zweiblüthigen Wickeln. Seine fünf ersten Blumen blühten am 5. April. Drei derselben zeigten keine Abweichung vom gewöhnlichen Bau, 2 waren zweizählig i). Da der ganze Blüthenstand schon an diesem Tage ein welkes Aussehen zeigte, schnitt ich ihn ab und fand, dass, bis auf eine einzige blüthenstaublose, alle Knospen ein wohl- gebildetes fruchtbares Staubgefäss besassen. Auffallend ist, dass dieser Blüthen- stand an einem einzigen Tage zwei zweizählige Blumen brachte. Ich habe solche zwar schon wiederholt bei Hedychium gesehen, aber doch kaum einmal unter Tausenden von Blumen. Der dritte Blüthenstand blühte vom 7. bis zum 18. April. Die Blumen, die an diesem letzten Tage sich hätten entfalten sollen, konnte ich nicht unter- suchen, da sie Tags zuvor durch Ameisen zerstört wurden. Von den ig Blumen, die ich untersuchte, waren drei ganz ohne Staubgefäss und sehr abweichend ge- bildet, die übrigen 16 dagegen vollkommen regelrecht mit Ausnahme des unpaaren inneren Staubblattes, des einzig fruchtbaren in dieser Familie. Dieses durchlief während der Blüthezeit eine Reihe von Formen, die von ganz abweichenden Ge- stalten und völliger Unfruchtbarkeit sich allmählig der regelrechten Form und vollkommener Fruchtbarkeit näherten, ohne letztere ganz zu erreichen. In der ersten Blume (am 7. April) umschloss der untere dem Staubfaden entsprechende Theil dieses Blattes den kurzen Griffel, der obere dem Staubbeutel entsprechende war in ganzer Länge in zwei auseinanderweichende, schmale, eingerollte, völlig staublose Blätter gespalten. Aehnlich war dieses Blatt in 4 Blumen, die am g. und 10. April blühten, doch war der obere Theil minder tief gespalten. Von fünf am II. April blühenden Blumen (Fig. 6—10) zeigte die eine (Fig. 6) einen 17 mm langen, völlig staublosen, etwa bis zur Mitte in zwei bogig auseinanderweichende I) Berichte der Deutscii. bot. Ges. III. S. 114 == Ges. Schriften S. 1025. 11^2 Abänderang des Blüthenbaues von Hedychium coronarium in P'olge ungenügender Ernährung. Aeste gespaltenen Staubbeutel; bei einer zweiten (Fig. 7) beschränkte sich die Spaltung auf das oberste Drittel, bei einer dritten (Fig. 8) auf weniger als V4 des Staubbeutels; in dieser letzten war der Griffel in Staubfaden und Staubbeutel eingeklemmt, in den beiden ersten frei. In der vierten Blume dieses Tages (Fig. 9), deren Griffel frei war, hatte der Staubbeutel zwei kurze dreieckige Spitzen; seine Ränder waren einwärts gebogen; an seiner vorderen Fläche lagen zwei dünne, walzenförmige Gebilde, die in ihrer oberen Hälfte frei, in der unteren mit dem Staubbeutel und unter sich verwachsen waren; sie reichten vom Grunde des Staubbeutels bis fast zu dessen Spitze. Die fünfte am gleichen Tage blühende Blume (Fig. 10) war die erste, die eine Spur von Blüthenstaub aufwies. Der Griffel war frei, der Staubbeutel 14 mm lang, in der Mitte 5 mm breit, oben leicht ausgerandet, mit einwärts gebogenen Rändern. Vom Grunde des rechten Randes sprang fast senkrecht ein kurzer senkrechter Stift vor; der vorderen Fläche war ein 3 mm langer Stiel angewachsen, der ein freies, ebenso langes, etwas dickeres Endstück trug und der äussere Rand dieses Endstücks war von einem verkümmerten Staubfach eingefasst. Am 12. April fand sich eine Blume (Fig. 1 1) mit 18 mm langem Staubfaden und 13 mm langem Staubbeutel, der oben leicht ausgebuchtet und vorn von einer Rinne durchzogen war, also an den der regelrechten Blumen erinnerte; doch war er weit schmaler, ganz ohne Blüthenstaub und von rein weisser Farbe; dagegen befand sich dicht unter demselben an der rechten Seite ein winziges, 2 — 3 mm langes, gelbes Staubfach. Griffel frei. — In einer zweiten gleichzeitig blühenden Blume (Fig. 12) gabelte sich der 15 mm lange, auffallend breite Staubfaden in zwei eben so lange, schmale, eingerollte, am Ende 10 mm von einander abstehende Blätter; in der Gabel stand ein etwa 4 mm langer Stiel, der sich aufs neue in zwei 7 mm lange, am Ende 4 mm von einander abstehende, längs des Innen- randes von einem Staubfache eingefasste Aeste gabelte. Es erinnert dieses Staub- gefäss an das dreitheilige Staubblatt in Fig. 3. Der Griffel war frei. Die nächste, am 15. April blühende Blume (Fig. 13) trug auf 2 cm langem, den Griffel umschliessendem Staubfaden, einen etwa 12 mm langen, schmalen, oben in zwei Spitzen auslaufenden Staubbeutel und dieser am Grunde links ein 4 mm, rechts ein doppelt so langes Staubfach. Ganz ähnlich war eine am 16. April blühende Blume; nur war der Griffel frei und nur auf der linken Seite des Staubbeutels ein kurzes Staubfach vorhanden. Bei zwei anderen Blumen endlich, die an demselben Tage blühten, war die Gestalt des Staubgefässes voll- kommen regelrecht, aber der Blüthenstaub sehr spärlich, meist aus kleinen blassen Körnern bestehend, zwischen denen sich nur vereinzelte von gehöriger Grösse und anscheinend gute befanden. Man fühlt sich auch bei diesem Blüthenstande, wie beim ersten, versucht, die dem Regelrechten allmählig sich nähernde Aus- bildung des Staubgefässes einer sich allmählig bessernden Ernährung zuzuschreiben. Der vierte Blüthenstand, vom 13. bis zum 25. April blühend, brachte in 12 Wickeln 17 Blumen. Vier, auf deren eingehende Beschreibung ich verzichte, entbehrten der Flügelblätter und eines fruchtbaren Staubgefässes; 9 waren regelrecht gebildet, eine zweizählig und drei zweimännig ^) ; der Griffel i) Berichte der Deutsch, bot. Ges. VI. S. 95 = Ges. Schriften S. 1134. Abändemng des Blüthenbaiies von Hedychium coronarium in Folge ungenügender Ernährung. 1 I 53 war bei diesen drei Blumen in das linke Staubgefäss eingeklemmt, während er in den bei einer Alpin ia meines Gartens sehr häufigen zweimännigen Blumen in der Regel frei ist. Frei fand ich ihn auch bei den äusserst wenigen (2 — 3) zweimännigen Blumen von Hed3^chium, die ich früher zu sehen bekam. Dies die Thatsachen. Ich überlasse es Weissmann zu entscheiden, ob es sich hier um erworbene „somatogene", d. h. „auf der Reaction des Soma gegen äussere Einwirkungen beruhende", oder aber um „blast o gen e", d, h. „aus Keimesänderung hervorgegangene Abänderungen des Körpers" ^) handelt. Bei der einen, wie bei der anderen Annahme scheint es mir schwer, dieselben in Einklang zu bringen mit den in dessen Buche über die Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung entwickelten Ansichten. Erklärung der Abbildungen auf Tafel LXVIII. Fig. I — 5. Die fünf ersten Blumen eines Blüthenstandes von Hedychium coronarium. Fig. 6 — 13. Das unpaare innere Staubblatt aus acht Blumen eines anderen Blüthen- standes derselben Art. 2) Biolog. Centralbl. VIII. S. 106. Fritz Müllers gesammelte Schriften. 73 Freie Gefässbündel in den Halmen von Olyra^). Mit 13 Textfiguren. In unserem Walde wächst sehr häufig eine grosse Olyra. Am Rande des Waldes bildet sie oft geschlossene Bestände, die keine andere Pflanze zwischen sich aufkommen lassen und den Wald als breiter Gürtel umsäumen. Sie wird hier Taguari genannt, d. h. kleine Taguara, wird also vom Volke zu den Bambusen gerechnet, die bekanntlich letzteren Namen führen. In der That erinnert sie durch ihren hohen Wuchs (die Glieder des Halmes können bis über 0,6 m lang, 18 mm dick werden), durch ihre Verästelung, durch die bis über spannenlangen, breiten, kurzgestielten Blätter lebhaft an unsere grossen Taguara- Arten -), mit denen sie auch darin übereinstimmt, dass sie oberirdisch ausdauernde holzige Halme besitzt, sowie auch darin, dass sich in ihren Halmgliedern oft Wasser ansammelt und bisweilen, wenn auch selten, jene Kieselgallerte sich bildet, die eintrocknend zu Tabaschir") wird. Spaltet man den Halm dieser Olyra, so sieht man in den hohlen Gliedern weisse oder in älteren Gliedern gelbliche Fäden oder Stränge, die bald wie die Saiten einer Harfe straff zwischen Boden und Decke ausgespannt sind, bald — sei es in ihrem ganzen Verlauf, sei es nur stellenweise — schraubige, wellige oder mancherlei andere Biegungen zeigen, bald in dicht verknäueltem Gewirr die ganze Höhlung des Gliedes füllen. Sie finden sich nicht in allen Gliedern, doch habe ich sie noch in keinem Halme, den ich in ganzer Länge untersuchte, vollständig vermisst, umgekehrt aber auch nur sehr wenige Halme getroffen, denen sie nicht in einzelnen Gliedern gefehlt hätten. Ihre Zahl ist verschieden, meist i bis 3, selten über 10, doch kann sie auch bis über 20 steigen. Ihre Dicke pflegt zwischen Yg und ^2 "^"^ zu schwanken, noch dicker sind sie bisweilen in den untersten Gliedern des Halmes. — 1) Flora 1889. S. 414 — 420. 2) Von Bambusa (Guadua) kommen hier drei Arten vor: die domige Taguarassü, d. h. grosse Taguara, die rauhhalmige Taguara lixa (spr. : lischa) und die glatte, dornenlose Taguara mansa. Aus Taguarassü werden die bei der Mandiocmehlbereitung benutzten Presskörbe (Tipitis) gemacht ; Taguara lixa dient zum Flechten von allerlei Körben. 3) Nicht „T a b a X i r", wie der Titel einer kürzlich über diesen Stoff erschienenen Schrift lautet, deren Verfasser die arabischen Buchstaben und die Aussprache der portugiesischen nicht zu kennen scheint. Freie Gefässbündel in den Halmen von Olyra. 1 1 S "i Geht man auf die jüngsten Zustände der Halmglieder zurück, so findet man, dass die obersten 4 oder 5 Glieder, die sich unter dem Vegetationspunkte unter- scheiden lassen und die zusammen nur wenige Millimeter Länge haben, noch dicht sind. Die Höhle beginnt sich zu bilden in dem zwischen dem letzten und vorletzten der völlig entfalteten Blätter ^) liegenden Gliede ; sie erscheint, wenn das Glied etwa 0,3 mm lang ist, als schmale Querspalte im Marke; über der Spalte liegt eine dünne Platte^ unter ihr eine weit dickere, nach unten stark ge- wölbte Masse weissen Markes. Sobald durch die Bildung der Höhle die pfeiler- artig deren Boden und Decke verbindenden Stränge von dem allseitig auf dem Innern wachsender Sprosse lastenden Drucke befreit sind, beginnen sie rascher zu wachsen als die Wand der Höhle und ehe noch letztere i mm Höhe erreicht, sieht man sie oft schon stark gekrümmt und bei doppelter Höhe mehrfach hin- und hergebogen. Solche jüngere Fäden sind durchsichtig genug, um ohne weiteres ihre Zusammensetzung erkennen zu lassen. In ihrer Mitte verläuft ein enges Ringgefäss, dessen Ringe bald ziemlich dicht stehen, bald um mehr als den Durch- messer des Gefässes von einander entfernt sind ; es ist umgeben von engen, langen Zellen und aussen findet sich eine Lage dünnwandiger Zellen, die etwa doppelt so lang als breit und dick und denen ähnlich sind, welche innen die Wand der Höhle auskleiden. Geht man einige Glieder weiter abwärts, so sieht man, dass unter dem weissen Marke am Rande der Höhle mehrere Lagen der darunter liegenden kurzen, bisweilen fast würfelförmigen Zellen ihre Wände zu verdicken beginnen, um nach einiger Zeit eine sehr feste, dunklere Hartschicht zu bilden. Namentlich in den untersten, auf den dichten Wurzelstock folgenden Gliedern pflegt die ganze Höhle sich mit einer ähnlichen, aber dünneren Hartschicht aus- zukleiden und die Fäden sich mit einer solchen zu überziehen. Das vertrocknete Mark am Boden der Höhle wird häufig durch die wachsenden Fäden, die es als weisse, bald nur dünne, bald bis über 2 mm dicke Scheibe umgibt, von der Hart- schicht losgerissen und mehr oder weniger weit emporgehoben, — in der Regel nur wenige Millimeter, doch bisweilen auch zu weit beträchtlicherer Höhe. Hier einige Beispiele. In den sieben letzten hohlen Gliedern eines Halmes, die 18 — 22,5 — 16,5 — 10,5 — 8,5 — 3,5 — 0,5 cm lang waren und bzw. 7 — 7 — 4 — 2 — 2 — 5 — 2 Fäden hatten, war die Scheibe der 4 unteren Glieder bzw. 8 — 6 — 4 — 2 cm ge- hoben, im 5. schon deutlich abgegrenzt, doch noch am alten Platze, in den beiden letzten noch nicht ausgebildet. — Die Höhle eines 21 cm langen Gliedes mit 3 geraden in derselben Ebene liegenden Fäden zeigte die von den Fäden durch- bohrte Scheibe 2 cm über den Boden. — Bei einem 7 cm langen Gliede hatte sie der Faden 2,7 cm gehoben. — In der 18 cm hohen Höhle eines anderen Gliedes liefen 3 gerade Fäden, von denen 2 die 4 cm über den Boden gehobene Scheibe durchbohrten, während der dritte an ihr vorbeilief. — In der 1 1 cm hohen Höhle eines anderen Gliedes hatten die 7 geraden Fäden die von ihnen allen durchbohrte Scheibe 8 cm hoch, also bis über die Mitte der Höhle hinaus ge- schoben. Ja, in einem 41 cm langen, 6 mm dicken Gliede befand sich die Scheibe i) Die Spreite der jüngeren Blätter ist eingerollt; wie bei den Zingiberaceen, bei Bambusa, Streptochaeta und allen anderen Gräsern, die ich mir darauf ansah, ist die übergreifende Hälfte schmäler. Sollte es nur ein Schreibfehler sein, dass Hackel (Engler-Prantl, Pflanzenfamilien. H. 2. S. 4) für die Blätter der Gräser das Gegentheil behauptet ? — 73* II56 Freie Gefässbündel in den Halmen von Olyra. 21 cm über dem Boden, getragen von 4 fast geraden Fäden, während ein fünfter unten abgerissen war und nun bis wenig unter die Scheibe reichte. Sehr selten nur löst sich auch das an der Decke der Höhle liegende ab- gestorbene Mark als sehr dünne Scheibe ab und wird von den Fäden abwärts gezogen ; so sah ich sie in einem 1 1 cm langen Gliede mit 1 1 Fäden 6 mm herab- gezogen. Ein Beweis, dass das Wachsthum der Fäden wenigstens nicht immer ausschliesslich am unteren Ende stattfindet. Es wurde bereits erwähnt, dass die Fäden bald gerade zwischen Boden und Decke ausgespannt, bald in mannichfachster Weise gebogen sind. Besonders häufig sind sie in ihrem untersten Theil mehr oder minder stark gebogen, weiter oben gerade, seltener umgekehrt ; ja es kann auch ein mehrfacher Wechsel zwischen geradem Verlaufe und starker Biegung eintreten. So waren die 5 Fäden eines kurzen Gliedes bis etwa 1 2 mm über dem Boden stark gebogen, dann 20 mm gerade, darauf g mm stark gebogen, und die letzten 9 mm wieder fast gerade. — Es kommt auch vor, dass im selben Halm- gliede einige Fäden fast gerade verlaufen, andere von unten bis oben in den mannich- fachsten Biegimgen sich ergehen. Der gerade Verlauf der Fäden scheint in manchen ein ursprünglicher zu sein, indem von Anfang an die Wand des Halms im Wachs- thum gleichen Schritt hält mit den freien Gefässbündeln im Innern ; häufiger aber dürfte er auf nachträglicher Streckung beruhen, dadurch veranlasst, dass die anfangs langsamer wachsende Wand später rascher wächst als die Fäden, oder auch, nachdem diese aufgehört, noch fortfährt zu wachsen. Einen Beweis für solchen durch die wachsende Wand auf die Fäden ausgeübten Zug liefert das Zerreissen derselben, das bei über 40 cm langen Gliedern fast regelmässig eintritt, aber auch bei kürzeren Gliedern vorkommt. So fand ich, um wenigstens einige Beispiele zu geben, in einem 27 cm langen Gliede den sehr dünnen Faden i cm über dem Boden abgerissen und 4 cm zu kurz. In einem 38 cm langen Gliede waren die beiden Fäden dicht am Boden, unter der Scheibe abgerissen, die sie 5,5 cm emporgehoben hatten. — Bisweilen findet man die abgerissenen Enden der Fäden dicht zusammengeknäuelt. In einem 65 cm langen Halmgliede waren die beiden sehr dünnen Fäden oben und unten (ich habe vergessen, zu messen in welcher Entfernung von Boden und Decke) abgerissen und lagen zusammengeknäuelt in der Mitte des Gliedes; es müssen da wohl die noch sehr elastischen, aufs äusserste gedehnten Fäden gleichzeitig an beiden Enden gerissen sein, da auf andere Weise ihr Zusammenschnurren nach der Mitte hin kaum erklärbar scheint. Sehr selten nur scheint das Zerreissen der Fäden einzutreten, ehe das Glied eine Spanne lang ist; der äusserste Fall, der mir vorgekommen, ist der eines schon 30 cm langen, 4-5 mm dicken Gliedes, dessen einziger ganz gerader Faden unter der Scheibe abgerissen war, und diese etwa 20 cm emporgehoben hatte. (Die Eängen sind nur geschätzt, da ich keinen Maassstab zur Hand hatte.) — Der längste nicht zerrissene Faden, den ich bis jetzt gesehen, fand sich in einem 45 cm langen Halmgliede. Nicht selten kommt es vor, dass zwei Fäden mit einander verschmelzen. Sie bilden dann statt eines drehrunden Stranges ein Band, das etwa doppelt so breit wie dick und jederseits von einer mehr oder minder tiefen Längsfurche durchzogen ist. Da solche Doppclfäden in der Richtung der Breite dem Biegen grösseren Widerstand leisten, als in der Richtung der Dicke, biegen sie sich nie Freie Gefässbündel in den Halmen von Olyra. II57 schraubenförmig oder sonstwie in beliebiger Richtung, sondern immer genau oder annähernd in ein und derselben Ebene, was bei einfachen Fäden kaum jemals der Fall ist; man kann sie daran sofort erkennen. In einem der fadenreichsten Halmgheder, die ich gesehen (es war 24 cm lang), fanden sich neben 13 ein- fachen 4 Doppelfäden; sämmtlich stark gebogen bis etwa 1,5 cm über dem Boden, verlaufen sie dann etwa 3,5 cm fast gerade (diese Strecke ist nicht gleich gross für alle), darauf wieder die einen stärker, die andern schwächer gebogen, bis etwa 2 cm unter der Decke, zu der sie dann dichtgedrängt und gerade emporsteigen; 4 der einfachen Fäden sind in ihrem ganzen Verlaufe so gut wie gerade. Die Bruchstücke der zerrissenen Scheibe haften 5 cm über dem Boden an den Fäden, Bisweilen sind zwei Fäden nur an ihrem unteren Ende, selten gleichzeitig auch am oberen, auf eine kürzere oder längere Strecke verschmolzen und sonst frei. Ebenso kommt es umgekehrt vor, dass Fäden unten und oben frei, in der Mitte verschmolzen sind. So waren in einem 23 cm langen Gliede die beiden Fäden unten 0,6 cm, oben 6,5 cm frei und gebogen, dazwischen verwachsen und gerade; das nächstfolgende Glied desselben Halmes hatte 4 Fäden, die vmten I — 2 cm, oben 6,5 cm frei und gebogen, in der Mitte zu einem einzigen geraden Faden verschmolzen waren. In einem 24 cm langen Gliede von einem anderen Halme derselben Pflanze vereinigten sich die 3 Fäden i cm über dem Boden; 13,5 cm unter der Decke wurde der eine wieder frei und 10 cm unter der Decke trennten sich auch die beiden anderen wieder. Verschmelzung von drei und mehr Fäden ist nicht selten in den kurzen untersten Gliedern der Halme, deren Fäden sich durch besondere Dicke aus- zuzeichnen pflegen, — sehr selten dagegen, wenigstens für die ganze Länge, in längeren Gliedern; ich besitze ein 17 cm langes Halmglied mit 2 einfachen und einem aus 5 verschmolzenen Faden. Wie unter sich, können die Fäden auch mit der Wand des Halmes ver- wachsen. Bei kürzeren, nicht mehr als eine Spanne langen Gliedern ist mir dies noch nicht vorgekommen; dagegen sah ich es nicht selten bei besonders langen und dicken Gliedern. Meist ist es der mittlere Theil des Fadens, der mehr oder minder weit, mehr oder minder fest mit der Wand verbunden ist, bald völlig in sie aufgenommen scheint, bald über sie vorspringt oder selbst mit einiger Vor- sicht sich unversehrt ablösen lässt. Indessen kommt auch das Umgekehrte vor, dass ein Faden nur in der Mitte frei, oben und unten mit der Wand des Halmes verwachsen ist. In einem 27 cm langen Halmgliedc mit 2 Fäden war der eine vom Boden aus 15,5 cm, von der Decke aus 6,5 cm mit der Wand verwachsen und nur 3,5 cm frei und wellig gebogen; der zweite Faden war nur unten auf 12,5 cm mit der Wand verwachsen. An einem anderen Halme derselben Pflanze fand sich ein 32 cm langes Glied, dessen einziger Faden unten auf 4 cm mit der Wand verwachsen war. Die Fäden kommen noch in den dünnsten Zweigen und dünnen Halmen junger Pflanzen vor, so lange deren Glieder überhaupt hohl sind; ich fand sie in kaum I mm dicken Gliedern. Noch dünnere Glieder pflegen dicht zu sein. Ich habe mich bemüht, irgendwelche Beziehung aufzufinden zwischen dem Auftreten der Fäden einerseits und andrerseits der Länge und Dicke der Glieder, der Anwesenheit von Wasser oder Kieselgallert ein denselben, dem Standorte, dem 1158 Freie Gefässbündel in den Halmen von Olyra. Die beigegebenen Abbildungen, die ich der Güte meines freundes Bernhard Scheidemantel verdanke, zeigen sämmtlich in natürlicher Grösse längsgespaltene Glieder aus dem untersten Theile von Olyra- Halmen; weiter oben sind die Glieder meist nicht stark genug verholzt, um gespalten beim Trocknen ihre Form unverändert zu bewahren. Fig. I. Halmglied mit einem einzigen, unten schraubig gebogenen, oben geraden P'aden. Unter der weissen Scheibe aus vertrocknetem Mark sieht man die dunkle Hartschicht, an der Innenwand des Halmes als Längsleisten vorspringende Gefässbündel. Das nächstobere Glied ist ohne Fäden. Fig. 2. Drei Halmglieder. Scheibe und Hartschicht bei allen deutlich; a mit einem doppelten und einem einfachen Faden, h mit 4, c mit 3 einfachen Fäden. Fig. 3. Halmglied mit 8 unten stark gebogenen, oben geraden Fäden. Scheibe links etwas gehoben. Fig. 4. Drei Halmglieder, deren Wand bis auf einen schmalen Streifen entfernt ist; a mit ein- fachem, schraubig, b mit doppeltem, wellig gebogenem Faden, c mit 2 einfachen und 2 Doppelfäden. Fig. 5. Halmglied mit mehr als 10 Fäden, die theils frei verlaufen, theils zu dicken Bündeln ver- schmolzen und in ihrem ganzen Verlaufe stark gebogen sind. Scheibe gehoben. Fig. 6. Drei Halmglieder, a und b mit je zwei, c mit 3 Fäden; in c die Scheibe etwas gehoben. Fig. 7. Drei Halmglieder, a mit 3 Fäden, b mit 6 unten verschmolzenen Fäden, c mit 3 einfachen Fäden und einem Doppelfaden, der senkrecht auf die Ebene des Papieres auf- und abgebogen ist. Fig. 8. Zwei Halmglieder, a mit einem doppelten und einem einfachen Faden (letzterer in der Figur nicht deutlich); b mit 4 Fäden. Fig. 9. Zwei Halmglieder, a mit 3 einfachen Fäden, b mit 5 einfachen und einem Doppelfaden, alle in ganzer Länge stark gebogen. Fig. 10. Halmglied mit 2 Fäden, die oben und unten zu einem stark gebogenen Doppelfaden ver- schmolzen sind. Fig. II. Zwei Halmglieder, a mit 2 einfachen Fäden, b mit 7 Fäden, die unten in ein dickes Bündel verschmolzen sind; im unteren Theile des Gliedes sehr stark, weiter oben massig gebogen, sind sie in der Nähe der Decke fast gerade. Fig. 12. Halmglied mit einem einzigen einfachen, unten und oben fort gerade verlaufenden Faden. Scheibe gehoben ; unter der Hartschicht in dem weicheren Theile der Scheidewand ein durch Eintrocknen entstandener Spalt. Fig. 13. Die beiden obersten (dichten) Glieder des Wurzelstocks und die beiden untersten (hohlen) Halmglieder, jedes mit einem einfachen, dicken, gebogenen Faden. Durch Eintrocknen ist unter der Hart- schicht von a eine Höhle entstanden, unter der von h eine flachere Grube. , Freie Gefässbündel in den Halmen von Olyra. 1 1 '^Q üppigen oder dürftigen Wüchse der Pflanzen u. s. w. Ich habe an mehr als 200 Halmen die Länge (und oft auch die Dicke) der Glieder gemessen, die Fäden gezählt und etwaige Eigenthümlichkeiten derselben vermerkt. Bis jetzt ohne jeden Erfolg. Völlig regellos, wie es scheint, wechseln an demselben Halme lange und kurze Glieder, Glieder mit und ohne Wasser, mit und ohne, mit weniger und mit vielen Fäden. Ebenso verschieden sind oft gleichalte Halme derselben Pflanze, die einen arm, die andern reich an Fäden, — ebenso verschieden oft nachbarlich wachsende Pflanzen. In der Sonne, wie in tiefem Urwaldschatten, in feuchtem Thale, wie auf trockner Bergeshöhe wachsende Pflanzen können reich und können arm sein an Fäden. Betrachtet man ein Halmglied, das wie zum Platzen vollgepfropft ist mit zahlreichen wirr verschlungenen Fäden, so möchte man glauben, diese umfang- reichen Gebilde hätten der Pflanze einen wichtigen Dienst zu leisten. Dem aber widerspricht die Unbeständigkeit und Regellosigkeit ihres Vorkommens. Wenn von zwei an gleicher Stelle gleich üppig gedeihenden Pflanzen die eine reich ist an diesen Fäden, die andere ihrer fast entbehrt, — wenn ähnliche Unterschiede zwischen den Halmen derselben Pflanze, den Gliedern desselben Halmes sich zeigen, — wenn über ein Dutzend aufeinanderfolgender Glieder dieselben ohne Nachtheil entbehren können, — wenn gerade in den längsten und kräftigsten Gliedern sie entweder fehlen oder zeitig zerreissen, — so wird es durch dies alles bei weitem wahrscheinlicher, dass die Fäden für das Gedeihen der Pflanze werth- lose und somit der regelnden Naturauslese entzogene Gebilde sind. Bei anderen Gräsern, deren ich schon eine ziemliche Zahl darauf untersucht, habe ich ähnliche freie Gefässbündel im Innern der hohlen Halme noch nicht gefunden, auch nicht bei zwei anderen Olyra- Arten unseres Waldes. Blumenau, Sa. Catharina, Brasilien, y./y. 89. Zur Verbreitunof der Pflanzen durch die Excremente der Thiere^) erhielt ich durch Herrn Dr. Fritz Müller in Santa Catharina (Brasilien) noch folgende freundliche Mittheilungen: „Als Pflanzen, die nicht selten in meinem Garten aufgehen, wohin sie nur mit dem Koth von Vögeln gekommen sein können, kann ich Ihnen nennen: Euterpe (Palme), Alchornea (Euphorbiacee) und Myrsine. Ebenso ist jetzt die kleine rothe süsse Beeren bringende Cordia cylindrostachya, die ich vor Jahren ihres Dimorphismus halber von der Meeresküste mitgebracht, in der ganzen Nachbarschaft, — ohne Frage durch Vogelkoth, verbreitet. Durch Vögel werden gewiss auch die Samen von Inga verbreitet; die Samen sind von einer süssen weissen Hülle umgeben, und die Vögel gehen den Früchten eifrig nach; doch scheinen die Samen kaum geeignet, unversehrt deren Darm zu durchwandern. Vielleicht geschieht die Verbreitung nur, indem die ganzen Früchte von den Vögeln verschleppt werden, wofür ich ein hübsches Beispiel auf dem Hochlande von Curitibanos sah. In einem Walde trafen wir einen mit goldgelben Fruchthülsen beladenen Baum einer Inga (oder Affonsea?) an, an deren süssen Samenhüllen wir uns ebenso, wie die Papageien in der Krone der Baumes, labten. Wohl eine halbe Stunde lang fanden wir nun am Wege Früchte dieses Baumes verstreut, meist allerdings völlig ausgefressen, doch eine ziemliche Zahl auch noch mit einigen unverzehrten Samen. — ■ Wie von C a r i c a Papaya werden sicher auch von unserer wildwachsenden Papayacee, der Jacaratiadodecaphylla die Samen durch den Koth von Thieren (wahrscheinlich Vögeln) verbreitet. Ich hatte dieser Tage Gelegenheit, Früchte letzterer Art zu untersuchen und fand an den Samen eine bei Carica fehlende Eigenthümlichkeit, deren Bedeutung ich nicht verstehe. Innerhalb des Mantels, der sie wie bei Carica und Passiflora umschliesst, sind sie von einer Schicht äussert zähen Schleimes umgeben, der im Wasser zu einer grossen glasshellen Kugel aufquillt. Ob etwa die Samen dem Schnabel der Fruchtfresser ankleben und so verbreitet werden, ohne den Darm durchwandern zu müssen? Pflanzensamen trifft man sehr häufig im Vogelkothe; es möchte vielleicht der Mühe lohnen, solche Samen zu sammeln und auszusäen ; von manchen möchte sich auf diese Weise die Herkunft ermitteln lassen und einige würden auch ohne Weiteres, wenn auch nicht der Art nach zu erkennen sein; so habe ich einige- male in Menge die kleinen, rothen, leicht kenntlichen Samen von Marcgravia darin gesehen," I) Monatl. Mitteil. d. Naturwiss. Vereins Frankfurt a. O. 1889/90. 7. Jahrg. S. 38, 39. Weitere Beobachtungen über das Variieren der Blütenzahl bei Hypoxis decumbens'^). (Mitgetheilt von Prof. Dr. F. Ludwig in Greiz.) Mit 2 Textfifruren ö"- Bezug nehmend auf eine frühere Mitteihuig in der Zeitschrift Flora, i88g, S, 55 — 56 = Ges. Schriften S. 1147, und unter Vorlage abweichend gebildeter Blumen von Hypoxis decumbens erlaube ich mir der Gesellschaft einige neue Be- obachtungen von Fritz Müller mitzutheilen. Nachdem Fritz Müller seit mehr als 30 Jahren unter vielen Tausenden von Blumen dieses brasilianischen Sternblümchens keine einzige gefunden hatte, welche in ihrem Bau von der üblichen 6-Zahl abwich, hatte er auf einer etwa ^/g qm grossen Stelle früher einige Blumen mit 5 und 4 Blumenblättern gefunden. Er hat die Stöcke im Garten weiter cultivirt und schreibt mir über die Ergebnisse Folgendes : g. März i88g. „Zu dem, was ich Ihnen über Hypoxis decumbens schrieb, will ich noch hinzufügen, dass 2-zählige Blumen ausschliesslich und auch andere Bildungsabweichungen so gut wie ausschliesslich unter den letzten Blumen der wenigblütigen, traubigen Blütenstände vorkommen." g. Juli i88g. „Von Hypoxis decumbens habe ich jetzt eine zweite Gesell- schaft von Pflanzen, die allesammt ebenso zu einer Vermehrung der Blütentheile neigen, wie die im vorigen Jahre gefundenen zu einer Verminderung; besonders häufig sind 7 -blättrige Blumen, dann regelmässig 4-zählige, selten g-blättrige, ausserdem eine Menge Zwischenformen. Ich fand diese Pflanze in meinem eigenen Garten, wo sie im Unkraut versteckt, schon seit einigen Jahren geblüht und sich vermehrt haben mag. Während auf einer Stelle alle Pflanzen solche abweichende Blumen (und ausserdem auch regelmässig 3-zählige) brachten, fanden sich ander- wärts, kaum 6 Schritt davon, nur die gewöhnlichen 6-strahligen Sternblumen. Mein Freund und College Schwacke in Rio, wo Hypoxis ebenfalls häufig ist, schreibt mir, dass er dort nie andere als 6-blättrige Blumen gesehen hat. Ich habe bereits einige Aussaaten gemacht, um zu sehen, ob sich die Eigenthümlich- keiten der einzelnen abweichend gebildeten Blumen vererben . . , ." 21. Dezember i88g. „. . . . bei den täglichen Hypoxis-Beobachtungen ist die Arbeit grösser geworden .... Es sind jetzt nicht weniger als 135 Pflanzen zu durchmustern, nämlich i. das Ihnen bekannte Beet der 24 Pflanzen, die zur Zweigeschlechtigkeit neigen ; 2. ein Beet mit 33 Pflanzen, die ebenso zur Ver- i) Schriften der naturforschenden Gesellschaft in Danzig 1890. S. 180 — 181. 1102 Weitere Beobachtungen von Fr. Müller. mehrung der Blütcntheile neigen und nicht selten 7- oder 8-blättrige Blumen bringen; 3. ein Beet mit 40 Pflanzen aus Samen einer regelmässig 4-zähligen Blumenart einer dieser letzten Pflanzen (eine ganze Gesellschaft solcher Pflanzen wurde von einem meiner Enkel in einem Winkel meines Gartens gefunden und von diesen wurden die 33 genommen); 4. und 5. zwei Beete mit je ig Pflanzen aus Samen eines Blütenstandes einer der 24 Pflanzen des ersten Beetes, und zwar die eine von einer 2-zähligen , die andere von 3-zähligen Blumen. Die Nachkömmlinge der 4-zähligen Blumen bringen ungemein reichlich 7- und 8-blätte- rige und nicht selten sogar g- und lo-blättrige Blumen. Die Weise, in der die Vermehrung der Blütcntheile vor sich geht, scheint überaus verschiedenartig zu sein und ich denke dieselbe jetzt . . . näher ins Auge zu fassen. Heute unter- suchte ich z. B. 2 Blumen, von denen die eine 7 Blumenblätter, die andere 7 Staubgefässe hatte ; bei ersterer fand sich ein schmales überzähliges Blumenblatt links neben dem hinteren Blumenblatt, bei letzterer war das vordere Kelchblatt merklich breiter als die anderen und über ihm standen 2 äussere Staubgefässe. Wie das Kelchblatt war auch das vordere Fruchtfach grösser als die anderen " 14. Juli i8go. „Ich bin jetzt bei einer höchst langweiligen und unglaublich zeitraubenden Arbeit, der Zusammenstellung der im letzten Sommer an Hypoxis gemachten Beobachtungen. Die Zahl der Blumen, die in dieser Zeit (September i88g bis März i8go) auf meinen 5 Beeten blühten, steigt über 18000, darunter etwa 4000 abweichend gebildete. Dass ich ausser den Pflanzen mit verminderter Zahl der Blütcntheile noch eine andere Gesellschaft habe, die ebenso zu einer Vermehrung der Blütentheile neigen, schrieb ich Ihnen schon. Die Pflanzen, die mein Enkel Fritz Lorenz wild fand, bringen nicht selten Bhamen mit 7 oder 8 Blättern ; aus Samen zweier 8-blättriger Blumen zog ich nun 40 junge Pflanzen, und diese bringen nicht nur 7- und 8-blätterige in mehr als vierfach grösserer Zahl, sondern auch g- und lo-blätterige Blumen, ja die g-blätterigen sind bei ihnen zahlreicher, als bei jenen die 8-blätterigen. Merkwürdig ist, dass bei alten und jungen Pflanzen die Vertheilung der abweichenden Blumen an den Blütenständen eine sehr ähnliche ist ; so sind z. B. die zweiten Blumen weit ärmer an Bildungs- abweichungen, als die ersten und dritten." Das letztere veranschaulichen die bei- folgenden Figuren Müller's. Figuren links: Hypoxis decum- b e n s (Sept. 89 — März 90). Zahl der abweichenden Blumen unter 100 ersten, zweiten bis sechsten Blumen der Blüten- stände , — . — . — . — abweichende Blumen unter 100 Blumen, oben der alten, unten der jungen Pflanzen. Figuren rechts : Hypoxis decum - bens (Sept. 89 — März 90). Zahl der Blumen a, b, 7, 8, 9, 10 unter 100 Blumen, a abweichende Blumen ohne Vermehrung der Blütentheile, b Blumen mit 6 Blättern und 7 oder 8 Staub- gefässen, 7> 8, 9, 10 Blumen mit 7, 8, 9, 10 Blättern. ^^ ■ 1 - 11 t V f. ^ 1 ^ 60 ,<-' t 1 — 1 .'iS / 1 ^ 1 w 1 tfl T 1 w t \ 1(\ 1 \ 1 1 "^ ~ "< -.. • . — L — ■ • ■ — •"" ■ — ■ ■ ~ — , i \ r I T .10 A- 1 2."i \ l fi 1 9(1 '■, \ * 1 1 1ü ( ; 1 — 1(1 ,< f" .,-- ^ ,'' K — 1 -^ ü ^.. ._ "■■ ■ ■" ■ ■^, "7 ^-•• " ■< 1 — *T r 1 — —fl 1 — Jh ^ Frucht in Frucht von Carlca Papaya^). Mit I Textfigur. Vor Kurzem brachte mir einer meiner Enkel die hier abgebildete längs- durchschnittene Frucht eines Melonenbaumes (Carica Papaya). Die Frucht um- schliesst eine zweite, die fast ebensolang ist wie sie selbst und, um in ihrer Höhle Platz zu finden, oben sich umgebogen hat. Die äussere Frucht ist von mittlerer Grösse, das Fruchtfleisch nach Dicke, Farbe und Geschmack von gewöhnlicher Be- schaffenheit. Samen fehlen vollständig, während un- entwickelte Samenanlagen in reichlicher Zahl vor- handen sind. Der Samenmangel erklärt sich daraus, dass (wenigstens an der mir vorliegenden Hälfte) äusser- lich jede Spur von Griffel und Narbe fehlt. Dagegen findet sich im Innern der Fruchthöhle eine von deren Scheitel abwärts gerichtete, in gewöhnlicher Weise ge- lappte Narbe. Die innere Frucht nimmt den ganzen Boden der Höhle der äusseren ein und behält bis oben nahezu gleiche Dicke. Sie ist glatt, weiss, ihr Fleisch hart, geschmacklos und ganz ohne Milchsaft, der sonst in unreifen Früchten besonders reichlich vorhanden zu sein pflegt. Sie besteht aus fünf Fruchtblättern; eines derselben ist nur etwa 2, ein anderes etwa 3 cm lang; sie enden (wie die Abbildung rechts unten zeigt) mit einem rundlichen schwach vorspringenden Wulst, an welchem ein dunklerer Punkt die verkümmerte Narbe andeutet. Die drei übrigen Fruchtblätter reichen bis zum Ende der Frucht, wo sie in wohlentwickelte, gelappte und zum Theil wunder- lich verkrümmte Narben übergehen. Es bleibt hier zwischen ihnen ein ziemlich breiter Spalt, durch den man in die mit zahlreichen Samenanlagen bedeckte Fruchthöhle hineinsieht. Diese Höhle verengt sich rasch nach unten, hat 3 cm über dem Boden nur noch etwa 3 mm, und 25 mm über dem Boden wenig über I mm Durchmesser; sie endet, halbkugelig abgerundet, etwa 2 cm über dem i) Flora 1890. S. 332, 333. ll()A Frucht in Frucht von Carica Papaya. Boden der äusseren Frucht. Der unterste Theil der Frucht ist dicht. Samen- anlagen finden sich in der ganzen Länge der Fruchthöhle. Unter der inneren Frucht, zwischen dieser und den Boden der äusseren eingeklemmt, stehen fünf farblose, dünnhäutige spitze Blättchen, deren Länge von 5^8, deren Breite von 2 — 3 mm schwankt; sie wechseln ab mit den Frucht- blättern der inneren Frucht, Die beiden in der eben besprochenen Frucht \'ereinigten Bildungsabweichungen, den in die Fruchthöhle ragenden Griffel und die zweite innere Frucht, habe ich getrennt bei zwei anderen Pflanzen wiederholt gesehen, letztere bei Passiflora, erstere bei Alpinia. Durch unseren verstorbenen deutschen Consul Victor Gärtner erhielt ich mehrere Früchte von Passiflora alata, die eine vollständige, regelrecht entwickelte, aber natürlich unentfaltcte und etwas verknitterte Blume umschlossen. Die Früchte besassen reichliche gute Samen ; eine aus diesen gezogene Pflanze meines Gartens hat bis jetzt nur gewöhnliche Früchte getragen. An einer Alpinia, mit deren abweichend gebildeten Blumen ich mich seit einigen Jahren beschäftigt habe ^), waren im letzten Sommer Zwischenformen zwischen drei- und zweizähligen Blumen ungewöhnlich zahlreich und unter diesen nicht selten solche, in deren Fruchtknoten eine der drei Scheidewände fehlte, so dass dieser zwei ungleich grosse Fächer zeigte. In etwa einem Dutzend solcher Frucht- knoten und zwar stets in dem grösseren Fache traf ich einen an die Fäden der Olyra-Halme erinnernden weissen, drehrunden, regellos gebogenen Faden, der bisweilen das Fach so vollständig füllte, dass kaum Raum blieb für einige Samen- anlagen. Er entspringt vom oberen Ende des Faches und endet frei in eine kleine flache, am Rande bewimperte Scheibe. Das erinnerte an die ganz ähnliche Bewimperung des Narbenrandes und nähere Untersuchung' ergab, dass der Faden auch sonst in seinem Baue mit dem Griffel übereinstimmt und nichts Anderes ist, als das dem einen Fruchtblatt zugehörige Drittel des Griffels, Dies wurde da- durch bestätigt, dass wo der Faden im Fruchtknoten sich fand, der Griffel nicht drehrund, sondern von einer Längsrinne durchzogen war, die der im PVucht- knoten versteckte Faden hätte bedecken sollen. Nachdem ich dies erkannt, konnte ich schon vor Eröffnung des Fruchtknotens aus der An- oder Abwesenheit einer solchen Rinne entnehmen, ob in demselben der gewundene Faden zu finden sei oder nicht. Die Abbildung, in V9 der natürlichen Grösse, nach einem Lichtbild, das ich der Gefälligkeit meines Freundes B. Scheidemantel verdanke. Blumenau, Sa. Catharina, Brasilien, 13. Mai 1890. I) Vgl. Ber. d. D. Bot. Ges. VI. S. 95 =: Ges. Schriften S. 1134. Kreuzung von Hedychium^). (Aus einem Briefe an Dr. W. O. Focke.) Soeben blüht zum ersten Male in meinem Garten, etwa sechs Jahre nach der Aussaat, ein Hedychium coccineum $ X coronarium S, welches mir endlich die Abkunft eines der vielen hier (Prov. Santa Catharina, Südbrasilien) wild vorkommenden Hedychium-Bastarde verraten hat, über dessen Eltern ich bisher völlig im Zweifel war. Ich hätte nicht geglaubt, dass durch Insekten ein Mischling dieser beiden Arten, die so verschiedenen Bestäubern angepasst sind, erzeugt werden könnte. H. coronarium wird durch Schwärmer befruchtet, der Blütenstaub von H. coccineum durch die Flügel von Tagfaltern (PapiHo, Callidryas) übertragen. Wahrscheinlich ist die Erzeugung der Mischlinge weder diesen noch jenen zu danken, sondern vielmehr Bienen (Trigona spec), die gelegentlich Blütenstaub von Hed3xhium sammeln, ohne regelmässige Besucher zu sein. Blumenau, 27. Februar i8go. i) Abhandl. d. Natunv. Vereins Bremen 1890. Bd. XI. S. 444. Clepsine verrucata^). Eine Berichtigung. In seiner Abhandlung über Süsswasser-Hirudineen sagt Apathy (in diesen Jahrbüchern, Bd. 3, S. 768) über die von mir beschriebene Clepsine verrucata: „Diese Species glaube ich für identisch mit Cl. tessulata halten zu können. Bei letzterer fehlt nämlich das hintere Augenpaar nicht selten, und so finden wir bei ihr ebenfalls nur drei Paar Augen ; andere Charaktere, welche diese beiden Arten scharf trennen würden, werden nicht aufgezählt." — Es scheint aus diesen Worten Apathy's hervorzugehen, dass er die Cl. verrucata nur aus der in Grube's „Familien der Anneliden" (S. 1,50) gegebenen Uebersicht der Clepsine- Arten kennt. Hätte er die in meiner Dissertation „De hirudinibus circa Berolinum hucusque observatis (Berol. 1 844 == Ges. Schriften S. 6) gegebenen Beschreibungen von Cl. tessulata, verrucata und complanata verglichen, so würde er eine ganze Reihe die beiden ersten Arten scharf trennender Merkmale gefunden und sich überzeugt haben, dass Cl. verrucata der tessulata ebenso fern steht, wie sie der complanata eng sich anschliesst. Es genüge, auf ein einziges dieser Merkmale hinzuweisen, das Apathy selbst benutzt, um die Gattung Clepsine in zwei Hauptgruppen zu scheiden, die Länge des „Rüssels" oder „Saugstechers". Derselbe ist bei Cl. tessulata kürzer als bei irgend einer anderen deutschen Art, bei verrucata so gross wie bei complanata. Blumenau, Sa. Catharina, Brasilien, 6. November 1889. i) Zoolog. Jahrbuch. 1890. Bd. V. S. 184. N. Die Begattung der Clepsinen^). Wie ich aus dem Jahresbericht der Zoologischen Station zu Neapel für 1889 (Vermes S. 54) sehe, behauptet Whitmann: „Bei den Clepsinen kommt keine wahre Copulation vor, vielmehr werden nur Spermatophoren irgendwo äusserlich an- geheftet." Letzteres geschieht allerdings z. B. bei Clepsine complanata, nie aber bei Cl. tessulata; bei dieser kommt vielmehr nur wirkliche Begattung vor, wie ich schon vor fast fünfzig Jahren häufig zu beobachten Gelegenheit hatte. Ich erlaube mir anzuführen, was ich darüber in meiner Dissertation de hirudinibus circa BeroHnum hucusque observatis (Berhn 1844, S. 33 = Ges. Schriften S. 21) sagte: „Copulam in Cleps. tessulata saepius vidi. Reciproca est, ut in Sanguisugis, ita ut utrumque animal maris simul et feminae viribus fungatur. Utrumque enim alterius abdomini capite sese affigens, vaginam penis replicatam in alterius vulvam (s. porum genitalem posteriorem) introducit. Tali modo conjuncta per totos dies sedent." Blumenau, 20. Mai i8gi. I) Zoolog. Jahrb. Abt. f. System. 1891. Bd. VI. S. 338. Verzeichniss der in der Umgegend von Blumenau und Desterro beobachteten (60 verschiedenen Familien angehörenden) Bäume und Sträucher ^). 1. Ranunculaceae. Clematis- Arten, kletternd, mit holzigem Stengel, nur am Waldrand, an Zäunen etc. 2. Dilleniaceae. Holzige Schlingpflanzen. 3. Magnoliaceae. Talauma, hoher Baum, Nutzholz. 4. Anonaceae. Duguetia, Rollinia, Anona, Xylopia; zum Theil hohe Bäume, meist mit weissem weichen Holze. 5. Menispermeae. Abuta, Kletterstrauch mit bis über schenkeldickem Stamm. Weit kleiner bleibt Cissampelos Pereira. 6. Violarieae, Anchietca, Kletterstrauch an Waldrändern, selten. 7. Polygaleae. Securidaca Sellowiana, schönblühender Kletterstrauch. 8. Vochysiaceae. Trigonia, holzige Kletterpflanze. 9. Guttiferae. Clusia, kleiner Baum. Kletternde Arten fehlen. IG. Ternstroemiaceae. Marcgraf ia, Kletterstrauch. Norantia, bald auf Bäumen, bald auf der Erde wachsender Strauch. Hier selten. 11. Malvaceae. Abutilon. Bombaceae. Eriodendron, Bombax. 12. Buettneriaceae. Buettneria, stachliger Kletterstrauch. 14. Tiliaceae. Luhea, kleiner Baum, besonders am Flussufer. Sloanea, hoher Urwaldbaum mit sehr hartem, aber nur als ausgezeichnetes Brennholz ver- werthbarem Holz. 14. Malpighiaceac. Grosse Zahl von Klettersträuchern, meist mit reichen, gelben Blüthenständen. 15. Rutaceae. Zanthoxylon, Esenbeckia u. A. Bäume und Sträucher. 16. Ochnaceae. Gomphia, kleiner Baum oder Strauch im Walde. 17. Meliaceae. Guarea, häufiger Strauch, durch die am Ende fort- wachsenden gefiederten Blätter merkwürdig. Trichilia, Cedrela. 18. Olacaceae. Heisteria. 19. Ilicineae. Hex, verschiedene strauch- oder baumartige Arten. Der Matebaum, hier sehr selten. I) Granert, Forstl. Blätter 1891. S. 236, 237. Verzeichniss der um Blumenau und Desterro beobachteten Bäume und Slräucher. j jgg 20. Celastrineae. Maytenus, eine Art auf Felsen am Itajahy nicht selten. 21. Hippocrateaceae. Hippocratea und Salacia, holzige Zweigklimmer. 22. Rhamneae. Rliamnidium, kleiner Strauch, Gou^inia, Kletterstrauch. 23. Sapindaceae. Serjania, Paullinia, Thoninia, Klettersträucher. Schmi- delia. kleiner Baum. 24. Anacardiaceae. Schinus, bei Blumenau selten, an der Küste häufig. 25. Leguminosae. Papilionaceae. Dioclea, holzige Schlingpflanze. Dalbergia, ver- schiedene Arten, meist Zweigklimmer. Machaerium, Platymiscium, Andira, Zollernia. Caesalpinieae. Schizolobium, Cassia, Bauhinia grandiflora und bra- siliensis, Caulotretus, Copaifera. Mimoseae. Acacia, stachhge Klettersträucher, z. Th. Zweigklimmer. Calliandra, Inga, verschiedene Arten, darunter auch mehrgrifflige, sog. Affonsea. 26. Rosacea e. Chrysobalaneae. Hirtella. 27. Saxifrageae. Weinmannia, hier äusserst selten, auf der Serra Geräl und dem Hochlande häufiger grosser Baum, Gerberrinde liefernd. 28. Combretaceae. Combretum, prächtiger Kletterstrauch, besonders am Flussufer. 29. Myrtaceae. Campomanesia, Psidium, Myrcia, Eugenia, zahlreiche Arten, viele des Holzes oder der Früchte wegen geschätzt. Couratari. 30. Melastomaceae. Sehr zahlreiche, strauchartige und verschiedene baumartige Arten. * 31. Lythrarieae. Lafoensia, sehr seltener Baum, mit grossen 12 zähligen Blüthen. 32. Samydaceae. Casearia. 33. Passif loreae. Papayaceae. Jacaratia. 34. Araliaceae. Verschiedene Sträucher und stattliche Bäume. 35. Caprifoliaceae. Sambucus australis. 36. Rubiaceae. Manettia, Klettersträucher. Aiseis, sehr selten. Hillia, Bathysa, Psychotria, zahlreiche strauchartige Arten. Suteria, Sträucher oder kleine Bäume. 37. Compositae. Sträucher und Bäume aus den Gattungen Baccharis und Vernonia. 38. Myrsineae. Myrsine. 39. Sapotaceae. Labatia. 40. E b e n a c e a e. Diospyros. 41. Apocynaceae. Aspidosperma, hiesiger Name Peroba, ein hochwerthiges Nutzholz. Tabernaemontana. 42. Loganiaceae. Strychnos {Str. triplinervia), Kletterstrauch, häufig. Str. brasiliensis, kleiner Baum, seltener. 43. Solaneae. Solanum, mehrere Bäume und Sträucher, sowie holzige Kletterpflanzen. Dyssochroma, kleiner baumbewohnender Baum. Datura, kleiner Baum am Flussufer. Cestrum, Bäume und Sträucher. Fritz Müllers gesammelte Schriften. 74 I I70 Verzeichniss der um Blumenau und Desterro beobachteten Bäume und Sträucher. 44. Big n oniaceae. Bignonia, Pithecoctenium. Tabebuia, eines der härtesten hiesigen Hölzer: Ipe. Cybistax, Jacaranda. 45. Acanthaceae. Mendoncia, holzige Kletterpflanze. 46. Verbenaceae. Lantana, Sträucher. Petraea, Kletterstrauch. Cithar- exylon, Vitex, Aegiphila. 47. Nyctagineae. Bougainvillaea, Pisonia, Sträucher und Bäume. 48. Phytolaccaceae. Phytolacca, Seguieria. 49. Polygon eae. Coccoloba. 50. Aristo lochi eae. Aristolochia. 51. Piperaceae. Piper, zahlreiche Straucharten. 52. Myristiceae. Myristica. 53. Monimiaceae. Mollinedia. 54. Laurineae. Canella, zahlreiche Arten mit z. Th. werthvollem Holz aus den Gattungen Cryptocarya, Nectandra u. A. 55. Proteaceae. Roupala. 56. Thymelaeaceae. Daphnopsis, Strauch, selten. 57. Euphorbiaceae. Phyllanthus, Croton, Acalypha (Sträucher), Alchornea (Bäume), Dalechampia (holzige Schlingpflanzen), Sapium, Sebastiana u. a. un- bestimmte Gattungen. 58. Urticaceae. Celtideae. Celtis, holzige Kletterpflanze. Trema, Baum. Moreae. Chlorophora, sehr hartes gelbes Holz. Artocarpeae. Ficus, zahlreiche Arten. Conocephaleae. Cecropia, Coussapoa, Baumvvürger, Pourouma. Urticeae. Bochmeria, Strauch. 5g. Palmae. Bactris, Cocos (C. Romanzowiana), Attalea?, Geonoma. — Ausserdem im Staate St. Catharina zwei Butia (Cocos?), eine an der Küste, eine auf dem Hochlande und eine Fächerpalme (Buriti) auf dem Hochland. 60. Gramineae. Bambusa, verschiedene Arten. Trichodactylus, Trichodactylus, siri de agua doce sem eine Süsswasserkrabbe metamorphose^). ohne Verwandlung^). Mit Tafel LXIX und LXX. Agarradas ao abdomen de uma Angeheftet am Hinterleibe eines femea de Gecarcimis ou siri terrestre Weibchens von Gecarcinus, einer Land- encontrou Westwood filhinhos ja perfei- krabbe, traf Westwood Junge an, die schon taraente semelhantes a seus paes. Serviu- vollständig ihren Eltern glichen. Er se deste acto para por em duvida a benutzte diese Tatsache, um die von bella e importantissima descoberta da Vaughan Thompson gemachte schöne metamorphose dos crustaceos Decapodes und äusserst wichtige Entdeckung der feita por Vaughan Thompson, declaran- Verwandlung der Decapoden in Zweifel do, que näo havia excepgäo a lei geral zu ziehen ; danach sollte es keine Aus- do desenvolvimento dos crustaceos de nähme von dem allgemeinen Gesetz näo passarem por mudangas de forma, geben, dass die Crustaceen bei ihrer que merecessem o nome de metamor- Entwicklung Formveränderungen durch- phose. machen, welche den Namen der Ver- w^andlung verdienen. Deu-se isto em 1835. Hoje sabemos Das war im Jahre 1835. Heute wissen que na maior parte dos crustaceos existe wir, dass bei dem grössten Teile der uma metamorphose, as vezes complica- Crustaceen eine zuweilen sehr verwickelte dissima, e no tocante aos Decapodes Verwandlung besteht und, was die Kurz- Brachyuros ou siris a descoberta de schwänzer oder Krabben unter den Deca- Vaughan Thompson tem sido plena- poden betrifft, so ist die Entdeckung von mente confirmada por numerosos obser- Vaughan Thompson von zahlreichen Be- vadores em especies de todas as familias. obachtern bei Arten aus allen Familien vollkommen bestätigt worden. Longe de ser lei geral, como pen- Weit davon entfernt, dass das Fehlen sava Westwood, a ausencia de meta- der Verwandlung ein allgemeines Gesetz I) Arch. do Museu Nacional 1892. Bd. VIII. i) Arch. do Museu Nacional 1892. Bd. VIII. 125 — 133. Est. V, VI. S. 125—133. Taf. V, VI. 74* 1 172 Trichodactylus, siri de agua doce sem metamoqibose. morphose e pelo contrario entre os siris uma excep^äo rarissima. Todos os siris de mar, cujo desenvolvimento se con- hece, nascem näo como siris e sim como Zoeas, faltando-lhes ainda aquelles cinco pares de pernas, a que se refere o nome de Decapodes. A unica especie sem metamorphose era ate hoje o siri terrestre observado por Westvvood. Ora, em muitos casos näo so os animaes terrestres como tambem os ha- bitantes de agua doce perderam a meta- morphose, que se observa nos seus pa- rentes marinhos. Qual seria, pois, o desenvolvimento dos siris de agua doce? Debalde pro- curei por muitos annos a resposta a esta interessante pergunta, ate que ha pouco tive a satisfa^äo de obter de um ribei- rinho affluente do Rio Itajahy, uma fe- mea de siri (do genero Trichodactylus) carregada de ovos. Logo a primeira vista o volume insolito dos ovos mos- trou que os filhinhos deviam desenvolver- se dentro dos ovos muito alem do estado de Zoea, e com effeito, quando no fim de algumas semanas nasceram, elles se mostraram täo semelhantes a seus paes, que ate exhibiam quasi todos os caracteres distinctivos do genero a que pertencem; elles nascem näo so como siris, mas ate como verdadeiros Tricho- dactylus, como se vera da comparaQäo, a que vou proceder, dos filhinhos re- cemnascidos com os animaes adultos. Sinto näo poder indicar o nome da especie a que se referem as minhas ob- servagöes. Parece haver por aqui duas especies distinctas de Trichodactylus, das quaes uma vive nos ribeirinhos me- nores e a outra no Rio Itajahy e seus affluentes maiores. Esta tem os bordos ist, wie Westwood dachte, ist es im Gegenteilbei den Krabben einesehr seltene Ausnahme. Alle Meereskrabben, deren Entwicklung man kennt, werden nicht als Krabben, sondern vielmehr als Zoeas geboren, denn es fehlen ihnen noch jene fünf Beinpaare, auf welche sich der Name Decapoden bezieht. Die einzige Art ohne Verwandlung war bis heute die von Westvvood be- obachtete Landkrabbe. Nun verloren in vielen FäUen nicht nur die Landtiere, sondern auch die Be- wohner des süssen Wassers die Ver- wandlung, welche man bei ihren Ver- wandten des Meeres beobachtet. Wie würde nun die Entwicklung der Süsswasserkrabben sein ? Vergebens habe ich viele Jahre die Antwort auf diese interessante Frage gesucht, bis ich vor kurzem die Genugtuung hatte, ein mit Eiern beladencs Weibchen einer Krabbe (aus der Gattung Trichodactylus), aus einem Nebenflüsschen des Itajahy zu erlangen. Auf den ersten Blick zeigte der ungewöhnliche Umfang der Eier, dass die Jungen sich in den Eiern über den Zustand der Zoea hinaus entwickeln müssten, und in der Tat zeigten sie sich, als sie nach Verlauf einiger Wochen geboren wurden, ihren Eltern so ähnlich, dass sie fast alle Unterscheidungsmerk- male der Gattung, zu der sie gehörten, auf- wiesen ; sie werden nicht nur als Krabben geboren, sondern sogar als wirkliche Trichodactylus, wie man aus der Ver- gleichung der neugeborenen Jungen mit den erwachsenen Tieren ersehen wird, die ich folgen lasse. Ich bedaure, dass ich den Namen der Art, auf welche sich meine Beobachtun- gen beziehen, nicht angeben kann. Es scheint hier zwei verschiedene Arten von Trichodactylus zu geben, von denen die eine in den kleineren Bächen und die andere im Itajahy und seinen grösseren Trichodactylus, eine Süsswasserkrabbe ohne Verwandlung. 1173 lateraes do casco armados de dentes, ora muito agudos, ora mais ou menos embotados, sendo tambem armado de um dente agudo o bra^o do primeiro par de pernas; tanto este dente como OS do casco faltam ao siri dos ribeirinhos. A descrip(;;äo que Milne Edwards deu do Trichodactylus quadratus e muito resumida e incompleta para se decidir se e ou näo uma das nossas especies. A femea. cujos filhos examinei, foi, como ja disse, apanhada em um ribeirinho; ella trazia fixados aos appendices do abdomen cerca de 120 ovos, numero muito pequeno, quando comparado com OS milhares, que os siris do mar costu- mam produzir. No Carcinus maenas, que näo e muito maior do que o Tri- cJiodactylus, Van Beneden avaliou o numero dos ovos em duzentos mil ^). Os ovos sao amarellos, esphericos, e teem CQ'rca de 2'""' de diametro. Os filhos, ao nascer, teem 2™"\5 de compri- mento, sem contar o abdomen, que ja se acha escondido, como nos siris adul- tos, por baixo do cephalothorax. O casco (carapace) dos filhinhos (fig. i) ja tem quasi a mesma forma do animal adulto (fig. I Ä); differe: 1°, por ser a parte posterior um pouco mais larga do que a anterior, e por haver uma inflexäo do bordo lateral entre as regiöes hepatica (fig. I h) e branchial (fig. 1 br), e 2" pelas orbitas mais largas e menos fundas. A fronte ja tem embaixo (fig. 2), como nos adultos (fig. 2 Ä) um curto Zuflüssen lebt. Bei dieser sind die seit- lichen Ränder des Rückenschildes mit Zähnen bewehrt, die bald spitz, bald mehr oder weniger abgestumpft sind, ebenso ist der Arm des ersten Bein- paares mit einem spitzen Zahn aus- gerüstet; sowohl dieser Zahn, als auch die des Rückenschildes fehlen der Krabbe der kleinen Bäche. Die Beschreibung, welche Milne Ed- wards von Trichodactylus quadratus gab, ist zu kurz und unvollständig, um ent- scheiden zu können, ob es eine unserer Arten ist. Das Weibchen, dessen Junge ich untersuchte, war, wie schon erwähnt, in einem Bächlein gefangen ; es trug an- geheftet an den Anhängen des Hinter- leibes etwa 120 Eier, eine sehr kleine Zahl, wenn man sie mit den Tausenden vergleicht, welche die Meereskrabben zu erzeugen pflegen. Bei Carcinus maenas, welcher nicht viel grösser als Tricho- dactylus ist, schätzte Van Beneden die Zahl der Eier auf 200 000 ^). Die Eier sind gelb, kugelförmig und haben etwa 2 mm Durchmesser. Die Jungen haben beim Ausschlüpfen eine Länge von 2,5 mm, ohne den Hinterleib welcher schon wie bei den erwachse- nen Krabben unter dem Cephalothorax versteckt ist. Das Rückenschild (Cara- pace) der Jungen (Fig. i) hat schon fast die Form des erwachsenen Tieres (Fig. i Ä)\ es weicht ab : erstens dadurch dass der hintere Teil ein wenig breiter als der vordere ist; eine seitliche Ein- buchtimg des Randes findet sich zwischen der Leber- und Kiemenregion (Fig. I h u. br), und zweitens durch die breiteren und weniger tiefen Augen- höhlen. Die Stirn hat unten schon (Fig. 2), wie bei den Erwachsenen (Fig. 2 Ä), i) van Beneden, Recherches sur la faune litto- rale de Belgique. Crustaces, 1861, p. 134. i) van Beneden, Recherches sur la faune litto- rale de Belgique. Crustaces, 1861, S. 134. II74 Trichodactylus, siri de agua doce sem metamorphose. processo chanfrado no meio, e nessa chanfradura applica-se um processo tri- anofular, nascido do bordo anterior do epistoma, ficando pela uniäo dos dous processos separadas uma da outra as duas cavidades ou fossas, em que se recolhem as antennas anteriores (fossettes antennaires). Nos siris do mar, que nas- cem como Zoeas, essa uniäo do epistoma com a fronte so se effectua, segundo Milne Edwards, algum tempo depois de terem eil es revestido a forma de siris (Cette disposition n'existe pas encore aux premieres epoques de sa vie.) ^) Note-se que Milne Edwards pensava, que OS siris como taes nascessem e que por isso estas palavras näo se referem aos estados larvaes de Zoea e de Mega- lopa. Os olhos säo relativamente fitaiores nos filhinhos (fig. i, fig. 2) e por isso näo se podem recolher nas orbitas ainda pouco fundas. Como nos animaes adultos, o bordo anterior do epistoma esta quasi na mesma linha transversal com o bordo inferior ou posterior das orbitas. As antennas anteriores, que nas Zoeas de outros siris constam apenas de uma unica pega cylindrica, fina, munida no extremo de dous ou tres filetes olfactivos, ja mostram nos filhinhos do Trichodactylus (fig. 4, /) a composi- 9äo usual dos siris adultos; distingue- se o enorme articulo basilar, occupando quasi toda a fossa respectiva c encer- rando os orgäos da audigäo; do lado interno deste articulo basilar se eleva um pedunculo biarticulado, em cujo einen kurzen, in der Mitte ausgeschweif- ten Vorsprung und in diesen Ausschnitt legt sich ein dreieckiger Fortsatz, der dem vorderen Rande des Mundschildes entspringt. Es bleiben so durch die Vereinigung der zwei Fortsätze die Höhlungen oder Gruben voneinander getrennt, in welche sich die vorderen Fühler zurückziehen (fossettes anten- naires). Bei den Meereskrabben, die als Zoeas zur Welt kommen, findet nach Milne Edwards diese Vereinigung des Mundschildes mit der Stirn erst statt, nachdem sie die Form der Krabbe ange- nommen haben (Cette disposition n'existe pas encore aux premieres epoques de sa vie.) ^) Man beachte, dass Milne Edwards glaubte, die Krabben würden als solche geboren und deswegen beziehen sich diese Worte nicht auf die Larvenzustände von Zoea und Megalopa. Die Augen sind bei den Jungen ver- hältnismässig grösser (Fig. i, Fig. 2) und deshalb können sie sich nicht in die noch wenig tiefen Augenhöhlen zurück- ziehen. Wie bei den erwachsenen Tieren liegt der vordere Rand des Mundschildes beinahe in derselben Querlinie mit dem unteren oder hinteren Rande der Augen- höhlen. Die vorderen Fühler, welche bei den Zoeas der anderen Krabben nur aus einem einzigen zylindrischen, dünnen und am Ende mit 2 oder 3 Riechfäden ver- sehenem Stück bestehen, zeigen bei den Jungen des Trichodactylus (Fig. 4 /) schon die gewöhnliche Zusammensetzung der ausgewachsenen Krabben, man unter- scheidet das übergrosse Basalglied, wel- ches fast die ganze entsprechende Grube ein nimmt und die Gehörorgane einschliesst; von der inneren Seite dieses Basalglicdes I) Milne Edwards, Hist. nat. des Crustaces. T. I. 1834. p. 259. i) Milne Edwards, Hist. nat. des Crustaces. T. I. 1834. T. 259. Trichodactylus, eine Süsswasserkrabbe ohne Verwandlung. "75 extremo se inserem dous ramos cur- tos, ambos biarticulados ; o ramo ex- terne e mais comprido e muito mais grosso do que o interno ^) ; cada um dos seus dous articulos e munido de tres filetes olfactivos (fig. 4, /). No animal adulto (fig. 4, A) os dous arti- culos, que precedem os ramos terminaes, se teem tornado mais finos; o ramo in- terno pouco mudou, tendo so adquirido mais alg'uns articulos; o ramo externo pelo contrario tomou dimensöes muito mais consideraveis, compondo-se de mais de uma duzia de articulos curtos, dos quaes os primeiros säo muito grossos; sendo cada articulo, excepto os Ultimos, provido de numerosos filetes olfactivos. As antennas posteriores compoem- se nos filJnnhos (fig. 4, //) de nove ar- ticulos, cuja largura diminue successi- vamente. No animal adulto (fig. 4, B) todos OS articulos destas antennas se conservam moveis, como säo nos recem- nascidos, sendo comtudo muito limitada a mobilictade dos dous primeiros. Os quatro articulos basilares se tornaram muito mais grossos em relagäo aos ter- minaes, cujo numero augmentou; o se- gundo articulo^), alem de se ter alar- gado muito, tem o seu angailo externo prolongado em um curto processo arre- dondado. As mandibitlas dos fillios (fig. 5) ja possuem o palpo tri-articulado dos adul- tos (fig. 5, A) que, como se sabe, falta erhebt sich ein zweigliedriger Stiel, an dessen Ende zwei kurze, je zweigliedrige Aeste stehen; der äussere Ast ist länger und viel dicker als der innere ^). Jedes seiner beiden Glieder ist mit drei Riechfäden (Fig. 4 /) versehen. Bei dem erwachsenen Tiere (Fig. ä^A) sind die zwei Glieder, welche den End- ästen vorhergehen, dünner geworden; der innere Ast ändert sich wenig und hat nur einige Glieder mehr erlangt; der äussere Ast dagegen nimmt viel beträchtlichere Ausdehnung an, er setzt sich aus mehr als einem Dutzend kurzer Glieder zusammen, von denen die ersten sehr dick sind; dabei ist jedes Glied mit Ausnahme der letzten mit zahlreichen Riechfäden versehen. Die hinteren Fühler setzen sich bei den Jungen (Fig. 4 //) aus neun Gliedern zusammen, deren Breite nach und nach abnimmt. Bei dem erwachsenen Tiere (Fig. 4 B) erhalten sich alle Glieder dieser Fühler beweglich, wie sie es bei den Neugeborenen sind, doch ist die Be- weglichkeit der beiden ersten ziemlich beschränkt. Die vier Basalglieder sind viel dicker geworden im Verhälnis zu den Endgliedern, deren Zahl sich ver- mehrt hat; das zweite Glied 2) hat sich sehr verbreitert und seine äussere Ecke in einen abgerundeten Vorsprung ver- längert. Die Mandibeln der Jutigen (Fig. 5) besitzen schon den dreigliederigen Taster der Erwachsenen (Fig. 5 A), welcher 1 ) Na fig. 4 a posi9äo dos dous ramos apparece invertida por se acharem parcialmente recolhidas as antennas. 2) Na historia natural